Freiheit ohne Selbstsucht

Predigt zum Reformationstag in der von Hugenotten errichteten Franzosenkirche in Schwabach


┬ę Pixabay/matthiasboeckel

Von Gudrun Kuhn

Den ganzen Tag waren sie geritten. Nur der alte Ratsherr Willibald aus Ulm und sein Vetter Konrad aus Straßburg hatten im Wagen Platz genommen. Für sie war die Reise besonders beschwerlich. Die anderen, Jüngeren, saßen trotz der Müdigkeit fest im Sattel. Kein Späher der Bischöflichen hatte sie aufgespürt. Im Schutz der Wälder waren sie unbehelligt ange­kom­men. Nun machten sie Halt in dem Städtchen Weißenburg. Der Wirt des Gasthauses vom Schwar­­zen Bär hatte Bratwürste und Kraut für sie bereitgestellt. Er gehörte – wie die meisten Bür­ger hier – zu den Verteidigern der neuen Glaubensideen. Von ihm mussten sie nichts be­fürch­ten.

Zur Abendandacht ging es in die nahe Andreaskirche. Man sang dort ein Lied aus Luthers  Gesangbuch. Paul Speratus aus Ellwangen – so hatte ihnen der hiesige Pfarrer erzählt – hatte es gedichtet. Und beinahe hätte er den Ketzertod auf dem Scheiterhaufen erdulden müssen. Mit einem gewissen Erschaudern sangen die Männer aus Ulm und Straßburg die mutigen Strophen mit:

LIED 342, Strophe 1 und 6
Es ist das Heil uns kommen her
von Gnad und lauter Güte;
die Werk, die helfen nimmermehr,
sie können nicht behüten.
Der Glaub sieht Jesus Christus an,
der hat für uns genug getan,
er ist der Mittler worden.

Es ist gerecht vor Gott allein,
der diesen Glauben fasset;
der Glaub gibt einen hellen Schein,
wenn er die Werk nicht lasset;
mit Gott der Glaub ist wohl daran,
dem Nächsten wird die Lieb Guts tun,
bist du aus Gott geboren.

Ja, das wollten sie glauben und verteidigen: Die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten... Noch steckte ja vor allem den Älteren die Angst vor dem Fegefeuer in den Kno­chen, mit der sie aufgewachsen waren. Wehe denen, die keine guten Werke vorweisen  oder sich keine Ablassbriefe leisten konnten, um ihre Seelen und die ihrer lieben Verstorbenen vor den Qualen zu retten. Wehe den Sündern! Und – wer konnte von sich sagen, dass er ohne Sün­de sei? Aber: der Glaub sieht Jesus Christus an. Das war die neue Freiheit, von der auch der Pfarrer gepredigt hatte. Die Stelle aus dem Galaterbrief des Paulus war ihnen allen ver­traut: 13Denn zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern.

Auf dem Rückweg ins Gasthaus – vor der letzten Etappe nach Schwabach wollten sie hier über­­nachten – wurden sie von Hans Wolf und Hans Kuttenfelder angesprochen. Die beiden wa­ren von der Stadt beauftragt worden, im nächsten Jahr bei dem großen Reichstag in Augs­burg die protestantische Lehre vor dem Kaiser zu verteidigen. Sie wussten freilich gar nicht so recht, wie ihnen geschah. Theologie hatten sie nicht studiert. Wie würden sie da vor den pägstlichen Ge­lehrten und Anwälten bestehen können? Doch sie hatten gehört, dass im fernen Wittenberg der berühmte Melanchthon schon an einer Verteidigungsschrift arbeitete.

„Ja“, bestätigte Willibald, „darum haben wir ja die Reise auf uns genommen. In Schwabach sollen wir mit anderen Evangelischen darüber diskutieren. Sogar Markgraf Georg aus Ansbach und Kurfürst Johann aus Sachsen haben sich angekündigt.“ „Und ihr seid also aus Ulm?“ fragte Hans Kuttenfelder etwas misstrauisch. „Ja, aus Ulm und aus Straßburg. Wir vertreten die Städte aus dem Süden.“ Da mischte sich der Pfarrer lautstark ins Gespräch: „Aha, da gehört ihr auch zu den Verdrehern des Heiligen Abendmahls wie dieser verfluchte Zwingel aus Zürich! Hat unser Luther nicht in zahlreichen Schriften be­wie­sen, dass der des Teufels ist?“ Die Abgesandten weichen erschreckt zurück. „Gemach, gemach“, ent­geg­net Konrad aus Straßburg. „Dass Luther seine giftigen Pfeile so auf Zwingli abschießt, be­lächeln unsere Reformatoren in Basel und Straßburg und Memmingen und Lindau und an­dern­­orts. Sie haben den Eindruck, dass der Wittenberger einfach von seiner Möchs-Ver­gan­gen­heit noch nicht ganz losgekommen ist. Darum schaltet er beim Streit ums Abendmahl seine Ver­nunft aus.“

Da schießt den drei Weißenburgern die Zornesröte ins Gesicht. „Erst vor kurzem waren wir im Kloster Heilsbronn, wo der Prior Johann Schopper die Reformation eingeführt hat. Zusammen mit dem Theologen Althammer aus Ansbach erklärte er uns genau, warum wir auf keinen Fall da­von ablassen können, an die reale Gegenwart Christi in Brot und Wein zu glauben. Das ist mein Leib – so heißt es, und nicht: ‚das bedeutet meinen Leib‘. Punktum.“ Da ruft einer der jün­geren Abgesandten dazwischen: „So ein Unsinn. Hat Christus vielleicht zu leuchten an­ge­fan­gen, als er sagte: ‚Ich bin das Licht.‘“ – „Ruhig Blut“, so wendet jetzt Willibald aus Ulm beschwichtigend ein. „Wollen wir wirklich darüber in Streit geraten? Christus ist mitten unter uns, wenn wir Abendmahl feiern. Dessen dürfen wir gewiss sein. Müssen wir das im Einzelnen nachweisen? Können wir das nachweisen? Es ist der Glaube, der uns gewiss macht. Kein Priester. Und keine ausgeklügelte Lehre. Gottes Geist wirkt in uns und verbindet uns mit ihm. Und untereinander als Schwestern und Brüder.“ Und Konrad ergänzt: „Bedenkt doch: wenn wir jetzt miteinander um die rechte Lehre streiten – wie sollen wir dann vor dem Kaiser und den altgläubigen Bischöfen und Kardinälen auf dem Reichstag bestehen?“

Die Frage bleibt im Raum stehen. Es ist jetzt Zeit für die Nachruhe. Morgen in Schwabach würde all dies ja zur Sprache kommen. Aber nach dem hitzigen Disput wächst bei den Abgesandten das Unbehagen,  was sie morgen erwarten würde. Hatten sie doch gehört, dass Markgraf Georg unverrückbar den Lehren Luthers folgte. Und Philipp von Hessen, der zwischen ihnen und den Lutherischen vermitteln wollte, hatte seine Teilnahme abgesagt. Wie wohl alles werden würde? Gemeinsam sangen sie das Lied, das ein Vertrauter ihnen aus Zürich geschickt hatte. Huldrych Zwingli hatte es gedichtet.

Lied 242, Strophe 3
Hilf, dass alle Bitterkeit scheid, o Herr,
Und alte Treu wiederkehr und werde neu,
dass wir ewig lobsingen dir.

Im Gasthof Goldener Stern in Schwabach herrschte Hochbetrieb. Hier sollten die Hohen Herrn aus Sachsen und die Gesandtschaft der oberdeutschen Städte Quartier nehmen. Es war ein milder Oktober (16.-19.10.1529), man würde öffentlich auf dem Marktplatz diskutieren können. Schaulustige hatten sich bereits eingefunden.

Die ‚lutherischen‘ Theologen und Abgesandten saßen noch beim Frühtrunk. Übernächtigt blick­ten sie drein. Hatten sie doch die halbe Nacht über den Schriften gesessen, die aus Wit­ten­berg mit­gebracht worden waren: 17 Artikel, ganz aus dem Geiste Luthers und in den ge­schlif­fenen For­mu­lierungen Melanchthons. Die Männer waren sich einig. Keine Silbe würden sie davon abrücken. Seit Jahren tobte jetzt schon der Schriftenkrieg zwischen Zwingli und Luther und ihren Mitstreitern. Zahllos waren Luthers Drohungen, Zwingli würde in der Hölle landen. Zahllos, wenn auch erfolglos. Diese Schweizer waren vermaledeite Vernünftler. Gott zwingt uns nicht, etwas zu glauben, was unsere Vernunft beleidigt – soll Zwingli gesagt haben. Und er bestand darauf, dass Christus zur Rechten Gottes sei und bleibe bis zum Ende der Zeiten. Niemals würde er wieder herabsteigen und sich in Brot und Wein niederlassen. Aber hatte Luther es nicht in Marburg mit Kreide auf den Tisch geschrieben: EST. Das IST mein Leib.

Die beiden Geistlichen Hofmann und Feyelmeyer, die die Pfarrei in Schwabach übernommen hatten, versuchten die Aufregung etwas zu mildern. „Lasst uns doch erst einmal hören, was die Delegierten aus Ulm und Straßburg uns zu sagen haben. Vielleicht ist ja doch eine Übereinkunft möglich. Es kann doch nicht so ausgehen wie in Marburg, wo Luther und die anderen Reformatoren sich in 14 Punkten geeinigt hatten, dann aber in diesem einen Punkt übers Abendmahl unversöhnlich blieben!“ – Da nahten schon die Gäste aus Straßburg und Ulm. Man begegnete sich höflich, tauschte Grüße aus. Und dann verteilte einer Liedblätter, die ganz frisch aus der Feder Martin Luthers kamen.

Lied 362 Strophe 1 und 3
Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind
mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nichts seinsgleichen.

Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht,
das macht, er ist gericht‘:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Die Worte machten allen Mut. Ja, man würde gemeinsam gegen die Gegner aufstehen, sich nicht von Kaiser und Fürsten beirren lassen und das Evangelium frei verkünden.

Jetzt aber würde das Gespräch beginnen. – Welches Gespräch? Die Gesandten aus Straß­burg und Ulm mussten bald feststellen, dass an eine Debatte nicht zu denken war. Die im Voraus formulierten Artikel aus Wittenberg wurden ihnen vor­ge­legt. Und sie wurden zur Un­­terzeichnung aufgefordert. Kein Gedankenaustausch, kein Wortwechsel. Nur wenn sie an­erkannten, dass der Leib Christi in den Elementen real anwesend sei, würden sie ge­mein­sam mit den anderen auf dem Reichstag vertreten werden.

Ihre Überzeugung verraten? Nein, das konnten und wollten sie nicht. Hieß es nicht in der Bibel: Gott ist Geist (Johannes 4,23) Niemals wird er Materie. Und erlebten sie Seine Nähe nicht genauso fromm wie andere? War Christus nicht auch mitten unter ihnen, wenn sie an seinem Tisch Brot und Wein einander reichten? Sie verstanden die Mauer an Ablehnung nicht, der sie gegenüberstanden. Mussten sie sich jetzt auch noch vor den ‚Lutherischen‘ fürchten, nicht nur vor der Papstkirche?

Betrübt wandten sie sich ab und machten sich auf den Heimweg. Nun war eingetreten, was viele schon befürchtet hatten. Die Städte Straßburg, Memmingen, Lindau und Konstanz hatten sich für diesen Fall bereits darauf vorbereitet, ein eigenes Bekenntnis zu formulieren. Und auch Zwingli war nicht untätig. Er schrieb an seiner ratio fidei. Wie der Kaiser uns eine Theologen wohl darauf reagieren würden?

Unverrichteter Dinge mussten die Abgesandten Schwabach verlassen. Im Schutze einer Waldlichtung ließ Willibald die Reisenden absitzen. Er griff zur Bibel und las noch einmal die Worte aus dem Galaterbrief:

13 Zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern. Auf eins jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einan­der in der Liebe! 14Denn das ganze Gesetz hat seine Erfüllung in dem einen Wort gefunden: Lie­be deinen Nächsten wie dich selbst! 15Wenn ihr einander aber beißen und fressen wollt, dann seht zu, dass ihr euch nicht gegen­sei­tig verschlingt!

„Zur Freiheit sind wir berufen“, rief der Straßburger seinen Gesinnungsgefährten zu. „Vergesst das niemals! Zur Freiheit und zur Liebe. Was für ein Beispiel wollen wir unseren Kindern und Kin­deskindern geben? Das der Selbstsucht und Rechthaberei? Sollen wir Evangelischen jetzt un­sere eige­nen Lehren jeweils zum Gesetz machen? Niemand besitzt alleine die Wahrheit. Von der Gewalt der Bi­schöfe und Priester haben wir uns befreit. Lasst uns jetzt nicht von neu­em andere als Ketzer ab­stempeln. Keiner sollte in Glaubensfragen über den anderen herr­schen. Mit un­se­rem Ge­wis­sen stehen wir vor Gott. Ihm alleine sind wir verantwortlich.“

Und Konrad ergänzte: „Wenn wir Abendmahl feiern, verkünden wir unseren Glauben an Chris­tus, sein Leben und Sterben, seine Auferweckung und seine Gegenwart im Geist. Er stärkt un­sere Gemeinschaft und macht uns Mut füreinander einzutreten. Wäre es denn schlimm, wenn das Abendmahl in Zürich ein wenig anders gefeiert würde als in Wittenberg, in Straßburg anders als in Nürnberg und in Ulm anders als in Schwabach? Unsere Gottesdienste mögen verschieden sein. Wir alle jedoch sind eingeladen von dem einen Herrn. Ach – mögen doch unsere Nachkommen Wege finden, dies zu verstehen und zu leben.“

Und alle sprachen: Amen, ja, so soll es sein.

Gott –

Wie bewundere ich meine evangelischen Vorfahren!
Mut und Glaubensstärke.

Wie schäme ich mich für unsere evangelischen Vorfahren!
Starrsinn und Unversöhnlichkeit.

Auch in Zürich und Genf
wurden Menschen zu Ketzern gemacht und getötet.

Und versage ich nicht immer wieder auch selber?
Wo verweigern wir anderen das Gespräch?
Wo meinen wir, die Wahrheit alleine zu besitzen?

Wie schwierig das doch ist:
Wo müssen wir aus guten Gründen auf unseren Einsichten bestehen?
Wo müssen wir uns von anderen in Frage stellen lassen?

So viele Unsicherheiten ...

LIED 600
Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht
Bringe ich vor dich.
Wandle sie in Weite:
Herr erbarme dich.


Gudrun Kuhn