Hineni - ein Wort, das ein ganzes Leben verändern kann.

Predigt zu 1Sam 3,1–21


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"Hineni" ist eine Haltung des Hörens, der Verfügbarkeit und des Vertrauens. An der Berufung Samuels entdecken wir, wie Gottes Ruf auch heute Leben und Gemeinschaft prägen kann.

Hineni – ein Wort, das ein ganzes Leben verändern kann. Predigt zu 1Sam 3,1–21

Liebe Gemeinde,

heute geht es um ein kleines Wort, das ein ganzes Leben verändern kann. Ein Wort, das in der Bibel immer wieder auftaucht, wenn ein Mensch von Gott gerufen wird: „Hineni“. Es geht zunächst um eine umgangssprachliche und ganz alltägliche Antwort auf einen Ruf. Meist übersetzen wir: „Hier bin ich.“ Bevor aber irgendwo in der Bibel ein Mensch „Hineni“ sagt, steht über allem das „Hineni“ Gottes selbst: dass er sagt „Ich bin bei euch“, wie damals bei Mose am Dornbusch (Ex 3,12).i Für uns Christinnen und Christen heißt das: Gott ist bei uns in Jesus Christus.

1. Ein Junge im Heiligtum – und ein Gott, der schweigt

Stellen Sie sich einen Jungen vor, vielleicht zwölf, dreizehn Jahre alte. Er lebt nicht zu Hause, sondern im Heiligtum von Silo. Sein Name: Samuel. Er wächst beim alten Priester Eli auf. Eli ist sehr erfahren, aber müde geworden. Seine Augen sind schwach. Seine Söhne, die einmal seine Nachfolger sein sollten, nehmen ihre Aufgabe nicht ernst, missbrauchen ihre Stellung. Spirituell herrscht Flaute. Die Bibel fasst das in einen Satz: „In jener Zeit war das Wort des Herrn selten, und Offenbarungii gab es kaum noch“ (1Sam 3,1). Man könnte sagen: Es gibt Gottesdienste, Opfer, Riten – aber wenig lebendige Erwartung, dass Gott selbst zu Wort kommt.iii

Mitten in dieses Heiligtum, diese Tempelanlage,iv hinein wächst Samuel. Er hilft dem alten Eli: Lampen anzünden, Türen öffnen, aufräumen. Er kennt die Lieder, die Gebete. Er lebt im Haus Gottes. Und doch heißt es: „Samuel kannte den Herrn noch nicht; das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart“ (1Sam 3,7). Er ist „kirchennah“, aber Gott ist für ihn noch keine Stimme, die ihn ruft.v Vielleicht erkennen sich manche hier wieder:vi Man ist in Kirche und Gemeinde unterwegs, vielleicht schon als Kind getauft – und doch bleibt Gott irgendwie „im Hintergrund“.

2. Die Nacht, in der ein Name fällt

Es ist Nacht im Heiligtum. Eli liegt auf seinem Lager, Samuel in der Nähe der Lade Gottes. Die Lampen brennen noch – ein kleines Licht im Dunkeln. Plötzlich hört Samuel seinen Namen: „Samuel!“ Kein Donner, kein Blitz. Nur dieser Name. Nur der eigene Name. Samuel schreckt hoch. Natürlich denkt er: Eli ruft mich. Er springt auf, läuft zu Eli und sagt: „Hineni – hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli aber antwortet verschlafen: „Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen.“ Das wiederholt sich. Ein zweites Mal: „Samuel!“ – Samuel springt, läuft, sagt: „Hier bin ich – hineni.“ Wieder: „Ich habe dich nicht gerufen.“ Ein drittes Mal: „Samuel!“ – „Hineni, hier bin ich.“ Da beginnt Eli zu ahnen: Hier ist mehr im Spiel. Vielleicht ist es Gott. Eli sagt zu Samuel: „Wenn er dich noch einmal ruft, dann antworte: Rede, Herr, dein Knecht hört“ (1Sam 3,9). Samuel geht zurück, legt sich hin. Und dann heißt es: „Da kam der Herr und trat dazu und rief wie vorher: Samuel, Samuel!“ (1Sam 3,10). Und Samuel antwortete jetzt bewusst: „Rede, Herr, dein Knecht hört“ (ebd.).

3. „Hineni“ – mehr als ein „Ich bin da“

An dieser Stelle lohnt es, bei Samuels erster Antwort hängen zu bleiben: „Hineni – hier bin ich.“ Im Hebräischen steckt in diesem Wort ein kleines „mich“. Grammatisch ein Akkusativ. Man könnte sehr wörtlich übersetzen: „Siehe: mich“ – oder frei: „Hier hast du mich.“vii Das ist mehr als ein Anwesenheitszeichen. Es ist nicht das „hier“ wie beim Aufrufen in der Klasse: „Müller?“ – „Hier!“ Es meint: „Ich stehe zur Verfügung. Du darfst mit mir rechnen. Ich entziehe mich dir nicht.“

Der jüdische Philosoph Emmanuel Lévinas hat sich in dieses kleine Wort verliebt. Er sagt: Wir Menschen sind nicht zuerst die, die sagen: „Ich will, ich plane, ich mache.“ Wir sind die, die antworten: „Hier hast du mich.“ Unsere Identität liegt – so formuliert Lévinas – im „Akkusativ“: Wir sind die, die dran sind, die angeredet und in Verantwortung gerufen werden.viii

Der Theologe Jürgen Ebach hört im „Hineni“ nicht nur ein „Hier bin ich“, sondern gerade dieses „Da hast du mich“. Wenn Abraham Gott antwortet (vgl. Gen 22,1), wenn Jesaja sagt: „Hineni, sende mich“ (Jes 6,8), wenn Samuel nachts im Tempel ruft „Hineni“ – dann spricht da jeweils ein Mensch, der sich in die Hand dessen gibt, der ruft; dann spricht da kein großgeschriebenes „Ich“, sondern ein „Ich“, das sich rufen lässt.

4. Wie Samuel „Hineni“ lernt – und was er dabei lernt

Zurück zu Samuel. Seine ersten drei „Hinenis“ sind eigentlich Missverständnisse. Er denkt: Eli ruft. Er irrt sich in der Adresse. Aber das Entscheidende ist: Er antwortet. Er bleibt nicht liegen. Er stellt sich zur Verfügung. So beginnt das Hören-Lernen: nicht mit perfektem Wissen, wer da ruft, sondern damit, dass ich überhaupt antwortbereit werde.ix Eli als Priester, als Mann Gottes, der Lehrer und Mentor Samuels geworden ist, steht für den Jungen auch für jemanden, dessen Autorität man folgt, weil sie von seiner Gottesbeziehung her kommt.

Mit Elis Hilfe lernt Samuel dann, das „Hineni“ zu Gott hin zu sprechen:x „Rede, Herr, dein Knecht hört.“ Und nun geschieht etwas, das für ihn schwer auszuhalten ist:xi Gott vertraut ihm ein Wort an – ein Gerichtswort über Eli und dessen Haus. Es ist kein schönes, angenehmes Wort. Es kündigt an, dass Gott Eli und seine Söhne richten wird. Die Bibel verschweigt nicht, wie schwer Samuel das fällt. Am Morgen steht er auf, öffnet die Türen des Heiligtums – seine Routine. Aber er „fürchtete sich“ (1Sam 3,15), Eli das Gehörte zu sagen.

Da ruft Eli Samuel zu sich. Eli merkt: Da ist mehr gewesen als eine unruhige Nacht. Er beschwört Samuel, nichts zu verschweigen – mit einer starken Fluchformel, wie wir sie aus altorientalischen Parallelen kennen.xii Und Samuel erzählt alles – „kein Wort verheimlichte er“ (1Sam 3,18). Er handelt nach dem Gehörten. Er verkündet es. So bewährt sich sein „Hineni“: Er hört – auch wenn das Gehörte wehtut. Er verschweigt nicht – auch wenn es Beziehungen belastet. Er nimmt die Verantwortung an, die mit dem Hören kommt. „Gottes Wort fordert heraus, Menschen sagen hinneni und stellen sich so in die Geschichte Gottes mit ihnen.“xiii

Aus dem Jungen, der bei jeder Stimme aufspringt und ruft „Hier bin ich“,xiv wird einer, dessen Worte später für ganz Israel Gewicht bekommen. Die Bibel fasst es so zusammen: „Der Herr ließ keines von all seinen Worten zur Erde fallen“ (1Sam 3,19). Das heißt: Alles, was er sagt, wird auch gehört und als bedeutsam empfunden? Das zur Erde gefallene Wort ist das vergebliche, fruchtlose Wort. Gott steht zu diesem Hören und Sagen Samuels. Für uns klingt darin an,xv was wir an Jesus sehen, der im Vertrauen auf den Vater seinen Weg geht und gleichsam mit seinem ganzen Leben „Hier hast du mich“ sagt – bis in Leid und Kreuz hinein. In Jesus Christus sehen wir zugleich mehr als ein menschliches „Hineni“: In ihm sagt Gott selbst „Hier hast du mich“. Gott wird gleichsam „Gott im Akkusativ“ – nicht nur der Rufende, sondern der, der sich rufen lässt, sich ansprechen lässt, sich in die Verantwortung nehmen lässt, bis hin ans Kreuz.

5. „Hineni“ in unserer Welt: Freiheit und Verbindlichkeit

Was hat das mit uns zu tun? Der orthodoxe Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal beschreibt unsere moderne Welt mit einem Bild: Früher, sagt er, liefen die Generationen auf trockenem Land.xvi Die Eltern hinterließen Spuren, die Kinder traten in diese Fußspuren. Heute laufen wir im Wasser: Jeder sucht seinen eigenen Weg, und hinter uns bleiben kaum Spuren. Er nennt uns ein „wählendes Volk“.xvii Wir lieben es, alles offen zu halten: Beziehungen, in die ich nur halb einsteige, Aufgaben, die ich nur übernehme, solange es mir passt, Gemeinden und Gemeinschaften, an denen ich „auf Zeit“ teilnehme – ein bisschen wie im Hotel. Teichtal nennt das in Anlehnung an den Schriftsteller Henry James „Hotel-Kultur“xviii: Im Hotel schlafen wir, wir essen dort – aber wir leben nicht dort. Wir packen den Koffer nicht aus. Es gehört uns nicht. Wir können jederzeit auschecken.

„Hineni“ passt da schlecht hinein. „Hineni“ heißt: Ich packe aus. Ich bleibe. Ich verpflichte mich. Teichtal sagt: „Hineni“ ist eine Verpflichtungserklärung. Nicht: „Ich gebe mein Bestes“, sondern: „Ich bin hier, jetzt, mit Leib und Seele.“xix Zugleich wissen wir: Dieses Sich-Einlassen, dieses „All-in-Gehen“ gibt es nicht nur bei religiösen Menschen. Auch atheistische Nachbarinnen und Kollegen tragen Familien, engagieren sich in Vereinen, übernehmen Verantwortung im Beruf – sie sagen auf ihre Weise „Hineni“. Und bei Samuel scheint es zunächst sogar andersherum zu laufen: Indem er sich auf Eli und seine Aufgabe im Heiligtum einlässt, lernt er, was Hören heißt, und wird so bereit, auch Gott zu hören und sich auf sein Wort einzulassen.

Wir könnten es so sagen: Wir müssen lernen, „Hineni“ zu sagen – „All-in“ zu gehen, uns zu „committen“ – wenn Gemeinschaft gelingen und Beziehungen tragfähig werden sollen. Das gilt für unsere Mitmenschen, das gilt für Gott. Da sind wir ganz nahe bei Lévinas: Wir finden unser „Ich“ nicht, indem wir uns ständig neu erfinden, sondern indem wir antworten – auf Gott und auf den Anderen. Teichtal betont dabei: Für ihn ist es vor allem die Gottesbeziehung, in der dieses „Hineni“ in seiner ganzen Tiefe gelernt wird – als Antwort auf den Gott, der selbst zuerst gesagt hat: „Hier hast du mich.“

6. Hören lernen, „Hineni“ sagen – für uns als Gemeinde

Was heißt das nun ganz praktisch – für uns, hier? Dazu dreierlei: 1. Wir dürfen damit rechnen, dass Gott ruft. Vielleicht nicht mit lauter Stimme in der Nacht. Vielleicht durch ein Wort der Bibel, das uns trifft. Vielleicht durch einen Menschen, der uns beim Namen nennt. Vielleicht durch die Zeitung oder die Nachrichten. Vielleicht durch eine Not, an der wir nicht mehr vorbeisehen können. Hinter mancher vermeintlich menschlichen Stimme kann – wie bei Samuel – der Ruf Gottes stehen. Hören lernen heißt: Ich nehme solche Rufe ernst. 2. Wir können „Hineni“ im Kleinen üben. Vielleicht nicht gleich: „Hier hast du mich für alles und immer.“ Aber: „Hier hast du mich“ – für diesen einen Menschen, dem ich mich nicht mehr entziehen will. „Hier hast du mich“ – für eine konkrete Aufgabe in Gemeinde oder Nachbarschaft. „Hier hast du mich“ – wenn ich dein Wort höre, auch wenn es unbequem ist. 3. Wir bleiben nicht im „Hotel-Glauben“. Kirche ist kein Hotel, in dem wir Leistungen buchen. Sie ist eher so etwas wie Silo: ein Ort, an dem Gott reden will – und uns braucht, um sein Wort hörbar werden zu lassen. Dazu bedarf es Menschen, die nicht nur sagen: „Ich schau mal rein“, sondern: „Hineni – du kannst mit mir rechnen.“

Ganz wichtig ist es im Blick auf diese drei Punkte im Blick zu behalten: Gottes „Hineni“ kommt zuerst! Sein „Hineni“ geht allen unseren „Hinenis“ voraus! Bevor Samuel jemals „Hineni“ sagen konnte, hat Gott seinen Namen gekannt und genannt. Bevor wir „Hier hast du mich“ sagen, hat Gott in Christus längst gesagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,18). Wenn wir sagen: „Unsere Identität liegt im Akkusativ“ – im „Da hast du mich“ –, dann gilt das zuerst von Christus: Er ist der, der sich geben lässt, der in die Hände der Menschen gerät. In ihm ist Gott selbst der, der sich nennen, rufen, anklagen, bitten lässt – Gott im Akkusativ. Und gerade so spricht er uns frei und ruft uns in Verantwortung. Es ist dieses vorausgehende „Hineni“ Gottes, welches es möglich macht, dass wir uns ihm anvertrauen, ohne Angst haben zu müssen, unterzugehen oder für eine schlechte Sache missbraucht zu werden.

Und das ändert etwas Grundsätzliches: Ohne diese vorauseilende Hingabe Gottes in Christus könnte das „Hineni“, das von uns erwartet wird, schnell etwas Gefährliches bekommen. Dann hieße es: Gib dich auf für die große Sache, gehorche um jeden Preis der Autorität,xx vergiss dich selbst und diene – und am Ende werden Menschen missbraucht und ausgenutzt. So ist es nicht bei Gott. Sein „Hineni“ ist nicht einfach nur ein Befehl, sondern eine Zuwendung. Er gibt sich zuerst – und ebenso konsequent. Es geht ihm um Beziehung, nicht einfach Hierarchie. Weil Gott sich mir in Christus gegeben hat, hat auch mein „Hineni“ eine von Gott gegebene Grenze. Es geht um das Hören auf seine Stimme. Ich darf Ja sagen, ohne mich missbrauchen zu lassen. Ich darf mich hingeben, ohne mich ausbeuten zu lassen. Gottes vorausgehendes „Hier hast du mich“ schützt mein „Hier hast du mich“ – vor dem Übergriff von Menschen.

7. Ein leises „Hineni“ für die kommende Woche

Vielleicht ist es zu viel, heute mit einem großen, lauten „Hineni“ nach Hause gehen zu wollen. Vielleicht reicht ein leises „Hineni“, vielleicht reicht schon eine Übung, auf den Ruf zu hören. Vielleicht könnten Sie in den nächsten Tagen einmal bewusst sagen – im Gebet, vielleicht morgens: „Gott, ich weiß nicht genau, wie du mich heute rufst. Aber: Hier bin ich. Hier hast du mich. Hilf mir, zu hören – und hilf mir, zu antworten.“ Nicht als große Heldentat, sondern als Antwort auf den, der uns in Christus längst zugesagt hat: „Hier bin ich – bei dir.“

Und vielleicht zeigt sich dann – irgendwo zwischen Küche, Büro, Pflegeheim, Schule, Gemeindehaus – ein kleiner Moment, in dem Sie merken: Hier ist mein „Hineni“ gefragt. Wie bei Samuel, der in unserer Geschichte dieses kleine Wort zu sagen lernt, das ein ganzes Leben verändern kann.

Amen.


i Vgl. Magdalene L. Frettlöh, „hinnéni“ – oder: In Hörsicht auf Gott zu sich selber finden. Predigt zu 2Mose 3,1–12(13f.), in: dies., „Mutuum colloquium…“. Gehörige Wechsel- und Wiederworte Gottes und der Menschen. Und eine Dialogvorlesung mit Andreas Krebs, Biblische Erkundungen 17, Uelzen 2016, (156–164) 162ff.

ii Wörtlich im Hebräischen „Schauung“ (ḥāzôn). Gemeint ist „prophetische Gottesoffenbarung“. So Rolf Rendtorff, Theologie des Alten Testaments. Ein kanonischer Entwurf. Bd. 1: Kanonische Grundlegung, Neukirchen-Vluyn 1999, 340.

iii Vgl. Karl Barth, KD I/1, 163f.: „Das Wort Gottes ist ungeschaffene Wirklichkeit, identisch mit Gott selber, darum nicht allgemein vorhanden und feststellbar, auch nicht möglicherweise. Nie und unter keinen Umständen allgemein, sondern immer und unter allen Umständen suo modo, sua libertate, sua misericordia ist das Wort Gottes Wirklichkeit in unserer Wirklichkeit und so und daraufhin und dadurch bedingt – wiederum suo modo – allein auch vorhanden und feststellbar. Darum gibt es nach 1Sam 3,1 Zeiten, in denen eine Offenbarung Jahves etwas Seltenes ist.“

iv Vgl. Rainer Albertz, Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit. Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende der Königszeit, GAT 8/1, Göttingen 1992, 135.

v Zu Gott als „Stimme“ vgl. Helmut Gollwitzer, Krummes Holz – aufrechter Gang. Zur Frage nach dem Sinn des Lebens, München 1970, 346: „Im biblischen Bereich bekommt dieses Prädikat ‚Gott‘ singularische Bedeutung und wird zum (Ersatz-)Namen für diejenige Stimme, deren erste und weitergebende Hörer die Propheten Israels und Jesus von Nazareth sind, und deren Name (im Unterschied zu anderen Götternamen) zugleich gegeben und doch verborgen ist, angedeutet mit dem Tetragramm J-H-W-H, das im Alten Testament mit ‚Ich werde (für euch) da sein‘ gedeutet wird (vgl. 2. Mos. 3,14–15 in M. Bubers Bibelübersetzung).“

vi Vgl. Dietrich Ritschl, Gotteserkenntnis durch Wiedererkennen, in: Jürgen Roloff / Hans G. Ulrich (Hg.), Einfach von Gott reden. Ein theologischer Diskurs. FS Friedrich Mildenberger zum 65. Geburtstag, Stuttgart u.a. 1994, 144–153.

vii Der Alttestamentler Jürgen Ebach (hinnéni – „Da hast du mich!“. Zu einem merkwürdigen „Akkusativ“ im biblischen Hebräisch, in: Angelika Redder [Hg.], Diskurse und Texte. Festschrift für Konrad Ehlich zum 65. Geburtstag, Tübingen 2007, 237–249) lehrt uns, bei diesem „Hineni“ genauer hinzuhören. Grammatisch steckt in „hineni“ ein „Ich im Akkusativ“, genauer: im Akkusativsuffix: nicht das stolze „Ich bin hier“, sondern das sich ausliefernde „Da hast du mich“. Es ist, wie Ebach sagt, der „merkwürdige Akkusativ“ dieser Wendung.

viii Emmanuel Lévinas nimmt diesen Akkusativ ernst. Für ihn ist das „Hier hast du mich“ der Ort, an dem sich wahre Subjektivität bildet; nicht im souveränen „Ich denke, also bin ich“ (René Descartes), sondern dort, wo ein Mensch angeredet, in Anspruch genommen, „vorgeladen“ wird. Lévinas spricht von einer Identität, „die von vornherein in den Akkusativ des ‚hier, sieh mich‘ gesetzt ist“ – ein Ich, das sich nicht selbst setzt, sondern vom Anderen her definiert wird. E. Lévinas, Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, 2. Aufl., Freiburg i.Br. / München 1998, 311.

ix Alexander Deeg, Leben auf der Grenze. Die Externität christlicher Identität und die Sprachgestalt kirchlicher Gottesrede, in: ders. U.a. (Hg.), Identität. Biblische und theologische Erkundungen, BThS 30, Göttingen 2007, 277–300, 289, weist darauf hin: „Im täglichen jüdischen Gebet gibt es kein Glaubensbekenntnis, aber doch einen Satz, der den Status eines Credos gewonnen hat: das ‚Höre Israel‘ (‚Schema Jisrael‘) aus Dtn 6,4. Es erscheint nicht verwunderlich, dass dieses ‚Bekenntnis‘ Israels kein Aussagesatz ist, keine deklaratorische Feststellung, sondern ein Imperativ, eine Aufforderung zum Hören: ‚Höre Jisrael: Er unser Gott, Er Einer!‘ (Dtn 6,4 in der Übersetzung nach Buber/Rosenzweig).“

x Walter Brueggemann, Tenacious Solidarity: Biblical Provocations on Race, Religion, Climate, and the Economy, ed. by Davis Hankins, Minneapolis 2018, 339, entdeckt hier zwischen Samuel und Eli ein „mentoring across generations“.

xi W. Brueggemann (a.a.O., 338) spricht mit Blick auf V. 11 von der „sharp edge of the text”.

xii Vgl. dazu Walter Dietrich, Samuel. Teilbd. 1: 1Sam 1–12, BK.AT VIII/1, Neukirchen-Vluyn 2010, 185.

xiii A. Deeg, Leben auf der Grenze, 289.

xiv Vgl. dazu Emmanuel Lévinas, Zwischen uns. Versuche über das Denken an den Anderen, Aus dem Französischen von Frank Miething, München 1995, 271: „Was ich Verantwortung für den Nächsten nenne, ohne Begehrlichkeit, diese Forderung kann das Ich nur in sich selbst erfahren; sie steckt in seinem ‚Hier bin ich‘ als ‚ich‘, in seiner unverwechselbaren Einzigkeit als Erwählter. Sie ist ursprünglich nicht austauschbar, um ihre Selbstlosigkeit oder Gnade oder unbedingte Liebe (caritas) nicht zu gefährden.“

xv Vgl. Jürgen Ebach, Das Alte Testament als Klangraum des evangelischen Gottesdienstes, Gütersloh 2016.

xvi Yehuda Teichtal, Hier bin ich! Das biblische Wort „Hineni“ ist eine Verpflichtungserklärung, in: Jüdische Allgemeine vom 26.09.2011, https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/hier-bin-ich/ (abgerufen: 20.5.2026).

xvii Ebd,

xviii Ebd.

xix Ebd.

xx Zu den Problem-Facetten des Gehorsams vgl. Mathias Wirth, Distanz des Gehorsams. Theorie, Ethik und Kritik einer Tugend, RPT 87, Tübingen 2016.


Marco Hofheinz