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2. Advent: Komm, Jesu, komm

Predigt zu Jakobus 5,7-8

Foto: Andreas Olbrich, Reigoldswil

von Gudrun Kuhn, √Ąltestenpredigerin

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. 

So seid nun geduldig, liebe Schwestern und Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn.

So steht es im Predigttext für den heutigen 2. Advent.

Hand aufs Herz, liebe Gemeinde, haben Sie noch Geduld?
Erwarten Sie eine bessere Zukunft?
Wie oft haben die Älteren von uns diese Worte schon gehört und gelesen. Seid geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Alle Jahre wieder diese Verheißungen.
Haben Sie noch Geduld?

Welche guten Aussichten sollen das denn sein? Wie soll man auf die Zukunft hoffen in einer Gegenwart, in der die Errungenschaften der Vergangenheit immer mehr in sich zusam­men­stür­zen?
Soziale Marktwirtschaft – nein: Zweiklassengesellschaft von ganz vielen Geringverdienern und ganz wenigen Superreichen.
Chancen für viele Bildungswillige – nein: freches Auftrumpfen der Uninformierten und sprachlich Verrohten.
Ende des Kalten Krieges – nein: neue Fronten und islamistischer und rechtsradikaler Terror.
Ein breiter Konsens für Toleranz – nein: massive Diskriminierungen.
Ein Europa der gemeinsamen Menschenrechte – nein: egoistische und ausgrenzende Nationalismen.
Respekt gegenüber Kirchen und humanitären Gemeinschaften – nein: Morddrohungen gegen einen verfassungstreuen Erzbischof und Hasstiraden gegen einen Bun­des­prä­si­den­ten.
Vertrauen zu einer vernünftigen und humanen Verfassung – nein: Abgleiten in Populismus und Totalitarismus.
Auf welche Zukunft sollen wir hoffen, wenn wir nicht einmal die Werte der Vergangenheit bewahren und lebendig halten können?

Haben Sie noch Geduld?
Oder möchten Sie lieber Goethes Faust Recht geben:
Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allen der Geduld!

7So seid nun geduldig, liebe Schwestern und Brüder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und ist geduldig darüber, bis er empfange den Morgenregen und Abendregen.

 8Seid auch ihr geduldig und s­tärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Jakobus 5, 7-8

Ach, hier stimmt ja nicht einmal die Bildlichkeit. Geduldig warten auf die köstliche Frucht der Erde nach Morgen- und Abendregen? Ist das eine Perspektive für die Menschen in Afrikas Dürregebieten? Oder für die Opfer von Erdbeben und Überschwemmungen?

Sie meinen vielleicht, ich sollte nicht auf die konkreten politischen und gesellschaftlichen Ver­hält­nisse blicken. Hier in der Kirche geht es doch um Anderes und Größeres, um Glau­bens­sät­ze. Das Kommen des Herrn – die Wiederkunft Christi. Auf sie sollen wir geduldig warten.

Und wie lange? 2000 Jahre sind ja nun schon vorbei. Und bereits zu Lebzeiten des Apostels Paulus wurden die Gläubigen ungeduldig. Großes Entsetzen herrschte in Thessaloniki, als die ersten Getauften starben, ohne das Erscheinen des Herrn erlebt zu haben. Paulus musste viel Argumentationsgeschick beweisen, um das zu erklären. Und die Evangelisten und Gemeindevorsteher 40 Jahre später noch viel mehr.

Und doch kam der Satz ins Glau­bens­be­kennt­nis: Von dort – vom Himmel – wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten. Vielen Christinnen und Christen geht dieser Satz leichter von den Lippen als in den Kopf oder gar ins Herz, auch wenn wir die künstlerischen Dar­stellungen des Endgerichts mit Christus auf dem Richterstuhl vielfältig im Museum oder an den Kirchenportalen be­wundern.

Die Wiederkunft Christi … Ihr Ausbleiben hat also schon den frühen Christen viel Kopfzerbrechen bereitet. Welche Lösung bieten sie uns – außer dem Appell zur Geduld?

Im Grunde tun sie das Gleiche wie ich: Sie listen die Zustände der Welt auf, die zum Verzweifeln sind und an denen sie irre zu werden drohen. Statt der Aufrichtung der Got­tes­herr­schaft von Liebe und Frieden, die sie mit Jesus Christus erhoffen, erleben sie, dass alles nach seinem Tod noch viel schrecklicher geworden ist:

  • sie erleben die endgültige Unterwerfung durch die Römer
  • sie erdulden die Zerstörung des Tempels
  • sie erleiden Diskriminierung und Verfolgung
  • sie erfahren Uneinigkeit und Streit untereinander.

Kein Himmelreich kommt da nahe herbei.  ER ist nicht mehr mitten unter ihnen.

Und in dieser Situation erinnern sich die Zeugen Jesu daran, dass er auf seinem Gang nach Jerusalem voller Ernst von seinem bevorstehenden Tod gesprochen hatte, den er voraussah und auf sich nahm. Um der Wahrheit seiner Botschaft willen. Um der Menschen willen. Aber keiner hatte das wahrhaben wollen. Alle hatten sie auf die baldige Vollendung des Got­tesreiches auf Erden gehofft. Damals schon. Jetzt aber erleben sie endgültig, dass sich nichts geändert hat. Ganz im Gegenteil.

Für Jesu jüdische Freundinnen und Freunde war das schwer auszuhalten. Hatten sie doch in der Bibel gelesen, dass Gott die Geschicke der Welt lenkt. Nichts konnte ohne sein Wissen und Wollen geschehen. Diese religiöse Idee musste gerettet werden. Und so interpretierten sie die Worte Jesu neu und deuteten sie als Endzeitprophezeiung.

Bei Matthäus klingt das so:

4 Jesus (aber antwortete und) sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe.

5 Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.

6 Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da.

7 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort.

8 Das alles aber ist der Anfang der Wehen.

9 Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern.

10 Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen.

11 Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen.

12 Und weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.

13 Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.

14 Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Ja, so konnten sie das Ausbleiben des Herrn ertragen! Ja, so konnten sie an seine Wie­der­kunft in ferner Zukunft glauben. Ja, diese verheerenden Zustände auf der Welt lagen durch­aus in Gottes herrscherlichen Händen. Ja – so versicherten sie sich gegenseitig: Das muss so geschehen. Das sind die Geburtswehen, aus denen das Neue entstehen wird.

Ich verstehe die frühen Christen. Ich kann nachvollziehen, aus welchen traditionellen Wur­zeln sie diese Sichtweise entwickelten. Aber ich bin ganz fest überzeugt, dass das nicht un­se­re Sichtweise mehr sein kann und darf. Wer glaubt, aus der Geschichte und ihren Schreck­lichkeiten das Wirken Gottes herauslesen zu können, der ist letztlich nicht davor ge­feit, den Namen Gottes zu missbrauchen. Wie der katholische Priester aus Italien, der ver­kün­dete, dass die Erdbeben eine Strafe Gottes für die staatlichen Gesetze zur Homo-Ehe sei­en. Der Vatikan hat ein solches Denken unmissverständlich als falsch und naiv zu­rück­ge­wie­­sen. Und jenem verstörten syrischen Jungen, der auf den Ruinen seines Hauses stand, un­ter denen seine Geschwister begraben lagen, und der unter Tränen sagte: Allah hat es so ge­wollt, dem müssen wir zurufen: Nein, das ist nicht der Wille Gottes, sondern die Folge einer falschen menschenfeindlichen Politik.

Von so einem Gottesbild, mit dem wir dem Unheil in der Geschichte einen religiösen Sinn un­terlegen wollen, müssen wir uns verabschieden. Niemals dürfen wir uns abfinden mit der un­erlösten Welt. Und niemals dürfen wir – im Vertrauen auf ein Himmelreich im Jenseits – un­sere eigene Seligkeit für wichtiger halten als das Wohlergehen oder Unglück der Men­schen um uns.

Und ebenso wenig dürfen wir die Leiden der Gegenwart als notwendige Geburtswehen einer bes­seren Zukunft deuten. Wer einem solchen Geschichtsbild anhängt, schreckt vor Gewalt nicht zurück. Die Idee ist ja auch nicht christlich im eigentlichen Sinn, sondern ein politischer Vor­wand. Das lernen wir aus der Französischen Revolution und der Schreckensherrschaft der Jakobiner: wenn erst alle Aristokraten getötet sind, blüht die bürgerliche Gesellschaft auf. Oder aus den kommunistischen Ideologien: für das Endziel der klassenlosen Ge­sell­schaft müssen eben Opfer gebracht werden. Und ganz aktuell ist es die missbrauchte Religion der IS-Kämpfer, die auf Geburtswehen setzt: Nach der Ausrottung aller Ungläubigen wird von Rakka aus das Friedensreich des wahren Islam sich ausbreiten. Gut, wir Christen haben uns inzwischen von missionarischer Gewalt distanziert. Und viele Christinnen und Christen auf der Welt leiden unter Verfolgung. Aber auch das dürfen wir nicht als Baustein in Gottes Weltenplan deuten.

Nein, die Vision einer apokalyptischen Schreckenszeit vor der Wiederkunft des Herrn müssen wir zurückweisen. Schließlich hat sie sich ja auch nicht verwirklicht. Haben sie den letzten Satz noch im Ohr?

Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Diese Prognose ist nicht aufgegangen. Es gibt keinen Winkel der Welt mehr, wo das Christentum unbekannt wäre, wo das Evangelium nicht verkündigt wurde. Aber es sind nicht alle Völker zu Jüngern gemacht worden, nicht mit Waffengewalt und nicht mit Nächstenliebe.

Und immer noch warten wir … Ach, wenn es um den Glauben an die Wiederkunft des Herrn geht, ist uns die Schrift keine Hilfe. Da müssen wir schon unseren eigenen Kopf anstrengen und unser Herz befragen.

Mir hilft dabei die Tradition der alten Glaubensbekenntnisse. Sie kennen – griechisch wie lateinisch – eine besondere Sprachform für die Zukunft. Christus venturus / adventurus est,  Das ist schwer ins Deutsche zu übertragen, denn es ist ein Ausdruck, in dem Sein und Werden zusammenfallen: Christus ist der in Zukunft Kommende. Das „ewige Leben“, es ist im Kommen, die Zukunft hat bereits begonnen, der kom­men­de Herr ist immer auch schon der anwesende.

Mir gefällt diese Perspektive sehr gut, weil sie unseren modernen naturwissenschaftlichen Zeit­modellen mit Lichtjahren und Gravitationswellen besser entspricht als die antiken und mittelalterlichen Vorstellungen. Unser Wissen ist anders als zu Zeiten der Evangelisten. Darum ist es auch kein Verrat an der Schrift, wenn wir uns von ihren Weltbildern lösen. Raum und Zeit funktionieren nicht wie ein Lineal oder ein Wecker. Und der Himmel ist kein Ort, zu dem man in den Wolken hinauf-  und hi­nun­ter­fah­ren kann.

Die Zeit ist da und weg zugleich – und Gott nicht an ihrem Ende, sondern mit­ten in ihr. Und wenn wir an den auferstandenen Herrn glauben, können wir ihm keinen festen Platz zuweisen, an dem er thront. Jesus Christus, er ist gestern und heute und derselbe in Ewigkeit. Und mitten unter denen, die in seinem Namen versammelt sind und nach seinen Weisungen leben.

Das Kommen des Herrn, es ereignet sich an Orten und in Augenblicken, die von der Ewig­keit erfüllt sind: überall da, wo Gottes Reich, seine ganz andere Königsherrschaft, geglaubt und erstrebt wird, wo sie im Tun des Gerechten aufleuchtet: wo Frieden alternativlos ist, wo Trä­nen getrocknet werden, wo Mauern zwischen Menschen fallen, wo Hungernde satt wer­den und wo die Liebe konkret wird.

Das alles ist gefährdet und bedroht, wird missachtet und kleingeredet, scheint unerreichbar. Ja, wir brauchen Geduld. Aber geduldig sein bedeutet nicht, tatenlos zuzuschauen. Geduldig sein bedeutet, un­­ter­schei­den zu lernen, was wir in christlicher Verantwortung gestalten können und was nicht oder noch nicht zu verwirklichen ist.

Wir bleiben auf der Suche und im Wartestand. Wir erfahren Gott sehr oft als ferne, so als ob er die Welt sich gänzlich selbst überlassen hätte. Aber wir halten das aus, ohne Gott unsere eigenen Vor­stellungen von der Weltgeschichte anzudichten. Wir wissen nichts über den Sinn des Uni­versums. Wir haben nur das Zeugnis vom Gottvertrauen unserer Vorfahren. Sie er­mah­nen uns, dass die glücklich zu preisen sind, die bis ans Ende beharren. Bis ans Ende un­se­res Denkens, bis ans Ende unserer Möglichkeiten, bis ans Ende unseres Lebens.

Wir bleiben auf der Suche und im Wartestand.

Kurt Marti hat uns die Nie­de­run­gen und die Aussichtsplätze einer solchen Suche in seinem Jesus-Gedicht ein­drucks­voll vor Augen gestellt (Strophen 7-9):

Jesus

[…]

7
anstatt sich verstummt zu verziehen
ins bessere jenseits

[…]

Die hier nicht veröffentlichten Strophen sind nachzulesen unter:
http://www.umdenken.de/index,id,821,selid,5367,type,VAL_MEMO.html

AMEN

Ja, komm, Herr Jesus …

Gudrun Kuhn, Ältestenpredigerin, Advent 2016

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