Es wird gesät

Predigt zur 1. Kor 15, 35-44 am Totensonntag, 22. November 2020


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Von Kathrin Oxen

Wir müssen uns vormalen lassen und ins Herz bilden,
wenn man uns unter die Erde scharrt,
dass es nicht heißen muss gestorben und verdorben,
sondern gesät und gepflanzt
und dass wir aufgehen und wachsen sollen
in einem neuen, unvergänglichen
und ungebrechlichen Leben und Wesen.
Wir müssen eine neue Rede und Sprache lernen,
von Tod und Grab zu reden,
wenn wir sterben, dass es nicht gestorben heißt,
sondern auf den zukünftigen Sommer gesät,
und dass der Kirchhof nicht ein Totenhaufe heißt,
sondern ein Acker voll Körnlein,
nämlich Gottes Körnlein,
die jetzt sollen wieder hervorgrünen und wachsen,
schöner als ein Mensch begreifen kann.
Es geht nicht um eine menschliche, irdische Sprache,
sondern eine göttliche und himmlische.
(Martin Luther)

Es könnte aber jemand fragen: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen? Ja, das könnte jemand fragen. Und nicht nur jemand, sondern viele von uns. Besonders diejenigen, die sich im vergangenen Jahr von einem geliebten Menschen verabschiedet haben. Und die, denen das schon vor längerer Zeit passiert ist. Es könnte heute jemand fragen. Wenn man gerade nicht selbst betroffen ist, dann neigt man vielleicht dazu, die Frage zu verdrängen. An den Rand meiner Tage, später, irgendwann, aber jetzt doch noch nicht.

In einem Jahr wie dem, das hinter uns allen liegt, ist die Frage nach dem Tod und was danach kommt, so bedrängend geworden wie niemals zuvor. Weil es nicht mehr möglich war, sie zu verdrängen und weil viele davon direkt betroffen sind. Geliebte Menschen sind allein gestorben, ohne dass jemand bei ihnen sein konnte. Wir haben Bilder von Särgen sehen müssen, eilig abgeholt aus dem Hintereingang eines Seniorenheims. Und die Beerdigungen haben im kleinen Kreis stattgefunden, ohne, dass alle, die gerne gekommen wären, kommen durften. Ohne den Trost, den es einem schenkt, wenn man sieht, wie viele mit einem trauern. Wir mussten Abschied nehmen, ohne richtig Abschied nehmen zu können.

Deswegen steht diese Frage heute besonders groß im Raum. Sie bringt uns alle an einen Rand, ganz ähnlich diesem Rand dort, wo der Rasen aufgegraben ist, wo die die dunkle Erde ist, Blumen und Tränen. Während auf den Friedhöfen immer die Vögel singen, als wäre gar nichts gewesen und der Wind durch die hohen Bäume geht. An diesen Rand fragen wir uns heran, ein Leben lang. Und spätestens dann, wenn wir dort stehen, fragen wir: Wie werden die Toten auferstehen und mit was für einem Leib werden sie kommen? Könnten wir doch diese Frage nach dem Wie beantworten. Auch die Frage nach dem Ob wäre dann still. Es könnte jemand das fragen. Und das sind wir.

Auf dem großen schönen Friedhof in meiner Kindheit, wo immer Vögel sangen und der Wind durch die hohen Bäume ging, besuchten wir die, die wir liebhatten, gossen die Blumen auf ihrem Grab und harkten die Erde. Und dann gingen wir immer noch mal zu der einen, besonders großen und schönen Grabstelle. Eine ganze Wand voller gleicher Nachnamen und Daten von Geburt und Tod, rundherum umrahmt von einem Spruch: „Was wir bergen in den Särgen, ist das Erdenkleid. Was wir lieben, ist geblieben, bleibt in Ewigkeit.“

Das ist von Goethe, aber das wusste ich damals noch nicht. Der Spruch hat mich aber trotzdem nicht überzeugt. Denn das wusste ich schon damals: Die gestorben sind, die vermissen wir nicht in Teilen. Die vermissen wir ganz. Ihre Stimme und ihren Blick, ihr Lachen und ihre Berührung. Ihr Erdenkleid. Und wenn ein anderes Lachen oder her ist. Denn wir lieben ja auch nicht in Teilen, sondern ganz.

Deswegen ist jeder ein Narr, der uns damit trösten will: Dass nur das Erdenkleid vergeht und ein Teil bleibt von denen, die wir lieben. Ein Narr, auch Goethe. Zusammen mit allen anderen, die an eine unsterbliche Seele denken oder dass wir in den Herzen anderer Menschen weiterleben. Oder sich auf den physikalischen Erhaltungssatz berufen, nach dem im Universum keine Materie verloren geht und also auch von uns irgendetwas übrigbleibt, vielleicht sogar alles irgendwo. Nur nicht das Erdenkleid, das Lachen, der Blick, die Stimme. Ich weiß schon, warum ich Goethe nicht leiden kann und Physik auch nicht. Weil es mich einfach nicht tröstet.

Auf all den Steinen auf dem Friedhof unter den hohen Bäumen stehen die Daten von Geburt und Tod. Was vor dem ersten Datum war, das weiß keiner. Nur dass es irgendwann einmal den Anfang noch vor unserer Geburt gegeben haben muss, als wir gemacht wurden im Leib unserer Mutter. Das Rätsel in der Mitte zwischen Nichtsein und Sein. Dieses Geheimnis, das nur immer größer wird, je mehr man es erforschen kann, bis zum heutigen Tag. Wie wir noch ganz im Verborgenen zu Menschlein werden, mit Augen und Mund, Händen und Füßen, einem kleinen, klopfenden Herz schon nach wenigen Tagen. Wie wir dann geboren werden und als erstes unsere Stimme zu hören ist und wir sehen können und bald auch lachen und greifen.

Und genauso wird es nach dem zweiten Datum auf dem Stein sein: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Und was du säst, ist ja nicht der Leib, der werden soll, sondern ein bloßes Korn, sei es von Weizen oder etwas anderem. Gott aber gibt ihm einen Leib, wie er will.
Du Narr, sagt Paulus, weißt du das etwa nicht? Fast vorwurfsvoll, so als müsste das jeder wissen. Und eigentlich weiß es ja auch jeder: Wo gesät wird, da vergeht und wird etwas zur gleichen Zeit: Same ist‘s gewesen, Pflanze wird es nun sein, ohne doch aufzuhören, dasselbe zu sein. (Karl Barth).
Irgendwo dazwischen ist dieses Rätsel, in der Mitte zwischen Nicht-Sein und Sein. Dieses Geheimnis gibt es nicht nur am Anfang unseres Lebens, sondern auch noch einmal am Ende. Das Leben ist Werden und Vergehen. Und Werden.

Bei jeder Beerdigung im vergangenen Jahr habe ich die Worte gesagt. Auf den vielen schönen Friedhöfen mit den hohen Bäumen. Immer dann, wenn ich am Rand stand, wo der Rasen aufgegraben ist und ich die dunkle Erde sehen konnte:

Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.
Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit.
Es wird gesät in Schwachheit und wird auferstehen in Kraft.
Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.

Und das hat mich getröstet. Zu wissen: Wir haben niemanden von ihnen begraben. Wir haben sie nur ausgesät, dass sie wiederkommen. Wir werden sie wiedersehen. Und dann werden wir sie gleich erkennen, an ihrer Stimme und ihrem Blick, ihrem Lachen. Weil sie die sein werden, die sie waren.

Amen


Kathrin Oxen
Jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

Seit dem 18. März 2020 dürfen wegen der Corona-Pandemie in Kirchen in Deutschland Zusammenkünfte nur mit Einschränkung stattfinden. Der Gottesdienst aber geht weiter! Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes, gibt Ihnen ab sofort auf reformiert-info.de jeden Sonntag Materialien für den Gottesdienst für Zuhause, dazu eine aktuelle Predigt.