So riecht „reformiert“

Hans-Georg Ulrichs Reformierter Protestantismus im 20. Jahrhundert


Durchgearbeitet. (Foto: Rieger)

Rolf Wischnath schreibt eine Rezension über die konfessionsgeschichtlichen Studien, die in einem 800-seitigen Buch zusammengefasst wurden.

Hiermit liegt eine Geschichte von Reformierten in Deutschland in den letzten hundert Jahren vor. Geschrieben hat sie Hans-Georg Ulrichs (Jahrgang 1966), der derzeit Referent im Nationalen Kodinationsbüro für die ÖRK-Vollversammlung 2021 in Karlsruhe ist. Zudem ist er Vorsitzender der „Gesellschaft für die Geschichte des reformierten Protestantismus“ und Mitglied des Moderamens des Reformierten Bundes. Sein Buch umfasst achthundert Seiten und mehr als zweieinhalbtausend Fußnoten. Es kostet – hinsichtlich des Umfanges vertretbar - siebzig Euro. Die vorgelegten 25 historischen Studien sind allermeist von 1994 bis 2018 an anderen Stellen veröffentlicht worden. Sie werden hier für eine kumulative Habilitation in Osnabrück miteinander verbunden.

Der Verfasser bezieht sich auf Vergangenheiten des Reformierten Bundes e. V.. Was ist der „Reformierte Bund“? Der erste Generalsekretär Karl Halaski [1908 - 1996] informiert 1977, dass dieser keine reformierte „Kirche“ sei, sondern ein Bündnis von evangelisch-reformierten Gemeinden, landeskirchlichen Vertretern und Einzelpersonen, „in der Gestalt eines ‚eingetragenen Vereins‘ - ohne kirchenleitende, institutionelle Funktionen“.

Der Titel des großen Buches ist so zu verstehen, dass hier nicht übernationale, globale reformierte Dimensionen bedacht werden. Sondern zur Darlegung kommen „konfessionelle Orientierungsgrößen“ und „Höhepunkte konfessioneller Selbstvergewisserung“ (25) aus Deutschland; zum Beispiel „Jubiläen“ des Heidelberger Katechismus oder des Calvin-Jahres 2009. Von der Nachkriegszeit an rücken nur noch herausgehobene Personen und Ereignisse aus Westdeutschland ins Bild. Eine verantwortbare Beschäftigung mit dem „Reformierten Generalkonvent in der DDR“ fehlt gänzlich.

Der Verfasser muss mehrere Jahre an seinen Studien gearbeitet und unzählige Stunden in Konsistorien und Landeskirchenämtern, in Archiven und Bibliotheken, in Universitäten und der „Gauckbehörde“ mit Erkundigungen und Gesprächen und der Arbeit am Schreibtisch verbracht haben. So ist zu verstehen, dass er hier mit seinem „Lebensthema“ (6) befasst ist.

Zur äußeren Form des Werkes: Ulrichs vermag Aspekte und Perspektiven mit oft ausführlichen Anmerkungen zu ergänzen. So entsteht ein zweiter kleingedruckter Text unter dem ersten großgedruckten. Oft ist der kleingedruckte länger als jener. Das ganze Buch zu lesen, wird dadurch zur Strapaze. Und es kann einem leicht passieren, dass man sich mitten in einem Kapitel so verläuft, dass man nicht mehr weiß, worauf das Ganze hinausläuft.

In inhaltlicher Hinsicht seien folgende Hauptaspekte hervorgehoben: Das Buch beginnt mit einem Zitat des Heidelberger Philosophen Karl Jaspers: „ … vor allem dürfen wir uns nicht losreißen vom geschichtlichen Grunde“ (5). Ulrichs versieht den überraschenden Einstieg mit der Fußnote 1: „Der Dienstsitz des Verfassers ist Jaspers‘ Wohnhaus in der Heidelberger Altstadt, so dass er sich dessen Genius kaum entziehen kann“ (5).

In den folgenden Studien gelingen dem Verfasser enorme Beobachtungen und wichtige und weniger wichtige Details. Besonders hervorzuheben ist die Studie über „Die Reformierten in Deutschland während des Ersten Weltkriegs“ (83 – 123). Aber auch der Bericht über „Die Reformierten im Herbst 1945“ ist in jeder Hinsicht instruktiv. Nicht nur Insider des Reformierten Bundes, sondern auch Ökumeniker können diese beiden Studien mit Spannung und Erkenntnisgewinn lesen.

Das Gewicht der Ausführungen liegt bei Einzelpersönlichkeiten in den Grenzen des Reformierten Bundes. Es sind vornehmlich Kirchenleiter („Moderatoren“), die in den Blick kommen. Da deren männliches Wirken aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet wird, kommt es zu andauernden Verdoppelungen der Ausführungen. Aber auch zwei Frauen werden geehrt:

Die Gemeindeschwester Antje Swart  [*1915 - +2003), die allenthalben von Ulrichs „Schwester Antje“ genannt wird, tritt uns vor Augen. Sie schuftete Jahrzehnte lang und unter widrigen Umständen im Gebiet der Nordwestdeutschen-reformierten Kirche (648 – 679). Ulrichs würdigt sie in der Perspektive ihres „aufopferungsvollen Dienstes“ und ihrer „von radikaler Selbstausbeutung“ bestimmten Existenz: „Ihr Leben und Arbeiten war gelebte Frömmigkeit“ (678).

Auf den Seiten 458 – 468 des Werkes wird die zweite Frau herausgestellt. Es ist die 39jährige Susanna Pfannschmidt [*1895 – +1989] deren Bericht über die Barmer Synode 1934 dokumentiert wird. Dieser Text ist das ungewöhnliche Zeugnis einer Zeugin, die die Aktivitäten der Männer-Bekenner-Schar bilderreich und eindringlich zu schildern vermag. Es ist verdienstvoll, dass ihr Bericht über die Sternstunde des Protestantismus durch Ulrichs Arbeit bekannt und zitierfähig wird.

Susanna Pfannschmidt wurde später die Frau Wilhelm Niesels, des seit den 50er Jahren in der welt-weiten Ökumene bekanntesten und reformiertesten Reformierten aus Deutschland. Mit dessen Weg und Werk und Wirken befasst sich der Verfasser vielseitig und mannigfach in mehr als der Hälfte seiner Studien. Hier gibt es allerlei Wiederholungen und wieder und wieder Textüberschneidungen. Eine Frage bleibt dennoch für Hans Georg Ulrichs offen: „Ob sich Niesel und seine spätere Frau Susanna in Barmen 1934 dann nicht nur gesehen, sondern auch schon lieben gelernt haben?“ (456) Das wäre dann ja recht eigentlich nach und mit der Barmer Erklärung ein weiteres eines Buches wertes Ereignis jener bedeutendsten Synode des Protestantismus gewesen.

Oft geraten Ulrichs Charakterisierungen seiner Männer zu farbenfrohen und verschmitzten Würdigungen. Dafür drei Beispiele: Vom Alttestamentler und Systematiker, dem späteren Moderator der achtziger Jahre, Hans Joachim Kraus [1918 - 2000] heißt es, er habe eine verderbliche „Sozialismus-Affinität“ gehabt und sein Wirken als „Kirchenpolitiker“ sei desaströs gewesen. Gleichwohl gönnt der Verfasser ihm ein gutes Wort: „Vielen ist Johnny Kraus als ein fröhlicher Mensch in Erinnerung, der gut ‚palavern‘ und über Fußball im Allgemeinen und Fortuna Düsseldorf im Besonderen fachsimpeln konnte“ (210)

Über den früheren Helmut-Gollwitzer-Assistenten und Moderator in den siebziger Jahren Hans Helmut Eßer [1921 - 2011] ist zu lesen, dass er „ein rechtschaffener, solider Calvin-Forscher“ (202) war, in aller Anständigkeit „umsichtig und seelsorgerlich“, in seiner den Reformierten Bund leitenden konservativen Wirkmächtigkeit „in der Balance von verstehender und widerstehender Menschenführung“. Summa summarum „war er sogar der richtige Mann zur richtigen Zeit“ (203). Weiterhin: „Man könnte Eßer als den Helmut Schmidt der Reformierten bezeichnen“ (203). Er sei eben auch wie Schmidt am Ende seiner Dienstzeit von den Linken aus dem Amt gestoßen worden: „Im Dezember 1981 warf der 60jährige Eßer das Handtuch.“ (204)

Schließlich erfährt man über den uneingeschränkt und höchst laudierten Karl Halaski (s. o.): „Nicht nur die typisch barthianische Pfeife, sondern auch ein Glas Rotwein oder Hausmusik mit seiner Frau am Klavier und ihm selbst an der Querflöte, Theaterbesuche und zahlreiche Reisen waren fester Bestandteil seines bildungsbürgerlichen Lebens“ (584).

In einer weiteren Studie erörtert Ulrichs sodann „Reformierte Erinnerungsnarrative im 20. Jahrhundert“, welche in Deutschland liegen (773-801). Für‘s erste Drittel wird „Wuppertal als ein Epizentrum der reformierten Renaissance“ (776) wahrgenommen. Für das zweite Drittel des Jahrhunderts kommt Karl Barths Kirchliche Dogmatik (KD) in den Blick. Sie habe ehedem deren Abonnenten ein „haptisches Erleben“ bereitet. Und sie tue das bis heute. Denn wer sie derzeit in Antiquariaten kaufe, bemerke, „dass das Papier gebräunt ist. Das liegt einerseits an der Qualität des Papiers, andererseits aber auch daran, dass viele Barth-‚Schüler‘ wie der ‚Meister‘ Pfeife rauchten und so riecht die alte KD auch – und so riecht ‚reformiert‘“ (781).

Insgesamt errichtet das Werk nach dem Selbstverständnis des Autors mehrere „Denkmäler“ für die Männer und Kirchenleiter und für Antje Swart und Susanna Pfannschmidt. Aber er ist sich dabei auch seiner Grenzen bewusst: „Denkmäler sind mächtige Zeichen der Zeit, verwittern aber und werden von oben durch Vögel und von unten durch Hunde besudelt“ (784).

Der durch solche Sichtweisen ausgelöste Frohsinn darf nicht übersehen, dass Hans-Georg Ulrichs als unnachsichtiger Kritiker der 68er Linken im Reformierten Bund erscheint. So hätten jene eine Resolution zugunsten mosambikanischer Flüchtlinge auf der Hauptversammlung 1972 zu Hamburg eingebracht: „Das war bereits die Tonlage des neuen Linksprotestantismus, der durchaus stille Sympathien für diejenigen hatte, die auch mit Waffengewalt die politischen Verhältnisse ändern wollten“ (521).

Am Ende seiner Studie (736 – 770) über die Reformierte Friedenserklärung („Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Friedensverantwortung der Kirche“ und ihrer These: „Nein ohne Ja zu den Atomwaffen“ - 1982) verantwortet Hans-Georg Ulrichs den Abdruck (771f.) eines bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gesuchten und gefundenen Papiers. Es handelt sich dabei um einen recht kurzen, sehr peinlichen und untertänigen Brief. Diesen Brief hat 1984 der Vorsitzende des Reformierten Generalkonvents (DDR) aus Anlass des 35. Jahrestages der DDR verfasst. Der Brief ist gerichtet an den Staatssekretär für Kirchenfragen Klaus Gysi - und leider abgeschickt worden.

Die Veröffentlichung dieses Briefes ist in Hans Georg Ulrichs Werk die einzige und einzigartige brüderliche Berücksichtigung der Reformierten aus Ostdeutschland. Sie soll beim Leser den Eindruck erwecken: Die Friedenserklärung des Reformierten Bundes und die kleine Schar der Reformierten in der DDR haben zugunsten der Diktatur wohlfeile Lippendienste geleistet und willfährig Erich Honecker zu Diensten gestanden (771f.).

Was wollen wir nun (nicht nur) hierzu sagen? Was bedeutet das alles?

Georges Casalis, französisch- reformierter Pfarrer, Widerstandskämpfer, nach dem Krieg kurzzeitig Militärpfarrer der Franzosen in Berlin, Ikone aller senkrechten Calvinisten hüben und drüben schreibt 1983: „Ein Kommilitone sagt einem Freund von mir auf dem Kasernenhof: ‚Du bist reformiert, nicht wahr?‘ – ‚Wieso?‘ antwortete mein Freund. – ‚Klarer Fall: Du richtest mich und die ganze Welt ständig‘!!!“
 

Hans-Georg Ulrichs, Reformierter Protestantismus im 20. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht 2018, 838 Seiten, 70 €

Rolf Wischnath (*1948) war in Soest, Mülheim und Berlin evangelisch-reformierter Pfarrer und von 1995 bis 2014 Generalsuperintendent des Sprengels Cottbus. Momentan ist er Honorarprofessor der Universität Bielefeld.


Rolf Wischnath

Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog wird erneut verliehen

Ausschreibung zum 80. Jahrestag der Ermordung am 12. August
Zum 80. Jahrestag der Ermordung von Werner Sylten am 12. August schreibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zum siebten Mal den Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog aus.

Quelle: EKMD