Gnade vor Recht

Predigt zum 13. Sonntag n. Trin., Gen 4, 1-16


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Von Stephan Schaar

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN.

Liebe Gemeinde, der für heute vorgeschlagene Predigttext gehört zu der kleinen Zahl von Geschichten, die auch in einer durch und durch säkularisierten Welt noch von vielen gekannt wird. Wir haben die Erzählung von Kain und Abel gerade erst im Konfirmandenunterricht behandelt im Zusammenhang der Sündenfrage.

Ich lese uns die Verse 1-16 des vierten Kapitels des Buches Genesis in der Neuen Genfer Übersetzung, möchte dann aber unsere Aufmerksamkeit weniger auf das falsche Tun des Brudermörders lenken und noch weniger die Frage erörtern, inwieweit Gott den Zorn des Gedemütigten angestachelt habe, sondern mich mit der Kommunikation zwischen Kain und Gott befassen.

1Adam schlief mit seiner Frau Eva, sie wurde schwanger und brachte einen Sohn zur Welt. Sie nannte ihn Kain (»Gewinn«), denn sie sagte: »Mit der Hilfe des Herrn habe ich einen Sohn bekommen!« 2Später brachte sie seinen Bruder Abel zur Welt. Abel wurde Hirte und hielt Schafe und Ziegen, Kain hingegen wurde Ackerbauer.

3Eines Tages brachte Kain dem Herrn einige Früchte seiner Feldarbeit als Opfer dar. 4Auch Abel brachte ein Opfer dar. Er nahm einige der erstgeborenen Jungtiere aus seiner Herde und opferte davon die besten Fleischstücke. Der Herr blickte freundlich auf Abel und nahm sein Opfer an, 5aber Kain und seinem Opfer schenkte er keine Beachtung. Da packte Kain der Zorn, und er starrte finster vor sich hin. 6Der Herr fragte ihn: »Warum bist du zornig? Warum starrst du so finster vor dich hin? 7Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Blick frei erheben. Wenn du aber etwas Böses vorhast, dann lauert die Sünde schon vor deiner Tür und will dich haben. Du aber sollst sie beherrschen!«
8Doch Kain sagte zu Abel: »Komm, laß uns zusammen aufs Feld gehen!« Und als sie dort waren, fiel er über seinen Bruder her und schlug ihn tot.

9Der Herr fragte Kain: »Wo ist dein Bruder Abel?« »Ich weiß es nicht«, antwortete Kain. »Ist es etwa meine Aufgabe, auf meinen Bruder aufzupassen?« 10Da sagte der Herr: »Was hast du getan? Ich höre, wie das Blut deines Bruders vom Feld zu mir schreit! 11Von nun an bist du verflucht und mußt das fruchtbare Ackerland verlassen. Denn du hast es mit dem Blut deines Bruders getränkt. 12Wenn du es trotzdem bearbeitest, wird es dir keinen Ertrag mehr schenken. Als heimatloser Flüchtling wirst du auf der Erde umherirren.« 13Kain erwiderte: »Meine Strafe ist zu schwer. Ich kann sie nicht tragen. 14Weil du mich vom fruchtbaren Ackerland vertreibst und aus deiner Gegenwart verstößt, muß ich schutzlos umherirren, und jeder, der mich findet, kann mich töten!« 15»Damit dies nicht geschieht«, sagte der Herr, »bestimme ich: Wer dich tötet, soll einer siebenfachen Rache zum Opfer fallen!« Dann versah er Kain mit einem Zeichen, damit niemand, der ihm begegnete, es wagen würde, ihn zu töten.

16So verließ Kain die Nähe des Herrn und ließ sich in Nod, einem Gebiet östlich von Eden, nieder.

Liebe Gemeinde, das ist ein Text, bei dem in jedem Wort Bedeutung steckt, angefangen von der - hier vermiedenen - Aussage Evas, sie habe mithilfe des Herrn einen Mann gewonnen, über die Bedeutung des Namens Abel (“Hauch”) bis hin zu dem jüngsten Sohn Evas, der allerdings erst ganz am Ende des Kapitels erwähnt wird und den programmatischen Namen Seth erhält, was auf Deutsch “Setzling” bedeutet; die biblische Geschichte der Menschheit ist also doch keine, die einzig und allein auf dem Schicksal eines gewalttätigen Mannes beruht, der seinen Bruder im Zorn erschlägt und dafür - vergleichsweise glimpflich - mit Landesverweis bestraft wird, wobei Gott ihm ausdrücklich den Schutz seines Lebens garantiert.

Schauen wir uns jetzt mal die Dialoge zwischen Gott und Kain ein wenig näher an!

Es beginnt damit, daß Kain vor lauter Groll so finster dreinschaut, daß Gott ihn anspricht: »Warum bist du zornig? Warum starrst du so finster vor dich hin? 7Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Blick frei erheben. Wenn du aber etwas Böses vorhast, dann lauert die Sünde schon vor deiner Tür und will dich haben. Du aber sollst sie beherrschen!«

Kain gibt darauf keine Antwort. Das wundert uns nicht mehr, weil wir die Geschichte schon so oft gehört haben. Aber eigentlich kann es doch nur überraschen, daß er sich nicht erklärt.

Dann gäbe es vermutlich auch einen Hinweis für die Befürworter und Gegner der Theorie, Gottes willkürliche Bevorzugung Abels sei die eigentliche Ursache für Kains Zorn. Er sagt davon jedoch kein Wort. Und die Rabbinen sind überwiegend der Meinung, daß es einen Unterschied in der Qualität beider Opfer geben müsse - hier der freudige Dank Abels und dort der pflichtschuldige Verzicht Kains.

Und was ist nun von Gottes Hinweis zu halten, daß der zornige Blick darauf hinweist, daß Kain Böses im Sinn habe, die Sünde also quasi schon vor der Tür lauere? Immerhin fügt Gott noch einen positiv formulierten Auftrag an Kain hinzu: Er soll stärker sein als die Sünde.

Gemäß der Logik Immanuel Kants (“Du kannst, denn du sollst”) befiehlt Gott nichts Unmögliches. Also ist es eine Frage des Willens, die Sünde zu beherrschen oder sich ihr hinzugeben; statt daß man sagen dürfte, daß der Geist willig, das Fleisch jedoch schwach sei.

Wie es aussieht, hat sich Kain längst entschieden - und er hat anderes im Sinn, als Gottes Warnung zu beherzigen. Zügig führt er sein Vorhaben aus. Anders als sein Vater und seine Mutter, denen nach dem Genuß der Frucht des verbotenen Baumes die Augen aufgingen, so daß sie sich schämten und vor Gott versteckt hielten, entgeht Kain der bohrenden Frage Gottes nicht einen Augenblick: »Wo ist dein Bruder Abel?«

Im Paradiesgarten hatte die Frage gelautet: “Mensch, wo bist du?” Daraufhin hatte Adam sein lachhaftes Versteckspiel aufgegeben und sich gestellt, allerdings umgehend einen anderen Schuldigen - die Frau, die Gott ihm zur Seite gestellt hatte - bezichtigt.

Hier wird nach dem Bruder gefragt. Das ist nicht einfach einer, der durch irgendeinen Zufall in dieselbe Familie hineingeboren wurde. Bruder - das ist Mitmenschlichkeit höchster Intensität. Etwas Innigeres als den Bruder (oder die Schwester) läßt sich gar nicht denken. Mögen andere Völker fremde Götter verehren, mögen andere Clans womöglich nicht ganz koscher sein in ihrem täglichen Tun: Unter Brüdern hat unverbrüchliche Treue und Solidarität zu herrschen!

Freilich erzählt uns die Bibel in mehreren prominenten Geschichten, daß diese Theorie in der Praxis leider oft nicht befolgt worden ist, auch wenn es nicht gleich in einen Mord mündete. Jakob haut seinen Bruder Esau übers Ohr, Joseph wird von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft, und im Königshause Davids herrschen Vergewaltigung und Mord.

Kain ignoriert die ethischen Forderungen der Bruderschaft, indem er antwortet: »Ich weiß es nicht. Ist es etwa meine Aufgabe, auf meinen Bruder aufzupassen?«

Darauf wiederum gibt es nur eine denkbare Antwort: ein klares Ja, das wir aus dem Munde Gottes jedoch nicht zu hören bekommen - wohl, weil es so selbstverständlich ist.

Gottes Reaktion besteht statt dessen in einer rhetorischen Frage: “Was hast du getan?”

Vielleicht dürfen wir - wie Luther bei der Übersetzung des Römerbriefes - hier zur Verdeutlichung ein Wort einfügen und sagen: “Was hast du nur getan?” So reden wir auch, wenn wir gar keine Antwort erwarten, keine Erklärung wünschen, sondern eine Vorhaltung machen.

Es folgt eine Kurzfassung der Anklage (Ich höre, wie das Blut deines Bruders vom Feld zu mir schreit!) und gleich darauf das Urteil samt Begründung: Kain muß die Adamá - den Boden - verlassen, den er mit dem Dam - dem Blut - des Bruders getränkt hat; und sollte er versuchen, das Land dennoch zu bebauen, so wird es ihm nicht gelingen. Sein Schicksal ist es, zukünftig heimatlos zu sein.

Das ist zwar kein leichtes Los, doch mit den Maßstäben früher Zeiten gemessen, sehr human gegenüber dem, was eigentlich zu erwarten wäre, nämlich eine Todesstrafe.

Genau die will Gott aber nicht!

Das Leben auf der Erde soll doch weitergehen, und selbst ein Mörder bekommt eine zweite  Chance; nur eben das Heimatrecht verliert er unwiederbringlich.

Und nun wird es, finde ich, interessant: Der Verurteilte leugnet zwar nicht seine Schuld, aber er ficht das Urteil an:  »Meine Strafe ist zu schwer. Ich kann sie nicht tragen. Weil du mich vom fruchtbaren Ackerland vertreibst und aus deiner Gegenwart verstößt, muß ich schutzlos umherirren, und jeder, der mich findet, kann mich töten!«

Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, wie hier jemand - und zwar kein frommer Beter wie später Abraham, der um die Verschonung von Sodom feilscht, sondern ein jähzorniger Brudermörder - mit Gott spricht: Er weist die Strafe als unangemessen hoch zurück.

Ein bisher von mir stets übersehener Nebengedanke erwähnt die fehlende Gegenwart Gottes und die daraus resultierende Schutzlosigkeit Kains - und eben darauf nimmt Gott in seiner Replik Bezug, indem er ihm ein Zeichen auf die Stirn macht, das gerade kein Stigma, sondern ein Schutzsymbol ist, und sagt: »Damit dies nicht geschieht, bestimme ich: Wer dich tötet, soll einer siebenfachen Rache zum Opfer fallen!«

Hier redet nicht der freundliche Gott, den wir uns wünschen, und der liebe Gott, den wir uns zusammen phantasieren. Hier spricht einer, der zu allem entschlossen ist - und zwar, um einen überführten Mörder zu schützen!

Nirgendwo steht geschrieben, daß Gott diesen Worten entsprechende Taten hat folgen lassen. Aber allein schon die Drohung macht deutlich: Gott läßt nicht zu, daß andere sich erdreisten, ihr eigenes Recht zu setzen und durchzusetzen - allein sein Wort und Wille zählt.

Fazit, liebe Gemeinde:

1. Gottes Nähe ist heilsam und gut.
2. Aus unerfindlichen Gründen halten es manche - oder sind es alle? - Menschen nicht aus in dieser Nähe. Sie rebellieren in ihrem Denken, Reden und Tun.
3. Das kann nicht ohne Folgen bleiben. Allerdings gilt bei Gott nicht “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, sondern das Prinzip “Gnade vor Recht”.
4. Deswegen hört das Recht jedoch nicht auf, Recht zu sein, und das Unrecht wird nach wie vor beim Namen genannt.
5. Mit der Straftat und deren unmittelbarer Konsequenz ist die Geschichte Gottes mit seinen Menschen noch keineswegs zu Ende erzählt. Am Ende steht ein neuer Hoffnungsschimmer, ein Setzling, ein Keim der Menschlichkeit.

Und wie endet unsere Perikope?

Kain verließ die Nähe des Herrn und lebte jenseits von Eden.
Da, wo er jetzt wohnt, bleibt ihm als Verbundenheit mit Gott nur das Hören auf sein Wort - und eine darauf antwortenden Lebensweise.
Ebenso wie uns.

Amen.


Stephan Schaar