'Du aber bleibst'

Predigt zu Psalm 102,7 am Totensonntag (21.11.2021)


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Von Prof. Dr. Marco Hofheinz

Predigttext: „Himmel und Erde werden vergehen, du aber bleibst.“ (Psalm 102,7)

Liebe Gemeinde,

„Himmel und Erde werden vergehen“. Will man die Aussage dieses Satzes auf den Punkt bringen, so lässt sich sagen: „Alles ist vergänglich“. Doch solch ein Satz ist nicht einfach nur im Sinne einer Allerweltsweisheit daher gesagt. Hinter ihm steht weniger eine banale Erkenntnis, als vielmehr schmerzlichste Erfahrung. Wer diesen Satz versteht, der weiß, dass mit dem Vergehen von Himmel und Erde vor allem Schmerz verbunden ist. Denn dass alles vergänglich ist, heißt ja, dass wir nichts festhalten können. Auch nicht das Schöne,1 auch nicht die Freude am Leben, auch nicht die Menschen, die wir besonders lieb haben, auch nicht die Glücksmomente, die unser Dasein beschenken, die es reich und schön machen.

Liebe Gemeinde, kennen Sie das, dass sich der eigene Lebenswillen ganz plötzlich und unvermittelt meldet und laut protestiert? „Ich will nicht sterben! Ich will auch nicht, dass meine Eltern sterben. Ich will nicht älter werden. Ich will auch nicht, dass meine Kinder groß werden. Es soll so bleiben, wie es ist. Denn so, wie es ist, ist es gut und daran soll sich nichts ändern.“ Wie gerne möchten wir festhalten, unser Glück auf Dauer stellen. Und wie oft ertappen wir uns dabei, zum Augenblick zu sagen: „Verweile doch! Du bist so schön!“ Los zu lassen, gehen zu lassen, ja, das tut weh. Abschiednehmen schmerzt. Die eigene Vergänglichkeit, die eigene Sterblichkeit zu akzeptieren, das ist nicht leicht. Und wer von uns könnte sagen, dass er das kann und dass er das schon hinter sich gebracht hätte.

Wir alle sehnen uns zurück nach der Kindheit, wo man anfangen kann, wo alles frisch und neu und unverbraucht ist; wo auch noch alle da sind, die vor uns waren und die uns Halt und Sicherheit geben. Der Schriftsteller Heinrich Böll schrieb im Frühjahr 1985 kurz vor seinem Tod sein letztes Gedicht. Seine Enkelin Samay hatte ein Poesiealbum wie jedes Kind in ihrem Alter eines hatte. Und sie fragte ihren Großvater, ob er ihr etwas hineinschreiben könne, einfach nur als Großvater. Und Böll schrieb das hinein, was er seiner Enkelin sagen wollte, nicht als großer Schriftsteller, nicht als Literaturnobelpreisträger, sondern einfach nur als Großvater:

Wir kommen weit her
liebes Kind
und müssen weit gehen
Keine Angst
alle sind bei Dir
die vor Dir waren
Deine Mutter,
Dein Vater
Und alle, die vor ihnen waren
weit weit zurück
alle sind bei Dir
keine Angst
wir kommen weit her
und müssen weit gehen
liebes Kind.
Dein Großvater2

Liebe Gemeinde, wenn wir weit gehen müssen, und das müssen wir, dann passiert es, dass wir merken: Alle die vor uns waren, sind längst nicht mehr da. Mutter und Vater sind bereits gegangen. Sie mussten gehen, auch wenn wir sie so gerne festgehalten hätten. Um uns, ja um uns und deshalb auch in uns ist es einsamer geworden. Und auch die Welt um uns hat sich verändert, wir verstehen sie manchmal schon gar nicht mehr. Bisweilen fremdeln wir richtig.

„Himmel und Erde werden vergehen“, sagt unser Psalm und bringt damit unser Erleben auf den Punkt. Ja, dass sie vergehen, erfahren wir jeden Tag ein Stückchen mehr. Doch wir müssen nicht nur weit gehen und entfernen uns mehr und mehr von unserem Anfang, sondern wir kommen auch von weit her. Wir kommen von dem her, der ewig ist: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“, sagt uns Hebr 13,8. Wir kommen weit her, d.h. dass wir Geschöpfe sind, Geschöpfe des Ewigen. Und dies, liebe Gemeinde, ist nun für uns das Evangelium: „Himmel und Erde werden vergehen, du aber bleibst.“

Gott bleibt und weil er bleibt, bleiben auch wir. Unser Bleiben liegt ganz in seinem Bleiben. Ohne sein Bleiben, blieben wir nicht und ohne sein Sein wären wir nicht. Wir dürfen ewig sein – dort, bei ihm, dort im anderen Leben: „Mit dir will ich endlich schweben / voller Freud / ohne Zeit / dort, im andern Leben“3 – heißt es im „Weihnachtsoratorium“ von Johann Sebastian Bach. In Gottes Bleiben ist auch für unser Bleiben gesorgt und das auf Dauer, nicht nur für den flüchtigen Augenblick, den wir auf Erden so gerne festhalten möchten. Gottes großes Du will und wird unser kleines Ich ewig bergen. Gott wird sein „Aber“ gegen alle Umstände des Todes und der Vergänglichkeit durchsetzen. Er gibt uns nicht dem Tode preis: „Himmel und Erde werden vergehen, du aber bleibst.“ Was für ein herrliches und großes „Aber“ Gottes!

Und hier haben wir es wieder einmal, dieses herrliche, dieses wunderbare „Aber!“, das uns in der Bibel so oft begegnet. Da wird uns so oft etwas genannt, was wahr und unumstößlich zu sein scheint, so schrecklich unumstößlich, so schrecklich schicksalhaft, dass wir ihm gerne entkommen würden, es aber nicht können, etwa: „Bei den Menschen ist’s unmöglich“ (Mt 19,26). Oder: „Es sollen Berge weichen und Hügel hinfallen“ (Jes 54,10), oder: „In der Welt, da habt ihr Angst“ (Joh 16,33) oder eben: „Himmel und Erde werden vergehen.“ Doch dann wird dem jedes Mal etwas unendlich viel Größeres strahlend und hell gegenübergestellt: „Aber bei Gott sind alle Dinge möglich“ (Mt 19,26). „Aber meine Gnade soll nicht von dir weichen“ (Jes 54,10). „Aber seid getrost“ (Joh 16,33). Und so nun auch hier in unserem Predigttext: „Du aber bleibst“. Ja, lieber Gemeinde: Gott bleibt in Ewigkeit und mit ihm auch wir: „Wir kommen weit her und müssen weit gehen“. Wir sind umspannt von der Weite seiner Ewigkeit.4

„Keine Angst“ – so ruft es Heinrich Böll seiner Enkelin mit seinem Eintrag in ihr Poesiealbum zu. „Keine Angst / alle sind bei Dir / die vor Dir waren / Deine Mutter, / Dein Vater / Und alle, die vor ihnen waren / weit weit zurück / alle sind bei Dir / keine Angst.“ Nicht nur Vater und Mutter, die noch leben, sondern auch die, die vor ihnen waren, also die schon tot sind, sind bei ihr, der Enkelin. Das ist, recht verstanden, kein abstruser Ahnenkult. Dass die toten Vorfahren noch da sind, die Toten also nicht einfach tot sind, das hängt damit zusammen, dass sie Zeugnis von unserer Herkunft und unserer Zukunft geben – Zeugnis von dem, von dem wir herkommen, und Zeugnis von dem, zu dem wir hingehen. Der Hebräerbrief spricht von der „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,1), die uns umgibt. „Die Gestorbenen sind übergewechselt zu der ‚Wolke der Zeugen und Zeuginnen“.5 Sie umgeben uns, ja sie feuern uns an, wie die Zuschauer in einem großen Stadion: „Lauft in Geduld, kämpft den guten Kampf des Glaubens (1Tim 6,12), der euch bestimmt ist. Es lohnt sich. Wir kommen nicht nur von Gott her, wir gehen auch wieder zu Gott hin.“

So weisen uns die verstorbenen Vorfahren im Glauben hin auf Gott. So geben sie uns mit ihrem Leben Zeugnis – lebendiges Zeugnis. Und weil ihr Zeugnis lebendig ist, sind auch sie nach wie vor lebendig. Sie sind „living deads“, Tote, die nach wie vor lebendig sind. Nicht wahr: Der lebendige Glauben der Toten ist doch vitaler als der tote Glaube der Lebenden! Der Theologe Jürgen Moltmann berichtet: „Wenn im Gottesdienst der lateinamerikanischen Basisgemeinden die Namen der Toten, der Verschwundenen und der Märtyrer genannt werden, dann ruft die ganze Gemeinde: ‚Presenté! Sie sind gegenwärtig in der Gemeinschaft Christi“.6 Die Wolke der Zeuge ist da und sie umgibt uns. Deshalb: Keine Angst! „Wir kommen weit her und müssen weit gehen.“

Ich schließe mit der letzten Strophe des Liedes „Nun sich der Tag geendet“ meines Lieblingsgesangbuchdichters Gerhard Tersteegen:

„Ein Tag, der sagt dem andern, /
mein Leben sei ein Wandern /
zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, /
mein Herz an dich gewöhne, /
mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“7

Amen

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1 Vgl. Eberhard Jüngel, „Auch das Schöne muss sterben“ – Schönheit im Lichte der Wahrheit. Theologische Bemerkungen zum ästhetischen Verhältnis, ZThK 81 (1984), 106–126.

2 Gabriele Hoffmann, Heinrich Böll. Leben und Werk, München 1991, 288.

3 EG 36,12 („Fröhlich soll mein Herze springen“; Paul Gerhardt); Zugleich: BWV 248 (Weihnachtsoratorium, Dritter Teil).

4 Diesen Abschnitt zum „Aber“ Gottes habe ich z.T. wörtlich in Anlehnung an Karl Barth, Predigten 1954 – 1967, Karl Barth Gesamtausgabe I/12, hg. von Hinrich Stoevesandt, Zürich 1979, 301f., formuliert.

5 Bertold Klappert, Was dürfen wir hoffen, wenn wir hoffen dürften, in: Reformierte Kirchenzeitung 140 (10/1999), (417–427) 423.

6 Jürgen Moltmann, Das Kommen Gottes. Christliche Eschatologie, Gütersloh 1995, 129. Vgl. auch Bertold Klappert, Worauf wir hoffen. Das Kommen Gottes und der Weg Jesu Christi. Mit einer Antwort von Jürgen Moltmann, KT 152, Gütersloh 1997, 28.

7 EG 481,5.


Prof. Dr. Marco Hofheinz