In die innere Mission gehen

Predigt zu Mt28,16-20


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Von Stephan Schaar

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! AMEN.

Wohin sollen wir denn jetzt noch gehen, liebe Gemeinde?
“Geht hin in alle Welt...!”, heisst es am Ende des Matthäusevangeliums.
So lautet der Auftrag Jesu an die Apostel.
Sie sollen alle Menschen zu Schülern und Schülerinnen machen.
Sie sollen sie taufen.
Und sie sollen sie alles lehren, was Jesus ihnen selbst nahegebracht hat.
Und die Menschen, die das hören, sollen dann tun, was Gottes Willen entspricht.

Aber, liebe Schwestern und Brüder: Das ist bald 2000 Jahre her - und inzwischen gibt es keinen noch so  entlegenen Winkel auf dem Globus mehr, wohin diese Botschaft und die Menschen, die sie verbreiten, noch nicht gedrungen wären.

Im Grunde ist es ja eine ehrenvolle Aufgabe, eine große Würde und zugleich Herausforderung, den Missionsbefehl in die Tat umzusetzen. Mutige Männer (meist waren es tatsächlich Männer) haben keine Mühen gescheut und jedes Risiko für Leib und Leben in Kauf genommen, um zu den Menschen an den Rändern der bekannten Welt zu reisen. Sie haben viel Zeit mit ihnen verbracht, ihre Sprachen gelernt und ihre Sitten studiert, um ihnen dann die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus Christus nahezubringen. Ich unterstelle mal, dass die allermeisten dies in redlicher Absicht taten, auch wenn es Fehlinterpretationen und Übertreibungen gegeben hat, Mission mit Feuer und Schwert und dergleichen.

Wenn man nicht Gefahr laufen wollte, in den Kochtöpfen irgendwelcher Kannibalen zu landen - und die gab es ja tatsächlich! -, dann tat man gut daran, nicht allein in die Wildnis hinaus zu gehen und nicht an forderster Front zu wirken, sondern erst einmal abzuwarten, bis die kriegerischen Handlungen beendet waren (meist warteten die Ureinwohner nämlich nicht darauf, von den Europäern “entdeckt” und später versklavt zu werden) und dann mit den Segnungen der Zivilisation wie etwa gesitteter Kleidung, strengen Moralvorschriften und einem kräftigen Arbeitsethos auch die Bibel auf den Tisch zu packen, das Hinhalten der anderen Wange zu propagieren und sexuelle Freizügigkeit zu geißeln

Und so fügten sich sehr viele Missionare - ob bewusst und gewollt oder unbewusst und unabsichtlich - den Intentionen derer, die sich nicht nur die Erde, sondern auch deren Bewohnerinnen und Bewohner untertan machen wollten. Die christliche Mission wurde zur Schwester des europäischen Kolonialismus. Die indigenen Völker Amerikas, Afrikas und Ozeaniens, die eine solche Geschichte erleben mussten, haben für lange Zeit - vielleicht für immer - die Schnauze voll von Weißen, die ihnen erst etwas vom Himmelreich erzählten und dann doch zumindest nichts dagegen unternahmen, dass ihr Leben zur Hölle wurde.

Nein, dahin können wir nicht gehen!

Dahin müssen wir aber auch nicht mehr gehen. Im Gegenteil: Wenn Menschen aus sogenannten Entwicklungsländern auf Europa und Nordamerika schauen, bei ökumenischen Begegnungen mit Christen etwa aus Tansania, Brasilien, den Philippinen, dann sagen die uns immer wieder, dass wir zwar einen staunenswerten Lebensstandard haben, aber trotzdem eher zu bemitleiden sind, weil die Länder, aus denen das Evangelium einst zu ihnen kam, jetzt weithin ohne Glaube und Hoffnung sind: Leere Kirchen, desillusionierte Menschen, die ihr Heil im Konsum suchen.

Die Konsequenz daraus kann eigentlich nur lauten, dass wir uns um die “Innere Mission” kümmern, also darum, das Evangelium wieder ins Bewusstsein unserer Nachbarinnen und Nachbarn zu bringen. Die Nichtkirchgänger wieder zum Gottesdienst lotsen - das haben wir uns in der Gemeindeleitung vorgenommen. Es hatte nur leider noch niemand die zündende Idee, wie das gelingen kann.

Man ist satt, wo einmal Hunger war, und seitdem nicht mehr über Fegefeuer und ewige Höllenqualen gepredigt wird, ja, seit Luther entdeckt har, dass wir dank der Gnade Gottes freie Menschen sind, die sich vor nichts zu fürchten brauchen, ist die Angst vor dem Zorngericht Gottes verschwunden und mit ihr die Bereitschaft, etwas zu tun für das Seelenheil.

Haben wir Protestanten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?
Was bleibt denn von Gottes Wort, wenn niemand mehr nach einem gnädigen Gott fragt?

Jetzt wird es, denke ich, Zeit, dass wir uns mal die paar wenigen Verse ansehen, um die es heute geht - “Matthäi am letzten”, wie es früher hieß, also der Abschluss des Matthäusevangeliums, Kapitel 28, Verse 16-20:

Die elf Schüler wanderten nach Galiläa und stiegen auf den Berg, den ihnen Jesus genannt hatte. Dort sahen sie ihn; sie fielen vor ihm nieder, obwohl einige zweifelten. Jesus trat näher und sagte: ‘Gott hat mir seine ganze Macht übergeben. Geht nun zu allen Völkern der Welt und macht die Menschen zu meinen Schülern. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Lehrt sie alles, was ich euch aufgetragen habe, damit sie danach leben. Und denkt daran: Ich bin bei euch an jedem Tag bis zum Ende der Welt.’

Wir haben, als wir uns in der “Werkstatt Themengottesdienst” über diese Verse austauschten, festgestellt, dass dies die erste Stelle im Neuen Testament ist, an der die Dreifaltigkeit Gottes genannt wird. Und nachdem uns dies aufgefallen war, machten wir uns klar, dass die Taufe, zu der Jesus seine Gefolgsleute auffordert, eine andere ist als jene, die er selbst bei Johannes am Jordan erfahren hatte. Jesus tauchte in das Wasser des Flusses, wie man bis heute als frommer Jude oder Jüdin in die Mikwe steigt - als Zeichen der Reinigung.

Die christliche Taufe geht darüber ebenso ein gutes Stück hinaus, wie sich ja auch das Abendmahl, das im Passamahl wurzelt, von diesem unterscheidet: Nicht allein um die Befreiung der hebräischen Sklaven aus Ägypten geht es jetzt, sondern um die Freiheit aller Menschen von der Macht der Sünde und die Verbindung mit Gott um Christi willen. Das ist auch der Kern der christlichen Taufe.

Und weil es dabei nicht um einer Art Urteilsspruch geht, bei dem eine Begnadigung ausgesprochen wird (und damit hat es sich dann), sondern um eine Beziehung, legt Jesus so viel wert darauf, seine Abgesandten zu instruieren, die Menschen aus aller Welt nicht nur zu taufen, sondern sie zugleich auch zu lehren, und zwar alles, was er sie hat wissen lassen.

Ja, die Übersetzung “NT ‘68", die wir hörten, gibt sehr bewusst das Wort “Jünger” mit “Schüler” wieder, und auch die zu taufenden Menschen sind Leute, die etwas von Gott erfahren - und nicht nur irgendwo Mitglied werden - sollen. Macht die Menschen zu meinen Schülern, hatte er gesagt.
Darum also geht es bei der Taufe, zumindest hier, wo sie von Jesus eingesetzt wird: Die Menschen sollen ganz hineingenommen werden in das Volk Gottes, sie sollen mit Leib und Seele, mit Haut und Haaren Teil der Gemeinschaft werden, die auf Gottes Wort hört und mit dem eigenen Leben darauf Antwort gibt.

Wenn wir diese Zeilen im “Jahr der Taufe” bedenken, dann sollte auffallen, dass hier wohl auch, aber eben nicht ausschließlich von Gottes Ja, von seinem Zuspruch, die Rede ist. Es geht  ebenso kräftig um seinen Anspruch auf uns, auf unser ganzes Leben. Und ja: Taufe hat eine Menge zu tun mit Segen - Segen aber ist Gottes Mitsein und Stärkung für jene, die mit ihm auf dem Weg sind, und nicht einfach eine Art geistliches Wellness für egal wen und egal was. Ich bin bei euch an jedem Tag bis zum Ende der Welt sagt Jesus genau zu den Leuten, die berufen sind, Nachfolgerinnen und Nachfolger seines Weges zu werden.

Ich möchte noch auf eine sprachliche Feinheit eingehen. Ich habe mir die Freiheit genommen, die Übersetzung, die ich vorgelesen habe, an einer Stelle zu korrigieren. Wie die meisten anderen deutschen Bibelausgaben, so hat auch das “NT ‘68" die Formulierung: “Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.” Das ist so eingebürgert und scheinbar logisch; denn es klingt ebenso wie der Beginn unserer Gottesdienste oder auch wie die Ankündigung eines Gerichtsurteils: “Im Namen...” - hier folgt die Autorität, auf die man sich bezieht - geschieht dieses oder jenes.

Die Taufe aber ist ein Eintauchen, und zwar hinein in... - den Namen Gottes. Der Name steht dabei für Gott selbst, wie man im frommen Judentum niemals den Gottesnamen aussprechen würde, sondern ihn umschreibt oder ersetzt, etwa dadurch, dass man sagt: “Gepriesen sei der Name!” Das ist in etwa so wie ein altbayrischer Fluch: “Der Gott-sei-bei-uns soll dich holen!” Ist man getauft, wurde der Name Gottes über einem ausgesprochen, dann gehört man zum Herrschaftsbereich Gottes. Es geht nicht um meinen Rufnamen, sondern darum, worauf man mich ansprechen kann und soll:

Einer, der zu Gott gehört.
Einer, der alles gehört hat, was Jesus seinen Aposteln mitgegeben hat.
Einer, der gelernt hat, was Gott will, dass wir tun sollen.
Einer, der  - mit Gottes Hilfe - Jesus Christus nachfolgt, dem “getreuen Heiland, dem er (was sein einziger Trost ist im Leben und im Sterben)  mit Leib und Seele gehört, weil er mit seinem teueren Blut für alle unsre Sünden vollkommen bezahlt und uns aus aller Gewalt des Teufels erlöst hat”, wie der Heidelberger Katechismus noch formulierte. Und weiter: “Und er bewahrt mich so, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen, ja dass mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss. Darum macht er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Leben gewiss und von Herzen willig und bereit, fortan ihm zu leben.”

Amen.


Stephan Schaar