Über

'Eine Urverwandtsschaft von Jazz und Kirche'


Matthias Krieg, Theologischer Sekretär der Reformierten Kirche Zürich und Mitbegründer von "Bluechurch", erklärt im Interview, wie Musik und Glaube im Zusammenspiel harmonieren.

Redaktion jazz-fuer-ein-vertrauen.de: „Jazz für ein Vertrauen“ - so heißt der Titel des Programms, das mit dem Reformierten Bund in Deutschland und der Reformierten Kirche Zürich am Kirchentag in Dortmund 2019 stattfinden wird. Das Besondere in diesem Jahr: Unter dem Label „Bluechurch“ werden auch zahlreiche Musiker die Veranstaltungen begleiten. Sie, Herr Krieg, gehören zu den Begründern des Labels: Was ist Bluechurch?

Matthias Krieg: Bluechurch ist ein Netzwerk aus Jazz-Musikern, die sich der Kirche verbunden fühlen, und Kirchenverantwortlichen, deren Musiksprache der Jazz ist. Prinzipiell steht das Netzwerk allen Interessierten offen. Mitglieder sollten aber auch selbst aktiv werden, etwa mit Jazz-Gottesdiensten. Aktuell haben wir 174 Mitglieder. Zum Zwingli-Jahr haben wir seit kurzem außerdem auch Huldrych Zwingli als Ehrenmitglied.

jazz-fuer-ein-vertrauen.de: Wie kam es zu der Idee?

Matthias Krieg: Die Idee kam uns im Februar 2017 in Leipzig bei einem Bier. Damals war ich als Referent zum Liturgischen Fachgespräch geladen. An einem der Abende unterhielt ich mich mit Uwe Steinmetz, dem Saxofonisten aus Berlin – und da merkte ich, wie viele Jazzmusiker er kennt, die kirchennah sind. Da dachten wir uns: Wäre doch schade, wenn wir die Leute nicht stärker vernetzen könnten. Also gestalteten wir ein eigenes Label mit Homepage. Fürs Label gab es einen feierlichen Auftakt in Zürich. Als auch die Homepage da war, konnten wir ab Advent 2018 bis Mai 2019 jedes Wochenende einen Jazzgottesdienst in der Zürcher Kunsthalle durchführen. Mit unseren Mitgliedern treffen wir uns regelmäßig. Und einige werden auch beim Kirchentag mitmachen.

jazz-fuer-ein-vertrauen.de: Was verbindet Jazz und Kirche?

Matthias Krieg: Jazz ist eine universale Sprache. Man kann Jazz überall und mit allen Instrumenten machen, wenn man möchte auch auf Kochtöpfen. Jazz hat die Kraft, alle vorhandenen Musiksprachen zu öffnen und zu integrieren. Man kann Jazz zu Folklore oder zu Nationalhymnen machen. Es gibt Jazz über afrikanische Musik aber auch hervorragenden arabischen Jazz. Diesen Anspruch der Universalität hat auch Kirche. Beide verbindet eine Offenheit und Toleranz, die ich sehr schätze. Ähnlichkeiten stecken auch im Prinzip der Improvisation: Wenn Jazzmusiker improvisieren, dann erleben sie etwas, das man in der Theologie „Geistesgegenwart“ nennt. Sie schaffen mit handwerklichen Kenntnissen etwas Einzigartiges. Die Musik, die beim Jazz erklingt, ist deshalb immer wieder neu und wird so nur einmal zu hören sein. In der Theologie wird das Feld des Geistes, die „Pneumatologie“, leider oft vernachlässigt. „Geistesgegenwart“ wird durch perfekte Liturgie oft nahezu wegorganisiert. Dabei steckt allein in den Worten „Komm, Heiliger Geist“ eine Urverwandtsschaft von Jazz und Kirche.

jazz-fuer-ein-vertrauen.de: Wenn Jazz und Geistesgegenwart immer wieder etwas Einzigartiges hervorbringen: Gibt es dann überhaupt noch Regeln?

Matthias Krieg: Natürlich! Weder Musik noch Glaube werden beim Improvisieren neu erfunden, sondern es wird aus ihnen geschöpft: Ein Musiker hat eine grosse Palette von Liedern, Melodien und Figuren im Kopf, die er in seiner Improvisation aufgreift und verarbeitet. Man denke nur an das berühmte „Köln Konzert“ von Keith Jarrett: Der Musiker hat damals den Pausengong als Inspiration genutzt. Ähnlich lässt sich das auch im christlichen Glauben beobachten. Wenn Gott mit Mose am Dornbusch spricht, dann gibt es dafür keinen festen Zeitplan: Treffpunkt um 13 Uhr. Trotzdem ist das Geschehen nicht zufällig. Gott und Mose schöpfen aus dem, was ihnen eigen ist, was sie sich angeeignet haben.

jazz-fuer-ein-vertrauen.de: Beim Kirchentag wird es im Rahmen von „Jazz für ein Vertrauen“ unter anderem mehrere Jazzgottesdienste geben. Wie unterscheiden die sich?

Matthias Krieg: Zunächst einmal natürlich durch die Musik. In den Gottesdiensten spielen wir mit der Musiksprache des Jazz. Da gibt es Niegehörtes, oft aber auch Titel, die sich leicht mitsingen lassen. Wie sich der Gottesdienst weiter entwickelt, lässt sich vorab oft nur schwer sagen. Meist gibt es keine klassisch niedergeschriebene und dann vorgelesene Predigt. Das würde auch zum Konzept der Improvisation nicht passen. Oft geht es nur um einen Textvers aus der Bibel, der in der Predigt dann auch mit persönlichen Erfahrungen ins Gespräch kommt. Ziel ist eine hohe persönliche Präsenz, aber auch, dass der Gottesdienst interaktiv wird und die Besucher zum Mitmachen angeregt werden.

jazz-fuer-ein-vertrauen.de: Wie erleben Sie die Reaktionen der Besucher?


Matthias Krieg: Die Menschen merken meistens nach ein paar Minuten: Da ist etwas anders. Dann haben sie eine ganz andere Wachheit. Dann sehe ich keine sitzenden Rezipienten mehr. Die Leute gehen viel mehr mit. Mir hat zum Beispiel nie jemand gesagt, dass ein Gottesdienst mal zu lang gewesen wäre. Auch die Musik macht vielen Leuten mehr Lust mitzusingen. Wenn jemand wie Chanda Rule Musik macht, dann hat das beinahe etwas Ansteckendes wie in „Sister Act“. Das sind Lieder, da müssen die Besucher keine Schulstimme haben, da muss sich keiner gezwungen fühlen mitzumachen.

jazz-fuer-ein-vertrauen.de: Welche weiteren Programmtipps haben Sie für den Kirchentag?

Matthias Krieg: Im Programm von „Jazz für ein Vertrauen“ kann ich besonders unsere „Themenpodien“ empfehlen. Wir werden mit Experten zu verschiedenen Situationen in der jüngeren Geschichte sprechen, wo Vertrauen eine besondere Rolle spielte. Da geht es unter anderem um Huldrych Zwingli: Er lebte in einer Zeit der Vertrauenskrise, am Ende des Mittelalters. Alte Machtstrukturen, die Positionen von Kaiser und Papst, Armut und Pest, das alles wurde nun hinterfragt. Ich selbst werde in einem anderen Themenpodium über verschiedene Schriftsteller sprechen, die solche Schwellen in der Geschichte erlebten: Theodor Fontane in Berlin etwa, der für das Ineinander von Einheimischen und Fremden steht, oder Gottfried Keller in Zürich, der das Ineinander von städtischen Modernisieren und bodenständigen Konservierern erlebt. Zum Karl-Barth-Jahr 2019 beschäftigen wir uns außerdem damit, wie Barth nach dem Chaos des Ersten Weltkriegs die Kirche revolutioniert hat. Die zentrale Frage bei all unseren Themenpodien lautet: Wie kann man in einer Zeit des Übergangs und der Krise verschiedene Positionen so zusammenbringen, dass alle Vertrauen in die Zukunft finden? In Gesprächen, auch mit den Gästen, werden wir nach Lösungen zu dieser Frage suchen.