Böse und verkehrt ist der Mensch

Predigt über Heidelberger 6-8 von Georg Rieger


Quelle: Internet

Angesichts von Hass und Dummheit in Kommentaren zu jüngsten Mordfällen gibt der Heidelberger Katechismus aufschlussreiche Hinweise zum Umgang

Der Predigttext besteht heute aus drei Fragen und Antworten aus dem Heidelberger Katechismus. Es sind die Fragen 6-8, also welche aus dem ersten Teil, der überschrieben ist: Von des Menschen Elend. Es folgt noch ein zweiter Teil über die Erlösung und ein dritter über die Dankbarkeit. Aber es beginnt eben mit dem Elend. Und unser Katechismus in seiner unverkennbaren Art nimmt auch kein Blatt vor den Mund.

Frage 6

Hat denn Gott den Menschen so böse und verkehrt erschaffen?

Nein.
Gott hat den Menschen gut
und nach seinem Ebenbild erschaffen,
das bedeutet:
wahrhaft gerecht und heilig,
damit er Gott, seinen Schöpfer,
recht erkenne,
von Herzen liebe
und in ewiger Seligkeit mit ihm lebe,
ihn zu loben und zu preisen.

Frage 7

Woher kommt denn diese böse und verkehrte Art des Menschen?

Aus dem Fall und Ungehorsam
unserer ersten Eltern Adam und Eva
im Paradies.
Da ist unsere Natur so vergiftet worden,
dass wir alle von Anfang an Sünder sind.   

Frage 8

Sind wir aber so böse und verkehrt, dass wir ganz und gar unfähig sind zu irgendeinem Guten und geneigt zu allem Bösen?

Ja,
es sei denn,
dass wir durch den Geist Gottes
wiedergeboren werden.

Was mich zu diesem Text geführt hat, sind die Ereignisse der letzten Tage: die beiden Morde in Frankfurt und Stuttgart und was ich unter den Nachrichten in den Kommentarspalten gelesen habe. Da ist mir so viel Boshaftigkeit begegnet. Da habe ich so viel Schlimmes gelesen, das mich an der Menschheit hat zweifeln lassen.

Und diese Verzweiflung hält an, weil es ja mit der Boshaftigkeit auch immer weiter gehen wird. Die Welt gerät gerade in einen Strudel von Machtbesessenheit, Arroganz und Dummheit. Hilfsbereitschaft wird lächerlich gemacht oder sogar bestraft. Toleranz wird als Verrat am eigenen Volk und Integration als unerwünschte Vermischung von Rassen gebrandmarkt. In Abertausenden von Kommentaren geschieht das – unverhohlen, ohne Scham. Und wenn das dann von anderen als Rassismus bezeichnet wird, was es per Definition einfach ist, dann stilisieren sich diejenigen, die gerade noch großspurig ihren Hass versprüht haben, zu Opfern der allgemeinen Meinungsmache.

Man dürfe ja in diesem Land seine Meinung nicht mehr laut sagen. Dabei hören und lesen wir sie doch andauernd. Das ist so absurd, dass es schon weh tut. Aber denjenigen, die so schreiben, tut eben gar nichts mehr weh. Sie gefallen sich in ihrem Zorn. Sie haben die Schuldigen an allem gefunden, was in ihrem Leben nicht gelungen ist. Aber wenn es nur solche wären! Aus vielen Texten spricht die bloße Lust daran, Angst zu verbreiten, dadurch Macht zu gewinnen. Oder einfach nur gegen „die da oben“ aufbegehren zu können. Und wenn sie dann da oben angekommen sind, was ja in einigen Ländern gelungen ist, dann ist eben bald Schluss mit der Meinungsfreiheit, dann wird kurzer Prozess gemacht mit den Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Und dann wird von oben genau so eine Politik gemacht, die keine Gnade kennt, sondern nur noch nationale und eigene, ganz eigene Interessen.

Ich muss gestehen, um so eine Wut zu bekommen, musste ich ein bisschen in die Niederungen der sozialen Medien eintauchen. Ich lese viele Nachrichten auf Facebook, Twitter und anderen Nachrichtenseiten. Es sind aber die Nachrichten der ARD und des ZDF und anderer seriöser Berichterstatter oder die Seiten honoriger Kommentatoren. Ich lese nicht auf einschlägigen Seiten von rechten Gruppierungen oder Parteien, weil ich dann wahrscheinlich nicht mehr vor Ihnen darüber sprechen könnte. Es macht mir schon so einige Mühe. Weil es mich innerlich so aufwühlt und – wie schon gesagt – verzweifelt macht, was Menschen so denken und von sich geben. Was da gelogen und ausgeblendet wird. Welche Worte für andere Menschen benutzt werden. Wie ganz aktuell das Unglück und die Trauer von Menschen um ihre ermordeten Angehörigen instrumentalisiert werden.

Das alles macht mich fassungslos und lässt mich fragen, wo das noch hinführt. Aber auch, wo das herkommt. Scheinbar so plötzlich. Oder war das schon immer da? Darüber wird ja nicht erst jetzt, aber jetzt immer ernsthafter nachgedacht. Und das ist auch dringend nötig. Denn die Gräben, die durch unsere Gesellschaft ziehen, werden immer tiefer. Gleichzeitig fallen auch Schamgrenzen – und zwar bei allen Beteiligten.

Obwohl ich sonst immer ein klärendes Gespräch für sinnvoll halte, ist das doch mit manchen Menschen einfach nicht mehr möglich. Wenn Zahlen und Fakten nicht mehr gelten, und der Respekt vor Menschen ganz allgemein keine Grundlage mehr ist, fallen mir keine Argumente mehr ein. Dann kann ich auch kein Verständnis mehr aufbringen für eine andere Meinung. Ich kann ja nicht glauben, dass das Leben immer gefährlicher wird, wenn die Zahlen genau das Gegenteil beweisen.

Was ich tun kann – und was für mich als Christ die angemessene Haltung ist: ich kann vermeiden, mich über diese Menschen zu stellen. So schwer das auch fällt! Es ist so leicht, mich meinerseits darüber lustig zu machen, was das für Idioten sind. Doch es ist nicht richtig. Es sind Menschen wie ich, die so reden und handeln. Wenn ich erwarte, dass sie jeden Geflüchteten – und sogar jeden Mörder unter ihnen als Menschen sehen, dann muss ich das meinerseits auch mit jedem dieser Hassprediger und Hasspredigerinnen tun. Doch was haben solche, die so verquere Dinge schreiben, mit mir zu tun? Was haben wir gemeinsam? Es geht, liebe Gemeinde um unser Menschenbild. Darum geht es, wenn wir fremden Menschen begegnen. Und darum geht es, wenn wir Rassisten begegnen.

Wenn also der Heidelberger Katechismus die sechste Frage aufwirft: Hat denn Gott den Menschen so böse und verkehrt erschaffen? dann sind da nicht die Anderen gemeint, die wir für böse halten, sondern wir alle.

In der Zeit der Reformation, aus der ja dieser Text stammt – 46 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers und während Calvin in Genf auf dem Höhepunkt seines Wirkens ist – in dieser Zeit war das ein großes Thema: Warum ist der Mensch so von Grund auf böse und was kann ihn von der Boshaftigkeit befreien? Warum läuft es bei uns immer wieder verkehrt und fällt es uns so schwer, auf dem richtigen Weg zu bleiben? Die erste Antwort hört sich noch ganz tröstlich an: Nein, der Mensch ist nicht böse und verkehrt erschaffen, sondern gut, wahrhaft gerecht, liebevoll.

Die Boshaftigkeit, heißt es dann in der zweiten Antwort, kommt erst durch einen Fall und durch den Ungehorsam unserer allerersten Eltern Adam und Eva. Die haben unsere Natur vergiftet.

Das ist eine These, die uns nicht neu ist. Wir kennen ja alle die Geschichte vom Sündenfall – meistens noch mit einer leicht frauenfeindlichen Konnotation, die Eva den größeren Schuldanteil zuschiebt. Nicht nur deswegen passt diese Sündenfallgeschichte nicht in unser modernes Bild vom Menschen. Da heißt es doch, dass wir so viel Gutes tun können, vielleicht sogar die Welt retten, wenn wir das mit dem Klima jetzt noch hinbekommen und dann noch das mit dem Hunger und der Armut in der Welt.

Was wir da lesen, hört sich also eher nach tiefstem Mittelalter an, nach der Lehre von der Erbsünde, mit der die Kirche jahrhundertelang die Menschen in Schuldgefühle und Abhängigkeit getrieben hat. Und bis heute werfen Atheisten uns Christen – auch uns Protestanten – ja vor, dass wir die Natur der Menschen schlecht reden, um sie dann mit Heilsversprechen in die Kirchen zu locken. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf auch nicht. Viele Predigten, die in Kirchen aller Konfessionen gehalten werden, bedienen sich dieses Stilmittels. Es ist ja auch verlockend naheliegend.

Doch die Intention, selbst die schon der altkirchlichen Lehre von der Erbsünde, ist eine andere. Die Antwort auf die siebente Frage des Heidelberger ist der Versuch einer Erklärung dessen, was wir Menschen, wenn wir mit uns selbst ehrlich sind, an uns beobachten: Wir sind nicht die Guten, nicht die Gerechten und auch nicht die immer Liebenden. Selbst wenn wir uns noch so viel Mühe geben – es gelingt uns nicht.

Wir scheitern an uns selbst. Manchmal sind andere mit an unserem Unglück schuld, die auch an sich selbst scheitern. Und wenn etwas gut läuft, dann ist es selten von Bestand. Oder es gibt andere Bereiche des Lebens, wo wir Mist bauen, unglücklich sind, nicht weiterkommen. Adam und Eva sind symbolische Figuren für unsere menschliche Natur. Sie haben wie wir die Idee vom guten Menschen und seinen guten Absichten und machen dann doch etwas Anderes, nehmen sich zu wichtig, sehen die großen Zusammenhänge nicht, sind sich selbst die Nächsten.

Gänzlich frustrierend lautet also die achte Frage: Sind wir aber so böse und verkehrt, dass wir ganz und gar unfähig sind zu irgendeinem Guten und geneigt zu allem Bösen? Und die schlichte Antwort zunächst: Ja.

Gott, wie ernüchternd das ist! Ganz und gar unfähig zu irgendeinem Guten? Was soll unser Leben dann auf dieser Welt? Rappeln wir uns völlig umsonst ab? Werden wir hier nur verheizt? Sind wir die tragischen Figuren in einem göttlichen Lustspiel? Die Argumentation des Heidelberger Katechismus lässt in diesen ersten Fragen und dem Kapitel über das Elend des Menschen wirklich keinen Spielraum. Dieses Bild vom Menschen ist gnadenlos.

Bezogen auf meinen Frust und meine Verzweiflung über die Menschheit könnte ich mich also bestätigt sehen und mich in die Verzweiflung fallen lassen. Es lässt sich wohl nichts daran ändern. Es ist, wie es ist. Und doch ging es mir beim Lesen anders. Es keimt ein Hauch von Hoffnung auf. Nicht in diesen Worten selbst, sondern in dem, was sie vorbereiten. Genau wie am Anfang dieser Predigt muss der Frust erst einmal raus. Es gilt der Wahrheit ins Auge zu sehen: Die Boshaftigkeit, das verkorkste Leben, die Dummheit und die Ich-Bezogenheit – alles das und noch viel mehr – sind schlicht Realität.

Wir können uns darüber aufregen und wir sollen es sogar. Aber wir werden dieses Vergehen an Gottes Schöpfung, dieses So-gar-nicht-Gottes-Ebenbild-Sein nicht verhindern können. Wir sind in unserem Scheitern gefangen. Auch wenn wir unsere Boshaftigkeit ab und zu gut im Zaum haben, sind wir keine besseren Menschen. „Verkehrt“ nennt es der Heidelberger Katechismus auch – und das ist vielleicht auch das bessere Wort. Das Verkehrt-Sein sehen wir bei anderen leichter als bei uns selbst. Vielleicht ist es bei manchen auch ausgeprägter, die keinen Zugang zu den schönen Seiten des Lebens finden. Aber wenn es um unsere Natur geht, dann sind wir alle gleich. Auch wenn es noch so schwer fällt zu glauben, ist unser Platz neben diesen Menschen und nicht über ihnen. Richten kann sie nur einer: Gott selbst. Der ja auch uns richtet. Er wird uns dereinst die Augen dafür öffnen, was richtig und was falsch ist. Denn jetzt in diesem Leben wissen wir gar nichts – auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen und uns gerne als Rechthaber aufspielen.

Nach unserem besten Wissen und Gewissen sollen wir handeln, uns engagieren, manchmal sogar kämpfen. Aber immer mit der Erkenntnis im Hinterkopf, dass alles, was wir denken und tun, nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Diese Erkenntnis im Hinterkopf ist vielleicht dann einfacher zu aktivieren, wenn wir an die Gnade Gottes glauben. Wenn wir uns von ihm getragen fühlen, uns in das große Ganze fallen lassen können.

Im Heidelberger Katechismus geht es darum ein paar Fragen später mit dem zweiten Teil über die Erlösung weiter. Und da geht es dann genau darum, dass wir zwar gute Werke tun sollen, aber zur Erlösung Gottes Gnade brauchen. Das heißt, dass wir, um im Kopf frei zu werden, loslassen müssen und Gott zutrauen, dass seine Gnade alles gut macht. Wir alleine schaffen das nicht – so sehr wir uns auch anstrengen.

Die Fragen und Antworten des Katechismus münden in den dritten Teil über die Dankbarkeit. Die Dankbarkeit ist die Antwort auf Gottes Gnade und sozusagen die ideale Lebensform des Menschen. Wer dankbar sein kann, spürt die Liebe, fühlt sich geborgen, hat keine großen Sorgen und Ängste. Das Ziel von uns Menschen muss also sein, dass alle dankbar sein können. Auch das können wir nicht machen, sondern da muss einiges zusammenkommen, dass das gelingt. Wir können aber schon unsere Welt anschauen und sehen dann, wo sich Menschen mit der Dankbarkeit schwertun und wir sehen oft auch ganz handfeste Gründe dafür und können sie abstellen.

Manche Menschen, die heute so giftige Sprüche ablassen und nichts mehr Gutes gut sein lassen wollen, die haben vielleicht wirklich wenig Grund dankbar zu sein. In unserer Gesellschaft läuft einiges ziemlich schief, so dass sich immer mehr Menschen abgehängt fühlen. Und über den Tellerrand unseres Landes hinaus geschaut ist es ja noch viel drastischer. Gar nicht weit von hier gibt es Gegenden, in denen richtig Armut herrscht und es keine Perspektive gibt. Und in anderen Gegenden der Welt zerstör das von uns gestörte Klima die Lebensgrundlagen der Menschen. Für was sollen die dankbar sein? Frieden und Gerechtigkeit kann es aber nur geben, wenn es Grund zur Dankbarkeit gibt. Und dazu können wir mehr und leichter beitragen als wir oft glauben. Doch es braucht eben auch Gottes Gnade dazu und auf die können wir vertrauen und für die können wir beten.

Am Schluss dieser Predigt gibt es für mich so ein bisschen mehr Hoffnung. Ich habe mir heute – mehr noch als sonst – auch selbst gepredigt. In der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst bin ich ruhiger geworden und habe gemerkt: Der Blick auf das Elend des Menschen kann ein Rezept gegen die Verzweiflung sein. Das klingt nicht logisch, hat sich aber schon zu Hiobs Zeiten bewährt. Weil wir in der Bibel wie auch in unserem Katechismus und eben in diesem Gottesdienst von der Gnade Gottes hören und sie spüren. Und das verändert vieles. Amen.

(Predigt gehalten am 4. August in St. Martha Nürnberg)

 


Georg Rieger