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Armselig seid ihr

Mittwochs-Kolumne von Paul Oppenheim

Mauer der Wartburg in Thüringen - war das Jubiläumsjahr der Reformation offen und international genug? © Pixabay

Die evangelischen Kirche ist Weltkirche. Von Internationalität war beim Reformationsjubiläum aber nur wenig zu spüren. Eine Feier in geschlossener Gesellschaft?

31. Oktober 2017, 15 Uhr: Der zentrale Gottesdienst zum Reformationsjubiläum wird als Fernsehgottesdienst aus der Wittenberger Schlosskirche ausgestrahlt. Geladene Gäste füllen die Kirchenbänke, die Crème de la Crème deutscher Kirche und Politik sitzt beieinander.

Ja, es ist ein feierlicher Gottesdienst. Der Thomanerchor singt. Der EKD Ratsvorsitzende predigt. Politiker hören artig zu. Lutherzitate werden rezitiert. Die deutsche Ökumene ist hochrangig vertreten und sogar der Generalsekretär des ÖRK ist zugegen, um eine Kopie der 95 Thesen Luthers in Empfang zu nehmen. Mittendrin verliest Margot Käßmann, die „Botschafterin“ des Reformationsjubiläums die Seligpreisungen… auf Englisch!

Was hat dieser Missklang zu bedeuten? Soll er als Alibi für die fehlende Internationalität, für die abwesenden Gäste aus aller Welt gelten? Oder ist er eine Anklage, ein Protest gegen diese ganz deutsche, ganz weiße, ganz bürgerliche Veranstaltung? Ich deute die „Störung“ als einen Weckruf wider die Parallelgesellschaft, die sich zum krönenden Abschluss des Reformationsjubiläums am 31. Oktober 2017 in Wittenberg versammelt hat.

Da wurde vor allem der deutsche Luther mit seiner deutschen Bibelübersetzung mitsamt dem deutschen Kirchenlied und der großartigen deutschen Kirchenmusik zelebriert. Staat und Kirche demonstrierten dabei ihre Zusammengehörigkeit. Es hatte etwas von einer folkloristischen Veranstaltung. Der Rest der Welt schaute von außen zu und wunderte sich.

Der Rest der Welt hatte von unserer evangelischen Kirche erwartet, dass sie ihr großes Reformationsjubiläum kirchlich feiern würde, aber was für alle Welt selbstverständlich war, wurde in Deutschland nicht ernst genommen, nämlich dass dieses Jubiläum nur im engen Schulterschluss mit dem Lutherischen Weltbund hätte geplant und begangen werden dürfen. Auch als Reformierte wissen wir ja, dass der 31. Oktober von 145 lutherischen Kirchen weltweit als „ihr“ Reformationstag gefeiert wird. Wie konnte man in Deutschland ein 500. Jubiläum der lutherischen Reformation planen, ohne sich mit dem Lutherischen Weltbund auf eine gemeinsame internationale Jubiläumsfeier zu verständigen? Selbstverständlich hätte 2017 die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Deutschland – und nicht in Namibia – stattfinden müssen, genauso wie es für die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen selbstverständlich war, ihre Generalversammlung 2017 in Leipzig abzuhalten.

Am 5. Juli wurde in Wittenberg das sogenannte „Wittenberger Zeugnis“ abgelegt, bei dem die Spitzen von Lutherischem Weltbund und Reformierter Weltgemeinschaft ihre weltweite Gemeinschaft und ihre gemeinsame Weltverantwortung bekannt haben. Hier wurde deutlich, dass das, was vor 500 Jahren in Wittenberg seinen Anfang nahm, heute der ganzen Welt gehört, die ganze Welt betrifft und nur mit der ganzen Welt zelebriert werden kann. Zum Wesen unserer evangelischen Kirche gehört inzwischen, dass sie Weltkirche geworden ist. Dazu gehören Lieder in vielen Sprachen und eine Gottesdienstgemeinde, in der sich die ganze bunte Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt. Die Seligpreisungen auf Englisch waren daher ein wohltuender Weckruf: Armselig seid ihr, wenn ihr unter euch bleibt!


Paul Oppenheim
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