Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)
Das Nebeneinander der Konfessionen erhalten
Die südlichere der beiden hessischen evangelischen Landeskirchen ist eine, in der die lutherische, reformierte und unierte Tradition nebeneinander existieren.

Unterschiedliche Arten des Lebens und Glaubens sind vereint
Während sich das Gebiet von Hessen-Darmstadt nach der Wittenberger Reformation Martin Luther und Philipp Melanchthon anschloss, orientierten sich die Gemeinden in Nassau eher an der schweizerischen und niederländischen Reformation nach Ulrich Zwingli und Johannes Calvin. Im Zuge der Kirchenunionen im 19. Jahrhundert öffneten sich einzelne Gemeinden konfessionell. Die meisten lutherischen und reformierten Gemeinden haben aber bis heute ihr Bekenntnis behalten. "So ist eine Kirche entstanden, in der sehr unterschiedliche Arten des Lebens und des Glaubens nebeneinander und miteinander existieren."

Geteilte Macht
Aus den Erfahrungen der NS-Zeit hat die verfassunggebende Synode der EKHN im Jahre 1947 darauf verzichtet, an die Spitze dieser Kirche einen Bischof mit weitreichenden Vollmachten zu stellen. Die geistliche Leitung teilen sich die sechs Pröpstinnen und Pröpste, der Kirchenpräsident und sein Stellvertreter. Der Grundgedanke war: Ein Gremium wird sich nicht so leicht falschen Autoritäten unterordnen, wie es seinerzeit vielen Bischöfen unter den Nationalsozialisten widerfahren war.


EKHN: Reformierter Konvent zum Kairos-Palästina-Dokument

''Ohne die Verankerung in der Erwählung Israels wird die christliche Rede von Gottes Liebe zu allen Menschen abstrakt''.

Der Reformierte Konvent in der EKHN hat in seinen Sitzungen im April und August 2011 über das Kairos-Palästina-Dokument beraten und ein Impulspapier verabschiedet.

"Wir nehmen bewusst nur zu wenigen Punkten Stellung und legen einen Schwerpunkt auf das Thema 'Erwählung', da dies auch in der reformierten Tradition zentral ist", erläutert Mechthild Gunkel, Vorsitzende des Reformierten Konvents gegenüber reformiert-info. Der Konvent möchte mit dem Impulspapier eine "konstruktive, aber kritische Auseinandersetzung" mit dem Kairos-Palästina-Dokument innerhalb des Reformierten Bundes anregen, so Pfarrerin Gunkel.

Impulspapier des Reformierten Konventes in der EKHN zum "Kairos-Palästina-Dokument" vom Dezember 2009

Fünf Jahre nach der „Al Aqsa“- Intifada (2000-2005) haben VertreterInnen der palästinensischen Kirchen den Zeitpunkt für gekommen gesehen, mit einem öffentlichen Aufruf anstelle der vorherrschenden Todeskultur für eine „Kultur des Lebens“ einzutreten.  Ihr Appell „Die Stunde der Wahrheit“ möchte als Beitrag zum Aufbruch aus den erstarrten Fronten verstanden werden. Zugleich ist er ein Schrei aus tiefer Not. Das Dokument hat in der Ökumene zu Recht große Beachtung gefunden, wobei wir allerdings die Bezeichnung „Kairos-Palästina-Erklärung“ durch den ÖRK für nicht sehr glücklich halten. Der Vergleich mit der Erklärung der südafrikanischen Kirchen unter dem Apartheidsregime wird der komplexen politischen Situation in Israel/Palästina nicht gerecht und arbeitet propagandistisch mit unzulässigen Analogien.

Der Reformierte Konvent in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau hat die Stellungnahme der palästinensischen ChristInnen in seinen Beratungen als wichtigen Beitrag für eine künftige Lösung des  schwierigen Nahostkonflikts diskutiert. Der Konvent empfiehlt den Gemeinden, sich mit dem Inhalt des Dokuments vertraut zu machen und darüber das Gespräch unter einander und mit anderen zu suchen. Solche Gespräche könnten zum Gelingen des Friedensprozesses beitragen. Wie gering auch immer dieser Beitrag ist, die Autoren des Dokuments fordern nachdrücklich dazu auf.

Mit den folgenden Bemerkungen möchte der Reformierte Konvent seine eigenen Ergebnisse bzw. Anregungen in die Diskussion der Gemeinden mit einbringen.

Das Dokument sollte aus der Situation der kleinen christlichen Minderheit in der palästinensischen Bevölkerung heraus verstanden und gewürdigt werden. Mit dem Plädoyer für eine „Kultur des Lebens“ wendet sich der Aufruf nicht nur gegen die Politik des Staates Israel in Bezug auf das palästinensische Volk, sondern auch gegen die Kampfideologie von z.B. Hamas und Hisbollah innerhalb der islamischen Mehrheit Palästinas. Dass der Appell eine einseitige Schuldzuweisung gegen die Politik Israels formuliert, hat nicht nur mit den bitteren Erfahrungen der Autoren als Palästinenser zu tun, sondern sicherlich auch etwas mit ihrer Position als Minderheit. Auch dass die Unterzeichner sich zur Gewaltlosigkeit bekennen, aber in einigen Sätzen gerade an diesem Punkt zweideutig sind, verstehen wir als Folge ihrer schwierigen Lage.

Das Dokument  betont den Universalismus des christlichen Glaubens. Angesichts des Missbrauchs, den beispielsweise die israelische Siedlerbewegung mit dem Thema der Erwählung Israels betrieben hat, deren Konsequenzen die palästinensische Bevölkerung (aber auch jüdische Minderheiten) schmerzlich zu spüren bekam und noch immer bekommt, ist dies nur zu verständlich. Auch in unserer eigenen reformierten Tradition haben wir es mit schlimmen Verzerrungen der biblischen Botschaft der Erwählung zu tun gehabt, indem die Erwählung zur Legitimierung eigener Vorzüge, eigener Macht, eigenen Reichtums oder eigener Ansprüche ins Feld geführt wurde. Gerade deswegen liegt es in unserem recht verstandenen eigenen theologischen Interesse, daran zu erinnern, dass das Thema der Erwählung Israels im Alten und Neuen Testament uns Gottes Liebe als  ihre wirkliche, konkrete Gegebenheit nahebringt. In der Erwählung geht es nicht um die Bevorzugung eines Volkes, einer Nation oder einer Religion, sondern um die Qualität der Liebe Gottes.  Ohne die Verankerung in der Erwählung Israels wird die christliche Rede von Gottes Liebe zu allen Menschen abstrakt, und es droht die Gefahr, dass sie ins Leere läuft. Der Appell beschwört die Liebe Gottes zu allen Menschen leidenschaftlich. Der Reformierte Konvent schließt sich dem von Herzen an und bringt um den realen Gehalt der universellen Gottesliebe willen die Erwählung Israels als konkrete Gestalt dieser Liebe ins Gespräch mit ein.

Der Konvent hat aus der Beschreibung des Konflikts und seiner Auswirkungen die tiefe Not palästinensischer Christen und Christinnen, ja, des ganzen palästinensischen Volkes gehört. Das Dokument ruft zur „Gemeinschaft mit allen, die leiden“ (5-2) auf. Als Teil der Ökumene steht es auch uns Reformierten gut an, uns zur Gemeinschaft mit den christlichen PalästinenserInnen zu bekennen. Die Bitte an die Ökumene, sich mit der Lage der Kirchen in Palästina zu befassen, Hilfe zu leisten, die Begegnung zu suchen und einander kennenzulernen, muß entsprochen werden, das kritische Gespräch eingeschlossen.

Der Reformierte Konvent enthält sich einseitiger Schuldzuweisungen. Wer voreingenommen Partei ergreift, neigt dazu, Unliebsames auszublenden. Das dürfte dem Friedensprozess eher schaden als dienen. Als unsere Aufgabe sehen wir es vielmehr an, uns so gut wie möglich zu informieren, tatsächlich „Gemeinschaft mit allen, die leiden“, zu haben, den Aufruf der palästinensischen Kirchen zu einer „Kultur des Lebens“ zu unterstützen, Friedensgruppen, Friedensprojekte, interkulturelle und interreligiöse Bildung in Israel und Palästina zu fördern. Die politischen und gesellschaftlichen Lösungen für die komplexen Probleme müssen letztlich von den Konfliktbeteiligten selbst gefunden werden. Manche überzeugt vorgebrachten Stellungnahmen von außen könnten in Israel und Palästina selbstgerecht, überheblich und eher kontraproduktiv wirken. Der Reformierte Konvent möchte keiner politischen Neutralität das Wort reden, sondern um Offenheit, Bereitschaft genau hinzuhören, differenzierte Wahrnehmung und Vorrangigkeit der Menschen, die – wie auch immer – unter dem Konflikt leiden, im politischen Diskurs werben.

Der Konvent versteht die Aufforderung zum Boykott israelischer Waren als Ausdruck tiefer Verzweiflung, weist einen solchen Boykott aber als Handlungsoption ab, einmal auf Grund der Geschichte unseres Volkes (1933: „Kauft nicht bei Juden“), zum anderen weil es ihn für kontraproduktiv hält. Intensive Gespräche über das Dokument könnten die Möglichkeit öffnen, unsere eigenen Politiker dazu zu bringen, den Friedensprozess entschiedener, engagierter und intelligenter als bisher mit voran zubringen. Mehr Initiative der europäischen Politik ist für den Friedensprozess unerlässlich. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist auch ein Resultat europäischer Politik: von der Idee des Nationalstaats im 19. Jahrhundert über den Zivilisationsbruch der Shoah bis zu den Folgen des 2. Weltkriegs im arabisch-islamischen Raum. So meinen wir, dass die europäische Gemeinschaft langfristig in der Verantwortung steht, sich an einer friedlichen Lösung des Konflikts intensiver zu beteiligen als sie dies bisher getan hat.

Frankfurt am Main, 24. August 2011

Reformierter Konvent in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Vorsitzende: Pfarrerin Mechthild Gunkel
Landgrafenring 15
63071 Offenbach
E-mail: refkonventekhn@web.de

 

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