Osteröffnungen

Predigt zu Lukas 24, 36-35 zu Ostern 2021

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Von Pfarrerin Kathrin Oxen

Mal kurz raus vor die Tür, lange Spaziergänge, am besten zu zweit oder doch sicherheitshalber mit dem engsten Kreis zuhause bleiben? Das sind die Alternativen an diesem Osterfest. Das waren die Alternativen am ersten Osterfest. Alle Geschichten, die später zur Ostergeschichte geworden sind, erzählen von der ersten Osterruhe, nicht ausdrücklich verordnet, aber trotzdem eingehalten.

Wie sie sich voll Angst zurückgezogen und die Türen von innen zugemacht haben, in ihrem Warten ohne zu wissen, worauf eigentlich. Wie die Frauen dann doch nachsehen gingen und mit einer Nachricht zurückkamen, die so unglaublich war, dass man ihnen riet, darüber besser nicht öffentlich zu reden, wenn sie weiter ernstgenommen werden wollten oder wenigstens so ernst, wie man Frauen damals überhaupt nur nahm. Weibergeschwätz, verrückt geworden vor Traurigkeit wahrscheinlich, irre geworden an dieser ausweglosen Situation nach seinem Tod. Besser gar nicht erst davon sprechen. Lieber weiter stumm zusammenhocken.

Oder rausgehen, zu zweit. Als ob es etwas verändern würde. Das Gehen lässt sie wenigstens spüren, dass Zeit vergeht, diese merkwürdige lähmende Zeit. Ein sinnloser Weg in ein Dorf, in das sie gar nicht wollen. Und auch sie kommen zurück mit einer Nachricht, die die anderen an ihrem Verstand zweifeln lässt. Brot gegessen mit einem Toten, wahrscheinlich. Das soll es ja geben, dass man denkt, einer, der gestorben ist, sei plötzlich wieder da, man würde ihn sehen, wie er neben einem geht, mit einem am Tisch sitzt, aus den Augenwinkeln, für einen Moment ganz gegenwärtig. Viele Trauernde kennen so etwas. Es ist normal, es geht vorbei. Sie reden darüber mit den Spaziergängern. Setzt euch erstmal hin, beruhigt euch. Das geht alles vorbei.

Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. (Lukas 24, 36-40)

Man kann sich einrichten in seiner Traurigkeit, ihr einen Stuhl hinstellen, sie mit am Tisch sitzen lassen jeden Tag und ihr zu essen geben. Eine Zeitlang kann man so leben, mit den Geistern aus der Vergangenheit an einem Tisch. Auf so etwas hatten sie sich eingerichtet an dem ersten Ostern. Sie würden sich alle ihr Leben lang an Jesus erinnern, an seine Worte und an das, was er getan hatte, an ihren gemeinsamen Weg. Sie würden einen Platz für ihn freihalten am Tisch und essen, so, als wäre er noch dabei. Und dabei den Schmerz spüren, den ein leerer Platz am Tisch macht, viele Jahre und immer mit der Angst, dass ihre Erinnerung schwinden, sich abnutzen könnte. Auf so ein graues Leben waren sie eingerichtet.

Aber so war es nicht. Die Osterruhe ist zurückgenommen worden, schon am allerersten Ostern. Niemand kann sich auf Dauer in trauriger Ausweglosigkeit einrichten. Niemand soll das. Die Tür, die sie nicht mehr öffnen mögen, wird von außen aufgemacht, wie genau, weiß keiner. Auf einmal ist Jesus da, mitten unter ihnen, setzt sich auf den einen leeren Platz und spricht mit ihnen. Setzt euch erst mal hin, beruhigt euch. Seht meine Hände und meine Füße. Ich bin’s selber. Fasst mich an und seht, denn ein Geist hat nicht Fleisch noch Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.

Seine Hände sehen sie und was die getan haben: Brot verteilt an alle, die hungrig waren, Kranke berührt, die keiner anfassen mochte, Menschen gesegnet. Hände, die die Bewegung nicht kannten, die Fäuste macht. Hände, immer offen, auch noch dann, als sie Nägel hindurch schlugen. Eine Narbe mitten in der Handfläche ist dazugekommen, sie sehen es. Sonst sind es seine Hände.

Und seine Füße so staubig wie ihre eigenen. Wie oft hatten sie sich am Abend die Füße gewaschen, noch ein bisschen über den Tag gesprochen dabei und sich auf die Ruhe gefreut, bis auf den einen Abend, an dem er plötzlich die Schüssel nahm und ihnen die Füße wusch? Es gibt keinen Zweifel: Er ist es. Das Unglaubliche hat Hände und Füße bekommen.

Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden. (Lukas 24, 41-45)

Die letzten Zweifel verschwinden, als er etwas essen will. Zu dem Brot, dass er vorher mit den beiden Spaziergängern geteilt hat, nun auch noch Fisch. Brot und Fisch. Und damit kommt die Erinnerung an das schönste Essen zurück, das sie je miteinander hatten: Draußen im Gras am See, diese vielen, vielen Menschen, dicht beieinander. Der Junge mit dem Korb, aus dem sich alle nehmen können und es wird einfach nicht weniger und alle werden satt und niemand muss weggehen, bis in den Abend, bis in die Nacht. Es ist alles wieder da, als er den Fisch isst vor ihren Augen. Sie können es nicht glauben vor Freude. Die schreckliche Ruhe ist vorbei, die lähmende Traurigkeit, das graue Leben.

Das Grab ist leer. Die Osterruhe ist vorbei. Für immer. Auch jetzt, bei uns, in der Pandemie, in einer Situation, die je länger, je mehr aussichtslos erscheint. Wir müssten besser wissen, dass es nicht aussichtslos ist. Wir kennen das doch schon: Ostern ist Öffnung, nach und nach, Schritt für Schritt. Erst öffnet sich ein Grab, ein schwerer, grauer Stein ist weggerollt. Dann öffnen sich die Augen der beiden Spaziergänger. Die konnten auch nur noch vor ihren Füßen den Staub der Straße sehen. Ihre Herzen öffnen sich. Sie brennen lebendig in ihrer Brust. Die Schrift öffnet sich ihnen. Weil man jede Geschichte doch erst von ihrem Ende her begreift, gerade die traurigen Geschichten. Auch die Geschichte dieser Pandemie. Und am Ende öffnet sich auch der Verstand. Und wir begreifen: Wir dürfen uns jetzt nicht einrichten in der Traurigkeit, in dem grauen Leben und der Erinnerung an bessere Zeiten. Es wird alles wiederkommen, nach und nach, Schritt für Schritt. So war es an Ostern. So wird es nach Ostern sein. Bis wir es endlich glauben können vor Freude.

Amen


Kathrin Oxen
Jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

In Pandemie-Zeiten dürfen in Kirchen in Deutschland Zusammenkünfte nur mit Einschränkung stattfinden. Der Gottesdienst aber geht weiter! Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes, gibt Ihnen auf reformiert-info.de jeden Sonntag Materialien für den Gottesdienst für Zuhause, dazu eine aktuelle Predigt.