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Gerettet – und jetzt? Warum Taufe mehr ist als ein Versprechen
Predigt zu 1.Petr 3,18-22

Friede sei mit euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt! AMEN.
Liebe Gemeinde,
ich habe heute eine wirklich gute Nachricht für Sie, für uns alle: Wir sind gerettet. Okay, das ist jetzt keine Neuigkeit und beileibe keine Überraschung - die Verkündigung der Frohen Botschaft ist ja jeden Sonntag unser Thema. Aber das ist mitnichten ein Grund, jetzt gelangweilt zu sein und wegzuhören! Das Evangelium von der Liebe Gottes in Jesus Christus ist 2000 Jahre alt und doch immer wieder neu, sie gilt uns je und je; die Frage ist nur, ob sie uns erreicht, ob wir uns von ihr ansprechen lassen, trösten lassen, motiviert werden.
Der sechste Sonntag nach Trinitatis - er fällt fast immer in unsere Sommerferien - ist dem Taufgedächtnis gewidmet. Glücklicherweise wurde in unserer Gemeinde schon vor einer Woche - also gerade noch rechtzeitig, bevor das große Reisefieber ausbricht - mit einem Tauffest gewürdigt, was Katholiken beim Betreten einer Kirche durch das Benetzen der Stirn mit Weihwasser sich stets auf Neue in Erinnerung rufen: Du bist getauft, du gehörst um Jesu Christi willen zu Gott.
Einer der biblischen Texte, die für die Auslegung heute zur Wahl gestellt sind, findet sich auch als Epistel für einen ganz anderen kirchenjahreszeitlichen Kontext. Die Verse 18 bis 22 aus dem 1. Petrusbrief, Kapitel 3, sind am Karsamstag als Epistellesung vorgesehen. Ich lese uns aus der “Neuen Genfer Übersetzung” vor:
18 Christus hat ein für allemal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, um euch zu Gott zu führen, getötet zwar in bezug auf das Fleisch, aber lebendig gemacht durch Gottes Geist.
19-20 Und so, zu neuem Leben erweckt, ging er zu den Geistern in der unsichtbaren Welt, die sich zu Noahs Zeit gegen Gott aufgelehnt hatten und die jetzt bis zu ihrer endgültigen Verurteilung gefangen gehalten werden, und verkündete ihnen seinen Sieg. Damals, in den Tagen Noahs, hatte Gott in seiner Geduld mit dem Gericht gewartet, bis die Arche gebaut war. Doch als dann die Flut kam, wurden nur wenige – nicht mehr als acht Personen – in der Arche durch das Wasser hindurch getragen und gerettet.
21 Das Wasser von damals war das Gegenstück zum Wasser der Taufe, und dieses Wasser rettet jetzt euch. Denn bei der Taufe geht es nicht um etwas Äußeres, das Abwaschen von körperlichem Schmutz. Sich taufen zu lassen bedeutet vielmehr, Gott um ein reines Gewissen zu bitten. Und dass die Taufe uns rettet, verdanken wir der Auferstehung von Jesus Christus, 22 der jetzt – nachdem er in den Himmel gegangen ist – auf dem Ehrenplatz an der rechten Seite Gottes sitzt und dem die Engel und alle Mächte und Gewalten unterstellt sind.
Wie gesagt, liebe Geschwister: Wir sind gerettet. Halleluja!
Warum will jetzt keine Euphorie aufkommen?
- Womöglich deshalb, weil dieser Text schwer zu fassen ist.
Daran kann etwas geändert werden, und ich will mich natürlich darum bemühen, dies zu tun.
Aber ich schließe nicht aus, dass ein dankbares Aufatmen vielleicht auch deswegen ausbleibt, weil sich niemandem das Gefühl vermittelt, wir seien aus unmittelbarer Todesgefahr gerade noch einmal davongekommen, sozusagen “dem Tod von der Schippe gehopst”, wie man das flapsig formuliert, wenn man gerade noch vor der Klippe weggezogen werden konnte oder eine hochriskante Operation wider Erwarten erfolgreich verlief, wenn ein sicherer Todesschütze doch nicht traf oder ein Suizid-Kandidat rechtzeitig gefunden wurde und sein Leben gerettet werden konnte.
Ist uns jeder Gedanke an einen ewigen Tod abhanden gekommen? Fürchten wir nichts mehr, das jenseits unserer Lebenszeit liegt? Haben Höllenstrafen und Gottes Zorn für immer ausgedient? Zumindest blenden wir gern aus, was uns unsicher macht, und zu einem “lieben Gott” passt schlecht, dass wir dereinst Rechenschaft ablegen müssen über unser Tun und Lassen.
Die Bibel rechnet mit einem Gott, der uns vor einem Richterstuhl antreten lässt und uns - wie Carl Zuckmaiers “Hauptmann von Köpenick” vor die Frage stellt: “ Was hast du nun gemacht mit deinem Leben, das ich dir geschenkt habe, Friedrich Voigt?” - Und er antwortet bekanntermaßen wahrheitsgemäß: “Fußmatten.” Da hätte man wirklich mehr erwarten dürfen!
Was hätte Gott von uns mit Fug und Recht Besseres erwarten dürfen, als wir vorzuweisen haben? Bedrängt uns nicht wenigstens diese Frage, diese Diskrepanz zwischen einem Sollen, dem ein Können entspricht, und unserer tatsächlichen Lebensbilanz?
Wir hätten (Konjunktiv!) mehr tun können für die Gerechtigkeit; selbst wenn es nicht allzu viel gewesen wäre.
Wir hätten (immer noch Konjunktiv) uns mehr einsetzen können für Frieden und Versöhnung.
Wir hätten (auch dies in der Möglichkeitsform) vermutlich etwas dazu beitragen können, dass Gottes Schöpfung weniger bedroht ist und kommenden Generationen mehr übrig lassen sollen von Gottes guten Gaben, die doch für alle da sind; Saat und Ernte sollen doch weitergehen - ebenso wie Sommer und Winter, Frost und Hitze - solange die Erde steht.
Wenn wir dem auch nur einen flüchtigen Blick widmen, werden wir - bei allen lobenswerten Ausnahmen von der Regel, die es immerhin geben dürfte - feststellen müssen, dass wir viel an uns gedacht haben und wenig an andere; und an Gott haben wir uns meist nur dann erinnert, wenn es uns mal schlecht ging.
Mit einem Wort: Wir haben auf der ganzen Linie versagt. Wir sind - um es mit einer alten Vokabel zu sagen - Sünder. Ganz und gar verloren. In den Fluten versunken, die wir selbst heraufbeschworen haben. Und das nicht, weil in grauer Vorzeit Adam und Eva von der verbotenen Frucht genascht haben; sondern weil des Menschen Streben böse ist von Jugend an.
Wo bleibt nun das Positive? Was gibt es jetzt noch an Froher Botschaft zu vermelden?
Ganz am Beginn unseres Abschnittes schreibt “Petrus”: Christus hat ein für allemal für die Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, um euch zu Gott zu führen. Etwas weiter hinten im Text heißt es dann: Das Wasser [der Sintflut] war das Gegenstück zum Wasser der Taufe, und dieses Wasser rettet jetzt euch. Und schließlich lesen wir: Dass die Taufe uns rettet, verdanken wir der Auferstehung von Jesus Christus.
Die im Text erwähnten “Geister der unsichtbaren Welt” lasse ich jetzt mal bewusst außer acht; das sind antike Vorstellungen, komplizierte theologische Konstruktionen, bei denen der prä-existente Christus eine Rolle spielt, der schon vor seiner Menschwerdung Macht hatte, die allen anderen Mächten überlegen ist.
Er hat, um es sehr salopp zu sagen, für uns die Suppe ausgelöffelt, den Karren aus dem Dreck gezogen, die Sache mit Gott wieder gerade gebogen, die wir, verkrümmt in uns selbst, unrettbar verdorben hatten. Der Richterspruch über die Ungerechten - also uns, die Gott nicht gerecht geworden sind - lautet: Freispruch.
DAS ist die Frohe Botschaft, die gute Nachricht, das Evangelium.
Aber sitzen wir jetzt in einer Art Rettungsboot, während neben uns der havarierte Dampfer im Ozean versinkt? Das ist denn doch zu schlicht, das ist Zeugen-Jehovas-Niveau! Wie könnten wir uns über unsere “Rettung” freuen, wenn zwar das Verhältnis zu Gott wiederhergestellt ist, aber die Welt weiterhin zum Teufel geht? Welchen Grund zum Jubeln kann es geben, wenn weiter Krieg herrscht statt Frieden, wenn das Recht des Stärkeren Gerechtigkeit verhindert, wenn die Schöpfung, die wir bewahren sollen, vor die Hunde geht?
“Petrus” nimmt Bezug auf Noah und seine Familie, die überleben durften, während die Welt in den Fluten versank. Damals also waren es nur acht Menschen, die gerettet wurden - jetzt hingegen alle, die getauft worden sind.
Aber die Taufe ist kein Zaubertrank oder Jungbrunnen, der ewiges Leben schenkt. So großzügig Gott auch allen, die getauft sind, um Christi willen vergibt, stellt “Petrus” doch auch klar: Bei der Taufe geht es nicht um etwas Äußeres, das Abwaschen von körperlichem Schmutz. Sich taufen zu lassen bedeutet vielmehr, Gott um ein reines Gewissen zu bitten.
Nein, nicht Luthers “Pecca fortiter!” - sündige tapfer - ist hier gemeint, als ginge es darum, sich einmal kurz zu schütteln und dann weiterzumachen wie ehedem. Ein reines Gewissen ist ein solches, das sich im Einklang weiß mit Gottes Wort und Willen; auch wenn wir uns dessen bewusst sind und bleiben sollten, dass wir Menschen, dass wir fehlbar sind, selbst wo die beste Absicht waltet.
Wir werden die Welt nicht retten, und wir müssen die Welt nicht retten.
Aber getauft zu sein, bedeutet, Gott Ruf gehört zu haben und darauf Antwort zu geben. Bedeutet, sich berufen zu wissen und also verantwortlich dafür, mit Christus zu kämpfen gegen die Mächtigen und Mächte, die nicht wollen, dass Gottes Reich kommt und sein Wille geschieht auf Erden wie im Himmel.
Christus zu kreuzigen war unsere ultimative Absage an Gott.
Christi Auferstehung ist “unsere Rettung”; denn sie ist Gottes Sieg über den Tod.
Christus lebt, aber nicht als einer, der “nochmal davongekommen ist”, sondern er sagt: Ich lebe und ihr sollt auch leben.
Wer getauft ist, sitzt nicht im Rettungsboot oder im Bunker, schon gar nicht auf einer Insel der Seligen.
Wer getauft ist, trägt Schutzhelm und Weste und stellt sich dem Kampf. In der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 hält die Synode der Bekennenden Kirche angesichts von Führerprinzip und Menschenverachtung fest: Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.
Taufgedächtnis ist also weit mehr als ein paar Tropfen Wasser auf die Stirn oder das Anzünden einer Kerze. Taufgedächtnis bedeutet: Vergiss nicht, dass du ja gesagt hast, mit Christus wider Tod und Teufel zu streiten!
Unser Gottesdienst endet nicht mit Orgelnachspiel und Glockenklang, unser Gottesdienst geht weiter, immerzu, überall in Gottes Welt - bis sein Reich kommt.
Amen.
Stefan Schaar


