Glück im Unglück

Die Jahre des Wiederaufbaus – ein Rückblick / Teil 3

Den Kran aufzubauen gelang in zwei Wochen. Mit seiner Hilfe konnten weitere Schäden verhindert werden. Foto: Rieger

Diese Wendung passt auf viele Stationen, die die St. Martha Kirche betreffen. Aber es gibt auch noch andere Ambivalenzen zwischen Zerstörung und Neuanfang.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die St. Martha Kirche als einzige Nürnberger Innenstadtkirche nicht von Bomben getroffen. Nach der Reparatur eines nur geringfügigen Schadens konnte sie schon 1946 wieder in Betrieb genommen werden.

Der somit älteste Kirchendachstuhl innerhalb der Stadtmauer brannte dann am 5. Juni 2014 aus ungeklärter Ursache, aber im Zusammenhang mit einer gerade begonnenen Sanierung lichterloh - vor allem das Dach des Hauptschiffs. Der Chorraum hat ein Gewölbe aus Stein und hat so nicht unmittelbar Feuer gefangen. Der darüberliegende Dachstuhl fing zwar Feuer, wurde aber schnell gelöscht. So sind ein paar Balken des Chordaches von 1385 jedenfalls noch teilweise erhalten.

Auch der Verlauf des Brandes war insofern ein glücklicher, als aus der Kirche wie aus einem Kamin die Flammen nach oben schossen. Dadurch blieben die Nachbarhäuser unbeschädigt. Auch außen an den Kirchenmauern waren nicht einmal Rußspuren zu sehen. Mit viel Engagement der Feuerwehr und auch Glück konnte eine weitere Ausbreitung des Feuers und der Einsturz von Mauern verhindert werden.

Der nächste Glücksfall war, dass das Amt für Denkmalschutz den Wiederaufbau in anderer Form nicht nur zugelassen, sondern sogar vorgeschlagen hat. So war die Gemeinde in der Lage, die Suche nach guten Ideen ohne allzu große Vorbehalte angehen zu können. Auch im weiteren Verlauf, als es um die denkmalpflegerischen Maßnahmen ging, fand sich immer eine für alle Seiten akzeptable Lösung.

Zum Wettbewerb waren namhafte Architekturbüros eingeladen, die auch beeindruckende Entwürfe ablieferten. Weil zwei Büros bald nach der Ausschreibung wieder absagten, wurde ein Büro aus München nachnominiert. Eben jenes nämlich, das dann den Wettbewerb gewann und dessen Ideen heute fast wie im ersten Entwurf umgesetzt sind. Und auch die Wünsche der Gemeinde sind fast zu hundert Prozent umgesetzt.

In einer Zeit des Baubooms Handwerker zu finden, ist schwer. Wenn zwei von acht Firmen an einer Ausschreibung teilnehmen, zählt das schon als Erfolg. Nicht wenige Baustellen werden momentan extrem verzögert, weil Mangel an Arbeitskräften herrscht. Auf der Baustelle an St. Martha war niemals wirklich Stillstand. Mit allen Firmen hatte die Kirche das Glück, dass nicht nur gut, sondern mit großem Engagement gearbeitet wurde.

In anderer Weise ambivalent ist, dass der Brand auch Ästhetisches hervorgebracht hat. Schon in den Tagen nach dem Brand – noch etwas von mir selbst befremdet – habe ich im Verbrannten Motive entdeckt und fotografiert. Andere Kuriositäten wurden im Schutt gefunden oder fielen vom Gerüst aus ins Auge: geschmolzene Fensterscheiben, abgeblätterte Rußschichten, verbrannte Holzreste. In einer Ausstellung werden solche Beispiele gerade präsentiert.

Dass die Gemeinde die Chance wahrgenommen hat, aus dem zerstörten Gebäude ein besseres zu machen als vorher, hat einen seltsamen Beigeschmack. Jedenfalls, sich das selbst so zu sagen. Auch in der Verhandlung mit der Versicherung war das natürlich immer wieder ein heikler Punkt. Zum Glück ist das ein Resümee, das viele Besucher*innen ziehen, der Gemeinde das so zusprechen und es auch finanziell unterstützen. Aber auch die Gemeindemitglieder haben sich erstaunlich schnell an das neue Raumgefühl, die Helligkeit und die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten gewöhnt und wissen die neue St. Martha Kirche zu schätzen. Doch! Das ist schon ein großes Glück!

Georg Rieger

Der wiederhergestellte Dachstuhl über dem Chorraum
Der Entwurf des Architekten Florian Nagler, wie er zum Wettbewerb eingereicht wurde
Verbrannte Glasscheiben haben sich zu Kunstwerken verändert