Anstößiges

Predigt über Hoheslied Salomos 3-4


(Foto: Rieger)

Ein erotischer Text in der Bibel, der aus dem Rahmen fällt. Was will er anstoßen? - Eine Predigt von Georg Rieger

Liebe Gemeinde, meine Lieblingsfrage an einen besonderen Bibeltext ist immer die, wie er es überhaupt geschafft hat, in die Bibel hineinzukommen und drin zu bleiben. Das setzt voraus, dass ich da Menschen am Werk sehe, die schreiben und das auswählen. Gott ist also nicht direkt der Autor dieser und andere Texte. Und doch gibt es ja so etwas wie den Geist Gottes, der mit am Werk ist und die Texte zur Heiligen Schrift macht.

In diesem Fall, wenn es um das Lied der Lieder, das Hohelied Salomos geht, ist diese Frage besonders spannend: Was hat dieser Text für eine Aufgabe? Warum ist er mindestens 2500 Jahre weitergegeben, aufgeschrieben worden und uns heute erhalten? Was steckt bei den Menschen, die das in der Bibel stehen haben wollten, für eine Absicht dahinter? Und welches Ziel verfolgt Gott damit, uns heute mit diesem Text zu konfrontieren?

Was in der Predigt zu den ersten beiden Kapiteln schon gesagt wurde, ist, dass über Jahrhunderte der Text allegorisch verstanden wurde, also als ein Text nicht wirklich über Menschen, sondern über Gott und das Volk Israel und im Christentum dann über die Kirche als Braut Jesu. Ob die selber, die das so behauptet und die das gehört haben, das wirklich geglaubt haben? Ich habe ja eher den Verdacht, sie wollten den Text nicht ausmerzen, weil er so schön ist, mussten ihn aber aus sittlichen Gründen entschärfen und also umdeuten.

Mal ehrlich, liebe Gemeinde! Egal, wie verklemmt oder locker wir drauf sind: So redet doch kein Mensch von Gott und der Kirche, von einem Volk oder Jesus als Bräutigam.

Gerade weil wir heute – hoffentlich doch – der Meinung sind, dass so zu fühlen, solche Sehnsucht zu spüren und Dinge miteinander zu machen, wie in diesen herrlichen Texten so kunstvoll umschrieben, nicht verwerflich sind, - gerade deswegen ist es komisch, den Glauben mit solchen Intimitäten in Verbindung zu bringen.

In dem Abschnitt, den wir uns von Anna Thalbach vorgelesen angehört haben, streift eine Frau durch die Straßen auf der Suche nach ihrem Liebhaber. Es ist eine Szene wie aus einem Film, der gestern gedreht hätte sein können. Es lauern Gefahren und es kümmert die Liebende nicht. Sie wird von Uniformierten aufgehalten und dann doch wieder ziehen gelassen und findet ihren Geliebten. Und sie zerrt ihn trunken vor Lust in das Schlafzimmer ihrer Mutter. In der Fernsehzeitschrift stünde „Erotikdrama“ – und, naja, der Film bekäme wohl höchstens zwei von drei Sternen wegen seiner vorhersehbaren Handlung.

Oder in dem anderen Abschnitt, den unsere Lektorin vorgelesen hat: Wenn es hier um zwei Menschen geht, die ihre Lust aufeinander feiern, ihre Körper in jeder Einzelheit aufreizend beschreiben und auch der sexuelle Akt angedeutet wird, dann freut uns das und weckt vielleicht schöne Erinnerungen oder spricht etwas an, was wir ähnlich empfinden. Aber genau, weil das so ist, fragen wir uns dann allerdings, was dieser Text in der Bibel soll. Nicht weil er uns stören würde. Warum nicht? Mal was Anderes! Mal was ganz anderes, als wenn es in anderen Büchern der Bibel um Männer und Frauen geht! Dann geht es nämlich meistens um Verbote.

Die Beschreibungen von Frau und Mann seit der Schöpfung, die Geschichten mit ihren Rollenzuordnungen und dann die Regeln über Ehe, Sex und alles Drumherum dienen vor allem dazu, das Zusammenleben zu organisieren.

Zum Beispiel dafür zu sorgen, dass ausreichend Nachwuchs zur Welt kommt, um den Stamm zu erhalten. Dann, dass Frauen vor Gewalt und Verarmung geschützt sind und Männer regelmäßig ihrer Lust frönen dürfen. Und das alles ist sehr patriarchalisch aufgebaut, die Männer sind das dominierende Geschlecht, die Frauen vor allem als Mütter geehrt.

Liebe um der Liebe willen. Gar Lust um der Lust willen? Wilde Leidenschaft? Davon ist wenn, dann als Ausrutscher – so im Fall von David und Batseba – oder als Vergehen die Rede, also wenn es um Ehebruch oder um die Liebe zwischen Männern geht. Also ist so ein Loblied auf die Liebe, die Lust und die Leidenschaft schon etwas Schönes. Wir lesen es und freuen uns. Fragen uns aber eben auch: Was soll das? Was sagt es uns über Gott? Was sagt es uns über uns?

Ich will Ihnen ganz ehrlich sagen, dass ich mich auf die Ankündigung dieser Predigtreihe und dann auf die Vorbereitung dieser Predigt sehr gefreut habe. Aber dann war ich ziemlich verzweifelt, als ich eben das gemerkt habe: Die theologische Aussage ist gar nicht so leicht zu finden. Theologisch heißt für uns ja in der Regel: Dass wir etwas erfahren, wie wir uns verhalten sollen, wie wir bessere Menschen werden. Oder zumindest im Kopf etwas begreifen, das uns weiterbringt.

Vielleicht ist das in diesem Fall aber der falsche Ansatz. Vielleicht hören wir auch auf den Text so, wie er zu uns spricht und lassen uns auf diese etwas andere Art der Ansprache ein. Vielleicht will uns Gott in diesem Text – und möglicherweise gilt das für ganz andere Texte ähnlich – gar nicht so ansprechen, wie wir das gewohnt sind. Vielleicht will diese Schwärmerei von zwei Menschen uns gar nicht verändern, sondern etwas in uns wecken.

Wir lesen und hören im Hohelied Salomos ja viel Intimes zweier Menschen, das wir uns so normalerweise nicht berichten. Wie es im Leben zweier Menschen miteinander zugeht, erfahren wir in der Regel erst dann, wenn sie sich trennen. Dann wird die Beziehung plötzlich ein offenes Buch – leider oft mit vielen schmutzigen Geschichten. Über unsere Liebe reden wir nicht, geben ausweichende Antworten, wenn doch zur Sprache kommt, wie es uns miteinander geht. Wenn es doch einmal passiert, dann ist es, wie wenn sich Schleusen öffnen. Und egal, ob wir selbst es sind, die angefangen haben oder jemand Anderes – in den meisten Fällen entwickeln sich interessante Gespräche.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass das Hohelied Salomo zugeschrieben wird, der ja als König gilt, der an vielen Stellen große Weisheit bewiesen hat. Sind diese erotischen Gedichte und der Text insgesamt also weise? Insofern meine ich ja, liebe Gemeinde, als er eine Tür öffnet. Das Hohelied ist eine Einladung, uns zu öffnen, auch über intime Dinge zu sprechen. Nicht hier im Gottesdienst und nicht in aller Öffentlichkeit. Aber die Liebe – und am Ende geht es ja um die Liebe – darf doch nicht ausgerechnet unser bestgehütetes Geheimnis sein!

Salomo war sicher nicht der Autor dieser Gedichte. Doch die Behauptung seiner Autorenschaft soll ihnen Gewicht verleihen. Und für uns ist vielleicht diese Einzigartigkeit dieser Schwärmerei in der Bibel der Anstoß, den wir brauchen können. Anstößig nennt man solche Texte ja auch und meint damit eher: peinlich. Zu intim. Aber anstößige Texte stoßen eben immer auch etwas an. Bei uns selbst, auch bei uns als Gemeinde. Dadurch, dass die Grenze der Peinlichkeit überschritten wird, merken wir ja auch: So peinlich ist es gar nicht, die neben mir werden gar nicht rot.

Also ist Reden doch möglich. Und in einem gewissen Maß auch dringend nötig. Weil zu viel Geheimnis eben auch zu Missverständnissen und Vorurteilen führt. So ist es doch beim Thema Homosexualität: Erst, wenn wir Heterosexuelle uns die Intimität zwischen Menschen gleichen Geschlechts als schön vorstellen können, wenn wir Männer und Frauen kennenlernen, die liebevoll miteinander umgehen, dann ist etwas angestoßen, dann verändert sich etwas.

Und so gilt das für viele andere Themen rund um die Sexualität und die Liebe. Das Thema darf uns nicht sprachlos machen, sondern unser Interesse wecken. Die Leidenschaft ist ein Geschenk Gottes an alle Menschen. Und zum dankbaren Umgang damit gehört es auch, sich damit auseinanderzusetzen, darüber zu reden. Dazu gibt das Hohelied den Anstoß.

Liebe Gemeinde, die Texte an sich zu besprechen, ist schon reizvoll. Der Reichtum an Anspielungen, die Bilder und Vergleiche – das ist alles eine hohe Kunst. Und die Bilder, die dabei im Kopf entstehen, sind schön. Aber sie sprechen eben für sich, und die Einzelheiten brauchen keine Erläuterung – schon gar nicht von einer Kanzel.

Ich lese zum Abschluss einen weiteren Abschnitt, den letzten aus dem vierten Kapitel (9-16):

Du hast mich betört, meine Schwester, Braut, mit einem einzigen deiner Blicke hast du mich betört, mit einer einzigen Kette von deinem Halsschmuck.

Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, Braut, wie viel köstlicher als Wein ist deine Liebe und der Duft deiner Salböle als alle Balsamdüfte.

Honigseim träufelt von deinen Lippen, Braut, Honig und Milch sind unter deiner Zunge, und der Duft deiner Gewänder ist wie der Duft des Libanon. Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, Braut, ein verschlossener Brunnen, ein versiegelter Quell.

Aus dir gehen hervor ein Hain von Granatbäumen mit köstlichen Früchten, Hennasträucher samt Nardenkräutern, Narde und Safran, Gewürzrohr und Zimt samt allen Weihrauchhölzern, Myrrhe und Aloe samt allen besten Balsamsträuchern, ein Gartenquell, ein Brunnen lebendigen Wassers, Bäche vom Libanon.

Nordwind wach auf, und Südwind komm! Weh durch meinen Garten! Seine Balsamdüfte sollen verströmen! In seinen Garten komme mein Geliebter und esse seine köstlichen Früchte.

Amen.

(Die Predigt wurde am 29. April 2018 in St. Klara in Nürnberg gehalten. Sie ist der zweite Teil einer Predigtreihe über das Hohelied Salomos der Ev.-ref. Kirchengemeinde St. Martha)