Der Skandal ist nicht perfekt

Mittwochs-Kolumne von Georg Rieger

Seit Wochen ist das Thema aus den Nachrichten nicht mehr wegzudenken. Inzwischen können wir alle seinen Namen schreiben, kennen den Limburger Bischofssitz als 3-D-Grafik und wissen, dass Bauvorhaben ab 5 Millionen Euro zwingend nach Rom gemeldet werden müssen.

Wir haben auch gelernt, dass es unvorteilhaft ist und möglicherweise unbequem wird, bei Aussagen über die benutzte Flugklasse von unten aus einer Tasche heraus gefilmt zu werden. Dafür hat es Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst geschafft, unbemerkt von der Journaille in einen Billigflieger nach Rom zu steigen. Respekt!

Heutzutage hat so ein Skandal im Intenet auch immer schnell seine lustigen Seiten, zum Beispiel das fingierte SCHÖNER WOHNEN Titelblatt „Nur Mut zum Umbau“ oder den Lego-Baukasten „Limburg“.

Schon gespannt, wie ich den Bogen zur Theologie hinbekomme?

Im Internet finden sich ja bisweilen Texte, zu denen es einen normalerweise nicht hinzieht. Oder würden Sie sich ein Buch kaufen mit dem Titel: Amphibolie, Ambiguität, Ambivalenz? Das letzte Wort: ok. Ambiguität: schon mal gehört. Und Amphibolie klingt wie eine gefährliche Krankheit. Die Autoren beschäftigen sich aber unter anderem mit der Mehrdeutigkeit und Sinnwandlung von Worten.

Das Wort Skandal bzw. skandalon (Fallstrick, Stellholz in der Tierfalle) erfahre eine besondere Sinndeutung  im Alten Testament. In dessen griechischer Übersetzung, der Septuaginta, werde skandalon im Sinne von Abfall von Gott nämlich für zwei unterschiedliche hebräische Worte eingesetzt, die zum einen das Niederschlagen und zum anderen das Straucheln bedeuteten. Die Doppeldeutigkeit zeige sich auch in der Tradition der spätantiken scandalistes. Das sind Theaterdarsteller, die sich zur Belustigung des Publikums gegenseitig Beine stellen und somit Fallensteller und Fallende in einer Person seien.

Und in der weiteren biblischen Bedeutungsgeschichte, so heißt es weiter, werde der Stolperstein sogar zum Eckstein, indem Paulus den Skandal des Kreuzestodes Jesu zum Anstoß für die Heilsgewissheit umdeutet.

Auch die Politikwissenschaft kann dem Skandal etwas Positives abgewinnen. Steffen Burkhardt schreibt in seinem Buch „Medienskandale“ über die moralische Sprengkraft öffentlicher Diskurse. Dem Skandal schreibt er die Funktion zu, Sinn zu erzeugen und gesellschaftlich bedeutsame Unterscheidungen wie gut und böse, verantwortlich und unverantwortlich zu treffen. Allerdings erklärt Burkhardt genauso unverblümt, dass sogenannte Medienskandale im Gegensatz zu lokalen Skandalen nicht von den Beteiligten, sondern von den Medien produziert werden und also nach deren Regeln funktionieren.

Es ist also in gewisser Weise nur ein Spiel, was wir da gerade erleben: Eigentlich geht es uns nicht viel an, was da in Limburg passiert. Das ist eine Angelegenheit des Bistums, der dortigen katholischen Kirchenmitglieder. Und eigentlich interessiert es uns auch nicht, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Jedenfalls gäbe es Interessanteres. Aber da ein paar medienwirksame Komponenten zusammen gekommen sind, wird das Thema interessant gemacht. Es bekommt eine grundsätzliche Bedeutung aufgesetzt, was da vor sich geht. Die Katholische Kirche ist betroffen , die Kirchensteuern werden verschwendet, überall wird geschummelt und gelogen und der Papst soll es jetzt mal richten (hat er inzwischen?).

Dass sich an diesem Skandal das kollektive moralische Gewissen schärft, wage ich zu bezweifeln. Wenn es so ist, wie es aussieht, dann hat hier einfach einer jedes Maß verloren und es geschafft, um sich herum eine Mauer der Verschwiegenheit aufzurichten. Und dass dieses Problem nun aller Voraussicht nach von oben her gelöst wird, muss einem Protestanten doch in der Seele weh tun – trotz aller Sympathie für Franziskus.

Ein perfekter Skandal ist einer, an dem sich Diskussionen entzünden und sich am Ende etwas bewegt hat. Wenn sich Werte festigen, sich ein gesellschaftliches Bewusstsein entwickelt und zu guter Letzt auch so etwas wie Gnade zu spüren ist, dann ja. Aber so?

 

Literatur

Cornelia Blasberg, Skandal. Politische Pragmatik, rhetorische Inszenierung und poetische Ambiguität, in: Frauke Berndt und Stephan Kammer (Hg.), Amphibolie, Ambiguität, Ambivalenz. Modelle und Erscheinungsformen von Zweiwertigkeit, 2009

Steffen Burkhardt: Medienskandale. Zur moralischen Sprengkraft öffentlicher Diskurse, Köln, 2006.

Karlheinz Müller, Anstoß und Gericht. Eine Studie zum jüdischen Hintergrund des paulinischen Skandalon-Begriffs, München, 1969.

Gustav Stählin, Skandalon. Die Geschichte eines biblischen Begriffs, Gütersloh, 1930

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