Begegnungen am Gottesberg

Predigt zu 2. Mose 17, 8 - 18, 7


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Am Gottesberg kämpft das Volk Israel gegen Amalek und Mose mit sich selbst. Ihre menschlichen Kämpfe müssen Israel und Mose selber kämpfen. Gott begleitet sie und eröffnet neue Sichtweisen.
Von Árpád Ferencz.

2. Mose 17,8 – 18,7: Da kam Amalek und kämpfte gegen Israel in Refidim. Da sprach Mose zu Josua: Erwähle uns Männer, zieh aus und kämpfe gegen Amalek. Morgen will ich oben auf dem Hügel stehen mit dem Stab Gottes in meiner Hand. Und Josua tat, wie Mose ihm sagte, und kämpfte gegen Amalek. Mose aber und Aaron und Hur gingen auf die Höhe des Hügels. Und wenn Mose seine Hand emporhielt, siegte Israel; wenn er aber seine Hand sinken ließ, siegte Amalek. Aber Mose wurden die Hände schwer; darum nahmen die beiden einen Stein und legten ihn hin, dass er sich draufsetzte. Aaron aber und Hur stützten ihm die Hände, auf jeder Seite einer. So blieben seine Hände erhoben, bis die Sonne unterging. Und Josua überwältigte Amalek und sein Volk durch des Schwertes Schärfe. Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe dies zum Gedächtnis in ein Buch und präge es Josua ein; denn ich will Amalek unter dem Himmel austilgen, dass man seiner nicht mehr gedenke. Und Mose baute einen Altar und nannte ihn: Der HERR mein Feldzeichen. Und er sprach: Die Hand an den Thron des HERRN! Der HERR führt Krieg gegen Amalek von Kind zu Kindeskind. Und Jitro, der Priester in Midian, Moses Schwiegervater, hörte alles, was Gott an Mose und seinem Volk Israel getan hatte, dass der HERR Israel aus Ägypten geführt hatte.  Da nahm er mit sich Zippora, die Frau des Mose, die er zurückgesandt hatte, samt ihren beiden Söhnen; von denen hieß einer Gerschom, denn Mose sprach: Ich bin ein Gast geworden in fremdem Lande, und der andere Elïser, denn er sprach: Der Gott meines Vaters ist meine Hilfe gewesen und hat mich errettet vor dem Schwert des Pharao. Als nun Jitro, Moses Schwiegervater, und seine Söhne und seine Frau zu ihm in die Wüste kamen, an den Berg Gottes, wo er sich gelagert hatte, ließ er Mose sagen: Ich, Jitro, dein Schwiegervater, bin zu dir gekommen und deine Frau und ihre beiden Söhne mit ihr. Da ging Mose hinaus ihm entgegen und neigte sich vor ihm und küsste ihn. Und als sie sich untereinander gegrüßt hatten, gingen sie in das Zelt.

Liebe Gemeinde,

Eine Geschichte, in der sich allerlei interessante Sachen ereignen. Eine Geschichte über Mose und sein Volk, das wieder einmal nicht gerade im allerbesten Licht erscheint. Eine Geschichte, in der es scheinbar um Völkermord geht, in der Menschen miteinander kämpfen und bekämpft werden, und dies alles im Namen Gottes des Allmächtigen. Und gleich danach eine andere Geschichte, in der eine Familie zusammenfindet. Diese beide Geschichten stehen in unserem heutigen Text nebeneinander und in einer verwirrenden Nähe zueinander. Nach der großen Schlacht, wo die Feinde vernichtet wurden, trifft sich die Familie und das Familienglück ist perfekt. Vergessen ist alles, was war, nun gilt Friede und Freude. Und die Hörerin/der Hörer fragt sich: und was ist mit der ganzen Schlacht, kann man einen Völkermord vergessen und dies gerade in der Bibel, deren Grundaussage die Liebe Gottes zu den Menschen ist?

Nun, so einfach, wie ich es eben beschrieben habe, ist die Geschichte offensichtlich nicht. In den Bergen, die in unserer Geschichte erwähnt werden, ereignet sich wirklich etwas, aber was? Und wie ist es zu deuten auf dem Hintergrund eines offensichtlichen Völkermordes, der durch das von Gott erwählte Volk begangen wurde und allem Anschein nach sogar noch mit Gottes Segen!

Nun, wir haben ja alle gehört, wie es angefangen hat. Das Volk Gottes geht auf seinem Weg zum Berg Gottes und während es unterwegs ist, wird es von Amalek angegriffen. Wer ist dieses Volk Amalek? Was spielt es für eine Rolle in der Geschichte? Wenn man nach biblischen Belegstellen sucht, fällt einem auf, dass das Volk Amalek ein ständiger Gegner Israels ist, bis letztlich König David es vernichtet. Die Amalekiter waren nach den biblischen Belegen ein Volk, das Esau als Stammvater hatte und von daher einen alten Hass gegen Israel. Es gibt nichts Schlimmeres als Geschwisterhass, und in diesem Fall hat man es mit einem schlimmen Geschwisterhass zu tun, der durch Jahrhunderte genährt worden ist. Mit einem Geschwisterhass, der sogar die allerheiligsten Regeln der Umwelt missachtet. Heilige Regeln missachten? Ja, gerade darum geht es im Falle von Amalek, das als einziges Volk von Gott zum Auslöschen verdammt ist.

Im alten Orient galten die Pilger als unantastbar. Wo auch immer sie sich befanden, sie waren unter dem Schutz der gültigen Normen. Einen Pilger greift man nicht an, weil er sich auf eine Begegnung mit Gott vorbereitet, sich um sein Inneres bemüht, in sich gekehrt ist und von daher nicht fähig, sich richtig zu wehren. Dasselbe galt für Suchende und Heimatlose. Die ungeschriebenen Gesetze des alten Orients haben sie geschützt. Die Völker, die einerseits vom Sieg Gottes über die Ägypter gehört und anderseits die Suchenden respektiert haben, haben die Israeliten nicht angegriffen. Und in dieser Situation ist nun Amalek aufgetaucht und greift diejenigen an, die nicht darauf vorbereitet sind. Ein äußerst heimtückischer Plan, unter Missachtung aller geltenden Normen geschmiedet und ausgeführt.

Dass es sich um keine einfache Sache handelt, zeigt uns auch der Urtext der Bibel, in dem die Handlung der Amalekiter nicht mit demselben Wort bezeichnet ist, mit dem alle anderen regulären Kriegeshandlungen im AT bezeichnet sind. Es ist kein regulärer Krieg! Es ist die Kriegshandlung von einem, der im Recht ist, und von einem, dessen Recht verletzt wird, bewusst verletzt und von daher umso schwieriger. Dies kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass im AT Amalek nur als eine Gefolgschaft bezeichnet wird. Amalek kennt keine Gesetze, von daher ist es kein Volk. Wenn man es so will, ist Amalek gewissermaßen der ständige Gegenpol Israels, von dem selbst nach dessen Vernichtung immer wieder negative Einflüsse auf Israel ausgehen. Amalek kennt keine Hemmungen, kennt keine Gesetze, kennt nur das Ziel der Zerstörung ...

Und gegen diese zerstörerische Macht steht Israel, das ja selbst auch noch kein Volk ist, sondern ein Suchendes auf Erden, eine Menschengruppe, die selbst von inneren Widersprüchen und Zweifeln geplagt ist. Wenn man die Geschichte im Zusammenhang des 2. Mosebuches liest, kann man dies sehr deutlich sehen. Das Volk weiß selber nicht, was es will. Und dieses Volk soll es nun mit dem kriegstüchtigen Amelek aufnehmen. Kann es das? Auffällig ist in der ganzen Geschichte, dass der Name Gottes nicht erwähnt wird, und auch über Gottes direktes Handel lesen wir kein Wort. Nur am Ende taucht Gott auf und erklärt die ewige Vernichtung und den ewigen Krieg gegen Amalek.

Wir haben aber Mose, der am Anfang des Kampfes auf einen Berg steigt, um von dort oben den ganzen Kampf zu beobachten und vielleicht für Israel zu beten? Mose braucht diesen Perspektivenwechsel. Vom Berg kann er die ganze Kampfszene aus einer anderen Perspektive sehen. Er ist näher bei Gott, aber gleichzeitig hat er auch eine größere Perspektive vor sich. Er sieht die Sachen anders als von unten. Betet er? Ich weiß es nicht. Man könnte seine Geste als Gebetsgeste deuten, wenn die Sprachwissenschaft uns nicht anders belehren würde. Nämlich: dass die Bezeichnung der Haltung des Mose im Hebräischen nie als Gebetsgeste verstanden worden ist.

Was tut er dann dort auf dem Berg? Ich glaube, dass Moses eigentlich mit Gott hadert. Der Gottesstab, den er aufhebt, ist ein Zeichen und eine Frage an Gott. Bin ich noch dein Gesandter, Herr? Was willst Du mit mir, mit uns? Was sollen wir tun? Was hast Du vor?

Ja, Mose redet mit Gott, aber keineswegs in der gewohnten demütigen Haltung. Indem er das Geschehen zu seinen Füßen beobachtet, kämpfen in seiner Seele der Zweifel und alle zerstörerischen Mächte mit dem Vertrauen in Gottes Güte und Treue. Auf dem Berg nahe bei Rafidim ereignet sich ein höchst dramatisches Geschehen. Stellvertretend für sein Volk und den Kampf seines Volkes in der Seele begleitend kämpft Mose um seinen Glauben. Bin ich es Gott, bin ich es doch nicht ...?

Liebe Gemeinde, auf dem Berg ereignet sich ein Drama das sich im Leben eines jeden Menschen abspielen kann, wenn Zweifel und die dunkle Seite unserer Seele drohen Oberhand zu gewinnen. Ja und Nein und dennoch und trotzdem, das Hin und Her kennt, glaube ich, ein jeder Mensch in seinem eigenen Leben. Während das Volk für sich selbst den Kampf kämpft, muss Mose den eigenen Kampf kämpfen – auf dem Berg, sichtbar, vor Gott und vor der Welt. Die meisten Kämpfe unseres Lebens ereignen sich so. Sichtbar gehen wir unter die Menschen und kämpfen mit unseren Problemen, mit der dunklen Seite unseres Selbst. Und andere kämpfen ihren Kampf neben uns … Gibt es denn keine Berührung?

Oh doch, Mose darf wohltuend erfahren, dass seine Hände mit dem Stab getragen werden, wenn er müde wird. In seinem Kampf dient er als Identifikationsfigur für sein Volk und darf nicht aufgeben. Er wird getragen, es gibt Menschen für die er zählt. Man muss gar nicht lange darüber nachdenken, um zu sehen, dass sich dies manchmal, und hoffentlich immer öfter, im Leben eines jeden von uns ereignet, dass wir fühlen, wir sind getragen. Wir sind nicht allein, es gibt Menschen auf die wir zählen können, Menschen, die bereit sind uns zu tragen. Wenn man das nicht spürt, kommt es zu verzweifelten, übermüdeten stummen Hilfeschreien. Achten wir aber noch mal auf die Geschichte: der Mensch Mose hebt seine Arme zum Himmel und er erwartet Hilfe von Gott, auch wenn er nicht betet. Er fragt und bekommt Antwort am Ende des Kampfes, aber seinen Kampf muss er selber erkämpfen.

Dass es nicht umsonst gewesen ist, erfahren wir im zweiten Teil unserer Geschichte. Es findet am Berg Gottes eine Begegnung der Familie statt. Von den quälenden Fragen befreit ist Mose bereit, seine Familie zu treffen. Er freuet sich sogar auf das Treffen. Und diese Begegnung ereignet sich auch in der Nähe eines Berges, der später unter dem Namen Horeb, der Gottesberg bekannt wird. Der Gott, der Mose und sein Volk im Kampf gegen Amalek begleitet hat, macht eine Begegnung, eine Normalisierung der menschlichen Beziehungen möglich.

Der Kampf ist nicht umsonst gewesen. Mose und auch das Volk haben etwas gelernt. Die Frage: Wer bin ich? ist nicht mit endgültiger Sicherheit beantwortet, aber Mose und auch das Volk Israel wissen nun: ich bin getragen, ich habe eine andere Perspektive ...

Amen.

Dr. Árpád Ferencz ist Pfarrer in Berettyóújfalu, Ungarn und lehrt an der Theologischen Fakultät der Reformierten Universität Debrecen, wo er auch das dortige Karl-Barth-Institut leitet.


Árpád Ferencz