Der blinde Seher

Predigt zu Lk 18,31-43 (Estomihi 2026)


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Zwischen der dritten Leidensankündigung Jesu und der Heilung des blinden Bartimäus entfaltet sich eine dramatische Spannung zwischen Nicht-Verstehen und neuem Sehen.

 

Liebe Gemeinde,

unser Text spricht vom Verkennen und vom Erkennen. Aber er verteilt das Erkennen, wie das Verkennen, nicht auf verschiedene Menschen-gruppen. Er bezeugt ein Verkennen im Erkennen und ein Erkennen im Verkennen, und zwar in ein und demselben Volk, im Gottesvolk. Die Geschichte erzählt berührend und kritisch von Gottes Wandeln inmitten Israels, umgeben von Heiden.

1 Die verkannte Herrlichkeit

„Er nahm nun die Zwölf beiseite und sagte zu ihnen: Wir ziehen jetzt hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben worden ist. Denn er wird den Heiden ausgeliefert und verspottet und misshandelt und angespuckt werden. Sie werden ihn auspeitschen und töten, und am dritten Tag wird er auferstehen. Doch sie verstanden nichts von alledem, der Sinn dieses Wortes blieb ihnen verborgen, sie begriffen das Gesagte nicht.“

Diese vier Verse gehen der eigentlichen Erzählung voran. Sie sind wichtig, um das, um was es geht, weiter, tiefer und besser zu verstehen. Es besteht leider allerlei Irrnis und Wirrnis in Bezug auf Israel, und: Israels Gott. In der Nähe der heutigen türkischen Stadt Izmir lebte etwa um die Mitte des 2. Jahrhunderts ein Bischof, namens Melito – Melito von Sardes. Von Melito ist eine Osterpredigt überliefert, in der es heißt:

„Hört es, alle Geschlechter der Völker, und seht es: Ein nie dagewesener Mord geschah in Jerusalem … der, der das All festgemacht hat, ist am Holz festgenagelt worden! Gott ist getötet, der König Israels ist durch Israels Rechte beseitigt worden!“1

Soll das heißen, dass Israel einen Gottesmord beging, als es Jesus kreuzigen ließ? Das hört sich allerdings so an. Melito kannte noch nicht das Bekenntnis, das wir eben gesprochen haben – „gelitten unter Pontius Pilatus“. Aber „Israels Rechte“? Wer ist gemeint? Liebe Gemeinde, ich möchte mich nicht an Verschwörungstheorien beteilige. Aber soviel ist sicher. Dieses Zitat hat in der Geschichte der Kirche eine böse Karriere gemacht als sog. „Gottesmord“ – als Vorwurf, „die Juden“ hätten Jesus Christus gekreuzigt: „Gott ist tot.“ (Nietzsche) Wie kann das stimmen, wo uns gerade Lukas nach der Erzählung vom Blinden sagt: „ihm“ – Gott – „leben sie alle“ (Lk 20,38)? In Gott sind alle Lebenden und sind alle Verstorbenen gut aufgehoben. Der Gott Israels ist der Gott der Auferweckung der Toten. Lukas weiß definitiv nichts von einem „Gottesmord“. Im Gegenteil!

Für ihn ist Jesus der sog. „Menschensohn“, und er sagt uns auf den Kopf zu, dass Heiden, also Nichtjuden, Jesus verspotten, misshandeln, anspucken werden. Mir scheint, es ging auch Melito nicht um einen pauschalen Vorwurf gegen „die Juden“. Obgleich ich nicht begreife, wie dieser Theologe – der bloß mickrige 100 Jahre nach Paulus gelebt hat – sich einbilden kann, zu sagen, Gott und nicht Gottes Sohn, der Sohn des Menschen, sei gekreuzigt worden. Wir lassen es, fürs Erste, auf sich beruhen.

Wichtiger ist: Der „Menschensohn“, als himmlische Gestalt Gottes, auf Erden2 (Dan 7,13-14) wird getötet und auferweckt von den Toten. Das ist doch kühn: Der Gott Israels, der Gerechte3 in Person, Er leidet. Wo Lukas Jesus sagen lässt, dass er der von Gott gesandte „Menschensohn“ ist, der leidet, da legt der Evangelist den Finger in eine Wunde, nämlich darein, dass Israel seit jeher unter Heiden – seien es Römer, Griechen, Perser, Babylonier, Assyrer, Ägypter – gelitten hat und leidet. Das ist, genau besehen, eine doppelte Wunde: Im Lk lässt sich der Sohn Gottes, der eingeborene Sohn Israels, von „gottlosen“, weil gesetzlosen Heiden ans Kreuz nageln! „Verflucht ist jeder, der am Holz hängt!“ (Gal 3,15). Das wusste schon ein Mose (s. Dtn 21,23). Gott bringt in Jesus Christus Schande über sich, um Israel Schande zu ersparen.

Liebe Gemeinde, das ist typisch jüdisch4. Israels Gott verbirgt seine Herrlichkeit, ER hüllt sein Angesicht in die Gestalt eines Menschen, ja, ER kleidet sich wie ein Wanderer. So lebt er. Das ist der Gott Israels – niemand anderes. Dieser Gott stirbt nicht. Es stirbt vielmehr an und in ihm: der Tod. Jesus ist nicht zu fassen. Die Jünger verstehen ihn nicht. Gott kommt in sein Eigentum. Sein Volk erkennt ihn nicht (so Joh 1,11-12). Jüdinnen und Juden sind keine Gottesmörder – im Gegenteil! Diese zwölf Männer verstehen auf dem Weg hinauf nach Jerusalem gar nichts von der verborgenen Herrlichkeit des Gottes, der mitten unter ihnen ist, als der Sohn eines Menschen. Wie sollten sie auch! Die Zeit war noch nicht reif. Gott erbarmt sich, wessen er will. Er ist souverän. Die Jünger, die Gemeinde, wir, haben auch oft einen Schleier oder sogar eine Decke vor unseren Augen, wenn wir auf Jesus blicken; das ist verständlich und unverständlich. Warum?

2 Die gestörte Menge

Die Verkennung geht erst einmal weiter! Sie ist aber nun nicht mehr die Verkennung Gottes in Jesus Christus, die Jünger spielen übrigens keine Rolle mehr, sondern sie ist Verkennung von Menschen untereinander: von Mensch zu Mensch also. Im Zentrum steht ein blinder Bettler, den ich einen blinden Seher nenne.

Es ist eine ungute Sache, wenn Menschen andere Menschen, wie man sagt, zum Schweigen bringen wollen. Ich denke dabei nicht an die große Politik, ich denke nicht an die Eppstein-Akten und ich denke auch nicht an die großen und kleinen Bestechungen, die hier und die dort im Gang sind und über die die Politik nicht Herr zu werden vermag, wo sie selbst korrupt ist. Diese Art Gangstertum meine ich nicht. Unsere Geschichte schaut ins Kleine, in den Alltag. Dabei ist sie geradezu detailverliebt. Hören wir genau hin:

„Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wegrand saß und bettelte. Als der das Volk vorbeiziehen hörte, erkundigte er sich, was da los sei. Man sagte ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Da rief er: Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Und die vorausgingen, fuhren ihn an, er solle schweigen.“

Hier ereignet sich etwas Lebensveränderndes, ja, eine „Verwandlung5 Aber bevor das geschieht, passiert erst etwas Gewöhnliches. Etwas sehr Gewöhnliches! Etwas, das häufig passiert. Nicht unbedingt absichtlich. Eher unbewusst. Weniger aus Bosheit, mehr aus Unvermögen oder aus Unwissenheit, aber mit einer gehörigen Portion Folgsamkeit.

Da sitzt also ein blinder Mann – Markus kennt ihn als „Bartimäus Sohn des Timäus6“ (Mk 10,46-52); dieser Mann, bei Lukas namenlos, brennt! Seine Blindheit hindert ihn nicht dran, aktiv zu werden, wenn es darauf ankommt. Und heute kommt es drauf an. Dieser Bettler ist mehr als nur ein Überlebenskünstler, denn er ist ein neugieriger Mann. Er bleibt stets auf dem Laufenden, er will nichts verpassen. Er will, obwohl gebeutelt, nicht Zuschauer in seinem eigenen Leben sein. Und da passiert es: Gott – inmitten Israels wandelnd – zieht wie schon an Mose so auch an einer Menschenmenge vorüber. Diese (teils enthusiastisch – teils indifferent) läuft Jesus hinterher. Es heißt wörtlich: „Er kommt vorbei“. Am Rande, verdeckt, sitzt der Blinde, und fragt nach, interessiert sich und erhält als Antwort: Jesus von Nazareth ist zu Besuch. Da brennt er! Aber Achtung „Und die vorausgingen, fuhren ihn an, er solle schweigen.“ Wieso will die Menge den Blinden zum Schweigen bringen? Drei Gedanken:

I. Die Menge betrachtet den Nazarener als ehrwürdigen Lehrer, als Rabbi. Sie ist „verzaubert“. Jesus faszinierte und fasziniert die Menschen. Der Bettler spielt sich auf, drängt sich in Vordergrund. Die überkommene Ordnung gebietet Einhalt und schnaubt: Dein Platz ist am Rand. Die Menge besteht, so heißt es, aus Menschen, die „vorausgingen“, sprich: Menschen, die die Speerspitze bilden in der grauen Masse, und die Speerspitze weist den Bettler schroff zu Recht: Sei still, störe unsere religiöse Aktivität nicht! Wir sind doch immer noch in der Mehrheit! Man kann den Schweigebefehl als Aufforderung deuten, die religiös-sozialen Sitten zu achten.

II. Der Blinde nennt Jesus „Sohn Davids“. Das lässt aufhorchen! David, der große König, ist zwar lange tot, aber die Erinnerung an ihn, v.a. die Erwartung auf Wiedererrichtung seines Königshauses ist verbreitet. Aber wer, wie unser Blinde, von der Farbe, nämlich vom Königtum, redet, der macht sich in den Augen der Römer, der Heiden, „da sind sie wieder“ (Barth), und vielleicht auch der frommen Juden verdächtig. Also ist unser Blinder kein religiöser, sondern ein politischer Störenfried. Oder beides. Egal – der muss zum Schweigen gebracht werden. Wie mein Opa zu sagen pflegte: „Am Tisch wird nicht über Religion und Politik geredet.“ Das ist zu heikel… Ich sehe noch eine dritte Dimension.

III. Ehrlich gesagt, empfinde ich Ungenügen an den ersten beiden Begründungen. Ich sehe noch eine dritte. Und die schaut auf den konkreten Menschen, auf den Blinden also, und zwar als Mensch vor Gott. Wenn es stimmt, dass in Jericho Gott unter seinem Volk wandelt, an Israel vorübergeht, dann antizipiert die Abfuhr, die die Menge dem Blinden erteilt, das Kreuz Jesu als die Vergebung der Sünden.

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen, aber behinderte Menschen haben es im Alltag darum oft nicht leicht, nicht weil sie eine Behinderung, eine Einschränkung, haben. Diese könnten sie, mit Hilfe anderer oder allein, bewältigen. Sie müssen damit zurechtkommen. Aber ihre Behinderung könnte auch woanders liegen. Nicht nur oder vor allem ihnen sich selber – andere behindern sie, machen sie zu „Behinderten“.

Blindheit ist hart. Nicht wenige suchen im Suizid eine Lösung. Ich war vor vielen Jahren im Siegener Dunkel-Café. Ein blinder Mann bediente uns in einem stockfinsteren Raum; er machte seine Sache hervorragend. Sehr versiert, ein guter Kellner. Wir, in diesem Fall, Nicht-Behinderte, schaufelten unser Essen ein um das andere Mal an unseren Mündchen vorbei… Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will Behinderungen nicht schönreden. Behinderung ist Beschränkung, ist, je nach Grad, große bis größte Einschränkung und Begrenzung. Aber: Man soll sich nicht unterkriegen lassen. Weder von sich selbst und erst recht nicht von anderen. Es braucht Mut zum Leben. Das ist ja, für sich genommen, schon ein Wunder; völlig unableitbar! Der Blinde hat Mut. Er bettelt, er will leben, er gibt nicht auf. Er lässt sich nicht hängen. Das übernimmt alsbald ein anderer für ihn.

Aber die Menge! Die Menge hat ihn aufgegeben, sofort, nein, als er sich bemerkbar macht, als er aus ihr heraustritt, als er sich nonkonform stellt, vom Rand in die Mitte drängt, um zu seinem Herrn zu gehen. Es macht auch diesem Behinderten nicht nur seine Behinderung zu schaffen. Als ob das nicht genug wäre! Die Menge behindert ihn auch, behindert ihn so richtig. Er lässt sich davon nicht irritieren, nicht wirklich stören. Und so ereignet sich in unsrer Erzählung ein Doppeltes: Die Menge stört der Behinderte – der Behinderte stört die Menge. Eine Doppelstörung! Wer ist gestört? Es ist die Menge, die Behinderte behindert, indem sie sie – das ist es – zu Behinderten macht, die ihr Maul halten sollen, sobald es hoch hergeht in Jericho. Der Blinde wird abgestempelt, und nicht mehr als Mensch unter Menschen geduldet, sondern als Ballastexistenz ange-sehen. Das ist das Ungeheuerliche im Miteinander der Menschen, sogar der Menschen, in deren Mitte Gott ist. Es ist die bittere Tatsache, dass Menschen andere Menschen auf ihre Handicaps, besonders wenn sie so sichtbar sind wie Blindheit und Armut, festlegen. Wir sehen an einem solchen blinden Anderen, wer wir nicht sind, nicht sein wollen und doch sind – auch Menschen mit Handicaps, mit anderen freilich.

Es ist eine Tat-Sache, dass Menschen andere Menschen auf ihr Können und Vermögen, auf Leistung und Arbeit reduzieren. Das tun wir sozial, das tun wir privat. Es ist mir gar schon passiert, dass ich mich selbst auf meine eigene Leistung, und auf meine eigene Nicht-Leistung, reduziert habe (aktiv), und reduzieren ließ (passiv). Das ist ein böses Spiel. Aber so ist Mensch auch, der gewöhnliche Mensch, der Mensch in der Masse. Nicht der Mensch vor Gott! Zu dem kommen wir jetzt. Der ist anders, ganz anders. Dieser Mensch würde es sich nie gefallen lassen, dass man ihn als „behindert“ hinstellt oder unter die „Bekloppten“ rechnet. Dieser Mensch, der Mensch vor Gott, ist ein adliger Mensch.

3 Ein jüdischer Hilfeschrei und seine königliche Beantwortung

Ich sagte bereits: Der Blinde ist für mich ein blinder Seher. Wieso? Der Blinde sieht etwas, dass diese Menge – gerade weil sie Menge, weil sie Masse ist – nicht sieht, nicht sehen kann: Jesus – Rabbi hin oder her – ist der Sohn Davids. Aber was meint das?

Ich hab nachgerechnet und bin zu folgendem Ergebnis gelangt: David hatte 20 Kinder von mindestens 7 Frauen, also die, die uns namentlich bekannt sind, und mit ihnen zusammen 19 Söhne. David war, gelinde gesagt, sexuell umtriebig. In seiner Familie ging es, obwohl das Alte Testament ihn als König, Musiker und Beter rühmt, drunter und drüber: Sein Erstgeborene Amnon, sein Thronfolger, vergewaltigte seine Halb-schwester Tamar. Was tat da David? Er verschwieg das Verbrechen. Er tat so, als wüsste er von nichts…

In Hebron wurden ihm weitere Söhne geboren: Von Maacha stammt sein Sohn Abschalom, der zuerst Amnon wegen seiner Vergewaltigung tötet, und dann gegen David rebelliert, aber selbst getötet wird, worüber David bitter weint. Er hatte zu jenem Verbrechen seines Erstgeborenen geschwiegen. Danach versucht ein weiterer in Hebron geborener Sohn, Adonija, den Thorn zu erobern, auch er ist des Todes.

Die meisten Söhne werden König David aber nicht in Hebron, sondern in Jerusalem geboren. Der Bekannteste ist Salomo, seine Mutter ist die Batseba. Batsebas erstes Kind mit David ist eine Totgeburt: David hatte sie, obwohl sie verheiratet war, geschwängert, und ihren Ehemann an die Front geschickt. Ein Prophet sagt ihm die Untat auf den Kopf zu und David bereut sehr, was er getan hat. Das zweite Kind mit Batseba ist keine Totgeburt, es heißt Salomo. Salomo wird Davids Thronfolger. Eine gewaltsame Verschwörung bringt ihn an die Macht. Er ist zuerst sehr weise, im Alter hält er sich dann einen Harem nach dem anderen, und verliert den Überblick…

Das Alte Testament erzählt vom Königtum, von Glanz und Elend, aber alle späteren Könige aus dem Haus Davids tun Dinge, die vor Gott und Menschen nicht gerecht sind. Sie quälen die Bürger und beleidigen Gott mit anderen Göttern, indem sie diese ihm gleichstellen. Der Verlust des Königtums ist die Folge.

Wie kommt es, dass der Blinde in Jesus nicht eine Führungsfigur sieht? Die sind, hörte ich, schwer im Trend. Der Blinde sehnt sich nicht nach dem Königtum Davids, er ahnt in Jesus Gottes Königtum. Der Blinde er-blickt in Jesus einen königlichen Menschen, der sich nicht zu schade ist, durch die Viertel Jerichos zu ziehen und … Ja, nun kommt‘s: gerade ihm zu nahe zu treten, konkret: Den Schrei eines behinderten Menschen zu erhören, der ‚Erbarme dich‘ ruft. Was nun geschieht, ist ein jüdischer Hilfeschrei, gepaart mit einer königlichen Anrede, die mich verwundert hat:

„Er rief noch lauter: Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Da blieb Jesus stehen und befahl, man möge ihn zu ihm führen. Als er näher kam, fragte er ihn: Was soll ich für dich tun? Er sagte: Herr, mach, dass ich wieder sehen kann! Und Jesus sagte zu ihm: Du sollst wieder sehen! Dein Glaube hat dich gerettet. Und auf der Stelle sah er wieder, und er folgte ihm und pries Gott. Und das ganze Volk sah es und lobte Gott.“

Der Störenfried schreit nach Barmherzigkeit. Der Mensch der Menge kennt kein Erbarmen, hat kein Erbarmen, will kein Erbarmen. Anders dieser „Schwerbehinderte“. Er sucht sein Heil nicht im Politischen, nicht im Davidischen Großreich und nicht in der Wiedervereinigung Israels! Er sucht sein Heil in Jesus. Er will gesund werden. Und er wird gesund. Denn das Heil, das er will, ist das Heil, das nur Gott selbst uns schenken kann und wirklich schenkt: seinen Frieden. Den nennen Juden: Schalom! Wer am Schalom Gottes teilhat, gesundet und folgt dem wahren Sohn Davids nach. So auch hier.

Ich möchte erst mit einem Missverständnis aufräumen. Dass der Blinde wieder sieht, kann ich in einer bestimmten Hinsicht bewusst nicht als Wunder verstehen, nämlich in der Hinsicht, dass der Blinde körperlich geheilt wurde. Träfe das zu, so würde die Erzählung seine Behinderung als Defizit und ihn als defizitäres Geschöpf sehen, das kurieret oder gar optimiert werden muss. Aber das wäre doch ein Schlag ins Gesicht aller „Menschen mit Behinderung“. Auch theologisch ist das ganz unredlich. Wenn Krankheit ein Mangel wäre, den es auszumerzen gelte, so müsste Gott unter die Nazis gehen. Das sei ferne! Ob gesund oder krank – Gott nimmt die Menschen, wie sie sind. Er gebraucht sie mit und gebraucht sie ohne Augen. Also: „Heil“ als Körperheil oder Seelenheil wäre ja ein Unding, eine Zerteilung des Menschen. Ein Schlag in das Gesicht aller Menschen, die entweder mit Behinderung oder mit Behinderten leben. Unsere Erzählung will, das denke ich zumindest, woanders hinaus.

Der Blinde will zweierlei: Er will Erbarmen und er will sehen. Dass er wieder sieht, heißt, dass er weiß, dass er einzig vom Erbarmen lebt. Er lebt davon, dass seine Mitmenschen ihn gerecht behandeln: Die baldige Begegnung mit Jesus wird ihm zur gegenwärtigen Gesundung – unser Blinder glaubt nicht mehr oder weniger an Gott als andere oder als wir! Er traut auf die Verheißungen, die mit dem Königtum Gottes verbunden sind: „Blinde sehen, Lahme gehen.“ Gottes Herrschaft ist nahe – sie ist zum Greifen nahe. Und er greift zu. Jesus ist für ihn der Messias, Davids Sohn. Jesus ist kein König, der andere in den Krieg schickt, sondern das Böse inmitten Israels ausrottet und Frieden bringt. Der Blinde will nicht irgendeine Wunderheilung, er schreit nach Shalom, nach Verwandlung der Welt. Verwandlung, die heute bei ihm anfängt.

Wo schreien Menschen nicht noch alle nach Shalom, nach Frieden? Ja, gewiss, in den Kriegsschauplätzen dieser Erde, die wir zumeist nur vom Bildschirm kennen und darum verkennen. Wer so nach Jesus schreit, wie er Blinde, wer sich so nach der Gnade Gottes ausstreckt wie er, den nimmt ER in seine Nachfolge. Er möge dies auch unter uns tun!

Wer im herkömmlichen Sinn die Erzählung als sog. „Wunderheilung“ deutet, wird enttäuscht. Ich sehe noch einen Grund für die Gesundung, die Verwandlung im Horizont jenes Davidischen Friedensreiches: Die Menge, ich führte das aus, behinderte den Blinden, und stellte sich als eigentliche Behinderung, ja, als „behindert“ heraus. Gott wertet unsere Werte um: Dem von der Menge Angefeindeten kommt Gott zu Hilfe, indem er ihn rächt: Gottes Rache besteht darin, dass er aus der Menge ein Volk macht. Anders gesagt: Vermeintlich Sehende sind tatsächlich blind, aber wirklich Blinde sehen tatsächlich. Aber ob sie sehen oder ob nicht sehen, weiß nur Gott. Er relativiert unser Sehen oder Nichtsehen, unser Erkennen, unser Verkennen – einen hebt er aus der Masse heraus und der folgt ihm sein Leben lang. Er sah Jesus als den, an den er glaubt: den Herrn. Und umgekehrt. Er sieht in Jesus das Königtum Gottes, und zwar mitten im Leben, in seinem Leben. Jetzt und heute: Das ist Glaube. Der blinde Seher erkennt in Jesus seinen Retter und König – Cyrill von Alexandrien, ein Kirchenvater nach Melito, sagt: Der Blinde respektiert Jesus als Herrn.7

Jesus, sei mit uns barmherzig! So schlicht bezeugt Lukas das. Ich weiß, die Sache ist schwerer, manchmal erscheint sie gar zu unglaublich, um wahr zu sein. Als könnte jemand von uns glauben. Aber eines ermutigt, glaube ich, und das möchte ich Ihnen zusagen: Aus der gestörten Menge wird am Ende ein fröhliches Volk. Es lobt Gott für seinen Königssohn. Es ist das Volk Israel, die Gemeinde aus Juden und Heiden, zu der auch Sie hier gehören, weil der Herr sich über Sie erbarmt hat. Ja, über einen jeden von uns hat er sich ungezählte Male erbarmt und es versprochen, sich auch weiter über uns zu erbarmen. Seien wir gestört oder weniger.

Es gibt in der Kirche heute manche scheinbar Blinden und nicht wenig vermeintliche Sehnende. Aber es kam nie darauf an und es wird gewiss nie darauf ankommen, auch hier und heute nicht, was wir erkennen oder verkennen. Worauf es ankommt ist, dass wir erkannt sind (1Kor 13,12). In unseren Sorgen und in unseren Freuden – in unsren Schwächen und: in unseren Talenten. In Schwachen ist Gott stark! Der blinde Seher!

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, der bewahrt eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


1 zit. in: B. Altaner, A. Stuiber: Patrologie. Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter, Freiburg i. Br. 91978, 89.

2 A. Strobel, Kerygma und Apokalyptik. Ein religionsgeschichtlicher und theologischer Beitrag zur Christusfrage, Göttingen 1967, 114.

3 Vgl. F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas. EKK III/3, Zürich/Neukirchen-Vluyn 2001, 247.

4 Vgl. K. H. Miskotte, Je moet een beetje joods zijn, in: Ders., Te midden van het tumult. Tien nieuw ontdekte preken, Inleiding M. Elbers, Middelburg 2022, 45-54.

5 Bovon, Das Evangelium nach Lukas, 252.

6 Timäus, wörtlich: ein ehrenwerter Sohn Israels.

7 Bovon, Das Evangelium nach Lukas, 262.


Dennis Schönberger