Der Papst fährt mit dem Bus. Ist das der Anfang der neuen Bescheidenheit?

Mittwochs-Kolumne - diesmal von Georg Rieger, Urlaubsvertretung


Foto: Marcel Wittich

Die Schweizer stellen sich an die Spitze der Occupy-Bewegung und nötigen ihre Spitzenverdiener zum Verzicht. Aber führt Bescheidenheit auch zu mehr Gerechtigkeit? Mir kommen da Zweifel.

In Diskussionen – ob im Fernsehen oder in der Kneipe – sind sich immer alle einig: Das kann doch nicht sein! Die Gehälter, Boni und Abfindungen von Top-Managern sind nicht nur hoch, sondern völlig abgehoben von der Wirklichkeit. Kein Mensch braucht so viel Geld. Wäre da nicht ein bisschen Bescheidenheit und Verzicht angebracht?

Aber vorläufig verzichtet nur der Papst auf die Eskorte. Zahlt sein Zimmer wie ein Pilger. Lässt die roten Schuhe im Karton. Das sind Zeichen der Bescheidenheit, wie sie einem Franziskus gut anstehen und Eindruck machen. Konsequent wird er das in seinem Amt nicht durchhalten können. Aber vielleicht ja hin und wieder Zeichen setzen.

Die Bescheidenheit ist immerhin eine der vier Kardinaltugenden. In der klassischen Literatur wird sie Maßhaltung genannt. Es geht um die Beherrschung der Triebe und die Verwirklichung einer inneren Ordnung des Menschen. Aber Josef Pieper schreibt in seinem zum Klassiker gewordenen Werk „Über die Tugenden“ auch, dass die temperantia als einzige Kardinaltugend „ausschließlich auf den Wirkenden selbst bezogen ist“.

Das nämlich ist genau das Problem mit der Bescheidenheit. Sie bleibt nur zeichenhaft. Und nützt dem vermeintlich Tugendhaften mehr als den Bedürftigen. In manchen Fällen befriedigt sie sogar die eigene Eitelkeit, wenn man William J. Hoye glaubt. Er meint, es ließe sich feststellen, „dass die Tugend der Maßhaltung den Menschen selbst schön macht, bezeugt sie doch eine innere Harmonie in der Person, während Unbeherrschtheit hässlich erscheint.“ Wenn das die smarten jungen Börsenjunkies wüssten!

Um es nun auf den Punkt zu bringen: Die Bescheidenheit alleine verändert gar nichts. Ohne sie geht es freilich auch nicht. Denn die Kardinaltugenden funktionieren nur im Zusammenspiel. Das heißt, es müssen noch Tapferkeit, Gerechtigkeit und Klugheit dazukommen. Vor allem aus Klugheit und Gerechtigkeit formt sich die Motivation, wirklich etwas zu verändern.

Wenn es um Klugheit geht, ist immer zu allererst die eigene gefragt, bevor man sich um den geistigen Zustand der anderen Sorgen macht.  Wenn wir unseren Grips anstrengen und uns selbst gegenüber ehrlich sind, dann sehen wir die Sache schnell differenzierter, als sie uns bei Jauch und Konsorten vorgegaukelt wird. Wir erkennen unsere eigenen Charakterschwächen, unsere Eingebundenheit in das System der Gier und auch bei uns selbst ein unterentwickeltes Gerechtigkeitsbewusstsein.

Kein Wunder. Denn wer sich heute für Gerechtigkeit engagiert, wird im besten Fall milde belächelt. Gerechtigkeit = Gleichmacherei = Sozialismus = DDR. Und das geht schon mal gar nicht! Also weiter im Tagesgeschäft und ein bisschen über die größer werdende Schere zwischen arm und reich jammern. Oder selbst das noch verleugnen.

Papst Franziskus wird es schwer haben. Und die Schweizer werden sich noch umschauen, welche Schlupflöcher die Manager auftun, um sich die Taschen voll zu stopfen. Wenn sich nicht viele kluge Menschen tapfer trauen, mehr Gerechtigkeit einzufordern, dann wird das nichts.

Josef Pieper, Über die Tugenden. Klugheit  Gerechtigkeit Tapferkeit Maß, München 2004

William J. Hoye, Tugenden. Was sie wert sind, warum wir sie brauchen, Ostfildern 2010

 


Georg Rieger