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''Dein Reich komme'' (Mt 6,10)
Eine Adventspredigt vor Theologiestudierenden zur zweiten Bitte des ''Vaterunsers''

Liebe Studierende,
Was tun wir, wenn wir bitten: „Dein Reich komme“? Das ist die Ausgangsfrage unseres heutigen gemeinsamen Nachdenkens über unseren Predigttext, also die Frage nach der zweiten Bitte des „Vaterunsers“. Keine leichte Frage, gewiss nicht, aber eine, die sich zu stellen lohnt. Eine besonders weiterführende Antwort bietet uns die „Barmer Theologischen Erklärung“ von 1934 an. Dort heißt es in These 5, dass die Kirche im Unterschied zum Staat die Aufgabe hat, an Gottes Reich zu erinnern.1 Und genau darum geht es auch in der zweiten Bitte des „Vaterunsers“: Die Bitte „Dein Reich komme“ im Gebet zu adressieren, bedeutet an Gottes Reich zu erinnern. Aber wen oder was? Wenn wir persönlich oder gemeinschaftlich beten, dann erinnern wir mit dieser Bitte gewiss Gott an die Verheißung seines Reiches, eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ (Off 21,1), auf die wir warten, die wir vielleicht herbeisehnen, aber doch oftmals lieber erst übermorgen als bereits morgen. Wir erinnern also gewiss auch uns selbst als Gläubige, als Glieder der Kirche an diese noch ausstehende Verheißung Gottes.
Die Barmer Theologische Erklärung geht davon aus, dass diese Gebetsbitte aber nicht nur Gott und die Gläubigen betrifft, sondern auch eine Erinnerungsfunktion für den Staat hat, der das kirchliche Gebetsleben vielleicht beobachtet, bisweilen sogar höchst misstrauisch und kritisch – wie damals im sog. „Dritten Reich“. Der Staat weiß als solcher nichts vom Reich Gottes, weder der damalige NS-Unrechts- und Terrorstaat, noch der Rechtsstaat, mit dem wir es heute – Gott sei Dank – zu tun haben.2 Wie sollte etwa unser weltanschaulich neutraler Rechtsstaat vom Reich Gottes wissen? Er kann ja nicht einmal wissen, wer Gott ist, jedenfalls bestimmt er ihn nicht näher3 – auch nicht in der Präambel des Grundgesetzes, wenn es dort heißt: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen […] hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“
Die Barmer Theologische Erklärung spricht aber nicht einfach nur vom Staat. Der ist abstrakt, wie Institutionen – auch die Kirche – nun einmal sind. Die 5. These verweist in personaler Zuspitzung auf die Regierenden und Regierten, die Verantwortung tragen – ihnen gilt primär die Erinnerung an Gottes Reich. Wer erinnert, geht davon aus, dass der Adressat der Erinnerung schon einmal eine Begegnung mit dem nun Erinnerten hatte. Dementsprechend wird Kirche darauf hoffen dürfen, dass das adressierte Gegenüber in Gestalt konkreter Gesprächspartner schon einmal etwas vom Reich Gottes gehört hat – etwa in der kirchlichen Jugendarbeit, im Religionsunterricht, im Gottesdienst vielleicht4 – und sich nun erinnern lässt.
Was tut nun die Kirche – und auch bei Kirche mögen wir nicht in die Abstraktion gehen, sondern uns selber als Kirchenmitglieder angesprochen fühlen – wenn sie daran erinnert, dass Gottes Reich kommt? Nun, sie sagt damit, dass alles Irdische, auch der Staat, nicht „The Last Kingdom“ (so der Titel einer beliebten Netflix-Serie) ist, nicht die ultimative, unüberbietbare, finale Wirklichkeit, sondern es ein anderes Reich gibt, das kommt. Sie sagt damit, dass das, was ist, nicht alles ist. Sie weist darauf hin, um mit dem Titel eines James-Bond-Filmes zu sprechen: „The World is not Enough“ (Die Welt ist nicht genug).5 Die Welt bildet nicht das Ziel unserer Sehnsucht. Nein, mit der Erinnerung an Gottes Reich verweist die Kirche die Welt in den Bereich des Vorletzten und spricht ihm den Anspruch ab, zum Letzten zu gehören.6 Es geht um eine „Kritik der Letztgültigkeit des Vorletzten“7, eine Kritik an allen Potentaten, die sich zu mehr aufschwingen, als sie sind, nämlich „Vorletzte“. Damit ist klar: Der Welt gilt unsere Fürbitte, nicht aber unsere Anbetung!8 Der Kirchenvater Athanasius kann in Zeiten echter Bedrohung kühn auf alles Bedrohliche herabblicken mit dem Hinweis: „Nubicula est, transibit“9 – „Es ist ein Wölkchen, es wird vorübergehen.“
Die Kirche, die an Gottes Reich erinnert, übt aber nicht einfach nur Kritik an der Welt und ihren Potentaten, nein, sie weist auch sich selbst als ein Stück Welt zurecht und adressiert an sich selbst die Frage: Wo bist du, Kirche, tatsächlich „ein Ort, an dem inmitten der vorletzten Dinge die letzten Dinge sichtbar und an dem die Kritik an allen vorletzten Mächten hörbar wird, die sich als letztgültig gebärden und uns von sich abhängig machen“?10
Nochmals: Was tut die Kirche, die darum bittet: „Dein Reich komme“? Nun, sie bekennt damit, dass das, was ist, nicht alles ist. Und sie sagt damit zugleich, dass sich darum, eben weil das, was ist, nicht alles ist, das, was ist, sich ändern kann.11 Es ist der Messias Jesus, der Christus Jesus, der uns zu beten gelehrt hat: „Dein Reich komme“. Und es braucht wohl – wie der jüdische Philosoph Theodor W. Adorno gesagt hat – „messianisches Licht“ um „alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint.“12 Die Erlösung ist das Letzte.13 Es braucht eine „gewisse[] Erwartung“14, um das Vorletzte, das Vorhandene zu überschreiten,15 um sich nicht mit dem Vorhandenen abzufinden, sondern das Diesseits zu verbessern. Von dem Theologen Ernst Troeltsch stammt der schöne Satz: „Das Jenseits ist die Kraft des Diesseits.“16
II.
Aber sind uns Fortschrittshoffnung und Verbesserungsoptimismus im Blick auf das Diesseits nicht inzwischen vollständig abhandengekommen? Wer glaubt noch an Fortschritt? Umfragen zeigen, dass vor allem wir Deutschen nicht mehr mit einer Verbesserung unserer Lebensverhältnisse rechnen: „84 Prozent der Deutschen blicken 2022 pessimistisch in die Zukunft. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Universität Bonn, die außerdem zeigt, dass der Anteil derjenigen, die erwarten, dass es künftigen Generationen materiell schlechter gehen wird, in den letzten Jahren beständig gewachsen ist. Auch wenn Meinungsumfragen mit Vorsicht zu genießen sind: Es ist bemerkenswert, wie stark sich negative gesellschaftliche Zukunftserwartungen seit den 2010er Jahren in vielen westlichen Ländern verfestigt haben. […] Auch bezogen auf die Problemlösungskompetenz liberaler Demokratien haben sich die Erwartungen flächendeckend eingetrübt: Einer Studie des an der Universität Cambridge angesiedelten Centre for the Future of Democracy zufolge ist bei der Mehrheit der Menschen in den westlichen Gesellschaften ein politischer Vertrauensverlust zu verzeichnen.“17
Wenn man einem Soziologen wie Andreas Reckwitz, von dem diese Sätze stammen, glauben darf, dann ist nicht Zugewinn, sondern „Verlust“ unser Gegenwartsthema. Reckwitz schreibt: „Wie sollen und wie können wir mit Verlusten umgehen? Nach meiner Überzeugung ist die Entwicklung eines reflektierten Verhältnisses zu Verlusterfahrungen jenseits von Abwehr, Verdrängung und Fixierung, welches ihre Integration in das Individuelle und soziale Leben erlaubt, um in der Zukunft zwar nicht unbeschädigt, aber trotzdem gedeihlich weiterleben zu können, eine elementare Aufgabe der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Für eine Moderne, die über Jahrhunderte vom ehernen Gesetz ihres eigenen Fortschritts überzeugt war, die glaubte, die Trauer überwinden zu müssen und zu können, bleibt dies eine schwierige Aufgabe.“18
Und haben all diejenigen, die sich in unserem Land vor der Zukunft fürchten, etwa Unrecht? Der Ruf nach einer Wiedereinführung der Wehrpflicht, die Rede von einem Zwischenstadium zwischen Frieden und Krieg, in dem wir uns nach Aussage unseres Bundeskanzlers befinden, der ständige Stimmenzuwachs der AfD, eine schwache wirtschaftliche Konjunktur mit düsteren Prognosen, Reformstau in den Schulen, Kommunen, Ländern – all dies verheißt nichts Gutes. „Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“19, so dichtete bereits Heinrich Heine in der „Vormärzzeit“ des 19. Jahrhunderts. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, liebe Studierende, aber erwischen Sie sich vielleicht auch manchmal dabei, wie sie zur „Kassandra“ werden, die alles schwarzmalt? Wir merken jedenfalls, wie uns dunkle Prognosen den Hals zudrücken, so dass Enge und mit ihr Angst in uns entsteht.
III.
Wenn nun in der Bibel von der Zukunft gesprochen wird, so bekommen wir eine ganze andere Tonalität als die der Entmutigung zu hören. Das hängt damit zusammen, dass sie die Zukunft in eine neue Perspektive rückt – nicht die des ewigen Fortschritts, aber auch nicht die eines Untergangsfatalismus („Da kann man halt nichts machen!“), sondern eben die des kommenden Reiches Gottes. Ich verweise hier nur auf Jesu sog. Endzeitrede, die interessanterweise bei allen Synoptikern (Mt 24,1–36; Mk 13,1–32; Lk 21,5–36) wiedergegeben wird, auf die wir uns aber zumeist keinen Reim machen können und sie deshalb ausblenden.20 Viele kennen sie nicht einmal. Doch wer etwas über eine angemessene Haltung zur Zukunft jenseits des „Prinzips Hoffnungslosigkeit“ und der ewigen Fortschreibung von Verlustanzeigen wissen möchte, der schlage dort nach. Hier ist vom Kommen des Menschensohnes die Rede: „Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“ (Lk 21,25–28).21
Hier ist von Zeichen die Rede und von Rissen im Gebäude der alten Welt, die längst baufällig ist und durch die schon das Licht des Neuen bricht.22 Doch hier werden die Risse nicht untergangsvoyeuristisch meditiert, sondern hier wird aufgeschaut zu ihm, dem Menschensohn: „Erhebt eure Häupter“. Die Endzeitrede Jesu ist nicht gestimmt auf ein: Leute, lasst die Köpfe hängen, die Zukunft kommt. Nein, hier heißt es vielmehr: Kopf hoch! Es ist Advent! Christus kommt! Diese Perspektive öffnet und führt uns heraus aus Angst und Enge: „Jesus ist nicht der große Kaputtmacher, sondern der große Neumacher, sagt [Johann Christoph] Blumhardt. Dass er kommt, ist für uns, für alle Menschen, für die ganze Welt das bestmögliche. Lasst uns[, liebe Studierende, deshalb] in eine ‚Entmutigungsgesellschaft‘ [Georg Picht] hineinrufen, den Kopfnickern, Kopfschüttlern, Kopfzerbrechern und Kopfsenkern zurufen: Kopf hoch, es ist Advent.“23 Das möge unsere frohgemute christliche Zukunftshaltung und unser aufrichtiges Bekenntnis sein. Der Gott der Bibel heißt nicht Prognostik und Statistik. Der Gott der Bibel steht souverän über allen Hochrechnungen und Konjunkturdaten. Als der, der „da ist, der da war und der da kommt“ (Off 1,4.8; 4,8), ist er der „Herr der Zeit“.24
Liebe Studierende, überlassen wir der Welt getrost die Vokabel Futur, unser Wort für Zukunft heißt Advent.25 Eine kleine Sprachbetrachtung möge uns darin bestärken: „Die europäischen Sprachen haben durchweg zwei Möglichkeiten, von der Zukunft zu sprechen: das futurum bezeichnet das, was wird, der adventus das, was kommt. Damit sind zwei verschiedene Konzeptionen der Zeit verbunden.“26 Im deutschen Begriff „Zukunft“ spiegelt sich das Verständnis von Zukunft als Advent wider: Zukunft heißt, da kommt jemand auf uns zu.27 Und genau das ist die Botschaft Jesu: Wir gehen nicht einer untergehenden Welt entgegen, sondern der Zukunft des Reiches Gottes, der Zukunft des Menschensohnes, als der sich Jesus selbst bezeichnet:28 Jesus Christus – „[e]r ist der Auf-uns-zu-Kommende, der ‚adveniens‘, ja: er ist unsere Zukunft. Das Kommende ist zuletzt der Kommende.“29
Die ersten Gemeinden haben die Botschaft konsequent personal zugespitzt und damit deutlich gemacht: Es geht bei der Zukunft nicht um irgendwelche letzten Dinge (gr. eschata im Neutrum Plural), sondern um ihn, den Letzten in Person, Jesus Christus selbst (gr. den eschatos). Im frühchristlichen Gottesdienst erscholl der Ruf des aramäischen Maranatha – „Unser Herr, komm“ bzw. „Unser Herr kommt“.30 Paulus beschließt mit diesem Ruf den Ersten Korintherbrief (1Kor 16,22), ja die gesamte Bibel schließt im letzten Kapitel der Offenbarung des Johannes im vorletzten Vers mit: „Es spricht, der dies bezeugt: Ja, ich komme bald. Amen, ja, komm, Herr Jesus“ (Off 22,20). Es gilt im Übrigen auch hier zu beachten: Dieser Adventsruf „Maranatha“ ist „unabhängig von der jeweiligen Konjunkturlage der Welt, [er] liegt jenseits von Zukunftsoptimismus oder -pessimismus“31 und gibt genau als ein solcher Kraft für das Diesseits.32
IV.
Was heißt das nun für uns und unsere Kirche? Welche Bedeutung hat die Bitte „Dein Reich komme!“ für sie und uns? In seinem „Kleinen Katechismus“ erläutert Martin Luther die Bitte „Dein Reich komme“ wie folgt: „Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns kommt.“33 Luther stellt damit klar: Wir können das Reich Gottes nicht erbauen. Er kommt ohne unser Zutun von selbst. Aber das heißt nun nicht, dass wir die Hände einfach nur in den Schoß legen und abwarten können.34 Zum Reich Gottes gehört immer – wie Blumhardt verdeutlicht hat – beides hinzu: das Warten und das Eilen.35 Entgegeneilen können und werden wir Christinnen und Christen dem Reich Gottes, weil es uns inspiriert und anstachelt. Das also ist unsere doppelte Aufgabe als Kirche: auf das Reich Gottes zu warten und ihm zugleich entgegenzueilen. Nicht aber ist es unsere Aufgabe, billiges Kapital zu schlagen aus den Zukunftsängsten von Menschen und sie in Sachen Gerechtigkeit zu vertrösten und ihnen ihre Veränderungsbereitschaft zu rauben mit dem Hinweis: „Im Himmel werdet ihr es besser haben“. Hier ist die Kirche in der Vergangenheit manches schuldig geblieben.
Denken wir an die soziale Frage und die Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts, denen die Kirche nicht gerecht wurde. Es tut einem heute noch weh, wenn man hört, dass es in der „Internationalen“ heißt: „Es rettet uns kein höh’res Wesen, / kein Gott, kein Kaiser noch Tribun / Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun!“ Auch an Marx‘ „Opium des Volkes“ muss hier nicht eigens erinnert werden. Oder denken wir an das Lied des „kleinen Harfenmädchens“ in Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“: „Sie sang vom irdischen Jammertal, / Von Freuden, die bald zerronnen, / Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt / Verklärt in ew'gen Wonnen. // Sie sang das alte Entsagungslied, / Das Eiapopeia vom Himmel, / Womit man einlullt, wenn es greint, / Das Volk, den großen Lümmel. // Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, / Ich kenn auch die Herren Verfasser; / Ich weiß, sie tranken heimlich Wein / Und predigten öffentlich Wasser. // Ein neues Lied, ein besseres Lied, / O Freunde, will ich euch dichten! / Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten.“36 Nichts gegen Heines Engagement für das Diesseits und nichts, rein gar nichts gegen seine allzumal berechtigte Kirchenkritik, aber muss er sich deshalb gleich dazu versteigen, selber das Himmelreich errichten zu wollen?
Luther war – wie wir gehört haben – diesbezüglich nüchterner: Er wusste, dass das Himmelreich erst zu uns – und zwar auch als Kirche – kommen muss. Die Kirche ist nicht das Reich Gottes und hat auch keinen alleinigen Besitzanspruch auf dasselbe. Vielmehr hat gerade sie es nötig, Gott um das Kommen seines Reiches zu bitten. Dieses Bitten bedeutet nun für Luther zugleich Abkehr von der Resignation und Umkehr zu einer gestaltenden Hoffnung. Nicht umsonst wird Luther das Sprichwort vom Apfelbäumchen zugeschrieben, auch wenn dieser Satz historisch vermutlich niemals seinem Munde entwich:37 „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Man vergisst dabei leicht, dass nicht etwa Albert Camus sein Autor ist.
Das muss ich kurz erläutern: Der französische Schriftsteller Albert Camus deutet die griechische Sage von Sisyphos:38 In ihr wird Sisyphos von den Göttern bestraft, weil er sie herausgefordert und den Tod überlistet hatte. Seine Strafe: Er muss ewig einen schweren Felsblock einen Berg hinaufrollen – doch jedes Mal, kurz bevor er den Gipfel erreicht, rollt der Stein wieder hinunter. Seine Mühe ist endlos, sinnlos, ohne Ziel oder Erfüllung. Diese Erfahrung des Absurden müssen wir als Menschen nach Camus machen. Bei Camus würde der Satz vom Apfelbäumchen nun besagen: „Es ist zwar alles absurd, das Chaos bricht herein, aber ich setze dem mein irrsinnig trotziges Dennoch entgegen, schreie der Nacht mein Nein ins Gesicht, bevor sie mich verschlingt. – Bei Luther spricht nicht ohnmächtige Rebellion, sondern lebendige Hoffnung. Im Bild: Das Bäumchen, das ich jetzt im Namen Jesu in die alte Erde pflanze, wird seine Früchte tragen in der neuen Welt. So pflanze ich – nicht obwohl, sondern weil… weil Ostern geworden ist! Unbegreifliches Wunder: Ausgerechnet in einem Grab hat das neue Leben begonnen. Der auferweckte Leib unseres Herrn ist Erstling, erste Rate einer Totalerneuerung von Himmel und Erde.“39
Nicht mehr und nicht weniger geht einher mit dem Kommen des Reiches Gottes: der Tod des Todes und die Verwandlung zu neuem Leben. Unser Dasein ist darum mehr als Verlustbewältigung. Weil das Reich Gott kommt, ist diese Welt und ist auch jeder ihrer Friedhöfe kein Leichenfeld mehr, „sondern ein Gottesacker, voll von Ewigkeitssamen. Was wir in diesen Acker säen, mag verloren scheinen – doch das Samenkorn verschwindet nur in der Erde, um zu neuem vielfältigem Leben zu erstehen“40 (vgl. Joh 12,24). Ja, liebe Studierende, das Leben ist mehr als Verlusterfahrung, es lebt vom Advent Gottes, der alles für uns gewinnt und nichts verloren gibt.41 Das heißt: Weil Jesus lebt und weil Gottes Reich kommt, können wir Christinnen und Christen frustrations-resistent sein und „Trotzkraft“ aufbieten gegen das, was uns Angst machen will.42
„Dein Reich komme!“ – diese Bitte ist ein „Dennoch-Wort“43. Es macht resilient. Es trägt uns. Indem wir es beten, kommt das Reich Gottes zu uns.44 Wir sind im Bitten bereits Empfangende. Im Gebet selbst dürfen wir die Reich-Gottes-Erfahrung machen. Gerade im gebeteten „Vaterunser“ dürfen wir erfahren, wie Jesus uns mit seiner Botschaft vom Reich Gottes prägt, wie er es uns beibringt, wie er es uns wiederholen lässt und uns täglich in der Einübung neue Hoffnung und neuen Glauben schenkt, so dass wir heute noch mit Luther getrost unser Apfelbäumchen pflanzen können. Die Bedrängnisse und die mit ihnen einhergehenden Ängste „werden damit nicht weggewischt, wohl aber: ins Kraftfeld des Reiches Gottes gerückt und dadurch relativiert, um ihre scheinbare Letztgültigkeit gebracht.“45 Denn mit dem Kommen des Reiches Gottes in Jesus Christus geht die Überwindung der Welt unmittelbar einher: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33).
Amen
1 Die 5. These der Barmer Theologischen Erklärung lautet: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.“
2 Karl Barth (Christengemeinde und Bürgergemeinde, Theologische Studien 20, Zollikon-Zürich 1946, 5) bezeichnet die Bürgergemeinde als „geistlich blind und unwissend“.
3 Vgl. Marco Hofheinz, Der Gott des Grundgesetzes. Zur Problematik der Rede von Gott in deutschen Verfassungstexten, Waltrop 2001.
4 Eberhard Jüngel (Mit Frieden Staat zu machen. Politische Existenz nach Barmen V, in: ders., Indikative der Gnade – Imperative der Freiheit. Theologische Erörterungen IV, Tübingen 2000, 161–204, 184) weist darauf hin, dass mit der Erinnerung ein „Rückgang auf ihre [scil der Kirche; M.H.] Verkündigung und Unterweisung“ stattfindet.
5 Vgl. zu diesem Motiv Frank Mathwig u.a., Rede und Antwort stehen. Glauben nach dem Unservater, Zürich 2014, 76–95.
6 Zur Unterscheidung zwischen Letztem und Vorletztem vgl. Dietrich Bonhoeffer, Ethik, DBW 6, hg. von Ilse Tödt u.a., München 1992, 137–162.
7 Ralf Frisch, Was fehlt der evangelischen Kirche? Reformatorische Denkanstöße, Leipzig 2017, 142.
8 Vgl. E. Jüngel, Mit Frieden Staat machen, 187.
9 Rufinus, Historia ecclesiae I,34.
10 R. Frisch, Was fehlt der evangelischen Kirche?, 143f.
11 Vgl. Jürgen Ebach, Weil das, was ist, nicht alles ist. Theologische Reden 4, Frankfurt a.M. 1998. Der Titel ist gewählt in Modifikation eines Adorno-Zitats: „Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Gesammelte Schriften 6, Frankfurt a.M. 1973, 391.
12 Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Gesammelte Schriften 4, Frankfurt a.M. 2003, 283 (Ziffer 153).
13 Auch Adornos Mitstreiter Max Horkheimer (Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Gespräch mit Helmut Gumnior (1970), in: Max Horkheimer Gesammelte Schriften 7: Vorträge und Aufzeichnungen 1949–1973, Frankfurt a.M. 1985, 385–404, 389) spricht davon, „daß die Welt Erscheinung ist, dass sie nicht die absolute Wahrheit, das Letzte ist.“
14 J. Ebach, Weil das, was ist, 11.
15 Vgl. Wolfgang Huber, Erinnerung, Erfahrung, Erwartung. Die Ungleichzeitigkeit der Religion und die Aufgabe theologischer Ethik, in: Christian Link (Hg.), Die Erfahrung der Zeit. Gedenkschrift für Georg Picht, Stuttgart 1984, (321–333) 322: Der christliche Glaube „ist von einem utopischen Überschuss geprägt, von einem Vorausgreifen auf eine Zukunft, die noch nicht da ist und von der keiner weiß, wann sie kommt.“
16 Ernst Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen 2, Neudruck der Ausgabe Tübingen 1912, Teilband II, Tübingen 1994, 979.
17 Andreas Reckwitz, Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, 4. Aufl., Berlin 2024, 9.
18 A.a.O., 28f.
19 Heinrich Heine, Nachtgedanken, in: Die besten deutschen Gedichte. Ausgewählt von Marcel Reich-Ranicki, 5. Aufl., Berlin 2014, (101–102) 101.
20 Vgl. dazu Larry Paul Jones / Jerry L. Sumney, Preaching Apocalyptic Texts, St. Louis 1999, 83–104.
21 Sehr treffend bemerkt zu Lk 21,28 Christopher Morse, Not Every Spirit. A Dogmatics of Christian Disbelief. 2. Aufl., New York / London 2009, 334f.: „Sich dem kommenden Leben in dieser Verheißung zu stellen, wie es die Passage bei Lukas schildert, versetzt die Menschen nicht in einen Schlafzustand. Es weckt sie aus ihrer Angst vor der Realitätsflucht und ruft sie dazu auf, den Kopf hochzuhalten. Und auf sehr bodenständige Weise ermöglicht es ihnen auch zu wissen, was sie in der Zwischenzeit tun sollen, wie sie ihre Energien hier und jetzt konzentrieren können: ‚Wachet allezeit und betet, dass ihr stark seid, damit ihr vor dem Menschensohn bestehen könnt‘ (Lk 21,36). Mit anderen Worten: Der apokalyptische Aufruf im Kontext der Lehre Jesu lautet, hier und jetzt nach den Dingen zu streben, die Bestand haben und ‚bestehen‘ werden an dem Tag, an dem aller Widerstand gegen Gottes verheißene Erlösung oder die Befreiung der Welt vom Bösen überwunden und vernichtet sein wird. Der christliche Glaube weigert sich zu glauben, dass die kommende Zukunft, was auch immer sie bringen mag, nicht Gottes eigener Verheißung der Erlösung unterliegt. Aus diesem Grund weigert sich der christliche Glaube ebenso zu glauben, dass die kommende Zukunft der Erlösung menschlichen Vorhersagen und Prognosen unterliegt.” Meine eigene Übersetzung: M.H.
22 Vgl. Siegfried Kettling, … und ihr sollt auch leben! Mit Christus in die Weite, 4. Aufl., Neuhausen-Stuttgart 1993, 64.
23 A.a.O., 61.
24 Vgl. Karl Barth, KD III/2, 524–616.
25 Vgl. S. Kettling, …und Ihr sollt auch leben, 59f.
26 Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie, Gütersloh 1995, 42.
27 Vgl. a.a.O., 43: „Das deutsche Wort ‚Zukunft‘ ist keine Übersetzung des lateinischen futurum, sondern des adventus.“
28 Zum Menschensohn-Prädikat siehe Emmanuel L. Rehfeld, Sündlos solidarisch. Der Sohn Gottes als Repräsentant der Menschheit nach der Darstellung des Markusevangeliums, Leipzig 2024, 179–195.
29 Jan M. Lochman, Unser Vater. Auslegung des Vaterunsers, Gütersloh 1988, 47.
30 Zur Bedeutung vgl. Wolfgang Schrage, Der erste Brief des Paulus an die Korinther (1Kor 15,1–16,24), EKK VII/4, Düsseldorf / Neukirchen-Vluyn 2001, 472f. Siehe auch die Erläuterung in der Predigt „Maranatha“ zu Jes 40,1–10 von Eberhard Busch, Es ist dir gesagt, Predigt heute Bd. 27, hg. von Frank Fiedler u.a., Kamen 2015, (34–39) 34.
31 S. Kettling, … und ihr sollt auch leben, 60.
32 Hans G. Ulrich (Reich Gottes – der widerständige Trosts einer Verheißung, in: Ernstpeter Maurer [Hg.], Grundlinien der Dogmatik, Rheinbach 2005, 287–301, 291) stellt präzise fest: „Das Reich Gotts ist […] auch nicht das Andere unserer menschlichen Wirklichkeit, ihr Gegenbild, sondern die andere, uns entgegenkommende, adventliche Wirklichkeit Gottes, die diese menschliche Wirklichkeit kreuzt.“ Ein „Rückzug aus dem Streit um die Wirklichkeit“ (a.a.O., 296) ist nicht angezeigt.
33 BSLK 513.
34 Vgl. Okko Herlyn, Das Vaterunser. Verstehen, was wir beten, Neukirchen-Vluyn 2017, 64f.
35 Zu diesem Motiv bei Blumhardt vgl. Karl Barth, Vergangenheit und Zukunft (1919), in: ders., Vorträge und kleinere Arbeiten 1914 – 1921, Karl Barth GA III/48, hg. in Verbindung mit Friedrich-Wilhelm Marquardt hg. von Hans-Anton Drewes, Zürich 2012, (528–545) 544; ders., Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV/4, Fragmente aus dem Nachlass. Vorlesungen 1959 – 1961, Karl Barth GA II/7, hg von Hans-Anton Drewes / Eberhard Jüngel, Zürich 1976, 456f. Zu Barths Auslegung der 2. Bitte des Vaterunsers vgl. Philip G. Ziegler, Militant Grace. The Apocalyptic Turn and the Future of Christian Theology, Grand Rapids 2018, 81–96.
36 Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen (1844), Caput 1.
37 Vgl. Martin Schloemann, Luthers Apfelbäumchen? Ein Kapitel deutscher Mentalitätsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg, 2. Aufl., Berlin 2016.
38 Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde (Le mythe de Sisyphe, 1942), Bad Salzig / Düsseldorf 1950.
39 S. Kettling, … und ihr sollt auch leben, 65.
40 A.a.O., 66.
41 Vgl. Helmut Gollwitzer, Krummes Holz – aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens, München 1970, 382: „Es geht nichts verloren.“
42 Hans G. Ulrich (Reich Gottes, 287–317) spricht vom „widerständigen Trost“ der Verheißung des Reiches Gottes.
43 J.M. Lochman, Unser Vater, 57. Dort kursiv.
44 Vgl. Hans G. Ulrich, Ethik lernen mit dem Vaterunser. Das Gebet als paradigmatische Praxis einer Lebensform, in: Johannes von Lüpke / Edgar Thaidigsmann (Hg.), Denkraum Katechismus. Festgabe für Oswald Bayer zum 70. Geburtstag, Tübingen 2009, (435–448) 442: „Mit der Bitte ‚Dein Reich komme‘ vollzieht der Beter seine Zugehörigkeit zu diesem Reich, seine politische Existenz.“
45 J.M. Lochman, Unser Vater, 57.
Marco Hofheinz


