''Der Bund und Treue hält ewiglich''

Predigt zu Jer 5,3


© Pixabay

In Zeiten von Bedrohung und Katastrophe richtet sich der Blick des Propheten Jeremia nicht auf das Versagen der Menschen, sondern auf Gottes Treue. Der Bund Gottes trägt – nicht vor der Geschichte, aber mitten in ihr.

„HERR, deine Augen, sind sie nicht auf Treue gerichtet?“ (Jer 5,3)

Liebe Gemeinde,

Sie wissen vielleicht, dass ich anders als die meisten von Ihnen hier aus Hagenburg nicht lutherisch, sondern reformiert bin. Wenn ich das meinen Studentinnen und Studenten in Hannover sage, zucken manche zusammen, weil sie denken: „Der Hofheinz ist Mitglied von irgend so einer obskuren Sekte.“ Ich muss dann erst einmal erklären, dass wir Reformierten auch reformatorisch, also Kinder der Reformation sind, aber eben nicht Kinder Martin Luthers, sondern Huldrych Zwinglis und Johannes Calvins, die die Reformation anders als Luther nicht in deutschen Landen, dafür aber der Schweiz eingeführt haben. Ich muss Ihnen dann auch erklären, dass es gleichwohl auch in Deutschland reformierte Gemeinden, ja ganze reformierte Landstriche gibt, die von den Impulsen Zwinglis und Calvins ausgehend entstanden sind – Landstriche wie eben das Siegerland und das Wittgensteiner Land, wo meine Frau und ich aufgewachsen sind.

Was ist uns Reformierten wichtig? Ich weiß nicht, ob Sie einmal darauf geachtet haben, wie ich den Gottesdienst liturgisch beginne, wenn ich hier, in Hagenburg, predige. Natürlich trinitarisch: „Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Und dann setze ich schöpfungstheologisch fort: „Unser Anfang und unsere Hilfe stehen im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht.“ So weit, so gut. Aber dann kommt eine entscheidende Wendung: „[…] der Bund und Treue hält ewiglich und nicht preisgibt, was er geschaffen hat.“ii Bund und Treue – das sind zwei gleichbedeutende Begriffe. In der Rhetorik spricht man von einem sog. Hendiadyoin, wörtlich „eines durch zwei“. Eine Sache wird durch zwei gleichbedeutende Begriffe zum Ausdruck gebracht. Und das stärkt die Ausdruckskraft. Wir kennen dies als sprachliche Verbindung, wenn wir z.B. von „Bitten und Flehen“ sprechen. Beim Hendiadyoin geht es also um eine die Ausdruckskraft stärkende Verbindung zweier gleichbedeutender Wörter, so auch bei der Wendung „Bund und Treue“.

Jetzt sind wir bei unserem Predigttext aus Jer 5,3 angekommen, der von der Treue spricht und damit den Bund Gottes mit seinem Volk meint: „HERR, deine Augen, sind sie nicht auf Treue, d.h. auf den Bund, gerichtet?“ So fragt der Prophet Jeremia in bedrängender historischer Situation. Unser Vers gehört in den Zusammenhang der „Frühzeitverkündigung“ des Propheten Jeremia, in der er in den Kap. 4–6 den „Feind aus dem Norden“ herannahen sieht:iii „Der Löwe ist aufgesprungen“ (Jer 4,7). „In immer neu ansetzenden dramatischen Schilderungen werden das Herannahen dieses Feindes, seine archaische Grausamkeit und die Folgen für das Land und für Jerusalem beschrieben (4,5–31; 6,1–26).“iv

Auch wenn offen bleibt, wer mit diesem Feind gemeint ist und das kommende Unheil als gottgewirkt geschildert wird, so dürfte es sich doch um die babylonische Militärmacht handeln.v Doch nur Jeremia hört den Kriegslärm (4,19) und sieht das Chaos (4,23). Und er fordert seine Zuhörerinnen und Zuhörer auf: Durchstreift Jerusalems Gasse, ob sich jemand findet, der „Recht tut und nach Wahrhaftigkeit strebt“ (Jer 5,1; vgl. auch V. 26–28). Doch nicht etwa der Blick auf die Menschen und ihre Unterlassungen in Sachen Gerechtigkeit und Recht hilft Jeremia weiter angesichts der drohenden Not und des kommenden Elends, sondern allein der Blick auf Gott und seine Treue: „HERR, deine Augen, sind sie nicht auf Treue gerichtet?"

Ja, Gott ist treu. Das glaubt und darauf vertraut Jeremia. Doch gibt es einen Grund für dieses Vertrauen auf Gott? Gibt es etwas, das Gott gleichsam als vertrauenswürdig ausweist? Jetzt, liebe Gemeinde, sind wir beim reformierten Thema, nämlich dem Bund, dem Bund Gottes mit seinem Volk Israel, angekommen. Gott hat sich bereits als treu erwiesen. So betont die Bundestheologie.vi Er hat mit Abraham einen Bund geschlossen, als dieser aufbrach aus Ur in Chaldäa (Gen 11,31). Und Gott hat Abraham bewahrt, auf ihn Acht gegeben in all seinen „Irrungen und Wirrungen“ auf dem Weg in das neue Land Kanaan, das Gott ihm zeigen wollte (Gen 12,1). Er hat Abraham nicht nur gesegnet, sondern ihn auch zu einem Segen „für alle Geschlechter auf Erden“ (Gen 12,3) werden lassen, so dass der Abrahamsbund und sein Segen auch die anderen Völker betreffen.

Ja, Gott lässt Abraham nicht nur an den Himmel sehen und die Sterne zählen (Gen 15,5), sondern Gott holt die Sterne für Abraham vom Himmel herab. Er schließt mit Abraham einen Bund (Gen 15,18) und schenkt ihm und seiner unfruchtbaren Frau Sarah den Sohn, mit dem sie längst nicht mehr gerechnet hatten (Gen 21,2). Gott steht zu seinem einmal geschlossenen Bund. Er steht zu seinem Wort. Er hält sein Versprechen. Sein Volk ist und bleibt sein erwähltes Volk. Gott ist treu.

Wir Reformierten singen, ja „schmettern“ gerne aus dem „Genfer Psalter“ nach Matthias Jorissen den Psalm 105 („Dank, dank dem HERRN, du, Jakobs Same“):

„Er will stets seines Bunds gedenken,
nie wird er seine Treue kränken.
An tausend nach uns immerfort
erfüllt er sein Verheißungswort.
Der Bund, der Abrams Hoffnung war,
steht jetzt noch da unwandelbar.“

Ja, Bundestheologie – das ist reformierte DNA.vii Und Sie, liebe Gemeinde, werden vielleicht ahnen, was die Betonung der Treue Gottes zu seinem Volk heißen könnte, etwa im Blick auf sein Volk Israel: Gott hat sein Volk nicht verstoßen (vgl. Röm 11,1) – diese Aussage des Apostels Paulus ist uns wichtig, auch wenn wir Reformierten in unserer Geschichte ihr selten gerecht geworden sind.viii Israel ist und bleibt sein geliebtes, sein erwähltes Volk. Wenn Israel nicht sein geliebtes und erwähltes Volk geblieben wäre, wie wollten wir dann heute wissen, dass auch wir Erwählte und Geliebte sind? Wenn Gott seinen Bund mit Israel nicht halten, sondern seinem Volk untreu würde, wie sollten nicht auch wir befürchten müssen, dass wir längst Verworfene, aus dem Bund Gestoßene sind?ix

Ist das Prinzip der Untreue Gottes einmal einführt, gibt es in der Geschichte Gottes auch mit uns keinen Halt und keinen Trost mehr. Nein, so hat reformierte Bundestheologie im 20. Jahrhundert neu zu betonen gelernt:x Gott bleibt sich und seinem Bund mit seinem Volk treu. Der Bund mit Israel – er wird von Gott erweitert: Wir Nichtjüdinnen und Nichtjuden kommen in Christus hinzu in den einen Bund Gottes mit seinem bleibend ersterwählten Volk: „Christus [ist] Gottes Ja zu Israel.“xi Das heißt: „[I]n Christus [bestätigt Gott] seinem Volk alle Verheißungen in unbegreiflicher Treue“.xii Wie reimte Matthias Jorissen noch gleich? „Der Bund, der Abrams Hoffnung war, / steht jetzt noch da unwandelbar.“ Die Frage: „HERR, deine Augen, sind sie nicht auf Treue gerichtet?", ist bei Jeremia rhetorisch gemeint. Und genau so wird sie auch in der reformierten Bundestheologie verstanden.

Doch halt! Stimmt das denn wirklich? Ist Gott wirklich treu, bundestreu? Musste nicht auch Jeremia am eigenen Leibe Verfolgung bis hin zu seiner Gefangennahme erleben und erleiden? Wurde er nicht in höchst schmerzlicher Weise Zeuge davon, dass „[a]m Ende […] die nationale Katastrophe [stand]: Die Babylonier eroberten Jerusalem, zerstörten Stadt und Tempel und deportierten Teile der Bevölkerung nach Babylonien. Damit endete nach mehr als vier Jahrhunderten Israels Eigenstaatlichkeit und eine neue, in Israels kollektiver Erinnerung dunkle Epoche, die captivitas babylonica, begann.“xiii Genau das wird uns ja in den Kapiteln 37 bis 39 des Jeremiabuches berichtet. Was heißt angesichts dessen „Bundestreue Gottes“? Musste nicht Israel seitdem, ja eigentlich die gesamte Geschichte hindurch eine Katastrophe nach der anderen erleiden

Kaum war man unter David zu einem Reich vereint, kam es auch schon zur Reichsteilung in Nordreich und Südreich. Kaum war die Philisternot gebannt, kam es zur Vorherrschaft der Assyrer, dann der der Babylonier, ja zu dem schrecklichen Exil. Dort saß man an den Wassern Babylons und weinte, als man des Zions, also des Tempelbergs in Jerusalem, gedachte (vgl. Ps 137,1)? Und die Geschichte lässt sich mit den Persern, den Hellenisten und schließlich den Römern fortsetzen. Folgt nicht eine Fremdherrschaft auf die nächste? Folgt nicht auf jede nationale Katastrophe eine neue – bis auf den heutigen Tag? Walter Benjamin sagt: „Das es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe.“xiv Wie ist es also mit der Treue Gottes? Ist am Ende gar das Katastrophische die Treue? Wie steht es mit Gottes Bund?

Nun, wir müssen und wir sollten uns hüten, die Treue, die Bundestreue Gottes aus der Geschichte ablesen zu wollen. Die Geschichte als solche zeigt nämlich im Blick auf Gottes Treue gar nichts oder – genauer gesagt – sie zeigt nur eines, nämlich, dass sie nichts zeigt. So wie Gott uns nicht vor Leid bewahrt, sondern nur im Leid, so bewahrt er auch nicht vor der Geschichte und ihren Katastrophen, sondern nur in der Geschichte und in ihren Katastrophen. Das heißt aber nicht, dass Gott untreu ist. Im Gegenteil! Er hält an seinem Bund fest! Das hat auch Jeremia erfahren, ja bis hinein in die Tiefe der Zisterne (vgl. Jer 37f.). Die Geschichte von seinem Ergehen ist schnell erzählt:xv

Während der Belagerung Jerusalems durch die Babylonier wird er als angeblicher Verräter in eine tiefe, mit Schlamm gefüllte Zisterne geworfen, um ihn dort verhungern zu lassen, weil seine Botschaften dem König Zedekia und dem Volk missfallen. Dort ist kein Wasser, sondern nur noch Morast, in den Jeremia versinkt (Jer 38,1–6). Doch Gott sorgt auch dort für ihn. Auch im tiefsten Schlamm ist Gott für Jeremia da. Er hat ihn nicht vergessen, so wie er seinen Bund nicht vergisst. Gott gedenkt seines Bundes. Er bleibt ihm treu und errettet ihn. Er errettet ihn nicht vor der Zisterne, sondern in der Zisterne und dann schließlich und schlussendlich auch aus der Zisterne.xvi So will Gott auch uns begleiten und uns bewahren im neuen Jahr. Wir dürfen mit Dietrich Bonhoeffer beten, bitten und singen:

„Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.“xvii

Amen.


i Predigt am 4.1.2026 in Hagenburg am Steinhuder Meer.

ii Vgl. Margit Ernst-Habib, „… der Bund und Treue hält ewiglich“. Reformierte Frömmigkeit als Bundesfrömmigkeit, in: ders. / Hans-Georg Ulrichs (Hg.), Glaubensleben. Wahrnehmungen reformierter Frömmigkeit, Texte zur reformierten Theologie und Kirche 3, Solingen 2018, 47–65.

iii Hans-Jürgen Hermisson, „Der Feind aus dem Norden“ (Jer 4–6): Zu einem Gedichtszyklus Jeremias, in: Friedhelm Hartenstein u. a. (Hg.), Schriftprophetie. FS Jörg Jeremias zum 65. Geburtstag, Neukirchen-Vluyn 2004, 233–251; Jörg Jeremias, Theologie des Alten Testaments, GAT 6, Göttingen 2017, 177f.

iv Rolf Rendtorff, Theologie des Alten Testaments. Ein kanonischer Entwurf. Bd. 1: Kanonische Grundlegung, Neukirchen-Vluyn 1999, 193.

v So Konrad Schmid, Theologie des Alten Testaments. Neue Theologische Grundrisse, Göttingen 2019, 49f.

vi Vgl. Eberhard Busch, Gottes Gnadenbund. Das Erbe der Föderaltheologie, in: ders., Reformiert. Profil einer Konfession, Zürich 2007, 71–97.

vii Vgl. Christian Link, Föderaltheologie, in: RGG Bd. 3, 4. Aufl., Tübingen 2000, 171–175.

viii Vgl. etwa Achim Detmers, Reformation und Judentum: Israel-Lehren und Einstellungen zum Judentum von Luther bis zum frühen Calvin, Judentum und Christentum 7, Stuttgart u. a. 2001.

ix Vgl. Michael Weinrich, Die eigentliche ökumenische Frage. Die Kirche und Israel, in: ders., Ökumenische Existenz heute. Auf dem Weg zu einer lebendigen Gemeinschaft. Ekklesiologie n reformatorischer Perspektive, Bd. II, FRTh 17, Göttingen 2025, (197–243) 208: „[M]it welchem Recht könnte die Kirche angesichts ihrer Geschichte auf die Treue Gottes setzen, wenn sie gleichzeitig unterstellt, dass Gott seine Treue zu seinem Volk Israel aufgekündigt habe? Wie kann sie von der Rechtfertigung des Sünders sprechen, wenn sie zugleich die Gottverlassenheit Israels propagiert? Wie denkt sie die Inklusion der Heiden in den Bund Gottes, wenn sie eine Exklusion der Juden für möglich hält? Wie kann sie Israel vergessen, wenn sie im auferstandenen Christus den irdischen Jesus wiedererkennt? Wie kann sie die Israel ergangene Verheißungstradition für sich in Anspruch nehmen, wenn diese den Juden bestreitet? Wie kann sie die allen Menschen geltende Liebe Gottes predigen, wenn ausgerechnet die Juden davon ausgenommen sein sollen?“

x Vgl. Michael Weinrich, Die Kirche als Volk Gotts an der Seite Israels. Theologische Annäherung an eine Israel-bezogene Ekklesiologie, in: ders., Die eine heilige christliche und apostolische Kirche. Berufung und Sendung der Gemeinde. Ekklesiologie in reformatorischer Perspektive, Bd. 1, FRTh 15, Göttingen 2023, 143–173; ders., Justified for Covenant Fellowship. A Key Biblical Theme for the Whole of Theology, in: ders., Die eine heilige christliche und apostolische Kirche. Berufung und Sendung der Gemeinde. Ekklesiologie in reformatorischer Perspektive, Bd. 1, FRTh 15, Göttingen 2023, 275–297.

xi Georg Eichholz, Die Theologie des Paulus im Umriß, 7. Aufl., Neukirchen-Vluyn 1991, 291.

xii Ebd.

xiii Axel Graupner, Prophetische Biografie und Zeitgeschichte, in: ZuMUTungen. Sieben Texte aus dem Buch des Propheten Jeremia, Texte zur Bibel 23, Neukirchen-Vluyn 2007, (12–23) 12.

xiv Walter Benjamin, Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus (Zentralpark, 1937), in: Gesammelte Schriften. 1. Band, hg. von Rolf Tiedemann / Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1991, 683.

xv Vgl. Graupner, a.a.O., 19.

xvi Rudolf Bohren, In der Tiefe der Zisterne. Erfahrungen mit der Schwermut, München 1990.

xvii Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. von Eberhard Bethge, 14. Aufl., München 1990, 219.


Marco Hofheinz