Was ist das?
Was ist das?
Wenn mir etwas heilig ist, will ich es nicht hergeben. Im Alltag fällt das Wort schon mal beim Aufräumen. Ansonsten, sagen Kulturpessimisten, dass der modernen Gesellschaft nichts mehr heilig ist. Tatsächlich scheint es so, dass unser rationales Denken immer mehr Geheimnisse lüftet und der Platz immer enger wird, an dem sich etwas Heiliges halten kann.
Nun können wir Menschen anderseits ganz offensichtlich nicht immer vernünftig und berechnend sein, sondern bewerten manche Dinge stärker als andere. Das gibt uns persönlich Halt und verbindet uns auch miteinander. So wie es nämlich persönliche Heiligkeiten gibt, werden auch von Gruppen, Nationen und Religionen bestimmte Dinge zu Heiligtümern erklärt.
Entscheidend ist, wie die Heiligkeit ausgestaltet wird. Eine Möglichkeit der Heiligsprechung ist nämlich, Menschen oder Ideale von anderen abzuheben und sich mit ihrer Hilfe abzugrenzen. Das führt leicht zur Überheblichkeit. Heiligkeit kann aber auch etwas Einladendes haben. Jede und jeder kann sich an Heiligem freuen und das Besondere bewundern. Solche Heiligkeit muss sich durch kritisches Nachfragen nicht bedroht fühlen. Vielleicht sehen wir sie sogar selbst mit einem gewissen Augenzwinkern.
Georg Rieger
Die Beichte ist stark durch ein Klischee geprägt, das manche in katholischen Gemeinden noch erlebt haben, das uns aber vor allem in Filmen immer wieder vorgeführt wird: Jugendliche oder Erwachsene flüstern einem Geistlichen in einem Beichtstuhl persönliche Fehltritte – seltsamerweise in der Mehrzahl sexueller Art – ins Ohr. Diese Verzeichnung tut der Beichte Unrecht und blockiert ein entspanntes Verhältnis zu einem wichtigen Element unseres Lebens.
Über etwas reden zu können, das uns belastet, gehört zum wichtigsten, was wir brauchen, um glücklich zu sein. Die Kirchengemeinden liegen mit ihrem Angebot der Seelsorge eigentlich im Trend. Jede Gesellschaft braucht solche Gelegenheiten und schafft sie auch in Form von Beratungsstellen, psychologischen und therapeutischen Angeboten.
Die Beichte könnte eine Renaissance erleben, wenn sie sich von Klischees befreit und als ein niedrigschwelliges Angebot sichtbar wird, das keine fertigen Antworten bereithält, sondern offene Ohren. Dazu braucht es freilich auch eine klare Definition: Die Beichte öffnet einen Weg, mit sich und Anderen gnädig umzugehen. Wenn die Bereitschaft da ist, über den Glauben zu reden, dann ist Gottes Gnade möglicherweise ein Anstoß, den Druck aus den Konflikten zu nehmen und klarer zu sehen.
Georg Rieger
In der religiösen Praxis spielt das Opfern zwar keine Rolle mehr, als Vorstellung ist es aber durchaus noch vorhanden. Jesus als Opferlamm kommt in vielen Passionsliedern vor und auch in manchen Predigten. Den Tod Jesu am Kreuz als Opfer zu bezeichnen, ist immer noch üblich. Allerdings funktioniert das Bild vermutlich in den Köpfen vieler Zuhörenden nicht mehr so richtig. Denn dazu gehört ja auch die Vorstellung eines Gottes, der ein Opfer will. Und das kommt uns seltsam vor.
Dass unsere Sünden vergolten werden müssen und Jesus das symbolische Opfer dafür sei, soll uns demütig machen. Doch es fällt uns instinktiv schwer, einen grausamen Tod dankbar anzunehmen. Auch das Argument, dieses sei das letzte Opfer gewesen, zieht nicht wirklich. Noch nie wurde eine Sache dadurch beendet, dass man sie noch einmal macht.
Vielmehr hat der Tod Jesu genau mit diesem Aufrechnen von Sünde und Vergeltung aufgeräumt und die bedingungslose Gnade Gottes sichtbar gemacht. Diese Diskussion findet sich schon im Alten Testament und ist bis heute nicht abgeschlossen. Immer wieder fallen wir Menschen in dieses Schema zurück. Es bleibt also eine Herausforderung, unser Verhältnis zu Gott und seines zu uns ohne Opfer zu denken.
Georg Rieger
Georg Rieger