EKiR: Landespfarrer für christlich-jüdischen Dialog sieht ''unerträgliche Arroganz''

Rheinische Kirche bekennt die Treue Gottes zum jüdischen Volk und ist verbunden mit den palästinensischen Christen


Jerusalem; Foto: Berthold Werner/Wikipedia

Mit einem ausführlichen Leserbrief hat Dr. Volker Haarmann, Landespfarrer für christlich-jüdischen Dialog, auf einen heftig diskutierten Artikel im Pfarrerblatt 8/2011 reagiert.

In seiner Erwiderung auf Dr. Jochen Vollmers Beitrag mit dem Titel „Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker. Der Israel-Palästina-Konflikt und die Befreiung der Theologie“ verweist Haarmann zunächst auf den Rheinischen Synodalbeschluss „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ von 1980, der von Vollmer vollkommen falsch interpretiert werde. Das Existenzrecht des jüdischen Staates zu bestreiten, worauf Vollmers Argumentation hinauslaufe, sei ebenfalls vollkommen inakzeptabel.

Wer wie Vollmer behaupte, die Besonderheit des jüdischen Volkes vertrage sich nicht mit staatlicher Verfasstheit, erhebe sich schließlich in unerträglicher Arroganz über die jüdischen Schwestern und Brüder.

Der Leserbrief von Volker Haarmann an das Deutsche Pfarrerblatt im Wortlaut:

Wi(e)der die Bestreitung eines Zusammenhanges von „Volk Israel“ und „Eretz Israel“

Vollmer sucht in seinem polemischen Artikel „Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker. Der Israel-Palästina-Konflikt und die Befreiung der Theologie“ (Pfarrerblatt 8/2011) zweierlei: Sowohl eine Hermeneutik des Alten Testaments, die die vermeintlich „nationalistische“ biblische Differenzierung zwischen Israel und den Völkern überwinden soll, als auch eine Positionierung im andauernden Nahostkonflikt. Den von Vollmer dargelegten Positionen muss in aller Schärfe widersprochen werden, und zwar sowohl was ihre theologischen als auch ihre politischen Grundlagen angeht. An zwei Punkten soll diese Kritik entfaltet werden:

Erstens: Der Rheinische Synodalbeschluss „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ von 1980 war weder ein Versuch, christliche Mitschuld an der Shoa „zu kompensieren“ (- wer könnte dies überhaupt!?), noch ging es darum, den Staat Israel „religiös [...] zu überhöhen“ (aaO, 406). Liest man den damaligen Beschluss unserer Synode genau, so wird man vielmehr feststellen, dass es bei der Interpretation der „fortdauernden Existenz des jüdischen Volkes, seine[r] Heimkehr in das Land der Verheißung und auch [der] Errichtung des Staates Israel“ als „Zeichen der Treue Gottes“ um etwas ganz anderes geht. Es geht nämlich um den theologischen Zusammenhang zwischen Volk Israel und Eretz Israel, den uns die Bibel Alten und Neuen Testaments durchweg bezeugt. „Im Licht biblischer Einsichten wird primär die Heimkehr bzw. das Leben von Jüdinnen und Juden im Land ihrer biblischen Väter und Mütter
als bedeutsam erkannt, erst davon abgeleitet – deshalb die Formulierung „und auch“ – kommt dem Staat Israel theologische Bedeutung zu. Der Staat Israel gilt im Sinne der Barmer Theologischen Erklärung (These V) unter den Bedingungen der unerlösten Welt und der realen Konflikte im Nahen Osten als ein angemessenes Mittel, um jene Heimkehr bzw. jenes Leben im Bereich des biblischen Landes Israel zu sichern und zugleich für Recht und Frieden zu sorgen.“ (1) – Die Bestreitung des Existenzrechts des jüdischen Staates, auf die Vollmers Argumentation demgegenüber letztlich hinausläuft, ist erschreckend und vollkommen inakzeptabel.

Zweitens: Wenn Vollmer schreibt: „Das jüdische Volk ist nicht mehr ethnisch konstituiert und auch nicht an das Land im geographischen Sinn gebunden“ (aaO, 408), so schreibt er als Christ den Juden vor, wie Juden sich zu verstehen haben. Das ist, wie schon H. Gollwitzer gesagt hat, „auch eine Form des Antijudaismus, und die muß aufhören.“2() Dabei hält allein schon die Behauptung, das Volk Israel werde mit dem Exil „zur Glaubensgemeinschaft derer, die an den einen Gott glauben“, einer genauen Lektüre der nachexilischen Texte der Hebräischen Bibel nicht stand. In Jes 56,7 ist eben nicht von einer undifferenzierten Glaubensgemeinschaft, sondern von den „Völkern“ die Rede, die im Haus des Gottes Israels zusammenkommen werden. Dass sich die Völker nach der großen Friedensvision auch anderer nachexilischer Texte nicht irgendwo, sondern am Zion versammeln werden, um vom Gott Israels Recht und Gerechtigkeit zu lernen, widerlegt die Behauptung, konkret geographische Verortung habe nach dem Exil ihre Bedeutung verloren (vgl. z.B. Jes 2/Mi 4). Als Gott Israels, dem es gefallen hat und weiter gefällt, mit diesem Volk eine besondere Bundesgeschichte zu haben, ist Gott der Herrscher aller Welt und aller Völker. Für Christinnen und Christen, so hat es Gollwitzer treffend formuliert, ist Israel trotz aller notwendigen Kritik auch an seiner Regierungspolitik „nicht ein Staat wie jeder andere. Er ist es nur dann, wenn man die hebräische Bibel so schizophren liest, wie es die christlichen
Theologen weithin noch tun: als wäre Israel vor 2000 Jahren gestorben oder verflucht und enterbt worden.“ (3) Wer von Israelis als „Eindringlingen und Räubern“ spricht und deren Recht auf Selbstverteidigung grundsätzlich in Frage stellt (aaO, 404), wer behauptet, „die Besonderheit des jüdischen Volkes [...] verträgt sich [...] nicht mit einer staatlichen Verfasstheit, wie sie anderen Völkern eigen ist“ (aaO, 407), der erhebt sich in einer unerträglichen Arroganz über unsere jüdischen Schwestern und Brüder. Dem widersprechen wir in aller Deutlichkeit. Das „Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leides der Palästinenserinnen und Palästinenser“, das sogenannte „Kairos-Palästina Dokument“, (4) ruft uns dazu auf, erneut zum Nahostkonflikt Stellung zu beziehen. Unrecht muss auf Seiten Israels wie auf Seiten der Palästinenser offen kritisiert werden. Im Unterschied zu der von Vollmer vertretenen Argumentation geht es uns in der Evangelischen Kirche im Rheinland dabei allerdings darum, unser Bekenntnis von der Treue Gottes zum jüdischen Volk mit unserer Verbundenheit mit unseren palästinensischen Mitchristen in Einklang zu bringen. Das exklusive Gegenüber, das Vollmer zwischen diesen Positionen konstruiert, lassen wir uns nicht aufdrängen.

Dr. Volker Haarmann,
Landespfarrer für christlich-jüdischen Dialog
in der Evangelischen Kirche im Rheinland
Hans-Böckler-Str. 7
40476 Düsseldorf

Anmerkungen

1 Katja KRIENER, 60 Jahre Israel - ein Zeichen Gottes!?, Die Evangelische Kirche im Rheinland im Ringen
um ihre Aussagen zum Staat Israel, in: Kirchliche Zeitgeschichte 21 (2008) 22–38, 35.
2 Helmut GOLLWITZER, Stellungnahme zu dem theologisch-politischen Traktat in "Der Rote Korach" Nr.
10, in: Junge Kirche 37 (1976) 429–432, 431.
3 ebd., 432.
4 Kairos Palästina. Die Stunde der Wahrheit ; ein Wort des Glaubens und der Hoffnung aus der Mitte des
Leidens der Palästinenser, Bethlehem 2009.

Quelle: ekir.de / roß / 25.08.2011

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