Satanische Zeiten

Predigt über Lukas 22,31-34, zum Sonntag Invokavit

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Von Jürgen Kaiser

Versuchungen. Der Sonntag Invokavit ist der Sonntag, an dem über Versuchungen zu reden ist. Wir sind zahlreichen und mannigfaltigen Versuchungen ausgesetzt. In Zeiten des Krieges ganz besonders. Wenn es um Leben und Tod geht, lässt Satan die Hüllen fallen.

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Simon, Simon: Der Satan hat sich ausgebeten, euch zu sieben wie den Weizen, sagt Jesus. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre; und du, wenn du dann umkehrst, stärke deine Brüder.
Er - Simon Petrus - sagte zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir in Gefangenschaft und Tod zu gehen. Jesus aber sprach: Ich sage dir, Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, bevor du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen.

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Sie bringen leere Flaschen zu den Sammelpunkten. Jemand stülpt einen Trichter in den Flaschenhals und schüttet Benzin hinein. Ein anderer zerreißt Betttücher in Streifen und drückt sie zusammengeknüllt in den Flaschenhals. Sie haben nicht genug Kalaschnikows. Also basteln sie Molotowcocktails.

In einer Werkstatt zerkleinern sie mit einem Schneidbrenner Metallträger und schweißen sie neu zusammen. Panzerfallen. Andere heben Gräben aus und füllen Säcke mit Sand. Als käme bald die Flut. Aber die Flut sind Panzer und Raketen. Ihre Familien schicken sie in die Keller, in die U-Bahn oder in den Westen, viele junge Männer melden sich beim Militär. Auch Frauen. Sie wollen kämpfen. Alle wissen, dass sie gegen die Übermacht keine Chance haben. Aber sie können nicht anders. Sie müssen widerstehen. Sie müssen sich dem Angreifer entgegenstellen – auch wenn es das Leben kostet. Wir bewundern den Mut der Ukrainer zum verzweifelten und vermutlich vergeblichen Widerstand. Es ist offenbar für sie eine Frage der Ehre.

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Eine Frage der Ehre war es wohl auch für Petrus. Er war bereit. Bereit zu allem. Bereit zum Äußersten. Herr, ich bin bereit, mit dir in Gefangenschaft und Tod zu gehen.

Eine Frage der Ehre, eine Frage der Selbstachtung. Wer treu sein will, muss bereit sein. Bereit sein, einen Preis zu zahlen. Petrus hat sich entschlossen, seinen Weg mit Jesus zu gehen. Ihm treu zu sein. Und wenn der Weg schwierig und gefährlich wird, soll er dann von Jesus weichen und ihn allein ziehen lassen? Ihm die Treue brechen und dann auch sich selbst die Treue brechen? Offenbar auch für ihn eine Frage der Ehre. Herr, ich bin bereit, mit dir in Gefangenschaft und Tod zu gehen.

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Wir lebten viele Jahre in Zeiten, in denen Begriffe wie Ehre und Treue eigentlich keine Rolle mehr spielten. Und das war gut so, denn es waren friedliche Zeiten. Ehre und Treue spielten - wenn überhaupt – im Privaten eine Rolle. Aber da ging es nie um Leben und Tod, da ging es bestenfalls um Fragen der Lebensqualität und es war deshalb nie so ganz ehrlich, von Ehre zu reden oder von Treue.

Das hat sich von einem auf den andern Tag geändert. Der Krieg ändert alles. Wenn es um Leben und Tod geht, geht es auch um Ehre und Treue. Um Selbstachtung und Verrat. Bei uns ist es noch nicht so weit, aber im Nachbarland unseres Nachbarlandes ist es soweit. Da geht es um Leben und Tod. Um Treue und Verrat, um Tapferkeit und Feigheit. Um Wahrheit und Lüge. Mit dem Krieg kommen auch die alten Begriffe aus dem Museum der Antiquiertheiten und kriegen wieder Leben und Bedeutung. Wir würden gerne darauf verzichten.

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Als klar wurde, dass es auch bei Jesus um Leben und Tod geht - Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn, als klar wurde, wohin das hinausläuft, ging es auch hier um Treue und Bekenntnis, um Verrat und Scham.

Petrus schwor Treue: Ich bin bereit, mit dir in Gefangenschaft und Tod zu gehen. Große Worte. Heroische Worte. Berührende Worte. Worte, wie wir sie jetzt auch aus der Ukraine hören.

Es kam anders. Bei Petrus kam es anders. Er ging nicht mit ins Gefängnis. Er schlich vor dem Gefängnis rum. Als er entdeckt wurde, verleugnete er Jesus – und damit auch sich selbst. Dreimal. Dann krähte ein Hahn.

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Werden sie auf der Straße sein, wenn die Panzer in Kiew einrücken? Werden sie ihre gefüllten Flaschen nehmen und damit auf schießende Panzer zurennen? Auch dann, wenn es sinnlos ist? Weil ihre gebastelten Waffen den Panzern nichts anhaben können, weil die Russen mehr Granaten haben als die Kiewer Flaschen?

Und wenn sie nicht Wort halten, sich also nicht vor die Panzer werfen, wenn sie in Deckung bleiben und sich verkriechen, weil sie Angst haben, Angst um ihr Leben? Sind sie dann Verräter? Sind sie dann schuld daran, dass die freie Ukraine untergeht? Weil sie zu feige waren, ihr Leben einzusetzen?

Oder sind wir schuld? Wir Deutschen, weil wir nicht früher Waffen geliefert haben? Oder die Nato, weil sie sich weigert, eine Flugverbotszone zu erklären und durchzusetzen? Selenskij hat der Nato schon die Schuld für den Untergang seines Landes gegeben.

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Petrus hat versagt. Petrus ging nicht mit Jesus ins Gefängnis. Er ging nicht mit Jesus in den Tod. Petrus verkroch sich. Petrus rettete sein Leben. Petrus hatte Angst. In den Worten, die in Zeiten des Krieges wieder Urstände feiern, müsste das wohl so gesagt werden: Petrus war ein ehrloser Feigling. Aber im Evangelium fallen solche Wörter nicht. Da heißt es nur: Da erinnerte sich Petrus an das Wort des Herrn, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben. Und er ging hinaus und weinte bitterlich. (Lk 22,61b-62)

Jesus hat das kommen sehen, er hat damit gerechnet. Aber er verurteilt es nicht. Er lässt den schwachen Petrus nicht fallen, er verwirft ihn nicht. Im Gegenteil: Er baut weiterhin auf ihn. Auf den Verleugner, auf den Verräter, auf den Feigling. Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre, sagt er; und wenn du dann umkehrst, stärke deine Brüder.

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Wir müssen keine Helden sein, um Jesus nachzufolgen. Keine Helden im Kampf, keine Treuehelden, keine Ehrenhelden, keine Bekenntnishelden. Auch als Versager sind wir gut genug, um uns gegenseitig zu stärken. Vielleicht sind wir dazu sogar besser geeignet als die Helden. Weil die Erfahrung der Lebensangst lebenstauglicher macht als die Erfahrung des Heldenmuts.

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Noch etwas ist entscheidend: Von Anfang an ist klar, wer schuld ist, wer uns in solche schrecklichen Lagen bringt, in denen es mit einem Mal um Mut und Feigheit geht, um Bekennen und Versagen, um Treue und Verrat, um Ehre und Scham. Von Anfang an ist klar, wer den Petrus in diese schreckliche Lage gebracht hat: Der Satan hat sich ausgebeten, euch zu sieben wie den Weizen, sagt Jesus.

Es darf doch in den Straßen von Kiew unter denen, die Flaschen mit Benzin füllen, in der ganzen Bevölkerung der Ukraine, in ihrer Regierung, in der EU und in der Nato und unter uns allen keine Unklarheit darüber herrschen, wer uns alle in diese schreckliche Lage gebracht hat, wer der Aggressor ist, wer das satanische Spiel entfacht hat.

Dass das Selenskij nicht mehr klar zu sein scheint, wenn er an uns gerichtet sagt: „All die Menschen, die von heute an sterben, werden auch Ihretwegen sterben. Wegen Ihrer Schwäche, wegen Ihrer Abkopplung“, das kann man ihm als eine Äußerung der Panik nachsehen. Doch es stimmt einfach nicht: die Menschen in der Ukraine sterben nicht wegen der Schwäche des Westens, die wohl eher Vernunft als Schwäche ist; sie sterben, weil der Irrsinns Putins es so will.

Der Satan hat sich ausgebeten, euch zu sieben wie den Weizen. Wenn das Böse, wenn der Versucher von Anfang an klar benannt wird, wird es ihm nicht gelingen, uns zu spalten. Putin ist für diesen Krieg verantwortlich. Putin trägt die Schuld für die vielen Toten. Nicht die Nato, weil sie sich weigert, eine Flugverbotszone einzurichten, nicht die Deutschen, weil sie nicht rechtzeitig Waffen geliefert haben, nicht die EU, weil sie die Ukraine nicht am Tag der Antragstellung aufgenommen hat; auch nicht der, der Held sein will, Flaschen mit Benzin füllt, dann aber vor den anrückenden Panzern davonrennt. Nur einer ist schuld an dem allen. Der Satan hat sich ausgebeten, euch zu sieben wie den Weizen.
Ist Putin Satan?

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Am Sonntag Invokavit ist von den Versuchungen zu reden, denen wir ausgesetzt sind. Da ist auch viel vom Satan, vom Versucher, vom Bösen die Rede.

In Zeiten des Kriegs ändert sich die Sprache. Wörter werden wieder lebendig, die man längst tot glaubte. Und die Sprachwelt wird mythischer. „Wir sind Kinder des Lichts, die neun Tage der Dunkelheit und des Bösen ertragen haben“, sagt Selenskij. Unfassbare Erlebnisse und extreme Emotionen erfordern eine außergewöhnliche Sprache. Aber auch darin liegt eine Versuchung.

In Zeiten eines heißen Krieges muss man sich einen kühlen Kopf bewahren. Und einen warmen Glauben, der sieht, dass Gott von uns keinen Heldenmut erwartet; dass Gott uns kennt in all unserer Schwäche und unserem Versagen und uns trotzdem braucht, damit wir uns gegenseitig stärken. Und du, wenn du dann umkehrst, stärke deine Brüder.

Es gibt eine mächtige und düstere, eine unbarmherzige und irrationale Wirklichkeit, die ist zu groß, als dass die Menschen guten Willens sie besiegen könnten. Satan ist der Eigenname für diese Wirklichkeit, die von Zeit zu Zeit unverhüllt ihr Unwesen treibt und an deren Unwesen am Sonntag Invokavit zu erinnern ist.

Wir müssen der Versuchung widerstehen zu meinen, mit vereinten Kräften würden wir diese Macht schon besiegen können, wir müssten eben nur richtig wollen. Wir müssen aber auch der Versuchung wiederstehen zu meinen, wir seien dieser Macht hoffnungslos ausgeliefert. Gott ist mächtiger als Satan. Gott wird ihm widerstehen. Gott wird ihn in die Schranken weisen.

Und was können wir tun? Beten, also Gott ermahnen, dass er es endlich tut.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.


Jürgen Kaiser

Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog wird erneut verliehen
Ausschreibung zum 80. Jahrestag der Ermordung am 12. August
Zum 80. Jahrestag der Ermordung von Werner Sylten am 12. August schreibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zum siebten Mal den Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog aus.

Quelle: EKMD