Frieden ist fragil

Predigt zur Jahreslosung (Psalm 31,15)

Um Frieden muss man oft kämpfen - mit anderen Mitteln © Pixabay

Von Mechthild Gunkel

Liebe Gemeinde,

Schmetterlinge fangen, mit einem großen Netz an einer langen Stange, durch blühende Wiesen laufen und dabei versuchen, die bunten Falter zu entdecken und sie behutsam einzufangen – dieses Bild tauchte vor meinem inneren Auge auf, als ich die Jahreslosung für das neue Jahr zum ersten Mal gehört habe.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15b).

Wie einen bunten Schmetterling, so mögen manche Frieden erleben. Mit einer großen Leichtigkeit flattert er von Blüte zu Blüte, sucht in Büschen und Sträuchern nach Nahrung, freut sich, wenn er etwas erspäht, was blüht. Wo er landen kann, Nektar saugen, verweilen. Oder mit anderen Schmetterlingen durch die Frühlingsluft fliegen, aufsteigen, umeinander kreisen, miteinander spielen. In sengender Sommerhitze durch seinen Flügelschlag einen winzigen Lufthauch hervorrufen. Und schnell ist er auf und davon, meinem Auge entzogen. Vor allem, wenn ich mit dem Kescher hinter ihm her bin.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15b).

Eine Jahreslosung soll Menschen und Gemeinden über das Jahr begleiten und sich bestärkend oder mahnend ins Leben einmischen.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“

Wer möchte diesem Satz nicht zustimmen!?! Vor allem diejenigen, die selbst Krieg erlebt haben! Als Kind hier in Deutschland; als Kind in der Ukraine oder in Russland, zwangsumgesiedelt in den Westen – und dann mit falschen Versprechungen wieder in den Osten geschickt. Krieg oder Bürgerkrieg in einem fernen Land, dem jemand gerade so eben entkommen ist. Oder längerfristig den Vorkrieg beobachtet und Konsequenzen daraus gezogen hat. Die Propaganda gehört und verstanden hat, das sie nichts Gutes verheißt. „Suche Frieden!“ Tue alles dafür, im Frieden leben zu können. Und wenn es der endgültige Abschied aus der Heimat, vom Elternhaus, von der Familie ist.

„Suche Frieden!“ – welche Aufforderung. Die Leichtigkeit eines Schmetterlings, danach sehnen sich manche, die nicht im Frieden leben. Frieden ist weder ein frommer Wunsch noch eine Illusion, auch wenn poetische Bilder das nahelegen. Frieden – Schalom – meint in der Bibel viel mehr als die Abwesenheit von Krieg. Als das Ende von Kampfhandlungen und den Abzug verfeindeter Truppen. Schalom ist mehr als das Schweigen von Waffen aller Art. „Schwerter zu Pflugscharen!“ – das ist schon mal ein allererster Schritt. Aber damit nicht genug. Schalom meint umfassendes Wohlergehen. Ein Zustand, in dem Menschen genug haben. Ein Zustand, in dem Menschen Genüge geschieht, sie Genugtuung erfahren und dann vergnügt sein können. Zu-frieden.

Das führt zu der Frage: Kann es zwischen denen, die genug haben, und denen, die nicht genug haben, SCHALOM geben? Ist Unfriede erst die Folge der Ungerechtigkeit, oder ist Ungerechtigkeit selbst bereits Unfrieden?

„Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“, so bittet der greise Simeon, nachdem er das neugeborene Kind gesehen hat. Den Messias, auf den er sein ganzes Leben gewartet hat.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“

Was aber meint die Aufforderung, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen? Ist Frieden hier etwas Verborgenes, das gesucht, etwas Flüchtiges, das erjagt, das eingeholt, das ergriffen werden muss? Wie der Schmetterling, den ich mit meinem Netz zu erhaschen versuche?

Frieden ist offenbar kein Zustand der Passivität, in dem sich’s wohl sein lässt. Frieden ist nichts Statisches. Er ist immer wieder fragil. Friedensverträge werden gebrochen. Frieden gilt es immer wieder neu auszuhandeln.

Aber ihm nachjagen – ihn erbeuten wie den flatternden Schmetterling? Sich hetzen, außer Atem kommen, den vollen Einsatz bringen und die Beine in die Hand nehmen?

„Frieden geht!“ haben manche – bewusst in der Doppeldeutigkeit –im Frühjahr gesagt und in einem großen Staffellauf von Oberndorf, wo der führende deutsche Kleinwaffenproduzent Heckler&Koch seinen Firmensitz hat bis nach Berlin zum Sitz der Bundesregierung gezeigt, dass wir uns die Welt ganz anders vorstellen. Mit praktizierter Gewaltlosigkeit als denkbarem Weg, der noch für viele unbekannt ist. „Frieden geht!“ haben so manche verdeutlicht, die am 25. Mai hier bei uns vor der Haustür das Staffelholz übergeben haben – die einen kamen von der Bergstraße her angejoggt, die anderen warteten hier, um einen Fußmarsch in die Darmstädter Innenstadt zu starten. Und wir mittendrin – als Gastgeber in diesem bunten Stadtteil, mit einem Trommelworkshop und Kinderspielen, mit Kaffee und Kuchen und einem Fachmann, der sich gerade in seiner Abschlussarbeit mit dem deutschen Rüstungsexport beschäftigt hat. So könnte es doch jeden Tag sein…

Die Aufforderung, dem Frieden nachzujagen, gilt auch einem weiteren biblischen Grundwert, nämlich der Gerechtigkeit. „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du nachjagen, auf dass du Leben hast und das Land in Besitz nehmen kannst, das Adonaj, dein Gott, dir gibt.“ (Dtn. 16,20) Und bei Jesaja kommen beide biblischen Grundwerte, nämlich Frieden und Gerechtigkeit, ganz eng zusammen. „Das Werk der Gerechtigkeit ist Friede“ (Jes 32,17) heißt es da. Wie ist das mit diesen Grundworten? Wir wünschen uns, dass sie zusammenkommen, doch sie befinden sich nicht selten im Streit.

Wie rasch wird der Einsatz für Gerechtigkeit zur Gewalt! Frieden ohne Gerechtigkeit kann Unrecht zementieren, Gerechtigkeit ohne Frieden kann über Leichen gehen. Das wir sowohl dem Frieden wie auch der Gerechtigkeit nachjagen sollen, erweist noch einmal die Brüchigkeit, die Fragilität und Fraglichkeit beider.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ wollen wir der Friedensnobelpreisträgerin EU zurufen. Damit sie mehr tut für die Resozialisierung von Kindersoldaten oder die Beseitigung von Landminen. Damit Friedenkräfte unterstützt werden und damit deutlich wird, auf militärischen Einsätzen liegt kein Segen. Und die Finanzmittel für zivile, friedliche Ziele verstärkt werden.

Martin Niemöller, der erste Kirchenpräsident unserer Landeskirche, begeisterter Militarist im Ersten Weltkrieg und entschiedener Gegner Hitlers im Zweiten Weltkrieg, mahnte bereits 1961, dass es angesichts der modernen Waffen nur den Weg des Gewaltverzichtes gäbe:

„Eins ist gewiß: wenn der Friede noch eine Möglichkeit ist, dann kommt er nicht von selbst; dann gehören Mühe und Schweiß und Opfer dazu, wenigstens die Möglichkeit nicht zu vertun und den Frieden zu gewinnen. … Die Stunde ist spät, und die Zeit ist kurz: das Damoklesschwert des selbstverschuldeten Untergangs hängt über der Menschheit bis ans Ende aller Tage; aber bis an das Ende aller Tage ergeht auch der Ruf: „Suchet den Frieden und jaget ihm nach.“

Das Nachjagen, das Engagement, manchmal ist es von Erfolg gekrönt. Im letzten Jahr bekamen junge Leute den Friedensnobelpreis. Diejenigen, die sich in der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) engagieren. 10 Jahre zuvor gegründet, legten sie die Finger in die Wunden unserer Welt. Lenkten die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen. Machten deutlich, dass es dringend geboten ist, Atomwaffen abzuschaffen und sie vertraglich zu verbieten. Nun endlich. Über 60 Staaten haben den UN-Vertrag zum Atomwaffenverbot bisher unterzeichnet, die Bundesrepublik leider nicht. In Büchel in der Eifel stehen immer noch 20 US-Atomwaffen, die auf ihre Unschädlichmachung und Entsorgung warten.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“

Was macht mein Schmetterling – mit seiner Leichtigkeit und Farbenpracht? Lädt er dazu ein, sich zu bewegen, ihm nachzulaufen und ihn zu erhaschen?

Kommen wir für Schalom, für Frieden, für das umfassende Wohlergehen aller Menschen in Bewegung? Nicht nur die nächsten 365 Tage bieten uns dazu Gelegenheit. Gut, dass die Jahreslosung uns daran erinnert.

Eine jüdische Weisheit fordert uns auf: „Gehöre zu den Schülern Aarons: Frieden liebend und dem Frieden nachjagend“ (Pirke Abot)

AMEN


Mechthild Gunkel, Darmstadt-Eberstadt
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