Die Unentwegten

Nes Ammim - aus dem Alltag in einem nicht-alltäglichen Dorf in Israel. 49. Kapitel

Das Grab von Bruno Hussar in Neve Shalom/Wahat as-Salam; Foto: Avi1111 / dr. avishai teicher, WIKIPEDIA Commons

Besuch im Open House und bei Neve Shalom/Wahat as-Salam

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Inhalt Tagebuch

Tobias Kriener erzählt:

13.05.2017

Gestern haben wir zwei bereits seit langer Zeit bestehende Friedens- oder Verständigungsprojekte besucht: Das „Open House“ in Ramla – und abends dann seine Initiatorin Dalia Landau – sowie Neve Shalom/Wahat as-Salam.

Beim „Open House“ haben wir vormittags nur kurz reingeschaut: ein altes arabisches Haus am Rand der Altstadt von Ramla, in dem heute ein Kindergarten für arabische Kinder untergebracht ist, und in dem Begegnung, Dialog praktiziert wird.

Danach hatten wir ausführlich Zeit für einen Bummel durch Ramla, insbesondere seinen Suq (den orientalischen Markt); bei der Gelegenheit bin ich dann bei einem arabischen Friseur – der das Kunststück fertigbrachte, mit Handy unter dem Ohr die Schere zu schwingen – meine Matte los geworden, die mir bei den inzwischen herrschenden hochsommerlichen Temperaturen furchtbar lästig geworden war. Das Ergebnis ist gewöhnungsbedürftig – zumal er versuchte, die Haare gegen den Wirbel über meiner Stirn nach rechts zu bürsten. Nachdem ich heute Morgen sein Haarwachs rausgewaschen habe, fallen sie nun immerhin wieder natürlich.

Neve Shalom/Wahat as-Salam (deutsch: Oase des Friedens) wurde 1970 von einem katholischen Pater gegründet, der als Jude geboren worden war und sich später hatte taufen lassen: Bruno Hussar. Anliegen von NSWaS ist zu zeigen, dass Juden und Araber/Palästinenser zusammen leben können. Es geht – wenn auch natürlich nicht ohne Probleme – aber es geht.

Aufgenommen werden Bewohner strikt nach Proporz: gleich viele Juden wie Araber. NSWaS is ungefähr so groß wie Nes Ammim (die neue Siedlung): es gibt viel mehr Interessenten als aufgenommen werden können. Was einen natürlich wieder mal ins Nachdenken bringt: In Nes Ammim wäre vermutlich mehr „drin“ gewesen an „gemischter“ Siedlung. Allerdings hat sich NSWaS extrem viel Zeit genommen für die Auswahl der Bewohner und das Wachstum des Dorfes – bis sie ihre heutige Größe erreicht haben, das hat Jahrzehnte gebraucht. In Nes Ammim musste dagegen alles Hopplahopp gehen, weil der Konkurs abgewendet werden musste.

Es ist jedenfalls auch ein sehr schöne Flecken Erde – ganz besonders der Blick vom „Raum der Stille“ auf den gegenüberliegenden Hügel des Klosters Latrun mit seinen Weinfeldern und dahinter in die Küstenebene bis zur Skyline von Tel Aviv im Dunst.

Nach Jerusalem fuhren wir auf der malerischen Straße von Beit Shemesh hinauf nach Ein Kerem und verzehrten dann, weil wir noch ein bisschen Zeit hatten und einige Volos kurz vor dem Hungertod standen, beim „Miflezet“ (einer von Niki de Saint Phalle gestalteten Kinderrutsche) in Kirjat HaJovel (meiner alten Wirkungsstätte als Sühnezeichenfreiwillger) das von mir in Ramla auf dem Suq gekaufte Humus.

Dalia Landau war dann schon ein Erlebnis. Sie ist eine große Tierretterin, so dass ihre Wohnung voller Hunde und Katzen ist, die einem ständig auf den Schoß springen. Das ist nicht jedermanns Sache; aber wenn man eine Audienz bei ihr haben will, muss man das in Kauf nehmen.
Sie erzählt sehr lebendig – d.h. es ist mehr eine performance. Als Baby ist sie mit ihren Eltern aus Bulgarien gekommen, die dieses leerstehende Haus zugewiesen bekamen. Warum es leer stand, hat sie erst viel später erfahren, nämlich 1967, nach dem 6-Tage-Krieg, als eines Morgens drei Männer in dunklen Anzügen und Schlips vor der Tür standen und das Haus ansehen wollten, weil es das Haus ihrer Familie war bis 1948, als die arabischen Bewohner Ramlas vom israelischen Militär vertrieben wurden (Ben Gurion höchstpersönlich gab den Befehl, wie Jitzchak Rabin in seinen Erinnerungen berichtete.) Die Christen versteckten sich in den Kirchen und Klöstern, so blieb in Ramla auch nach dem Krieg eine christlich-arabische Bevölkerung zurück. Die verlassenen Häuser aber wurden den Neueinwanderern gegeben (die natürlich Miete zahlen mussten an den staatlichen „Treuhänder“ (Apotropus) – was mit diesem Geld passiert ist, wusste Dalia nicht zu sagen, die ursprünglichen Bewohner haben es jedenfalls nicht bekommen.).
Dalia jedenfalls ließ die 3 Cousins ein und hält seither den Kontakt mit ihnen. Einer von ihnen war später ein führender Kopf der PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine – eine der radikaleren Fraktionen der PLO) und in einen Bombenanschlag verwickelt und musste dafür eine langjährige Haftstrafe verbüßen. Dalia hat schließlich mit ihm vereinbart, nachdem sie aus Ramla weggezogen war nach Jerusalem und ihre Eltern gestorben waren, das Haus zur Förderung arabischer Kinder und als Begegnungszentrum zu nutzen. So entstand 1991 das „Open House“.

Zwei Friedens- oder Verständigungsprojekte also, die schon sehr lange existieren. Zwei Beispiele für die kleine Gruppe von Unentwegten, die nicht weitermachen, weil sie auf „Erfolg“ hoffen in dem Sinne, dass sich die politische Situation ändert. Unter diesem Gesichtspunkt sind sie – wie unser Gesprächspartner Howard in NSWaS bemerkte – „a complete failure“. Sie machen es – wenn ich sie richtig verstanden habe – aus Gewissensgründen. Howard möchte nicht, dass seine Kinder zu Rassisten werden; für Dalia war der erhellende Moment, als sie die drei Männer sah und ihr Ansinnen hörte – und sich in dem Augenblick in sie hineinversetzte: Was wäre, wenn ich vor dem Haus meiner Eltern stünde und darum bäte, es ansehen zu dürfen (was sie im Übrigen ein paar Jahre später in Bulgarien getan – und Einlass bekommen hat)? Sie handelte also aus Empathie heraus.

Das nötigt einem natürlich Respekt ab. Aber die Gesamtperspektive bleibt düster. Für Neve Shalom/Wahat as-Salam z.B. stellt sich das Problem, wo die Kinder wohnen werden. V.a. die Kinder der arabischen Familien haben ein großes Interesse, ihrerseits in NSWaS wohnen bleiben zu können, weil sie als Araber sonst kaum Aussicht auf Wohnungen oder Häuser haben (außer in arabischen Ortschaften). Aber Neve Shalom will keine Erbhöfe.

Wenn man das weiß, wird man natürlich umso trauriger, dass auch in den neuen Häusern in Nes Ammim kaum arabische Familien „landen“ konnten.
Inzwischen ist das neue Nes Ammim so jüdisch-israelisch (mit Tor und Zaun undundund), dass auch für die Zukunft keine grundlegende Änderung zu erwarten ist.

Aber selbst wenn Nes Ammim eine gemischte Siedlung wäre ähnlich Neve Shalom/Wahat as-Salam, wäre es halt ein 2. Tropfen auf den heißen Stein, mehr nicht.

Jetzt müsst Ihr aber nicht denken, es ginge uns schlecht: Es gibt ja reichlich schöne Momente hier: Gestern haben wir Katjas hübsches, blaues neues Fahrrad abgeholt bei Ran-o-Fun!

Außerdem haben wir uns der Zuneigung einer Hornisse zu erwehren, die am liebsten im Rolladenkasten vor Katjas Arbeitszimmer wohnen würde. Sie ist wunderschön – aber als direkte Nachbarin doch nicht ganz geheuer.
Und auf unserer Terrasse blüht der Kaktus – und im Hintergrund der Jakaranda-Baum und die Bougainvilla.
 


Dr. Tobias Kriener, Studienleiter in Nes Ammim, Mai 2017
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