Runter kommen alle

Mittwochs-Kolumne - Paul Oppenheim

Goto: Sylvain Plante/freeimages.com

Die englische Redewendung „What goes up must come down“ (Was aufsteigt, muss wieder herunterkommen) trifft auf Vieles im Leben zu. Beobachtet man die gegenwärtige Lage der deutschen Automobilindustrie, so scheint das Sprichwort den Niedergang Deutschlands als Industrienation anzukündigen.

Unter den europäischen Ländern stellt Deutschland als Wohlstandsoase die absolute Ausnahme dar. Die Krise, die nicht nur Griechenland oder Portugal, sondern auch Frankreich, Italien und Spanien seit Jahren plagt, hat Deutschland weitgehend verschont. Dafür gibt es einen guten Grund: Es ist das letzte Land, das sich eine nennenswerte industrielle Produktionskapazität erhalten konnte. In nicht geringem Maße bezieht sich dieses industrielle Potenzial auf die Herstellung von Kraftfahrzeugen. Der Begriff „Exportweltmeister“ ist unlöslich verbunden mit dem Mythos des „Made in Germany“, gerade wenn es sich um Autos handelt. 

In den USA, Großbritannien und den anderen ehemaligen Industrieländern schreitet seit Jahrzehnten die Deindustrialisierung voran. Dort bleiben höchstens noch Überreste der industriellen Ära übrig. Zu Recht trägt die wichtigste der ehemaligen Industrieregionen Amerikas heute den Spitznamen „Rust Belt“ (Rostgürtel). Neoliberalismus und Globalisierung führen zwangsläufig zur Verlagerung der industriellen Produktion in die Niedriglohn- und Schwellenländer. Industrielle Arbeitsplätze werden in Nordamerika und Europa immer mehr zu einer Rarität.

Das Debakel der deutschen Autohersteller, das mit der Aufdeckung des Dieselschwindels begann, kündigt nun das Ende des deutschen Ausnahmeerfolgs an. Nicht nur Donald Trump, dem deutsche Exportüberschüsse ein Dorn im Auge sind, sondern auch alle krisengeschüttelten europäischen Nachbarn können die Schadenfreude kaum verbergen. Auch wenn es der Ast ist, auf dem ganz Europa und wir selber sitzen, es wird kräftig an ihm gesägt.

Es tritt zu Tage, was niemanden erstaunen sollte, dass Deutschland sein Industrie- und Exportwunder auch mancher Kungelei zwischen Unternehmern und Politikern und dem Wohlwollen von Aufsichtsbehörden verdankt. Darüber mag man sich entrüsten, aber wer wollte auf den Wohlstand verzichten, der dadurch gesichert wurde?

Der inzwischen abgewählte französische Präsident François Hollande hatte 2012 ein Ministerium für die Wiederbelebung der industriellen Produktion eingerichtet. Es hat ihm und seinem Land wenig genützt. Ob Donald Trumps „Make America great again“ zum Erfolg führt, muss sich noch erweisen, denn „What goes up must come down“ , aber wenn es erst einmal unten ist, steigt es nicht unbedingt wieder auf.

Paul Oppenheim, Hannover, 9. August 2017

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