Helden und Heilande

Themengottesdienst zu Jes 7, 5-6


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Von Stephan Schaar

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! AMEN.
Liebe Gemeinde,

Wikipedia definiert: Ein Superheld ist eine fiktive Figur, die meist übermenschliche Fähigkeiten oder Highway-Tech-Ausrüstung besitzt, mit denen sie die Menschheit beschützt und Böses bekämpft. Superhelden haben typischerweise großen Mut und einen edlen Charakter.

Es gibt natürlich auch Bilder zu sehen, wenn man das Internet nach dem Stichwort “Superheld” befragt: Superman, Batman - und wie sie alle heißen. Ich habe nach Superhelden-Filmen recherchiert und musste feststellen, dass ich in den meisten Fällen weder den Film noch dessen  Vorlage (in der Regel ein Comic) kannte.

Als ich das Thema für heute - “Helden oder Heiland” - formulierte, hatte ich eher eine vage Vorstellung von Heroenverehrung, die man in amerikanischen Katastrophenfilmen beobachten kann, in denen oftmals ein einzelner mutiger Mann (meist umgeben von einer ihn bewundernden hübschen Frau) die Welt vor der Vernichtung rettet, die entweder durch Außerirdische droht oder von einem gigantischen Naturereignis wie beispielsweise einem Tsunami.

Ausgerechnet in den so bibelfrommen USA begeistert man sich für ein Stereotyp, das zwar eigentlich nichts anderes ist als eine Art Märchen für Erwachsene, das aber doch Züge einer Ersatzreligion trägt, die mit der jüdisch-christlichen Tradition nichts gemein hat. Deshalb die Zuspitzung für den heutigen Themengottesdienst: Helden oder Heiland?

Bevor wir auf den Heiland blicken und uns fragen, wieviel “Held” in ihm steckt, bleiben wir erst noch ein wenig bei den Helden selbst, die mir gleich ein Stück sympathischer werden, wenn sie ihre besonderen Fähigkeiten nur zeitweilig besitzen. In dem gallischen Dorf, das wir alle kennen, verleiht einzig der “Zaubertrank” des Druiden jene Kräfte, die von den Römern gefürchtet werden, und der Seemann mit dem Glubschauge verdankt seinen harten Faustschlag dem Genuss von Spinat.

Da ist schon ein gewisses Augenzwinkern enthalten, das noch viel stärker ausgeprägt bei dem kleinen, schwächlichen und nicht besonders intelligenten Tankstellenmitarbeiter Stanley Beamish zu Tage tritt, der nämlich “immer, wenn er Pillen nahm” zu ganz großer Form aufläuft; das lief als Serie zu meiner Grundschulzeit, und wir haben es geliebt.

Einem Antihelden wie dem tollpatschigen Inspektor Clouseau mag ich lieber bei seiner Arbeit zusehen als dem coolen und letztlich immer erfolgreichen James Bond. Ist das nur eine Geschmacksfrage, oder hat es auch damit zu tun, dass wir in einem Land leben, in dem “Heldenverehrung” ganz stark mit dem Militärischen und dieses wiederum zwangsläufig mit den Kriegen verbunden ist, die im zwanzigsten Jahrhundert stattgefunden und millionenfaches Leid, groteske Zerstörung und ein für immer gebrochenes Verhältnis zum Nationalen hinterlassen haben?

In der Lesung aus dem Buch des Propheten Zephanja tauchte das Attribut “Held” im Zusammenhang mit Gott auf; und auch in der Bezeichnung “Herr der Heerscharen” steckt etwas Majestätisches, ja sogar Gewalttätiges - und ohne dies wäre es vermutlich auch nicht möglich gewesen, den Pharao derart zu beeindrucken, dass er die Arbeitssklaven gehen ließ, die damals noch nicht aus Nepal oder Indonesien in die Wüste kamen, sondern aus dem Nachbarland Palästina.

Unter den zahlreichen Messiasverheißungen möchte ich eine herausgreifen, in der die Vokabel “Held” ebenfalls auftaucht, und zwar im neunten Kapitel des Jesajabuches. Dort heißt es:

Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.

Allein diesen einen Vers auszulegen, würde vermutlich länger dauern, als Sie mir hier zuzuhören bereit sind. Ich möchte wenigstens ein paar Beobachtungen mitteilen:

Zunächst einmal mache ich darauf aufmerksam, dass von einem KIND gesprochen wird. Nun werden Kinder auch mal groß, aber die Aufmerksamkeit für den erwarteten Retter liegt schon auf dem Neugeborenen. Dieser Säugling hat die Herrschaft, sie “liegt auf seiner Schulter”, wird klipp und klar festgestellt. Damit sind die Insignien der Macht gemeint, die dem Regenten bei der Thronbesteigung übergeben werden; die Formulierung lehnt sich, wie ich las, an das höfische Zeremoniell der Könige von Juda an, das wiederum starken ägyptischen Einfluss aufweist.

Die merkwürdigen Titel besagen, dass der neue Herrscher auf dem Thron Davids jemand sein wird, der 1. (wie Gott) Ungewöhnliches beschließen - und auch ausführen - kann, 2. eine geradezu gottgleiche Machtfülle auf sich vereint, 3. eine lange Herrschaftszeit vor sich hat und 4. dafür sorgen wird, dass sein Volk im Frieden leben kann.

Wenn wir die eingangs zitierte Definition von Wikipedia heranziehen, dann handelt es sich hier zweifellos um einen Helden, denn der erwartete Retter verfügt über Fähigkeiten, die weit über das menschliche Maß hinausgehen, und seine Herrschaft wird qualifiziert als dem Frieden dienlich, also wird hier einem edlen mutigen Mann zugetraut, in Gottes Namen zwar nicht gleich die ganze Welt zu retten, wohl aber, das Volk Israel zu beschützen und in eine gute Zukunft zu führen. Aber handelt es sich auch um den Heiland?

Über den werden nicht nur noch ganz andere Sachen vorhergesagt, die nicht alle auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind.
Es ist ja auch so, dass wir zwar beim Stichwort “uns ist ein Kind geboren” sofort in Gedanken bei Weihnachten sind; aber zwischen der Verheißung des Propheten Jesaja und der Geburt des Jesus aus Nazareth liegen Jahrhunderte. Außerdem deckt sich das, was in Jesus zum Vorschein gekommen ist, nur teilweise mit dem, was man sich von dem künftigen Retter erwartet hatte; nicht umsonst wird der Messias von den Juden noch heute voller Sehnsucht erwartet.

Wir Christen hingegen haben das Koordinatensystem dahingehend verändert, dass weder ein König für Israel noch gar ein Friedensherrscher für alle Welt im Zentrum unserer Hoffnung steht, sondern ein ganz und gar unheroischer wahrer Mensch, der aber doch heldenhaft war darin, dass er sehenden Auges seinem Tod entgegenging, den ihm seine Treue zu Gott und seine Menschenliebe eingebracht haben. Und diesen Weg wahrer Menschenliebe und Gottesliebe hat Gott bestätigt, indem er ihn nicht im Tod belassen, sondern auferweckt hat. Das ist der Kern unseres Glaubens, der uns die Kraft gibt, Jesus Christus nachzufolgen, ohne das Maß des Menschlichen zu überschreiten.

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig, weiß der Apostel Paulus und legt damit, wie mir scheint, ein Bekenntnis gegen die Idealisierung von Helden ab; das wäre mal ein spannendes Thema zur Diskussion mit US-amerikanischen Christenmenschen, finde ich. Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern, können nur zusammen das Leben bestehen. Gottes Segen soll sie begleiten, wenn sie ihre Wege gehen.

Vielleicht kennen Sie diesen Kanon, dessen Text ein afrikanisches Sprichwort wiedergibt und für mich klingt wie eine Beschreibung dessen, was mit “Gemeinschaft der Heiligen” gemeint ist. Das müssen nicht unbedingt fromme Leute sein, die sich in der Kirche engagieren. Ein Edward Snowden etwa ist in meinen Augen solch ein mutiger Mensch, der Verantwortung übernommen hat. Weil er dazu Regeln brechen musste, ist er vor neun Jahren untergetaucht. Der Staat, dessen Kriegsverbrechen-Geheimnisse er veröffentlicht hat, will ihn hinter Gittern sehen.

Wir hingegen sollten dankbar sein, dass es Helden dieser Art gibt, die nicht groß rauskommen wollen, sondern uns einen Dienst erweisen - so wie Jesus uns einen Dienst erwiesen hat, nicht um seinetwillen, sondern um zu erfüllen, wozu ihn sein Vater im Himmel gesandt hat.
Ich ende, wie ich begonnen habe: mit einem Zitat aus Wikipedia. Dieses verdanke ich unserer neugewählten Kirchenältesten, die meiner Einladung zur “Werkstatt Themengottesdienst” gefolgt ist und gut vorbereitet zu dem Gesprächsabend erschien. Der Wikipedia-Eintrag erläutert den Begriff “Whistleblower”:

Der Volkswirt Martin Porwoll und die pharmazeutisch-technische Assistentin Maria-Elisabeth Klein entschieden sich, mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu gehen, da sie die Vernichtung wichtiger Beweismittel befürchteten und sie beim Zugehen auf ihren Arbeitgeber mit Repressalien hätten rechnen müssen, was von der ermittelnden Polizei bestätigt wurde. Porwoll erstattete Strafanzeige aufgrund des Verdachts, der Inhaber der Alten Apotheke habe „abgelaufene Medikamente, insbesondere Zytostatika, umdeklariert sowie Medikamente verdünnt / gestreckt und dennoch zum Preis des Originals verkauft.“ Maria-Elisabeth Klein informierte die Kriminalpolizei über Missstände in der Apotheke und übergab zur weiteren Überprüfung ein zurückerhaltenes Medikament. Das Paul-Ehrlich-Institut bestätigte, dass die Infusion statt des deklarierten Wirkstoffs eine „reine Kochsalzlösung“ enthalten habe.

Die beiden Angestellten der Alten Apotheke erhielten für ihr Whistleblowing zusammen mit einer dritten Person den Whistleblower-Preis der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler. Die Preisvergabe erfolgte aufgrund der Kriterien „Inkaufnahme schwerer Nachteile“ und „Orientierung am Gemeinwohl“. Ihr Whistleblowing sei ein „wichtiger Beitrag zur Aufdeckung von strukturellen Missständen in einem besonders kostenintensiven Bereich unseres Gesundheitswesens mit einem Jahresumsatz von ca. 4 Milliarden Euro, der sich auf ca. 50 Hersteller- und Vertriebsunternehmen, ca. 1200 Onkologen und ca. 250 Zytostatika-Apotheken verteilt.“

Patientenverbände kritisieren die mangelnde Überwachung von Zytostatika herstellenden Apotheken, da unangemeldete Kontrollen höchst selten stattfänden.


Stephan Schaar