Mit offenen Augen vor Gott

Predigt aus der Themenreihe ''Leib und Seele''


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Von Blindheit und Erkenntnis bis hin zu Gottes wachsamer Nähe: Biblische Bilder rund um das Sehen laden uns dazu ein, uns selbst zu prüfen, den Blick schärfen zu lassen und Gottes Wirklichkeit neu wahrzunehmen.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! AMEN.

Liebe Gemeinde: Der Weise hat Augen im Kopf, aber der Tor tappt im Dunkeln. Koh 2,14

Das wollte ich Euch immer schon mal sagen.

Aber das ist nicht böse gemeint. Und seid nicht traurig: Das blinde Volk hat er herausgeführt, das doch Augen hat, und die Tauben, die doch Ohren haben. Jes 43,8

Da ist noch reichlich Hoffnung - für jeden von uns!

Einmal nämlich werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Jes 35,5

Der Herr sprach zu mir (Um genau zu sein, sagte er das zum Propheten Ezechiel): Du Mensch, nimm dir alles zu Herzen, und sieh mit deinen Augen, und höre mit deinen Ohren auf alles, was ich dir sage zu allen Satzungen des Hauses des Herrn und allen seinen Weisungen, und richte dein Herz in allen Ausgängen des Heiligtums auf das, was gilt für den Zutritt zum Haus. Ez 44,5

Und weiter spricht Gott - allerdings nun durch den Propheten Sacharja:

Wer hat da den Tag der kleinen Dinge verachtet? Man wird sich freuen und den Stein mit Zinn sehen in der Hand Serubbabels! Sieben sind es, die Augen des Herrn, sie schweifen über die ganze Erde. Sach 4,10

Ihr Lieben, es behauptet niemand, dass die Bibel leicht zu verstehen sei - schon gar nicht, wenn man Zitate wild aneinander reiht!

Aber bestimmte Sprachbilder kehren häufiger wieder, etwa die Warnung davor, nur nach dem äußeren Anschein zu urteilen - etwa so: Der HERR sprach zu Samuel: Schau nicht auf sein Aussehen und seinen hohen Wuchs, ihn habe ich verworfen. Nicht, wie der Mensch urteilt - denn der Mensch urteilt nach den Augen, der Herr aber urteilt nach dem Herzen. 1Sam 167

Ganz gegensätzlich klingt der Rat des Predigers [Koh 69]: Besser genießen, was man vor Augen hat, als das Verlangen schweifen lassen. Auch das ist nichtig und ein Greifen nach Wind.

Derselbe Weise kann aber auch sagen: Freue dich, junger Mann, in deiner Jugend, und dein Herz erfreue dich in deinen Jugendtagen. Geh deinen Weg mit Verstand und mit offenen Augen. Und wisse, dass über all dies Gott mit dir ins Gericht gehen wird. Koh 119

Jesus folgt dieser Spur, wenn er sagt: Das Licht des Leibes ist das Auge. Wenn dein Auge lauter ist, wird dein ganzer Leib von Licht erfüllt sein. Wenn dein Auge böse ist, wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß ist dann die Finsternis! Mt 622f.

Seid also auf der Hut und täuscht euch nicht! Das könnte drastische Konsequenzen haben.

Jesus warnt vor solch falscher Sicherheit [Lk 1813]:

Der Zöllner stand abseits und wagte nicht einmal seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und sagte: Gott, sei mir Sünder gnädig!

Bevor man allerdings anderen Leuten kluge Ratschläge gibt, sollte mal lieber noch einmal in den Spiegel schauen. Ich zitiere abermals Jesus: Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem Auge aber nimmst du nicht wahr? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen, und dabei ist in deinem Auge der Balken? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge. Dann wirst du klar genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. Mt 73-5

Natürlich ist es gut gemeint, dem Bruder / der Schwester behilflich sein zu wollen. Aber mit einem Brett vor dem Kopf ist das schwierig, eigentlich unmöglich.

Niemand kann wollen, dass es so weit kommt, dass jemand rät: Wenn dein Auge dich zu Fall bringt, reiß es aus und wirf es von dir. Es ist besser für dich, einäugig ins Leben einzugehen, als mit beiden Augen in die Feuerhölle geworfen zu werden. Mt 189

Und denke niemand, es ginge hier lediglich um den Gesichtssinn! Es geht um den gesamten Körper, es geht um den ganzen Menschen mit Leib und Seele. Paulus erinnert daran: Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht, auch nicht der Kopf zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. 1 Kor 1221 Und weiter: Wenn das Ohr sagt: Weil ich nicht Auge bin, gehöre ich nicht zum Leib, gehört es nicht dennoch zum Leib? Ist der ganze Leib Auge, wo bleibt das Gehör? Ist er aber ganz Gehör, wo bleibt dann der Geruchssinn? 1 Kor 1216f.

Es wäre doch phantastisch, liebe Geschwister, wenn hier in der Kirche jemand ebenso reagierte, wie es von Paulus beschrieben wird: Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und er sah wieder; und er stand auf und ließ sich taufen. Apg 918

Das war natürlich, bevor er geschrieben hat, was ich zuvor verlesen habe - in Damaskus, wo er erst gar nichts sehen konnte und dann Christus vor Augen hatte. Unermüdlich wirkte er von da an als Verkündiger der Frohen Botschaft, und entsprechend enttäuscht war er, wenn ihm von Streit und Problemen berichtet wurde. So schimpft er: Ihr unverständigen Leute von Galatien, wer hat euch behext? Ist euch Jesus Christus nicht vor Augen gestellt worden als Gekreuzigter? Gal 31 In demselben Brief verbindet er schwerwiegenden Tadel mit einem Ausdruck tiefster Verbundenheit - nur dass er diese mittlerweile vermisst: Der Grund, euch selig zu preisen, wo ist er nun geblieben? Ich kann euch nämlich bezeugen: Ihr hättet euch, wenn möglich, die Augen ausgerissen und sie mir gegeben! Gal 415

Dies möchte man nicht als geistiges Bild vor Augen haben, nicht wahr? Das klingt ja wie aus einem Grusel-, wie aus einem Splatterfilm!

Die Spruchweisheit Israels lehrt: Totenreich und Abgrund sind unersättlich, und unersättlich sind die Augen des Menschen. Spr 2720

Da halten wir es lieber mit dem jungen Mann aus dem HohenLied der Liebe [Hld 65]: Wende deine Augen ab von mir, denn sie haben mich verwirrt.

Aber nein, es geht ja um unsere eigenen Augen!

Da gilt mitunter, was im Jesajabuch [Jes 5910] beklagt wird: Wie die Blinden an der Wand müssen wir tasten und tasten, als hätten wir keine Augen! Am Mittag sind wir gestrauchelt wie in der Dämmerung, unter den Wohlgenährten sind wir wie die Toten.

Der fromme Hiob weiß: Gott erniedrigt, die hochmütig reden, wer aber die Augen niederschlägt, dem hilft er. Hiob 2229 Für sich selbst nimmt er in Anspruch: Ich war Augen für den Blinden und Füße für den Lahmen. Hiob 2915 Trotzdem wurde er von Gott geschlagen, und er ringt mit sich selbst und mit Gott um Trost, um Verstehen. Doch er bekennt trotzig: Ich werde ihn schauen, und meine Augen werden ihn sehen und niemand sonst. Hiob 1927. Denn schließlich ist Gott ja auch für Leute da, die sich viel weniger zugute halten können als er selbst: Er gibt ihnen Sicherheit, und sie stützen sich darauf, und seine Augen wachen über ihren Wegen. Hiob 2423

Es dauert lange, bis er diese Worte über die Lippen bringt: Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich gesehen. Hiob 425

Lange Zeit hindurch hatte er nichts als Klagen gekannt und machte Gott bittere Vorwürfe: Kein Auge, das nach mir sieht, erblickt mich, wenn deine Augen mich suchen, bin ich nicht mehr da. Hiob 78

Bei allem Verständnis für Hiobs zornige Zuwendung zu Gott - andere Personen haben da ganz andere Erfahrungen machen dürfen, die sie mit uns teilen. Habakuk etwa findet, dass Gott zu sehr über Böses hinwegsieht: Zu rein sind deine Augen, um das Böse anzusehen, und Unheil kannst du nicht anschauen. Warum schaust du denen zu, die treulos handeln, schweigst, wenn ein Übeltäter den verschlingt, der gerechter ist als er? Hab 113

Der Beter des 90. Psalms [Ps 904] ist sich zumindest dessen bewusst, dass Gott nicht mit menschlichem Maß zu messen ist: In deinen Augen sind tausend Jahre wie der gestrige Tag, wenn er vorüber ist, und wie eine Wache in der Nacht.

Die Überlegenheit Gottes wird vielfältig beschrieben und gerühmt - so etwa in den Sprüchen [Spr 153]: Die Augen des Herrn sind überall, sie wachen über Böse und Gute. Oder so: Vor den Augen des Herrn liegen die Wege eines jeden, und er achtet auf alle seine Bahnen. Spr 521

Gott selbst bestätigt das mit den Worten des Propheten Jeremia [Jer 1617]: Meine Augen sind auf alle ihre Wege gerichtet, sie können sich nicht verstecken vor mir, und meinen Augen ist ihre Schuld nicht verborgen. Und er verspricht seinem Volk ein Land, in dem nicht nur Milch und Honig fließen, sondern zugleich eines, auf das der Herr, dein Gott, beständig acht gibt, auf dem die Augen des Herrn, deines Gottes, ruhen, vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres. Dtn 1112 Weil es auf dem vierzigjährigen Weg durch die Wüste immer schwerer wird zu glauben, dass das eines Tags noch wahr werden wird, erinnert die Thora Israel stets daran: Ihr habt mit eigenen Augen die großen Taten gesehen, die der Herr getan hat. Dtn 117

Gott geht so weit, die Fremdvölker zu warnen, wer sein Volk ausplündert, taste seinen eigenen Augapfel an. Sach 122

Das bringt für sein Volk im Gegenzug Verpflichtungen mit sich - etwa diese: Du sollst das Recht nicht beugen, die Person nicht ansehen und keine Bestechung annehmen, denn Bestechung macht die Augen der Weisen blind und verdreht die Sache dessen, der im Recht ist. Dtn 1619 Ganz ähnlich klingen die umfassenden Ermahnungen aus der weisheitlichen Literatur [Spr 321]: Mein Sohn, lass nicht aus deinen Augen Klugheit und Umsicht, achte darauf.

Ganz in diesem Sinne äußert sich auch der Apostel Paulus in seinem Brief nach Philippi [Phil 24]: Habt nicht das eigene Wohl im Auge, sondern jeder das des andern.

Überhaupt greifen die ersten christlichen Autoren die Ethik des Ersten Bundes auf - mit Ausnahme jener Bestimmungen, die mittlerweile als überholt gelten, wie die Regelung von Schadenersatz: Da sollst du kein Mitleid kennen: Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß. Dtn 1921

In der frühen Gemeinde soll Rücksichtnahme und Mitgefühl den Umgang miteinander prägen - auch und erst recht im Konfliktfall: Wenn dein Bruder an dir schuldig wird, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Mt 1815 Stets aufs neue wird ermahnt: Urteilt nicht nach dem, was vor Augen liegt, sondern sprecht ein gerechtes Urteil. Joh 724

Gottes Umgang mit seinem Volk oszilliert zwischen Ermahnen und Zürnen einerseits und Vergeben und Verheißen auf der anderen Seite - je nachdem, wie die Angesprochenen sich gerade verhalten.

Durch den Mund des Propheten Jesaja [Jes 434] hört Israel: Weil du teuer bist in meinen Augen, geachtet bist, und weil ich dich liebe, gebe ich Menschen für dich und Völker für dein Leben. Jeremia hingegen klagt mit eben jenen Worten, die uns aus Jesu Mund bekannt vorkommen: Ist denn dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, in euren Augen eine Räuberhöhle geworden? Auch ich, seht, ich habe es gesehen! Spruch des Herrn. Jer 711

“Die Augen schließen”, “die Augen ausstechen”, “Aug’ in Aug’ mit Gott sein”, etwas “mit eigenen Augen gesehen haben” und schließlich auch “die Augen zudrücken”- all das und mehr könnte man noch anführen.

Aber ich will Ihnen ja noch unter die Augen treten können; deshalb komme ich zum Schluss, und zwar zunächst mit einem Zitat, das über sich hinausweist in eine Zeit, die Gott seinem Volk verheißt, eine Zeit, da in Erfüllung gehen wird, was Gott versprochen hat - jene Zeit, die wir er-warten: Spruch dessen, der Gottesworte hört und Erkenntnis hat des Höchsten, der die Offenbarung Schaddais schaut, hingesunken und mit enthüllten Augen: Ich sehe ihn, doch nicht jetzt, schaue ihn, doch nicht nahe. Ein Stern tritt hervor aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel... Num 2416f.

Und dann gibt es zu guter letzt noch dieses weiterzusagen: Zu seinen Jüngern gewandt sprach Jesus: Selig die Augen, die sehen, was ihr seht. Lk 1023 Amen.


Stephan Schaar