''Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln ...''

Predigt zu Galater 5,25-6,10

© Pixabay

von Rolf Wischnath

Galater 5,25-6,10

5, 25 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. 26 Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.

6 1 Liebe (Schwestern und) Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. 4 Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. 5 Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.

6 Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten. 7 Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.8 Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. 9 Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. 10 Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Liebe Gemeinde, meine Schwestern und Brüder, ich habe den Eindruck, der Apostel Paulus hat hier gegen Ende des Galaterbriefes noch einmal alles gesammelt und zusammengeschrieben, was er sonst noch so auf dem Herzen gegen seine schwierige Gemeinde der Galater hat. Einen geordneten, ordnenden, gar systematisch dargelegten Zusammenhang vermag ich nicht zu erkennen. Aber die einzelnen Sätze haben es auch so ganz schön in sich.

So findet Paulus schneidende Worte, um die glaubensschwache, sich dem Evangelium im Alltag der Gemeindepraxis verweigernde Gemeinde noch einmal wachzurütteln: „Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten! Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.“

Das heißt doch: Macht euch keine Illusionen und betrügt euch in religiöser Selbstgefälligkeit nicht selbst; Gott lässt nicht mit sich umspringen, indem ihr euch eine individuelle Begabung mit seinem guten Geist wohl gefallen lasst, euch seiner Wohltaten und Verheißungen freut und tröstet, um dann auf dem Acker eurer Gemeinden und in dieser vorfindlichen Kirche so zu arbeiten und zu säen, als ob es Gott nicht gäbe, als ob er euch seinen Geist nicht gegeben hätte, als ob ihr nun doch und trotz allem auch in der Kirche eure eigenen Herren und Meisterinnen, Trickserinnen und Strippenzieher wäret.

Paulus spricht hier vom „Fleisch" und er meint damit: das elende, selbst-süchtige, seine Interessen in den Mittelpunkt stellende Streben und Trachten des Menschen. „Fleisch“ - das bin ich ohne Gott, das ist der selbstbezogene Mensch, der nichts kennt und anerkennen will als sich selbst, der sich darum durchaus auch im beruflichen und kirchlichen Alltag vor allem auf sich selber verlässt nach dem geist- und gottlosen Motto, das meine Großmutter manchmal sagte: „Verlasse dich auf dich allein und niemals auf die andern, denn du wirst immer bei dir sein, wogegen die andern wandern.“ Auch diese Predigt, die eine Predigtreihe als Vorletzter glimpflich abschließen könnte, darf nicht verschweigen, dass es in unserer verfassten Kirche - wie sollte es anders sein? - auch diese „fleischlichen“ Seiten im Widerspruch zu manchen geistlichen Aspekten gibt. Gegenüber solchem Fleisch und dieser Art Fleischeslust und -motto erinnert der Apostel uns an die Bauernregel: „Was der Mensch sät, das wird er ernten.“

Theologisch ist damit gemeint: Gott behaftet den Menschen bei seinem Tun. Gegen allen evangelischen Missbrauch der Rechtfertigungslehre zur Selbstbestätigung kommt der Apostel am Ende des Galaterbriefs auf den Zusammenhang von Saat und Ernte, von Tun und Folge zu sprechen. Nicht wird dadurch das „allein aus Gnade“ aufgeweicht und eingeschränkt. Nein, nicht mehr geschieht als der Hinweis darauf, dass das Evangelium von der Gnade Folgen hat im Alltag der Gemeinde und der Glaube daran auch an den Folgen im alltäglichen Tun gemessen werden kann.

In diesem Sinne gilt: Gott wird uns bei unserem Tun, bei unserer Praxis behaften, nicht nur in den Gerichten und bösen Folgen unserer Tage, die ja allesamt nichts anderes sind als das von uns selber Angerichtete, als die problematischen Folgen eines problematischen Tuns, - sondern auch und erst recht im letzten großen Gericht am jüngsten Tage: da wird Gott uns noch einmal behaften bei dem, was wir getan und gelassen haben. Und es wird da gelten, was Paulus in diesem Text schreibt: "Ein jeder wird da seine eigene Last tragen" (5). Wie werden wir dann dastehen - mit solcher Last, mit der uns entlarvenden Last? Wie werden wir uns aufrichten können, wenn der nicht unsere Last uns abnimmt, wenn der uns nicht Anwalt und Richter sein wird, von dem Johannes der Täufer sagt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünden trägt“ (Joh. 1, 29b).

Aber eben weil wir das in der Kraft des Geistes hoffen dürfen, dass dann einmal Gottes Lamm uns diese Lasten abnimmt und ER als unser Anwalt für uns eintritt, als unser Richter für uns das Urteil spricht und sein Urteil nicht anders lauten wird als das Urteil vom Hügel Golgatha - eben weil das unser einziger Trost im Leben und im Sterben ist, darum gilt um so dringlicher die Mahnung des Paulus: „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln!“

Liebe Gemeinde in Köln, es wird Ihnen nicht sonderlich gefallen – mir gefällt es auch nicht: Das Wort für "wandeln", das Paulus hier benutzt, gehört in der alten griechischen Umgangssprache gleichsam auf den Kasernenhof. Es stammt aus der Militärsprache: „Im Gleichschritt - marsch!" "Lasst uns im Geist wandeln' - das hieße dann: "Marschiert in einer Reihe, in einer Schlachtordnung - auf Kommando des Geistes!" Wir mögen über den Tonfall erschrecken. Die Sprache ist uns zuwider - hoffentlich! Das haben sie gerade in unserem Land zu lange getan: „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen" und dann "marschiert im gleichen Schritt und Tritt“.

Aber natürlich will Paulus nicht zur Schlacht und zum Kadavergehorsam aufrufen. Jedoch der militärische Akzent dieser Dienstanweisung - „Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln!“ - soll uns doch deutlich machen: Es geht hier nicht um eine Beliebigkeit, um eine freundliche Empfehlung („Hallo, möchtest du vielleicht aufstehen oder lieber noch etwas weiter schlafen?") oder um die Ermunterung zu einem gefälligen Bummel in diese oder jene Richtung. Sondern es geht um einen Befehl auf Grund einer klaren Voraussetzung: "Wenn und weil wir im Geist leben, dann und darum lasst uns auch im Geist wandeln."

Um diesen Befehl zum Ausdruck zu bringen kann Paulus so weit gehen, dass er in unserem Text den Namen "Christus" sogar mit dem Begriff des Gesetzes verbindet. Wer zu Gott „Vater" sagen kann, wer in Anspruch nimmt, was Gott schenkt - die Kindschaft der Geretteten und Befreiten, der steht damit in der Pflicht des Sohnes (der Tochter) und muss auf den Geist Christi als Pflicht auch angesprochen werden. Und die Wahrnehmung dieser Pflicht geschieht nicht nach eigenem Gutdünken. 

Ich denke, die militärische Sprache, die Paulus hier verwendet, macht zumindest dies deutlich: In der Wahrnehmung unserer gemeindlichen und gesamt-kirchlichen Aufgaben  ist nicht je und je unser Belieben das Maß aller Dinge, sondern es gibt in der Dienstgemeinschaft der Kirche Verabredungen und Entscheidungen, die uns zur Pflicht werden und gefälligst auch als Pflicht erfüllt werden müssen. Und es gibt auch hier auf Erden eine irdische Rechenschaftspflicht, der sich auch in der Kirche der Freiheit des Glaubens und des Gewissens niemand entziehen darf.

Es gibt in der Gemeinde Jesu Christi nicht nur die Notwendigkeit, in der Kraft des Heiligen Geistes das Bekenntnis des Glaubens einmütig zu sprechen, sondern auch die Notwendigkeit, sich in wesentlichen Fragen kirchlicher Praxis und Ethik unter Führung und Anleitung des Geistes in die gleiche Richtung zu bewegen. Darum sollen wir in der Kirche vor allem anderen eine geistliche Gemeinschaft der Verlässlichkeit und der Verabredung sein und werden. Und die zur Leitung in der Kirche Berufenen sind daran zu erinnern, dass sie die Mitarbeiter und Gemeinden auch je und je auf ihre Gemeinschaftsfähigkeit, -verlässlichkeit und -pflicht anzusprechen haben. 

Es ist auch in dieser Hinsicht bemerkenswert: Paulus konkretisiert den Befehl zum geradlinigen Wandel im Geist für die Galatische Gemeinde mit der Aufforderung: „Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden“ (26). Offenkundig sieht der Apostel das Milieu der Gemeinde geprägt von Ehrgeiz, Provokation und Neid. Ich glaube, wir kennen das: Ehre, das ist das öffentliche Ansehen, das jemand genießt, die Achtung, die man ihm entgegenbringt, die Achtsamkeit, die Anerkennung und Wertschätzung durch andere Menschen.

Jeder hat ein Recht auf Ehre. Und die Verletzung der Ehre eines anderen, die Ehrabschneidung, sind keine Kavaliersdelikte, sondern tiefgreifende Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte eines Menschen. Paulus bestreitet nicht das Menschenrecht auf Ehre. Aber er warnt zu Recht vor jener eitlen „Ehrbegier“, in der der selbstbezogene Mensch sich selber zum Mittelpunkt wird und immer mehr danach giert, dass auch andere ihn in seiner Selbstüberschätzung anerkennen.

Paulus warnt die Christen in Galatien davor, sich solche Ehre anzumaßen, sie sich gefallen zu lassen und sich daran zu beteiligen. Schon den Anfängen ist hier zu wehren. Denn Eitelkeit und Ehre, Personenkult und Menschendienerei sind Drogen, die uns wegbringen vom Zentrum des Evangeliums: von der guten Nachricht, dass Gott seine Ehre darin gefunden und die Ehre eines jeden Menschen allein darin gerettet hat, dass er in Christus selbst ans Kreuz gegangen ist und im Gekreuzigten einem jeden Menschen seine Schuld vergeben und ihm sein Leben neu geschenkt hat. Wir verdanken uns nicht uns selbst. Und niemand verdankt seine Verdienste sich selbst. Die Ehre gebührt nicht den Menschen, sondern dem, dem wir unser Leben und unser Heil allein zu verdanken haben, der seine Ehre darin gefunden hat, dass er sie für uns dran gab.

Die christliche Gemeinde müsste darum in unserer Gesellschaft die erste Institution sein, die bei allem selbstverständlichen und natürlichen Respekt vor Menschen auch nur die leisesten Anflüge von Eitelkeit, Ehrsucht und Personenkult im Keim erstickt. „Wie könnt ihr glauben, wenn ihr Ehre voneinander nehmt“ (Joh. 5, 44), sagt Jesus. Und: "Wer groß sein will unter euch, der sei euer Diener“ (Mt. 20, 26).

Paulus jedenfalls stellt sich und die Gemeinde unter ein Gebot, das schon in seiner äußeren Ausführung nach sehr anderen Gesten und Gebärden ruft als denen, die uns von allerlei kleinen und großen Würden- und Ehrenträgern in der Regel in ihren aufgetakelten liturgischen und klerikalen Gewändern vorgemacht werden: "Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Einer soll des andern Last tragen, jene Lasten der Sünde und der Beschwernis nämlich, „die - in verborgener oder unverhüllter, in anrührender oder abstoßender Form - den Rücken meines Nächsten krummbiegen“ (A. Boesak). Die krummgebogenen Rücken – nicht Amtskreuze vor dem Bauch - sind die Erkennungs- und Ehrenzeichen der Jüngerinnen und Jünger Christi. - Was das Gebot vom Lastentragen bedeutet, macht Paulus klar an der Frage, wie sich die christliche Gemeinde dem Bruder oder der Schwester gegenüber verhalten soll, der oder die in Sünde geraten ist und unter solcher Schuld zusammenzubrechen droht. Wo die Gemeinde sich dem Schuldiggewordenen zuwendet und seine „Last“ zu ihrer „Last“ macht, da erfüllt sie das Gesetz Christi: das Gesetz dessen, der die Last der Sünde aller Menschen auf sich genommen hat und 'hinauftrug ans Kreuz' (1, Petr. 2, 24), um uns alle und die ganze Welt von solcher Last zu befreien.

Die so von ihrer Last Befreiten werden ermutigt und aufgefordert nun ihrerseits zu tragen - die Last des anderen. Dabei müssen wir nicht wiederholen oder auch nur ergänzen, was allein Christus getan hat und tun konnte: die Sünden der Welt, unser aller Last wegtragen. Es kann allenfalls so viel sein, dass wir die von dieser weggetragenen Last noch auf uns fallenden Schatten und restlichen Brocken gemeinsam ertragen und uns beugen, um die verdunkelten Wege zu erleuchten und erträglich zu machen, was für einen allein un-erträglich ist. Den nicht im Schatten stehen lassen, dessen Lebensweg durch eigene oder fremde menschliche Schuld in besonderer Weise noch verdunkelt wird, darauf kommt es an. Für die christliche Gemeinde muss gelten, dass in ihrer Mitte niemand mehr mit seiner besonderen Last alleingelassen ist.

Ein Ausleger dieses Predigttextes, der Lutheraner Hans-Joachim Iwand, schreibt: „Und das Gesetz Christi verbietet uns, zu fragen, ob unsere Schultern stark genug sind und unser Geist tief genug in Gott gegründet ist, um die fremde Last zu tragen; es genügt, dass uns geboten ist, den anderen unter seiner Last nicht allein zu lassen. Wo man aber eine christliche Gemeinde anträfe, die nichts anderes wäre als eine Ansammlung von solchen, die keine Lasten zu haben behaupten und einander nichts zu tragen geben, vielmehr im Vollgefühl ihres Geistbesitzes satt und zufrieden sind, da kann man wissen, dass dieser hier herrschende Geist mit dem Gesetz Christi nichts aber auch gar nichts mehr zu tun hat“ (H.  J. Iwand, Meditationen, S. 520).

Und so verstehe ich das abschließende Wort des Paulus in unserem Text noch einmal als eine Präzisierung des Gebots vom Lastentragen: „Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“ Dieses Wort macht deutlich, dass der Lastenausgleich nicht nur im Rahmen der christlichen Gemeinde stattfinden darf und soll. Gewiss, niemand von uns kann jedermanns Lasten tragen. Das kann auch eine ganze Gemeinde nicht und auch nicht ein ganze Landeskirche.

Aber es gibt in der Nähe und der Ferne niemanden, den wir ausschließen dürften, wenn es um die Übernahme seiner Lasten geht, wo unsere Rücken und Schultern die Möglichkeit dazu haben. Das "allermeist an des Glaubens Genossen“ ist oft missbraucht worden, um den gemeindlichen Horizont auf die Grenzen der Parochie (Ortsgemeinde) einzuengen und der egoistischen Privatheit unseres Tuns und unserer Hilfe auch noch ein gutes Gewissen zu machen. Es müsste umgekehrt sein. Weil der Blick der Christen die 'Ökumene', den Weltkreis, umspannt, - eben weil ihr Wandel „im Himmel ist“ - laufen sie Gefahr, die Lasten in der Nähe zu übersehen.

So ist dieser letzte Satz unseres Textes gleichsam ein Gebot für solche, die die Flügel des Glaubens zu gebrauchen wissen - und darum daran erinnert werden dürfen, dass sie auch noch Beine haben und gehen können. Aber das ist ja nicht unsere Sorge. Wir müssen zunächst einmal wieder lernen, dass wir Flügel des Glaubens haben und nicht an engen Horizonten scheitern müssen, dass wir solche Flügel in dieser Zeit haben, Flügel, die wir gebrauchen können und sollen und dass für uns gilt: „Wenn wir im Geist leben, dann lasst uns auch im Geist wandeln."

Amen.

Predigt in der Antoniterkirche zu Köln am Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres 14. November 2010


Prof. Dr. Rolf Wischnath
Der einfache Gottesdienst in der Antoniterkirche, Köln

Im Jahr 2010 zum Brief des Paulus an die Galater
 

Nach oben   -   E-Mail  -   Impressum   -   Datenschutz