In Sack und Asche den Duft der Freiheit schnuppern

Predigt zu Sach7,8-14; 8,18-23


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Von Stephan Schaar

Friede sei mit euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt! AMEN.

Liebe Gemeinde,

wir haben heute verabschiedet und willkommen geheißen. Aber ein Gottesdienst ist ein Gottesdienst - da geht es, soweit ich gelernt habe, immer um dasselbe, nämlich um Gottes Wort und unsere Antwort darauf.

Damit es aber nicht langweilig wird, hören wir immer mal andere Verse der Heiligen Schrift, die dann jeweils ausgelegt werden. Heute ist es ein, nein: sind es zwei Abschnitte aus dem Prophetenbuch Sacharja, das Ihnen spätestens dann nicht mehr unbekannt vorkommen dürfte, wenn ich den beliebten adventlichen Vers zitiere: Freu dich, du Zionsstadt! Jubelt laut, ihr Bewohner Jerusalems! Seht, euer König kommt zu euch! Er bringt Gerechtigkeit, Gott steht ihm zur Seite. Demütig ist er vor seinem Gott. Er reitet auf einem Esel, auf einem starken Eselshengst.

Diese Worte stehen im neunten Kapitel, und in diesem neunten Kapitel wird der Blick nach vorn gerichtet, wird die Vision vom künftigen Heil Jerusalems entfaltet.

Ich schlage jetzt aber erst einmal das siebente Kapitel auf, wo die Frage gestellt wird, ob nach siebzig Jahren weiterhin gefastet und der früheren Katastrophe gedacht werden solle - eine Auseinandersetzung, die man hierzulande als “Schlussstrich-Debatte” ebenfalls geführt hat und die immer mal wieder von rechts außen befeuert wird nach dem Motto: “Jetzt ist es aber lang genug her, nun gehört unser Land wieder an die Spitze Europas - also Schluss mit Sack und Asche, lasst uns aufrechten Hauptes unsere Führungsrolle wahrnehmen!”

In der Bibel klingt das so (Sach7,8-14):

8 Der Herr erinnerte mich daran, wie er euren Vorfahren durch seine Propheten verkünden ließ:
9 »So spricht der Herr, der Herrscher der Welt: 'Richtet gerecht und erweist einander Liebe und Erbarmen, 10 unterdrückt nicht Witwen und Waisen, Fremde und Arme, und heckt nicht immer neue Pläne aus, um einander zu schaden! Ihr seid doch alle Geschwister!'
11 Aber sie wollten nicht darauf hören, sie stellten sich taub und waren unwillig wie ein störrischer Esel.
12 Sie machten ihre Herzen so hart wie Diamant und weigerten sich, auf die Worte und Weisungen zu hören, die ich, der Herrscher der Welt, ihnen durch meinen Geist – durch den Mund der früheren Propheten – sagen ließ. Deshalb traf sie mein Zorn mit voller Wucht.
13 Es kam, wie es kommen musste: Sie hörten nicht, als ich rief, darum hörte auch ich nicht, als sie in der Not zu mir riefen.
14 Ich zerstreute sie unter ferne Völker, von denen sie vorher nichts wussten, und ließ das Land hinter ihnen öde und menschenleer liegen. Sie selbst sind es, die das schöne Land zu einer Wüste gemacht haben!«

Das will natürlich niemand hören - damals nicht und heute nicht, hier nicht und überhaupt nirgends. Ja, Fehler werden gemacht, und ja, sie sollten korrigiert werden, auf keinen Fall wiederholt. Aber darauf herum trampeln? - Das, so manche Ausländer spöttisch (andere durchaus ehrfürchtig), haben nur die Deutschen drauf. In den USA ist meines Wissens eine Erinnerungskultur weitgehend unbekannt, die sich der schuldhaften Landnahme seitens der weißen Siedler bewusst wäre, und in Japan hat es Jahrzehnte gedauert, bis ein Regierungsvertreter öffentlich das koreanische Volk um Vergebung bat für die Greuel im Zweiten Weltkrieg, insbesondere die massenhafte Versklavung von Mädchen als sogenannte “Trost-Frauen”.

Ich weiß nicht, wie es sich - sagen wir: für einen Belgier im Kongo - anfühlt, auf die Spuren des kolonialen Erbes zu stoßen. Aber ich erinnere mich gut an meine Gefühlsverwirrung, als ich vor einigen Jahren bei einem Besuch unserer Partnergemeinde in Warschau direkt neben dem Reformierten Gemeindehaus eine Hinweistafel entdeckte, die darüber Auskunft gibt, dass eben dort die Grenze verlief zu dem Ghetto, das Deutsche eingerichtet hatten, um Juden vom täglichen Leben auszusperren.

Unser Prophetentext spricht über andere Vergehen und ordnet ihnen Gottes strafendes Gericht zu, nämlich den Verlust staatlicher Eigenständigkeit für Israel, die Zerstörung des Tempels und die Vertreibung eines großen Teils der Bevölkerung als Konsequenz von Gottvergessenheit, Ungerechtigkeit und Gier. Ob man das 1:1 so deuten sollte, deuten darf, weiß ich nicht. Aber wenn man es tut, dann legitimerweise nur aus der eigenen Perspektive und nur im Blick zurück. Ja, Zerstörung und Vertreibung hat es auch in der jüngeren deutschen Geschichte gegeben, schmerzhafte Erfahrungen des Verlustes von Heimat. Nur eben war dem ein übersteigerter aggressiver Nationalismus vorausgegangen.

Und was ist mit den sozialen Folgen in einem Land, in dem immer mehr Menschen das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden von “denen da oben”, die ja doch nur Sprüche machen und ansonsten dafür sorgen, dass sich möglichst nichts ändert - denn das ginge ja zu Lasten der Privilegierten! Der Ton ist bereits spürbar rauher geworden, und an die Stelle eines gemeinsamen Ringens um gute Lösungen in der Krise ist eine Unkultur gegenseitiger Verunglimpfung getreten, auch in den Parlamenten. Was eigentlich ist hier unser Part als Kirche? Nur lächeln und zum Frieden mahnen? - Das erreicht vermutlich kaum noch jemanden.

Also ist es das Mindeste, liebe Gemeinde, dass neben der praktischen Nächstenliebe in Gestalt von “Laib und Seele” auch das politische Wächteramt wahrgenommen wird, das genau an Worte wie jene gerade gehörten des Sacharja erinnert: Richtet gerecht und erweist einander Liebe und Erbarmen, unterdrückt nicht Witwen und Waisen, Fremde und Arme, und heckt nicht immer neue Pläne aus, um einander zu schaden!
Aber wollen wir an einem Tag wie heute ganz in Moll verharren?

Ich habe den bereits verlesenen Bibelabschnitt tatsächlich einer Liste mit Empfehlungen für diesen 4. Sonntag nach Trinitatis entnommen.
Aber ich möchte dem nun doch noch einen weiteren Text zur Seite stellen, der andere Töne anschlägt - schon im darauf folgenden achten Kapitel des Sacharjabuches (Sach8,18-23):

18 Das Wort des Herrn, des Herrschers der Welt, erging an mich.
19 So spricht der Herr, der Herrscher der Welt: »Die Fast- und Trauertage im vierten, fünften, siebten und zehnten Monat werden für die Leute von Juda zu Freudenfesten werden, die Klage wird sich in Jubel verwandeln. Aber haltet mir die Treue und behaltet das Wohl aller im Auge!«
20 So spricht der Herr, der Herrscher der Welt: »Viele Völker und die Bewohner großer Städte werden sich aufmachen, 21 sie werden sich gegenseitig aufsuchen und sagen: 'Kommt, wir wollen zum Herrn gehen, dem Herrscher der Welt, um seinen Segen zu erbitten und bei ihm Hilfe zu suchen! Ich jedenfalls werde hingehen.'
22 Und so werden große und starke Völker nach Jerusalem kommen, um beim Herrn, dem Herrscher der Welt, Hilfe zu suchen und seinen Segen zu erbitten.«
23 So spricht der Herr, der Herrscher der Welt: »Zu jener Zeit wird man es erleben, dass zehn Männer aus Völkern mit ganz verschiedenen Sprachen sich an einen Juden hängen, seinen Gewandzipfel ergreifen und sagen: 'Lasst uns mit euch nach Jerusalem ziehen! Wir haben gehört, dass Gott auf eurer Seite steht.'«

Also doch ein - Schlussstrich, liebe Gemeinde? Ich verwende das Wort nicht, schon gar nicht im Zusammenhang einer Predigt über Worte des Ersten Testaments. Denn - das ist mir als leidenschaftlichem Ruderer natürlich vertraut und sympathisch - im Denken Israels kommt die Zeit auf einen zu, wie man sich in einem Ruderboot bewegt: mit dem Rücken voran. Und man sieht erst, wenn man an einer Stelle vorbeigekommen ist, was da wirklich war. Irgendwann geraten Dinge dann außer Sicht; aber vorbei - oder gar vergessen - sind sie deswegen noch lange nicht. Das gilt sicher für das segensreiche Wirken unserer lieben Gemeindesekretärin a.D. im positiven Sinne wie es auch in Bezug auf belastetete Ereignisse unserer Geschichte gilt.

Aber mit den Zeiten ändern sich auch die Lebensverhältnisse der Menschen. Wer hätte sich vorstellen können, dass Berlin für junge Jüdinnen und Juden einmal zu einem attraktiven Ort werden könnte, nicht nur für Urlaubsreisen, sondern auch für längere Aufenthalte bis hin zum gewählten Wohnort?! Jetzt also können wir unter Beweis stellen, dass die reumütigen Bekundungen nach dem Ende der Nazi-Diktatur keine wohlfeilen Lippenbekenntnisse waren, sondern tatsächlich ein Umdenken zur Folge hatten, dass Antijudaismus in der Kirche keinen Raum, dass Antisemitismus in der Gesellschaft keinen Widerhall mehr findet.

Große und starke Völker werden - so Sacharja -  nach Jerusalem kommen, um beim Herrn, dem Herrscher der Welt, Hilfe zu suchen und seinen Segen zu erbitten. Meine Kollegin lädt für 2023 wieder zu einer Israel-Reise ein, wo man sicher mehr als nur bleibende touristische Eindrücke gewinnen kann. Und ich lade immer wieder dazu ein, gemeinsam die Heilige Schrift aufzuschlagen, wie Sacharja ebenfalls geschrieben hat:  Kommt, wir wollen zum Herrn gehen, dem Herrscher der Welt, um seinen Segen zu erbitten und bei ihm Hilfe zu suchen!

Wir wollen auf Gottes Wort hören, wie Jesus auf dieses Wort gehört hat, als er im Alter von zwölf Jahren mit den Schriftgelehrten diskutierte oder im Erwachsenenalter in Worten und Taten die Verheißungen Gottes als Zuspruch und Anspruch Gottes auf unser ganzes Leben ins Spiel brachte - zum Verdruss vieler, die nicht wollten, dass geglaubt, gehofft und geliebt werde und die Verhältnisse sich womöglich ändern, zu ihrem Nachteil. Gott die Treue halten und das Wohl aller im Auge behalten - nicht in Konkurrenz, sondern an der Seite unserer jüdischen Geschwister: Darauf liegt Gottes Verheißung, daß aus der Trauer von einst Freudentage werden. Ich sage “Verheißung” - wir haben das also nicht in der Hand, können nichts tun, um schneller dorthin zu gelangen, wohin wir gern kämen. Es ist Gottes Werk, sein Reich unter uns zu vollenden. In Geduld und Treue tun, was uns bis dahin geboten ist, das ist unser Beitrag - und das klingt jetzt natürlich sehr protestantisch-nüchtern.

Nun ja: Ich bin Protestant und zudem Norddeutscher, mithin eher nüchtern als überschwenglich. Aber so viel darf vielleicht doch noch gesagt werden: Das kommende Gottesreich der Liebe und Solidarität leuchtet uns schon auf dem Weg, den wir gehen, in jeder Begegnung mit anderen Menschen, die dorthin unterwegs sind. Wir dürfen den Duft der Freiheit schon schnuppern, den Geschmack von Gerechtigkeit schon kosten. Oder, um es noch einmal mit den Worten des Propheten selbst zu sagen: Kommt, wir wollen zum Herrn gehen, dem Herrscher der Welt, um seinen Segen zu erbitten und bei ihm Hilfe zu suchen! Ich jedenfalls werde hingehen.

Amen.


Stephan Schaar

Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog wird erneut verliehen

Ausschreibung zum 80. Jahrestag der Ermordung am 12. August
Zum 80. Jahrestag der Ermordung von Werner Sylten am 12. August schreibt die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zum siebten Mal den Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog aus.

Quelle: EKMD