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Von der sehnsüchtigen Erwartung

Predigt zu Römer 8,18-25 zum Ende des Kirchenjahres

von Nina Ciesielski, Hannover

Gnade sei mit euch
und Friede von dem der da war, der ist und der kommen wird.
Amen.

Waren Sie schon einmal in der Uraufführung eines Theaterstückes? Bevor das Stück anfängt, herrscht eine ganz besondere Stimmung: eine prickelnde Mischung aus Vorfreude und Spannung.
Nach der vielversprechenden Ankündigung im Spielplan konnten Sie es kaum erwarten, dass der Vorverkauf endlich beginnt.
Am Abend der Aufführung dann, im Foyer, wird die Vorfreude auch sichtbar: Alle haben sich herausgeputzt für diesen besonderen Anlass, auf den Sie schon lange gewartet haben. Sie begrüßen Bekannte, bringen Ihren Mantel zur Garderobe, trinken einen Sekt und tauschen sich über die Erwartungen an Stück und Mitwirkende aus. Sie haben schon eine Ahnung, ob es ein komisches Stück sein wird oder ein tragisches; Sie kennen das letzte Stück der Autorin und auch frühere Inszenierungen des Regisseurs. Sie haben das Programmheft zumindest durchgeblättert und haben diesen oder jenen Schauspieler schon einmal in einer anderen Rolle erlebt.

Aber dieses Stück kennen Sie noch nicht.

Dann ertönt der Gong: noch wenige Minuten bis zum Vorhang. Sie begeben sich in den Zuschauerraum, nehmen Ihren Platz ein. Als das Licht gedimmt wird, verstummen die Gespräche. Die Vorfreude ist im Saal spürbar. Die Luft scheint sogar leicht zu vibrieren. Alle warten gespannt darauf, dass endlich der Vorhang aufgezogen wird.

Und dieser eine, erwartungsvolle Moment, bevor der Vorhang aufgezogen wird, scheint sich zu einer Ewigkeit auszuweiten.
Im Predigttext für heute beschreibt Paulus ein ähnliches Gefühl.
Ich lese ihn in einer neuen Übersetzung des Römerbriefes:

Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit in keinem Verhältnis stehen zu der Herrlichkeit, die im Begriff steht, für uns aufgedeckt zu werden. 19 Denn die sehnsüchtige Erwartung der Schöpfung erwartet die Aufdeckung der Söhne Gottes. 20 Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen worden, nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aufgrund von Hoffnung, 21 denn auch die Schöpfung selbst wird befreit werden von der Sklaverei der Vergänglichkeit zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung mit seufzt und gemeinsam in den Wehen liegt bis jetzt; 23 aber nicht allein, sondern auch wir selbst, die die Erstlingsgabe des Geistes haben, seufzen bei uns, weil wir die Annahme als Kinder erwarten, die Befreiung unseres Körpers. 24 Denn in Hoffnung sind wir gerettet, denn Hoffnung, die man sieht, ist keine Hoffnung; wer hofft denn, was er sieht? 25 Wenn wir aber hoffen, was wir nicht sehen, harren wir geduldig aus.

Paulus beschreibt diese Situation des Wartens sehr eindrücklich:

Er spricht von der sehnsüchtigen Erwartung. Und so eine sehnsüchtige Erwartung richtet sich ja nicht auf irgendeine Kleinigkeit, sondern auf das ganz große, lang herbeigesehnte Ereignis.
Darauf nämlich, dass Gott endlich ernst macht mit seinen Ankündigungen, seine Herrschaft antritt und seine Herrlichkeit offenbart.
Ja, das ist wahrlich keine Kleinigkeit, um die es hier geht: das Offenbarwerden der Herrlichkeit Gottes.
„Offenbaren“ ist das Wort, das Luther für das griechische Wort ἀποκαλύπτω verwendet und es hat in unserem biblischen Wortschatz einen festen Platz. Wörtlich bedeutet es jedoch „aufdecken“.
Die Herrlichkeit Gottes, schreibt Paulus also, ist jetzt noch verhüllt, verdeckt, wie hinter einem Vorhang verborgen, aber das wird nicht so bleiben, sondern einmal wird sie enthüllt werden. Sie ist dann nicht mehr unsichtbar, sondern sie wird aufgedeckt werden und sichtbar sein.
Aber was ist es, das hier sichtbar gemacht wird? Was wird da so gespannt und sehnsüchtig erwartet?
Paulus nennt es die Befreiung unserer Körper, und zwar die Befreiung von der Sklaverei der Vergänglichkeit.
Die gesamte Schöpfung, und damit auch wir, sind der Vergänglichkeit unterworfen. Und das bedeutet nicht nur, dass Lebensmittel verderben und Blumen verblühen, sondern Vergänglichkeit – das bedeutet alles Schreckliche in unserem irdischen Leben; alles Leiden, das Menschen erdulden oder unter dem sie sogar zerbrechen können.
Vergänglichkeit bedeutet alle Schmerzen, die Menschen spüren; körperliche und seelische; von kurzer Dauer oder welche, die sich durch das ganze Leben ziehen, mit der Zeit vielleicht sogar noch schlimmer werden, bis sie nicht mehr auszuhalten sind.
Vergänglichkeit bedeutet alle Angst, die Menschen lähmt:

Angst, den Ansprüchen nicht gerecht zu werden, die an einen gestellt werden;
Angst, dass die politische Lage eskaliert und sämtliche Sicherheiten wegfallen;
Angst davor, von geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen;
sogar Angst davor, jemanden zu lieben, weil auch dieser Mensch einem wieder entrissen werden könnte.

Vergänglichkeit bedeutet all das, was Paulus die Leiden der jetzigen Zeit nennt. Darunter litten ja nicht nur die Menschen zur Zeit von Paulus, sondern dieses Leiden an der Vergänglichkeit zieht sich durch alle Zeiten der Menschheitsgeschichte bis heute. Es sind auch die Leiden der jetzigen Zeit.
Das ist es also, was Gottes Herrlichkeit jetzt noch verdeckt. Was jetzt noch verhindert, dass wir die Herrlichkeit sehen können, ist die Vergänglichkeit.
Ich stelle es mir vor wie einen Vorhang, gewebt aus Vergänglichkeit, gewebt aus Leiden, aus Schmerzen und Angst und Tod.

Dieser Vorhang der Vergänglichkeit verdeckt jetzt noch Gottes Herrlichkeit. Und Paulus schreibt, die Menschen – und sogar die ganze Schöpfung mit ihnen – warten sehnlichst darauf, dass endlich dieser Vorhang weggezogen und damit Gottes Herrlichkeit enthüllt wird und Gottes Herrschaft anbricht.
Wir warten darauf, dass wir von der Vergänglichkeit befreit sind, dass der Vorhang endlich aufgezogen wird und dann das große, letzte Stück beginnt: die Herrschaft Gottes.
Und das ist kein gewöhnliches Stück, das wir uns einfach nur anschauen, nein, wir werden selbst darin mitspielen. Es ist eine Inszenierung, in dem die Schauspielerinnen durch die Reihen gehen, Sie zum Mitmachen einladen, zum Mitwirken.
Wir werden selbst ein Teil des Stückes.
Und es ist solch ein wundervolles Stück – das all unsere Erwartungen übertrifft –, dass wir keine Scheu haben, sondern voller Freude mitspielen. Dann hat sich die Vor-Freude in Freude gewandelt.

Und was erwartet uns inhaltlich in diesem Stück? Denn ein Stück, in dem ich selbst mitspiele – da möchte ich doch ganz gern vorher wissen, worum es geht.
Paulus sagt an dieser Stelle des Römerbriefes nicht, wie dieses Stück aussehen wird, was er davon erwartet oder was wir davon zu erwarten haben. Aber trotzdem tappen wir nicht über seinen Inhalt im Dunkeln.
Wir spüren die Vorfreude, die prickelnde, gespannte Erwartung, bevor der Vorhang aufgezogen wird.
Und: wir kennen das Programmheft. Wir kennen das Programmheft, das Paulus hatte. Einen Teil davon haben wir vorhin als Lesung aus dem Buch Micha gehört:

Kein Volk wird wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des HERRN Zebaoth hat’s geredet. […] wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, immer und ewiglich! [Micha 4,3b-4.5b]

Welch eine großartige Ankündigung eines Stückes; ein Stück von einer Welt ohne Leid und Krieg,
ohne Schmerzen, ohne Angst, ohne Tod.
Ein Stück vom ewigen Frieden!
Nur dass es kein Theater ist, sondern Wirklichkeit. Eine neue Wirklichkeit, die uns versprochen ist.
Noch ist der Vorhang zugezogen. Noch sind wir in sehnsüchtiger Erwartung, haben nur das Programmheft in unserer Hand – und die Vorfreude! Denn die Vorfreude beginnt ja schon lange vor dem Stück, schon bei seiner ersten Ankündigung, zieht sich dann durch alle Vorbereitungen und steigert sich immer weiter bis zu dem Moment, in dem der Vorhang aufgezogen wird.

Dann, wenn der Vorhang aufgezogen ist, wenn sich Vorfreude in unendliche Freude gewandelt hat, weil das Stück noch viel wundervoller ist als erwartet, wenn Gottes Herrlichkeit aufgedeckt ist, dann ist die Welt – dann sind wir von der Vergänglichkeit erlöst.
Das heißt: nie wieder Schmerzen spüren, nie wieder Angst haben, nie wieder Abschied nehmen müssen.
Das heißt: Frieden.
Frieden in Gottes Ewigkeit und eine Ewigkeit in Gottes Frieden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
der bewahre schon jetzt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fürbitten

im Anschluss an die Predigt zu Römer 8:

Ewiger Gott,
wir danken dir für die Vorfreude, die du uns schenkst,
für die Erwartung, dass endlich all das weggezogen wird,
was uns noch von dir und deinem Frieden trennt,
für die Sehnsucht nach deiner Herrlichkeit, auf die wir jetzt schon hoffen.

Wir bitten dich für die, deren Weg mit dir grade erst beginnt.
Für alle Neugetauften, besonders aber für [     ]:
Lass die Vorfreude groß sein bei ihnen, lass sie gespannt sein auf das Leben mit dir.
Wir bitten dich für die, die ihren gemeinsamen Lebensweg mit dir gehen wollen.
Für alle Brautpaare, besonders aber für [     ]: Lass sie einander ohne Angst lieben.
Wir bitten dich für alle, die von einem geliebten Menschen Abschied nehmen mussten,
besonders für die Angehörigen von [     ]:

Lass den Schmerz sie nicht besiegen,
sondern tröste sie mit der Hoffnung auf deine Herrlichkeit,
in der es keinen Schmerz mehr geben wird.
Wir bitten dich für die Verstorbenen:
Nimm sie auf in dein Reich, in dem sie endlich das sehen können, was ihnen bisher unsichtbar war. Für sie ist der Vorhang aufgezogen.

Wir bitten dich für uns:
Lass uns die prickelnde Vorfreude nicht verlernen,
lass uns nicht aufhören, nach deinem Frieden zu streben, damit wir deine Kinder heißen.
Und alles, was uns sonst auf der Seele brennt,
legen wir in das Gebet, in dem wir, deine Kinder, dich unseren Vater nennen: ...

Pastorin Nina Ciesielski, 2016

 

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