Sehnsucht nach einem radikalen Glauben? Oder: Ein Skandal im ''Heidelberger''

Mittwochs-Kolumne von Barbara Schenck plus Kommentar


Foto: barun patro / sxc.hu

Gott hat befohlen, "die Lästerung seines Namens ... mit dem Tode zu bestrafen". Vor Schreck verschlägt es mir ein wenig die Sprache. Das steht in unserem "Heidelberger", Frage 100. Während Verleger von Kinderbüchern diskriminierendes Vokabular aus Klassikern streichen, um ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden, publiziert die Kirche die Forderung nach Todesstrafe für Blasphemie in einem Bekenntnis- und Unterrichtsbuch für Jugendliche.

HK 100 im Wortlaut:
"Ist es denn eine so schwere Sünde, Gottes Namen mit Schwören und Fluchen zu lästern, dass Gott auch über die zürnt, die nicht alles tun, um es zu verhindern?
Ja;
denn es gibt keine Sünde, die größer ist
und Gott heftiger erzürnt,
als die Lästerung seines Namens.
Darum hat er auch befohlen,
sie mit dem Tode zu bestrafen."

Der Heidelberger beruft sich ganz unbefangen auf 3. Mose 24,16: "Wer den Namen des Herrn lästert, muss getötet werden."
Eine arglos daherkommende Zitation des biblischen Worts ist Frage 100 im Jahr 1563 allerdings nicht. Im 16. Jahrhundert wurden Kirchenreformer zu "Ketzern" erklärt und Wiedertäufer hingerichtet, zu "Hexen" verunglimpfte Frauen brannten auf Scheiterhaufen.
Ohne Kommentar steht Frage 100 auch in den neuen und neusten Ausgaben unseres reformierten Bekenntnisses. Ich fass' es nicht. Wie kann das sein?
Nehmen wir unsere eigene Tradition nicht mehr ernst genug, um die Schärfe und die Drohgebärde dieser Worte zu hören?
Oder lassen wir die Worte im Bekenntnis stehen, weil tief in uns die Sehnsucht schlummert nach einem radikalen Glauben? Ohne wenn und aber für eine Sache eintreten, immer genau wissen, was richtig und was falsch ist, das wäre doch mal was. Kein Deut Zweifel kratzt am eigenen Glauben und wehe, wehe, jemand lästert den Namen meines Gottes! Wer meinen Gott beleidigt, beleidigt auch mich. Und das lasse ich nicht zu! Ein Abgrund tut sich auf.
Von Ferne ruft der französische Humanist Sebastian Castellio: "Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten".

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Quellen:
Den Hinweis auf die Todesstrafe in HK 100 verdanke ich dem Katechismus-Talk mit Prof. Dr. Reinhold Bernhardt im SRF:
www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/trost-und-glaubensfibel-450-jahre-heidelberger-katechismus

Predigt zu HK 99 und 100 von Klaus Bröhenhorst auf heidelberger-katechismus.net

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Barbara Schenck, 6. Februar 2013

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Kommentare

6.2.2013

Vielleicht tut es uns gut, zur Kenntnis zu nehmen, welche Radikalismen auch in unserer Tradition schlummern. In der Begegnung z.B. mit Äußerungen islamischer Fundamentalisten. Interessant ist auch die Frage: Was hat uns geholfen, solche steilen Aussagen zu überwinden? Es waren Aufklärung und Humanismus, zwei eher als kirchenkritisch oder gar kirchenfeindlich eingestufte Bewegungen. Eine solche Äußerung - gegen die wir heute mit aller Härte ankämpfen - im eigenen Traditionsgut macht uns demütig. Und damit vielleicht auch offen.

Susanne bei der Wieden