'Ich bin kein Bajazzo'

Traueransprache von Martin Braukmann, Pfarrer in Mappach


Die Verstorbene war lange Jahre Wirtin einer kleinen Dorfkneipe. Die Angehörigen wünschen das Einspielen der Lieder „Ich bin kein Bajazzo“ und „Die kleine Kneipe“.

Lieder:

1. Stern, auf den ich schaue
2. So nimm denn meine Hände   

Text:

Einen jeglichen dünkt sein Weg recht; aber der HERR prüft die Herzen. (Spr. 21,2)

Sehr geehrter Herr NN, liebe Familien NN, liebe Angehörige und Freunde von NN, liebe Trauergemeinde.

Eben haben wir das Lied gehör: Ich bin kein Bajazzo. Und ich nehme die Fragen der letzten Strophe auf und übertrage Sie in unsere Situation. Mit wie viel „Vielleicht“ können Sie leben? Ich behaupte, Leben sehnt sich nach „Ja“ und erträgt kein „Vielleicht“. Und an dieser Stelle bin ich von Herzen dankbar, dass ich an das große Ja Gottes glaube, dass er in Jesus Christus in unser Leben gesprochen hat. Er sagt Ja zu uns, nicht vielleicht. Das ist mir Trost im Abschiednehmen.

Spätestens mit dem Sterben von NN  ist nicht nur der von Ihnen geliebte Mensch, die Ehefrau, Mutter, Großmutter nicht mehr unter uns, sondern es ist auch eine Mappacher Tradition, oder Institution, an ein Ende gekommen. In Ihrer Todesanzeige bringen Sie das ja auch deutlich zum Ausdruck: Speckstüble-Wirtin.

Das Speckstüble und NN, das verbinden die Menschen miteinander, die sie gekannt haben. Das Speckstüble war ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens und zugleich war ihr Leben doch auch noch viel mehr. In den wenigen kurzen Strichen einer Lebensskizze und den beiden eben gehörten Liedern kam etwas von dem zum Ausdruck, was Sie als Angehörige und Freunde erinnern.

Für mich verbindet eine Linie sowohl den Song von Peter Alexander als auch das Lied: Ich bin kein Bajazzo: Es ist die Sehnsucht nach gelingendem Leben und zugleich der schwierige Abgleich damit, dass ein Lebensentwurf nicht immer rund und stimmig wird. Da bleibt oftmals eben so viel Hoffnung und Zuversicht auf der Strecke. Da ist die Sehnsucht des Verliebten, die aufbrennt wie ein Strohfeuer und genauso flüchtig ist. Sie brennt hell und heiß auf, aber da bleibt nichts, woran man sich in der Kälte des Lebens wärmen könnte.

Wenn jemand kommt, um gleich wieder zu gehen, dann bleibt so viel Enttäuschung übrig. Und andererseits hat wohl auch NN als Speckstüble-Wirtin mach eine Lebensgeschichte katalysiert durch manches Glas Schorle oder Bier miterleben und teilen müssen, wie Peter Alexander es besingt. Da ist für manch einen die kleine Kneipe an der Ecke eben doch Ausdruck eines Stück Heimat, das er oder sie sucht; aber in der rauen Wirklichkeit des Alltags so doch nicht findet. Da mag auch das Speckstüble Ort ausgelassener Fröhlichkeit und zugleich zeitlich begrenzter Fluchtpunkt aus der Wirklichkeit gewesen sein. Und als Wirtin steht man mittendrin.

Aber auch man selbst ist ja noch Mensch zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Sehnsüchten und Enttäuschungen, Verpflichtungen des Lebens und Palmen besetzten Stränden des Fernwehs. In der kleinen Kneipe muss doch auch meine eigene Lebensgeschichte Raum finden, als Frau und Tochter, Mutter, Oma und Freundin, Mensch.

Mit dem Sterben von NN hat sich Ihr Lebenskreis geschlossen. Als Familie, als Ehemann konnten Sie sie begleiten; auch in den letzten Jahren im Alten- und Pflegeheim. Da war ihr Wunsch nach Nähe zum Ehemann doch größer als die Verpflichtung, das Speckstüble offen zu halten.

In unserem Abschiednehmen von NN wollen wir auf ein Wort der Bibel hören, an dem Sie, Herr NN im Nachdenken über diesen Trauergottesdienst hängen geblieben sind; in dem Sie auch die Geschichte Ihrer Mutter sich wiederspiegelnd sehen.
Einen jeglichen dünkt sein Weg recht; aber der HERR prüft die Herzen.

„Einen jeglichen dünkt sein Weg recht“, heißt es in der Lutherübersetzung; „Der Weg eines Menschen ist gerade in seinen eigenen Augen“, so könnte man es auch aus dem Hebräischen übersetzen. Ich denke, dass Sie als Angehörige bei der Auswahl des Bibelverses dieses Moment betonen wollten. In allen Brüchen, mit allen Kanten, und auch in der Erfahrung von Sackgassen, versuchen wir doch recht zu leben. Aber leider ist eben dies gar nicht so einfach.

Wenn ich diesen Bibelvers in mein Leben spiegele, dann merke ich, wie oft ich darin scheitere.  Ich weiß doch, an wie vielen Ecken ich falsch gelaufen bin. Wo ich kleine oder große Entscheidungen getroffen habe, von denen ich nachher merke: Anders wäre es besser gewesen. Und wenn ein Mensch in fortgeschrittenem Alter mir sagt: „Ich habe in meinem Leben alles richtig gemacht“, dann kriege ich Angst: Kein Mensch macht alles richtig, selbst, wenn ich mein Bestes versuche.

Die Deckungslücke von Wollen und Sein, von Wunsch und Wirklichkeit nennt die Bibel Sünde. Biblisch gesprochen: Wir sind alle Sünder; nämlich nicht die Menschen, die wir sein sollten, oder sein wollen. Und wenn ich mir noch so viel Mühe gebe: Ich werde immer wieder schuldig an meinen Mitmenschen. Nein, mein Weg hat viele krumme Biegungen gemacht; er ist nicht einfach gerade und recht. Es hat zahlreiche Umwege in meinem Leben gegeben.

Doch wenn ich nachdenke, stimmt es möglicherweise doch: „Einen jeglichen dünkt sein Weg recht“. Die meisten Menschen sind wohl der Ansicht, dass sie ein gutes, ein anständiges Leben führen. Wichtig ist aber dann der Fortgang des Verses: „Aber der Herr prüft die Herzen!“

Für mich steckt noch eine tiefere Bedeutung in dem Vers. Einerseits weiß ich, dass es auf meinem Lebensweg merkwürdige Abzweigungen gab, unvorhersehbare Kurven – aber im Großen und Ganzen bin ich doch der Ansicht: Ja, der Weg ist gut und richtig, den ich bis heute gegangen bin. All das gehört zu mir. Bei aller Schuld, bei allem Schweren: Es ist mein Weg, und ich stehe dazu.
Und eben das gilt doch auch über dem Leben von NN. Es war ihr Leben mit Gelingen und Scheitern, Liebe und Fürsorge, Enttäuschung und Sehnsucht, Hoffen und Bangen. Leben, von dem sie dachte: so läuft es jetzt geradeaus und richtig, und der Erfahrung manch eines Hindernis und von Umwegen.

Leben ist immer mein Leben. Leben in Verantwortung vor den Menschen, mit denen ich es teile und Leben in der Verantwortung vor Gott. Ja, auch vor Gott bin ich dafür verantwortlich. Er prüft die Herzen: Er weiß, was ich denke und fühle. Er weiß, warum ich bestimmte Entscheidungen treffe. Er weiß vor allem auch, was ich brauche. Und er vergibt mir auch die Umwege und Irrwege, wenn ich sie ihm bekenne. Wenn ich bereit bin, umzukehren. Mein Weg insgesamt, davon bin ich überzeugt, ist recht und richtig – nicht aus mir selber heraus, sondern aus Gottes Gnade.

Aber gerade deshalb muss ich jedes Wegstück immer wieder überprüfen, von Gott überprüfen lassen – und gelegentlich muss ich umkehren. Mir die Schuld wieder vergeben lassen. Und eben das finde ich sehr tröstlich an die Bibel. Sie schreibt die Menschen in ihrer Schuld nicht fest. Ja, sie hält uns zuweilen einen ernsten und harten Spiegel vor, aber sie will doch auf einen Weg gelingenden Lebens hinweisen. Leben in der Beziehung zu Gott. Leben im Zutrauen und Vertrauen auf Jesus Christus. Er ist für alle meine Umwege und Irrwege vor Gott eingestanden. Er ist mein Trost, dass selbst meine Umwege mich nicht aus der Hand Gottes fallen lassen. Er ist Zeichen der Treue Gottes über all dem Gebrochenen, Abgebrochenen und Unvollendeten meines Lebens.

Ich bin froh, dass mir in Jesus Christus nicht das flüchtige „Vielleicht“ eines Bajazzo begegnet, sondern Gottes eindeutiges Ja zu mir. Die Einladung zu einer selbst den Tod überdauernden Beziehung. Die Einladung ins ewige Leben.

Gradlinig geht wohl keiner von uns durchs Leben. Aber es ist mein Weg / dein Weg. Im Glauben an Jesus Christus aber steht er unter der Verheißung, dass er von Gott vollendet wird. Dafür hat Jesus Christus gelebt, dafür ist er gestorben und uns zur Hoffnung auferstanden in die Gegenwart Gottes. Und eben deshalb lasst uns an Jesus Christus glauben. In ihm und durch ihn ist der Tod nicht das Ende, sondern der Beginn eines Neuanfangs in seiner Gegenwart.

In diesem Glauben wollen wir in Dankbarkeit Abschied nehmen von NN. Gott sei ihr gnädig um Jesu Christi willen. Er führe sie und uns Wege des Lebens. Amen

(Der Schlussteil zum Text folgt den Gedanken von Pfarrerin Marion Sieker-Greb zur Textstelle; ERF)


Martin Braukmann, Pfarrer in Mappach