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Die größte Stadt Europas
Mittwochskolumne von Paul Oppenheim

Es war dem kalten Krieg und seinem Eisernen Vorhang geschuldet, dass ich als Wessie in einer amputierten Welt aufgewachsen bin. Hinter der DDR-Grenze begann das bedrohliche Sowjetimperium, das sich düster und undurchdringlich bis nach Sibirien erstreckte. Es hat lange gedauert, bis ich Osteuropa und speziell Russland als einen Teil Europas begreifen konnte. Mit großen Augen bestaunte ich „nach der Wende“ auf unseren Autobahnen die Lastwagen aus Belarus und der Ukraine, aus Litauen und aus Russland. An die Mittelmeerstrände kamen scharenweise russische Touristen. Feine Restaurants und exklusive Boutiquen warben mit Schildern in kyrillischen Buchstaben um Kundschaft aus Osteuropa. Umgekehrt brachten Kreuzfahrtschiffe auf der Ostsee massenweise westliche Besucher nach Sankt Petersburg.
Zur Normalität zählten auch die kirchlichen Kontakte, die früher nur von wenigen Orthodoxie-Experten gepflegt wurden. Jugendgruppen und Chöre unternahmen Reisen, Partnerschaften entstanden. Kultur- und Wissenschaftsaustausch geschah auf allen Ebenen. Man erinnerte sich daran, dass das Land von Dostojewski, Tolstoi, Tschaikowski und Rachmaninow so sehr zu Europa gehört, dass Europa ohne Russland nicht Europa sein kann.
Als Antwort auf den russischen Überfall auf die Ukraine mögen Wirtschaftssanktionen und sogar Militärhilfe für die Ukraine nötig sein, aber der größte Fehler, den wir heutzutage als Gesellschaft und auch als Kirche begehen können, ist, dass wir Russland wieder aus Europa wegdenken. Was jetzt an Kontakten abgebrochen und an Gräben gezogen wird, muss eines Tages wieder rückgängig gemacht werden. Es wäre klug, darüber nachzudenken, wie das Zerbrochene geheilt werden kann und in Europa wieder zusammenwächst, was zusammengehört.
Paul Oppenheim


