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Jetzt ist die Zeit
Predigt zu Röm 13,11-12

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN.
Liebe Gemeinde,
den Frieden haben wir jetzt geweckt, hoffentlich!
Nun geht es darum, dass auch bei uns der Wecker klingelt, dass wir wach werden und aufstehen.
Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom im 13. Kapitel seines Briefes:
11 Seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben. Unsere Rettung ist jetzt noch näher als damals, als wir zum Glauben kamen, und es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht.
12 Die Nacht geht zu Ende, bald bricht der Tag an. Darum wollen wir uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, und die Waffen des Lichts ergreifen.
Liebe Geschwister, um ehrlich zu sein: Die Waffen stören mich ein wenig in einem Gottesdienst zur Friedensdekade; aber dem Apostel geht es ja nicht um die Ausübung von Gewalt, sondern im Gegenteil darum, die Liebe zur Tat werden zu lassen, wie er unmittelbar vor unseren beiden zitierten Versen dargelegt hat.
Wenn Paulus davon spricht, dass “unsere” Rettung “jetzt” näher sei als zu dem Zeitpunkt, da die Angesprochenen zum Glauben kamen, dann meint er damit etwas, das von unserer Gegenwart zweitausend Jahre entfernt ist: Damals waren die Christen davon überzeugt, dass es noch zu ihren Lebzeiten geschehen werde, dass Christus mit den Wolken des Himmels zu ihnen kommen und das Reich Gottes vollenden werde.
Das hat sich als nicht haltbare Erwartung erwiesen.
Wenn Sätze wie diese auch heute gern herangezogen werden, Bestandteile unserer gottesdienstlichen Texte sind, vorgesehen für den 1. Advent, dann ist mir die Stichwortverbindung “die Rettung ist nahe” zum Weihnachtsfest ein bisschen zu schlicht; als ginge es nur um einen - wenn auch wichtigen - Festtag im Kalender und nicht um das Ende der Geschichte.
Bleiben wir also wortwörtlich bei dem, was Paulus bei den Christen Roms einfordert, nämlich, sich klarzumachen, in was für Zeiten wir leben. Olaf Scholz hat ja das Schlagwort “Zeitenwende” bemüht, um deutlich zu machen, dass der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine eine geschichtliche Epoche beendet hat.
Obwohl damit durchaus Richtiges ausgesprochen wurde, bleiben wir doch lieber dabei, die eigentliche und maßgebliche Zeitenwende in jenem Ereignis zu sehen, nach dem wir unsere Jahre zählen: die Geburt Jesu, das Erscheinen Christi, die Offenbarung der Liebe Gottes, seine Menschwerdung.
Seid euch bewusst, in was für einer entscheidenden Zeit wir leben!
Zeiten der Verunsicherung sind das: Junge Menschen sehen oftmals kaum einen gangbaren Weg in eine berufliche Zukunft, die ihnen ein verlässliches Auskommen sichert, wissen um massive Probleme in der Krankenversicherung und bei der Altersvorsorge und spüren überdies jetzt bereits die katastrophalen Folgen des stetigen Klimawandels.
Und wer bereits einige Jahrezehnte Lebenszeit hinter sich gebracht hat, hat erlebt, dass es früher bezahlbare Wohnungen und einen halbwegs funktionierenden Staat gegeben hat, erinnert sich an Winter mit Schnee und Eis - auch in Berlin - und daran, dass Höflichkeit und Rücksichtnahme dann und wann auch gelebt und nicht nur propagiert wurde.
Es ist höchste Zeit, dass ihr aus dem Schlaf aufwacht!
Die Menschen in Kijiv, in Saporischa, in Charkiv schrecken so gut wie jede Nacht aus dem Schlaf auf - immer dann, wenn Drohnen und Raketen auf ihre Heimat zu fliegen und die Sirenen heulen. Die ganz Alten unter uns erinnern sich an Kindertage, die ähnlich waren...
Es ist höchste Zeit, wahrzunehmen, dass etwas geschehen muss - nur weiß kaum jemand, was genau zu geschehen hat, um die multiplen Krisen zu lösen.
Aufrüstung mag unvermeidlich geworden sein - nicht um Krieg zu führen, sondern um davor abzuschrecken -; aber Waffen allein bringen gewiss keinen Frieden. Sicher ist nur: Waffen töten auch ohne Krieg, denn sie verschlingen Unmengen an Geld, das dringend gebraucht würde, um andere Probleme, die wir ja auch reichlich haben, zumindest zu lindern. Ich nenne nur die marode Infrastruktur sowohl von Straßen, Schienenwegen und Brücken als auch von Schulen.
Es ist Zeit, aus dem Traum zu erwachen, dass es nur die richtige Technik braucht, damit alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden können, so dass wir unseren Lebensstil nicht zu ändern brauchen, sondern auch in Zukunft Autos mit Verbrennermotoren fahren können und es im Winter warm haben, obwohl weiterhin über alternative Energien geschimpft wird, als hätten wir noch ewig Zeit, unsere Gewohnheiten auf Nachhaltigkeit hin umzustellen.
Wir wollen uns von allem trennen, was man im Dunkeln tut, appelliert Paulus an seine Adressaten.
Wollen wir?
Da ist eine Entscheidung zu treffen - und zwar sowohl von jedem und jeder persönlich als auch von uns allen gemeinsam.
Wollen wir der internationalen Gewalt Einhalt gebieten?
Das ist nicht einfach. Das behauptet aber auch niemand.
Doch ohne diplomatisches Bemühen geschieht gar nichts, um Konflikte zu entschärfen, womöglich sogar zu beenden. Da gibt es noch einiges zu tun in Gaza und in Israel, im Sudan, in Venzuela, in leider sehr vielen Ländern des Globus.
Wollen wir unsere Freiheit, unsere Selbstbestimmung und unsere Würde - mit anderen Worten: unsere fundamentalen Werte - verteidigen?
Auch das ist alles andere als simpel - aber es gibt Leute, die behaupten, die ganz einfachen Lösungen zu haben, etwa für den Wohnungs- und den Arbeitsmarkt.
Die von rechts propagierte Radikalkur, die sich einzig auf ein Problemfeld richtet, das man allerdings ehrlicherweise auch nicht verschweigen darf, nämlich die Inanspruchnahme unserer Sozialsysteme durch dazu nicht Berechtigte: Die schlichte und brutale Vertreibung jener, die man als Störenfriede identifiziert - nein: stigmatisiert - löst unsere Probleme nicht, sondern hebelt die demokratische Kultur aus, verhindert einen diskussionsbasierten friedlichen Interessenausgleich und bewirkt somit das Gegenteil dessen, was bewirken zu wollen jene Leute vorgeben, die uns glauben machen möchten, wir hätten zu viele Fremde aufgenommen, obwohl wir doch wissen, dass wir dringend auf Zuwanderung angewiesen sind
- für die vielen offenen Stellen, nicht nur von hochqualifizierten Fachleuten auf allen möglichen Gebieten, die ganz offensichtlich für die meisten Menschen ohne Arbeit nicht attraktiv genug sind;
- um halbwegs eine demographischen Balance zu erhalten, obwohl in unserem Land viel zu wenig Kinder geboren werden;
- aber auch, um den Reichtum einer kulturellen Vielfalt zu bewahren, von der wir alle profitieren, die ich nicht missen möchte und die allermeisten von uns ebensowenig.
Noch mehr angewiesen sind wir aber darauf, dass wir unseren inneren Kompass nicht verlieren, dass wir eintreten für ein maßvolles Miteinander - Paulus würde sagen: Dass wir alles in Liebe tun.
Das klingt für die allermeisten viel zu emotional - Liebe setzt in ihren Augen Nähe voraus. Und zum anderen kann man ja kaum erwarten, dass andere sich an dem orientieren, was wir Christen womöglich vorleben.
Falsch!
Falsche Reihenfolge.
Genau darum geht es nämlich für uns Christenmenschen: Dass wir vorleben, wie es gehen kann mit dem Zusammenleben, damit dann andere sich daran ein Beispiel nehmen können.
Und ja: Liebe heißt im biblischen Kontext nicht Schmusen und Küssen, sondern wahrnehmen und würdigen, dass der andere “wie du” ist: ein Mensch mit Bedürfnissen.
Nicht alle Unterschiede zwischen Arm und Reich müssen in einer großen Revolution eingeebnet werden; das ist bislang noch immer schiefgegangen war stets mit Gewalt verbunden.
Aber dafür zu sorgen, dass alle Menschen bekommen, was sie zum Leben brauchen - das wäre möglich, wenn man es wirklich wollte. Und es würde, da bin ich mir sicher, zu einer großen ZuFRIEDENheit führen.
Ich bin überzeugt: das wäre ein Weg zum Frieden.
Lass dich wecken, Shalom - in uns und um uns her!
Amen.
Stephan Schaar


