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Vom rechten Freispruch
Predigt zum Buß- und Bettag

Gebet
„Gnädiger, geduldiger Gott,
offen von unserer Sünde zu reden
gelingt uns selten.
Schuld einzugestehen
fällt uns schwer,
und die Bitte um Vergebung
will kaum über die Lippen.
Lieber reden wir uns heraus,
sagen: So schlimm war es doch gar nicht,
oder: Andere sind noch schlechter als ich.
Du hast es schwer mit uns, Gott.
Wir machen dir Mühe
mit unserer Uneinsichtigkeit und unserem Stolz.
Wir kränken dich in deinem Erbarmen
mit unserer Selbstgerechtigkeit.
Gott, hilf uns,
ehrlich mit uns selber zu werden.
Erspar uns das Erschrecken nicht
über die Abgründe unserer Seele
und das Böse, das wir anrichten
mit Worten und Taten.
Aber überlass uns nicht der Verzweiflung,
wenn wir einsehen,
dass Vieles nicht wieder gutzumachen ist.
Gott, vergib uns unsere Schuld
und lass uns zu neuen Menschen werden
im Vertrauen auf dich.“1
Predigt
Liebe Gemeinde,
seid Ihr schon mal in einer Kirche gewesen, von der die Menschen sagen, sie sei eine lebendige, vielfältig begabte Gemeinde, von der aber Gott sagt, sie sei tot (s. Apk 3,1b)? Nein? Der heutige Predigttext konfrontiert uns mit einer solchen Gemeinde, um uns besser kennenzulernen. Hören wir, woran der Prophet Jesaja Israel erinnert:
„10Hört das Wort Jahwes, ihr Fürsten von Sodom! Merk auf die Weisung unseres Gottes, du Gomorrhavolk!
11Was soll mir die Menge euer Schlachtopfer?, spricht Jahwe. Ich bin satt der Brandopfer an Widdern und des Fettes der Tiere aus der Mast, und Blut der Lämmer und Böcke – ich mag es nicht. 12Kommt ihr, mein Antlitz zu sehen…wer solches von euch verlangt, so dass man meine Vorhöfe zertritt? 13Bringt nicht länger Geschenke, die nichtig, Rauchopfer, die mir ein Gräuel sind! Neumond, Sabbat und Festtage ausrufen: ich mag nicht Frevel und Feiertag. 14Eure Feste und eure Versammlungen sind mir tief verhaßt, sind mir zur Last geworden, ich bin müde, sie zu ertragen. 15Und breitet ihr eure Hände aus, verhülle ich meine Augen vor euch. Auch wenn ihr noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voll Blut.
16Wascht euch, reinigt euch! Entfernt die Bosheit eurer Taten, mir aus den Augen damit! Hört auf, böse zu handeln, 17lernt Gutes tun! Fragt nach dem Recht, führt der Unterdrückten Wohl! Verteidigt das Recht der Waise, führt der Witwe Sache zum Sieg!
18Kommt, wir halten miteinander einen Rechtstreit, spricht Jahwe. Wenn eure Sünden wie Karmesin sind, können sie dann weiß gelten wie Schnee? Wenn sie rot sind wie Purpur, können sie wie Wolle sein?“2
I Gottes Freispruch
Der letzte Vers bereitet mir Kummer. Wer ist mit „wir“ gemeint? Wer wird angesichts dieses Blutvergießens3 im Rechtsstreit bestehen? Wenn mit „wir“ Israel – also Gottes Eigentumsvolk4 – gemeint ist, wer kann dieser Gerichtsrede standhalten? Was ist, wenn auch wir in dieses „wir“ eingeschlossen sind? Kirche und Israel gehören zusammen! Wird dieser Richter nicht auch uns richten? Gewiss! Wer kann bestehen? Nur einer! Aber wer?
Hans Wildberger schreibt zum letzten Vers: „Die Radikalität der Opferkritik wie die Vertiefung der Gehorsamsforderung der Propheten überhaupt führt an Fragen heran, die erst jenseits des Alten Testaments ihre Antwort finden.“5 Jenseits, aber nicht fern! Paulus spricht uns diesen Ort diesseitig (schon jetzt) zu: in Jesus Christus. Er ist es, der das Gericht erträgt, um unsere Sünden wegzutragen – ein für alle Mal und allezeit gültig. Merken wir uns gut, was Paulus sagt:
„Ihn hat Gott dazu bestellt, Sühne6 zu schaffen, die durch den Glauben wirksam wird, durch die Hingabe seines Lebens. Darin erweist er seine Gerechtigkeit, dass er auf diese Weise die früheren Verfehlungen vergibt, die Gott ertragen hat in seiner Langmut, ja, er zeigt seine Gerechtigkeit jetzt, in dieser Zeit: Er ist gerecht und macht gerecht den, der aus dem Glauben an Jesus lebt.“ (Röm 3,24-26, ZB)
Diese Sühne, diese Hingabe, diese Geduld, diese Gerechtigkeit: sind einmalig, unvergleichlich, unüberbietbar. Christi Kreuz ist nichts, überhaupt nichts Vergleichbares zur Seite zu stellen. In ihm ist unser aller Versöhnung. In ihm hat Gott uns befreit von unseren „Verfehlungen“. In ihm sagt der Gott Israels unwiderruflich Ja zu dir – zu mir. Er, Jesus Christus, ist unsere Versöhnung, unser Frieden! Von diesem konkreten Freispruch im Gericht kommen wir her. Er trug, was wir nicht tragen können: unsere Feindschaft gegen Schöpfer und Geschöpf. In Jesu Augen sind wir, wie Mose, Freunde Gottes. Nur der geliebte Sohn macht uns in den Augen des liebenden Vaters annehmbar, angenehm. Was macht Israel, was tun wir, die wir zu Israel hinzugekommen (Eph 2,12-147) sind?
II Unsere Synthesen
Im Angesicht der freien Liebe Gottes verwundert es, dass Jesaja so hart mit Israel spricht. Seine Rede ist schonungslos ehrlich, seine Worte werden die schmerzen, die sie recht verstehen; aber Jesaja will nicht verbal vernichten. Er will aufrichten. Wen? Die treulosen Genoss:innen Gottes! Womit konfrontiert Jesaja die Jerusalemer Tempelgemeinde? Mit einem dreifachen Tadel! Der Prophet tadelt erst die geheuchelte Frömmigkeit (Idolatrie), dann den respektlosen Gottesdienst (Gewalt) und den beschämenden Umgang mit Benachteiligten (Missachtung).
1. Idolatrie
Jesaja erinnert die Gemeinde: Es ist nicht Gott, der Opfer braucht. Israel braucht sie! Das Volk lebt unversöhnt. Calvin bemerkt, dass Israel die Torah völlig missdeutet: Wenn der Gott Israels tatsächlich Opfer nötig hätte, ist Gerechtigkeit Einbildung.8 Gott will keine Opfer, er will – das ist Gerechtigkeit – Gehorsam. Er fordert als Befreier Loyalität. Opfer machen nie Gott, sondern immer Israel rein, wahrhaftig und besonnen.9 Jesaja prangert magische Opferpraktiken an: Die „Frommen“ wollen den Gott Israels ergreifen, in den Griff kriegen – Israel will seinen Eroberer erobern10, will sein wie Gott11. Diese Illusion treibt Jesaja der Gemeinde gründlich aus.
Warum? Weil darin ans Licht kommt, dass Israel sich selbst opfern will. Kennen wir nicht auch Menschen, die sich für andere opfern. Gott will das nicht. Das erste Gebot untersagt Opfer. Jesu Opfer reicht, reicht für alle! So wenig Gott will, dass wir uns anderen als Opfer hingeben, eben so wenig will er, dass wir uns selbst opfern. Etwa für eine gute Sache. Oder gar für einen Krieg! Für meinen und deinen Opfer- und Totenwahn ist Jesus Christus gestorben und ist er auferweckt worden von den Toten. Lasst uns das sein!
Ihr Lieben, wir wollen uns das von Jesaja heute einmal gesagt sein lassen mit dem Opferwesen. Die Jerusalemer Tempelgemeinde will sich selbst anbeten. Sie findet es ganz schick, selbst über Täter und Opfer bestimmen zu können. Der Richtgeist ist sehr ausgeprägt: Alles und jeder wird angeklagt. Aber alle, die opfern, irren sich, so Jesaja: Der Stadtfürst, die Priester, das Volk, der Bürgermeister, die Christen- und die Bürgergemeinde. Sie alle kennen Torah nicht. Aus ihren, ich würde sagen, tollen Wünschen erwachsen widerliche Taten – Respektlosigkeit im Umgang miteinander. Jesaja nimmt kein Blatt vor den Mund. Er schimpft:
„Kommt ihr, mein Antlitz zu sehen…wer solches von euch verlangt, so dass man meine Vorhöfe zertritt? Bringt nicht länger Geschenke, die nichtig, Rauchopfer, die mir ein Gräuel sind! Neumond, Sabbat und Festtage ausrufen: ich mag nicht Frevel und Feiertag. 14Eure Feste und eure Versammlungen sind mir tief verhaßt, sind mir zur Last geworden, ich bin müde, sie zu ertragen. 15Und breitet ihr eure Hände aus, verhülle ich meine Augen vor euch. Auch wenn ihr noch so viel betet, ich höre es nicht. Eure Hände sind voll Blut.“
Der Gottesdienst, der Dienst, den Gott erweist, wird zum Event – führt zur Vermassung. Masse statt Klasse. Wie das? Der Vorhof des Tempels wird zertrampelt. Jesaja spricht nicht von einem ästhetischen No Go. Der Umgang der Gemeinde mit Gott und gemeinsam schreit zum Himmel.
Wer zertrampelt hier? Es sind „Fromme“, welche furchterregende Opfer bringen. Welche Opfer können derart schaurig sein, dass Gott sich von seiner Gemeinde abwendet? Hören wir gut zu:
2. Gewalt
Festtage und Verbrechen begehen. Sabbate feiern und Blut vergießen. Was ist denn das für eine Räuberbande? Verstehen wir es bitte recht: Verbrechen und Blutschuld fangen nicht da an, wo unsereine zum Mörder wird. Sie fängt früher an: kleiner, unscheinbarer, verborgener. Aber sie findet statt, sagt Jesaja. Was widert den Gott Israels so an? Unser scheinheiliges Gerichtswesen! Das, was Jesaja kritisiert, ist die übergriffige Neigung des frommen Menschen den Heiland und andere Heilsbringer, Christus und Mammon verehren. Das Gebot ist unzweideutig! Auch wenn wir es noch so biegen. Kein andrer neben mir.12 Dieser Gott fordert ungeteilte Aufmerksamkeit, wenn es um seine Menschen geht, die für weiß was geopfert und gerichtet werden sollen.
Der Vater Jesu Christi ist ein aufdringlich-drängender Gott.13 Wie würdest du dich fühlen, wenn dein Mann mehrere Frauen neben dir hält? Wenn eine Frau einen anderen Mann neben dir liebt? Es sind diese Synthesen, die unheiligen Allianzen und garstigen Bündnisse, die uns zu Richtern machen, unfrei machen. Weil wir tatsächlich glauben, wir seien Richter – über uns selber, über unsere Nächsten und gar noch über Gott.
Im Angesicht Jesu Christi ist das gelogen – Israel stellt neben die Bundeslade Götterbilder von Fruchtbarkeitsgöttinnen. „Was ist schon dabei?“, fragen vielleicht einige unter uns. Ja, „machen doch alle!“ Aber Jesajas Gott spricht: Entweder ich oder keiner! Ganz oder gar nicht! Gott freut sich über die richtigen Atheisten, die wissen, dass sie ihn nicht lieben können. Wissen wir das auch? Wenn nicht, sind wir nicht besser als die Gemeinde in Jerusalem oder die Gemeinde in Sardes, von der es heißt, dass dieser Gott sie „tot“ nennt. Jesaja spitzt zu: Wer diesem Gott eine Projektion von Gott zur Seite stellt, dessen Gebet wird überhört. Ist der „Fehler aller Heuchler“ nicht „Aussicht auf Erhörung“14?
Jesaja ist immer noch nicht fertig. Was sich solche „Frommen“ gegenüber JHWH erlauben (wie könnte es anders sein), leisten sie sich auch untereinander. Sie machen sich damit vor Gott und Mitmensch und vor sich selbst ganz lächerlich; konkret: vor denen in der Gemeinde und denen, die noch oder schon aus der Gemeinde heraus sind. Vor allem vor Letzteren!
3. Missachtung
Die, die glauben, sie würden Gott und ihrem Nächsten durch Opfer einen Gefallen tun, sind im Grunde scheinheilig. Wieso? Weil sie sich laut Jesaja nicht waschen! Dieses Bild ist stark. Wer Gott Gott und Mensch Mensch sein lässt, hört auf, Dreckisches zu tun, lernt Gutes, ja, verteidigt die sozial Benachteiligten – damals die Waisen und Witwen. Das wollen wir einmal aufrichtige Umkehr nennen! Den Waisenkindern und Witwen soll, was für eine Zumutung, zum Sieg gegen ihre Unterdrücker verholfen werden. Aber wie, wenn Menschen sich anmaßen, Gott zu spielen und all ihre Nächsten richten, statt aufzurichten? Auch hierin erwartet Jesaja letztlich alles vom Gott Israels. Aber das heißt mitnichten, dass wir uns ausruhen sollen auf dem Sieg Christi!
Jesaja schlägt einen dringend fälligen Blickwechsel für alle Heuchler vor: Er schaut und er hört auf die, die unters Rad gekommen sind. Wo sind die Ausgestoßenen, die Gemobbten, die sog. Freaks? Damals sind es wie heute die unversorgten und so mit Recht besorgen Witwen. Frauen, die unverschuldet in Not geraten, da sie unmündig gemacht wurden oder weil sie sich unmündig machen ließen. Wo die christliche Gemeinde mit solchen Menschen sich konfrontiert und dann auch begabt weiß, wird sie Hilfe leisten, wird sie an einen fürsorgenden Gott glaubt, der uns so will, wie wir sind. Sie wird weder übergriffig noch wird sie ihre Hilfe als Opfer vertuschen. Sie wird tun, was recht ist: In Einheit mit der Bürgergemeinde Sorge tragen für die benachteiligten Frauen – seien sie alt oder jung, seien sie gesund oder krank. Diese Begriffe sind vor dem Gott Israels relativ. Aber schauen wir zum Schluss genauer hin:
III Den Opfern häuslicher Gewalt
Ich riskiere einen letzten, konkreten Blick. Aber nicht ich sehe und höre, sondern mir wurde es gezeigt und angesagt, dass unser Blick zu wenig auf denen ist, die in unserer Gesellschaft immer mehr ganz an den Rand geraten. Nicht weil sie so böse, sondern weil unsere Gesellschaft derart verlogen ist. Indem sie einem Denken und Handeln frönt, Kinder und dann Jugendliche seien zu züchtigen – mit Gewalt in den Griff zu kriegen. Hierzu zählt neben Schlagen (physisch) Vernachlässigen (psychisch) unserer in der Minderheit befindlichen Minderjährigen, die von der Politik ganz von der Kirche noch zu oft allein gelassen wird. Gewiss, wir alle geben uns Mühe – aber lasst uns lieber ehrlich sein! Wir wollen aufrichtig leben angesichts der Gnade Gottes, der im Evangelium des Jesaja erzählt wurde und angeredet hat:
Marode Schulgebäude! Lehrermangel! Überforderte und darum überfordernde Eltern (sowie Lehrer)! Unsichere und vor allem medial unbegleitete Schüler. Da sind Kinder, die lernen wollen, aber verdummt werden. Da leben junge Leute, die engagiert, gewillt sind, denen aber wenig bis nichts zugetraut wird. Lasst uns Tacheles reden: Wehe uns, wenn wir weiter wegsehen und weghören.
Da leben Mädchen und junge Frauen unter uns, die von ihren Eltern oder von Verwandten oder von Ehemännern geschlagen, belästigt, traumatisiert werden. Ihre jungen Leben sind geprägt von Gewalt und Schuld, von Opfern, ja, von Schändungen ihres Namens, ihrer Würde, ihrer Integrität, ihrer Loyalität, die sie an die Falschen vergeudet haben, wie sie hinterher eingestehen. Ihr Lieben, es gibt solche ehrlichen Eingeständnisse, es gibt solche ungeheuchelte Umkehr. Wohl denen, die das tun!
Bleibt die Frage: Was sollen wir tun? Beten? Gewiss! Aber das alleine reicht nicht. Die Jerusalemer haben ja auch gebetet. Und wie! Sie haben die Hände ausgestreckt. Und Gott hat weggehört und weggesehen: „mir aus den Augen“, sagt Jesaja. Wer für die Geschändeten betet, spendet auch für sie. Gebet ohne Kenntnis voneinander, ohne Miteinander, ohne Kommunikation, nämlich mit denen, die es betrifft, ist Gott ein Gräuel. Hier ist der Gräuel aller Gräuel. Alles andere ist nur billige Moral.
Wir, hier, heute, sind es dem Verein wie „nina&nico“ schuldig, wenigstens finanziell etwas zu helfen. Noch ist Deutschland ein reiches Land. Wer um den guten Hirten weiß, und tut sein Wort nicht, wird bald arm. Spendet kräftig! Kommt ins Gespräch mit euren Mitmenschen, mit euren Kindern, mit den Jugendlichen, damit sie lernen, was es heißt, miteinander zu kommunizieren. Hören wir doch mit dem Handygedaddel auf: Zeitfresser.
Liebe Gemeinde, wir alle haben das Versprechen Gottes gehört: Gerechtigkeit erhöht ein Volk. Nur die Sünde ist der Menschen Verderben. Spendet kräftig! Redet wieder miteinander! Schämt euch nicht dafür, wer ihr seid: Ihr seid Überkleidete – Geliebte! Der Gott Israels hat nicht aufgehört, mit uns zu reden. Was für eine ZuMutung!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
1 Das Gebet von Sylvia Bukowski ist im Anschluss an Ps 51 im Rahmen eines zurückliegenden Buß- und Bettages formuliert worden (https://www.reformiert-info.de/Wahrheit%2C_die_im_Verborgenen_liegt-2768-0-84-9.html; Stand: 15.11.2025).
2 Die Übersetzung entstammt dem inspirierenden Kommentar von Hans Wildberger, Jesaja (BKAT, X/1), Neukirchen-Vluyn 1965, 32-33.
3 Blutvergießen meint im AT als Mord auch das „Eindringen in die Machtsphäre Gottes, dessen Schutz dem Blut auf besondere Weise gilt“. Der in Jes 1,11-15 beschriebene Tempelgottesdienst kann als brutale Idolatrie gedeutet werden. R. Kampling, Art. „Blut“, in: Bibeltheologisches Wörterbuch, hg. v. J. B. Bauer, Graz/Wien/Köln 41994, 82 betont, dass ohne „Entsühnung“ Blut auf den Tätern bleibt: „Von hierher ist der Gedanke, Gott bedürfe des Blutes der Opfertiere, unsinnig (Jes 1,11; Ps 50,13)“, 84.
4 Da und indem Israel Gottes Eigentumsvolk ist (Dtn 26,17-19), wird seine Idolatrie in der Torah („Mose und Propheten“) als Abwendung von Schöpfer und Schöpfung gedeutet. Die immer neue Hinwendung zu ihm und ihr begreift Paulus (vgl. Mal 3,6-7) als Güte schlechthin. Wie Jesaja stellt er sich Gottes Urteil und fragt an: „Denkst du aber, o Mensch, der du die richtest, die solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen wirst? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Röm 2,3-4: Epistellesung Buß- und Bettag!).
5 Wildberger, Anm. 2, 49.
6 Karl Barth, der die Verhüllung Gottes als seiner Offenbarung eigentümlich begreift, ist zwar erst in KD I/1 (1932) dogmatisch zu dieser Einsicht vorgedrungen, exegetisch ist sie aber schon im Röm2 (1922) angelegt, heißt es doch zu Röm 3,25: „… wie die Kapporeth des Alten Bundes das Dasein der göttlichen Zeugnisse ebensowohl verdeckte als anzeigte, wie sie sowohl die Verborgenheit als die Gegenwart Gottes verkündigte, so ist auch das Reich Gottes in Jesus, die Versöhnungstätigkeit Gottes in ihm […] ebensowohl verhüllt als offenbart. Es ist zu merken, es ist nicht zu verkennen, es drängt sich auf, dass Jesus der Christus ist, aber in der schärften Paradoxie […]. Versöhnung geschieht am Ort der Versöhnung nur durch Blut, durch die […] Erinnerung daran, dass Gott durch Töten lebendig macht. Versöhnung geschieht auch in Jesus nur ‚durch Gottes Treue in seinem Blut‘, d.h. aber in der Hölle seiner vollkommenen Solidarität mit […] allem Weh des Fleisches, im Geheimnis seiner für uns rein negativen Größe, im Abblenden und Auslöschen aller Lichter (Held, Prophet, Wundertäter), die menschlich leuchten und die, weil und solange Jesus Mensch unter Menschen war, auch in seinem Leben leuchteten, im absoluten Ärgernis seines Kreuzestodes“, Ders., GA, Bd. 47, Der Römerbrief (Zweite Fassung 1922), hg. v. C. van der Kooi u. K. Tolstaja, Zürich 2010, 147 (Hervorhebung im Original). Wer behauptet, dass Menschen schon jetzt in Christus als Sühneort „leuchten“, wird das erinnerungshermeneutisch für alle atl. Propheten aussagen müssen, die aus der Sicht der ntl. Apostel niemand anderen erwarteten als Jesus Christus, den Immanuel (Mt 1,23). Gerade Jesaja (etwa Jes 25,6-9; 26,19) ist im NT (vgl. Lk 24,13-45; 1Kor 15,50-58; Apk 5,6-14) ein beredter Zeuge dieser nachösterlichen Sicht. Wem diese Zusammenstellung allzu christologisch konstruiert erscheint, möge einmal genauer auf die liturgischen und Predigttexte (Perikopen) zum Ostermontag hören.
7 Eph 2, (11-16)17-22 dient 2. Trinitatis als Epistellesung. Im Kommentar zum Sonntag führt Michael Meyer-Blanck aus: „Mit ihren starken Bildern machen es die Texte dieses Sonntags leicht, sich einzufühlen. Jede ist schon einmal eingeladen worden. Jeder weiß, was es heißt, hungrig zu sein und gesättigt zu werden. Diese Erfahrungen verknüpfen sich mit der Einladung: ‚Kommt her zu mir!‘ Aber auch die dazugehörigen negativen Erfahrungsräume sind bekannt: Die meisten Menschen haben schon einmal erlebt, wie es sich anfühlt, ausgeschlossen zu sein und nicht dazuzugehören. Sie sind aber in dieser Hinsicht nicht nur Opfer, sondern auch Täter und tragen dazu bei, dass Menschen sich als Fremdlinge empfinden“: Perikopenbuch, hg. v. der Liturgischen Konferenz für die EKD, Bielefeld/Leipzig 32019, 340. Diese Deutung erweckt den Eindruck, dass Predigende ihr Ziel da nicht verfehlen, wo sie die Ambiguität menschlicher Erfahrungen nur eindrücklich genug verbalisieren. Kehrseite dieser halbgaren Subjektzentrierung stellen die V. 11-16 dar, die die versammelte Gemeinde auf einen doppelten Bruch verweist: Die Kirche ist erstens nicht Erstadressat der Botschaft vom Kreuz, zweitens stehen Heiden und Juden unter demselben Diktum, das das Kreuz impliziert, nämlich dem einer verdeckten Feindschaft mit dem Gott, der in Jesus Christus jüdisches Fleisch annahm. Ohne Berücksichtigung der V. 11-16 könnte eine Predigt über V. 17-22 moralinsauer werden. Frieden ist, so die Zumutung der Epistel, für Juden und Heiden nur im gekreuzigten Auferstandenen zu finden.
8 Johannes Calvin, Der Prophet Jesaja, in: Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift, Bd. XI/1, übers. v. J. Köberle u.a., Neukirchen-Vluyn 1941, 23-24.
9 Vgl. Wildberger, Anm. 2, 37-38.
10 Vgl. Karl Barth, KD I/1, Zürich 1932, 363 (hier in Auseinandersetzung mit einer falsch verstandenen Geschichtstheologie).
11 Vgl. Gen 3,5.
12 Vgl. Ex 20,3
13 Vgl. Ex 20,5.
14 Calvin, Anm. 8, 29. Calvins Deutung der Gerichtsrede hebt auf den anthropomorphen Charakter der atl. Gottesrede ab, etwa wenn er zu V. 12 anmerkt, dass die gottesdienstliche Willkür Jahwe „schmerzt“ (S. 26). Der besondere Akzent der Auslegung Calvins liegt jedoch weniger auf dem atl. Leitmotiv vom „Schmerz Gottes“ (und dessen christozentrischen Implikationen) und mehr auf der Umkehr der Gestrauchelten: V. 15 vorwegnehmend beharrt Calvin darauf, dass Gott als Erzieher der Seinen in Erscheinung tritt, der menschliche „Habgier“ hasst, aber Buße „aus reinem Herzen“ fordert (S. 30-31). Konkrete Lernziele sind darum „Rechtlichkeit“ und „Wohltätigkeit“ (S. 32), die Calvin juristische Anfänge spiegeln. Calvins durchaus lesenswerte Ausführungen leiden jedoch an einem gewissen Grundschaden, der sich in seiner Auslegung des Spitzensatzes in V. 18 klar wiedererkennen lässt, heißt es dort doch, dass der Gott Israel „nicht darum zu tun“ sei, „sein Recht bis ans letzte Ende zu verfolgen“ (S. 34). Wenn dies wirklich zuträfe, wie kann Paulus in Röm 3,24-26 (s.o.) dann genau das Gegenteil behaupten. Gegen Calvin musst festgehalten werden: In dem Messias Israels und Retter der Welt, in Jesus Christus verfolgt der Gott Israels seine Gerechtigkeit und sein Recht bis „ans letzte Ende“, bis ins Höllenreich hinein.
Dennis Schönberger


