Am Straßenrand

Predigt zu Lukas 18, 31-43 am Sonntag Estomihi, 14. Februar 2021


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Von Kathrin Oxen

Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

An jedem Morgen nehmen ihn die anderen mit vor die Stadt, die Armen, Verkrüppelten und Lahmen. Es gibt kein Licht, das ihn aufwecken könnte. Das tun die Morgengeräusche des Lagers neben ihm. Rascheln, ein Seufzer, einer schüttelt seine Decke aus. Er kann ihre Handgriffe hören, wie sie ihre Habe für den Tag zusammenschnüren, hört das Gluckern einer Wasserflasche. Erkennt das Geräusch, wie einer Brot schneidet und bekommt auch einen Kanten in die Hand gedrückt. Er muss ihn gleich essen, denn legte er ihn ab, würde er ihn vielleicht nicht wiederfinden. Tastend sucht er seine Sachen zusammen.

So kommt es, dass er meist der letzte ist, der aufbricht. Viele von ihnen sind nicht gut zu Fuß. Mühelos könnte er sie überholen, aber er bleibt immer hinter ihnen. Ihren Schritten geht er hinterher, jeden Tag mit der Angst, sie womöglich zu verlieren. Irgendwann, vor den Toren der Stadt, lassen sich alle nieder, er auch. An schlechten Tagen bekommt er noch ein paar Tritte, bis er da ist, wo er nicht im Weg ist, irgendwo am Straßenrand. Er weiß gar nicht, was eine Straße ist. Um ihn herum ist nur Dunkel. Er ist blind.

Am Morgen brechen sie auf. Der große Aufbruch liegt schon eine Weile hinter ihnen. Sie haben sich an das Unterwegssein mit ihm auch schon wieder gewöhnt. Die Aufgaben sind eingespielt, die Handgriffe vertraut. Einer holt Wasser, einer schneidet das Brot oder was sonst da ist. Sie suchen ihre Sachen zusammen. Dann geht es weiter. Er kennt den Weg und entscheidet, welche Straße sie nehmen.

So unterwegs zu sein, das ist leicht. Auch die Unbequemlichkeiten, selbst die Umwege sind keine große Sache. Denn er ist ja bei ihnen. Immer könnten sie ihn fragen. Sie tun es aber nicht. Sie bleiben einfach hinter ihm. Nur heute Morgen kam ein wenig Unruhe in ihr fragloses Unterwegssein. Er rief sie noch einmal zusammen und eröffnete ihnen, dass es bald vorbei sein werde. Nicht die nächste, aber schon die übernächste Stadt sei das Ziel und dort werde es geschehen. Er werde sterben. Verspottet, misshandelt, angespuckt vorher, dann getötet. Doch das sei nicht das Ende.

Aber das hörten sie schon nicht mehr. Lass uns gehen, sagt dann einer. Auf dem Weg schweigen sie. Das tun sie sonst meistens auch. Aber heute ist es ein anderes Schweigen. Nicht das einvernehmliche Schweigen derer, die auf dem richtigen Weg sind. Sondern ein Schweigen, das niemand zu brechen wagt. Schon gar nicht mit Fragen: „Was soll das heißen?“ „Wie hat er das gemeint?“ Alle fürchten sich vor der Antwort. Deswegen sehen sich auch nicht an, sondern lieber auf ihre Füße. Heute dieser Weg, heute diese Straße. Sie wird schon breiter. Sie führt bergab. Bald werden sie in der Stadt sein. Vor den Toren das übliche Bild. Die Armen, Verkrüppelten, Lahmen. Etwas abseits sehen sie einen Blinden am Straßenrand sitzen.

Ich höre die Geschichte, die mir Lukas erzählt. Ich sehe Jesus und seine Jünger unterwegs auf der Straße und ich sehe den Blinden am Straßenrand. Dazwischen sehe ich mich. Wie von zwei Seiten kommt diese Geschichte auf mich zu. Und sie erzählt mir aus meinem Leben. „Ich möcht‘, dass einer mit mir geht“, sangen wir im Konfirmandenunterricht und wir waren alle ziemlich sicher, dass es so ist. Kein Wunsch, sondern eine Wirklichkeit. Gott geht mit dir. Jesus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben. Geh mit ihm. Die Straße ist breit, sie führt sanft bergab. Jeden Morgen deine Sachen zusammensuchen, das ist deine überschaubare Aufgabe. Dann mit ihm losgehen. Er immer vor dir. Dass es irgendwann einmal zu Ende sein könnte, daran denken wir mal lieber nicht. Lass uns weitergehen. Frag doch bloß nicht so viel. Ist doch erst die übernächste Stadt. Dauert doch noch.

So ging ich eine ganze Zeit. Und dann bin ich mir selbst begegnet. Ich sah mich sitzen am Straßenrand. Da wusste ich kaum noch, was eine Straße ist. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie irgendwo hinführt. Ich war wie blind. Da war jeder Tag gleich dunkel. Ich stolperte mühsam hinter den anderen her, fand irgendwo einen Platz. Ich glaube, ich wäre dort auch sitzen geblieben. Und manchmal hörte ich sie vorbeigehen, all die Sicheren, und hörte, was sie reden. „Kopf hoch, wird schon weitergehen“, sagten sie zu mir, „irgendwann weißt du bestimmt, wozu es gut ist.“ Sie hatten vergessen, dass sie auch einmal den Weg nicht gewusst hatten. Sie wollten nicht gestört werden in ihrem fraglosen Unterwegssein mit Jesus. Gerade die Sicheren werden ungemütlich, wenn sie verunsichert werden.

Ich wollte eigentlich auch nicht gestört werden in meinem fraglosen Unterwegssein. Und deswegen habe ich versucht, die Blinde in mir zu Räson zu rufen. Du siehst die Straße nicht? Du weißt nicht, wie es weitergehen soll? Kein Grund, hier so herumzuschreien. Hör doch auf die, die immer vorneweg gehen. Hör auf die Sicheren, die ihre Zweifel weglächeln. Das wird schon wieder. Wer weiß, wozu es gut ist. Aber ich habe gemerkt: Selbst wenn du still bist, schreit es weiter. In dir. Weil es Dinge gibt, die keinen Sinn haben und denen man auch keinen Sinn geben kann, egal wie sehr man es versucht. Dem Leiden einen Sinn abgewinnen: Auf gebildet heißt das „Kontingenzbewältigung“. Manche sagen, deswegen gebe es überhaupt Religionen. Ich glaube das nicht. Weil die Frage, wie Gott und das Leid zusammenhängen, alles noch schwerer macht. Weil es viel einfacher wäre, wenn ich nicht alles, was mir geschieht, für Gottes Willen halten müsste.

Auch die Jünger, die jeden Tag mit Jesus zusammen waren, wollten vom Leiden nichts wissen, nicht einmal vom Leiden eines anderen. Sie begriffen nichts davon und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war (Lk 18,34). Das war ihre Reaktion, als Jesus ankündigt, dass er leiden und sterben muss. Sie wollten einfach weitergehen in ihrer fraglosen Sicherheit. Und sie wollen auch nicht bei dem Blinden stehen bleiben.

Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Die Geschichte kommt auf mich zu. Jesus bleibt vor mir stehen, am Straßenrand. Was willst du, dass ich für dich tun soll? Auf diese Frage hat jeder Mensch seine eigene Antwort. Ich habe eine Antwort darauf. Ihr habt eine Antwort darauf. Und wie sehr wünschten wir uns, dass uns jemand diese Frage stellte.

Herr, dass ich sehen kann. Das ist die Antwort des Blinden. Dass ich endlich die Straße sehen kann, von der alle reden. Damit ich endlich weiß, dass da wirklich ein Weg ist und nicht nur ein namenloses Dunkel um mich herum. Aber als er die Augen aufmacht, sieht er nicht die Straße, sondern einen Menschen. Jesus von Nazareth steht vor ihm, mit staubigen Füßen, hungrig und durstig von dem Tag auf der Straße. Er ist unterwegs zu seinem Ende, schon in der übernächsten Stadt. Unterwegs zu denen, die ihr Spiel mit ihm treiben werden, ihn als König der Juden verspotten, ihn foltern und töten.

Der Blinde sieht diesen Menschen.
Und sieht: Dieser Mensch ist der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Denn es gibt keinen Weg um das Leiden herum.
Das ist die Wahrheit und das ist das Leben.
Aber es gibt einen Weg durch das Leiden hindurch.
Das ist die andere Wahrheit und das andere Leben.
Diesen Weg geht Jesus. Dieser Weg ist Jesus.
Und er geht ihm jetzt einfach hinterher.
Weil er ihn sehen kann.

Herr, dass ich sehen kann. Das ist meine Antwort. Ich wünsche mir, dass ich die andere Wahrheit sehen kann und das andere Leben, durch unsere Wahrheiten und unser Leben hindurch. Und weil ich nicht an jedem Tag etwas davon sehen kann, schließe ich noch einmal die Augen und mache es wie der, der blind war. Ich höre.
.
Erbarme dich meiner! hat der Blinde geschrien.
Herr, erbarme dich, rufen und schreien wir in jedem Gottesdienst.
Die, die schreien, sind die, die glauben.
Und Jesus bleibt bei uns stehen, am Straßenrand.
Er fragt uns, was er für uns tun soll.
Herr, dass wir sehen können.

Amen.


Kathrin Oxen
Jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

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