''Kommt zu mir - das sanfte Joch Christi''

Predigt zu Matthäus 11, 25-30


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Jesus lädt alle Belasteten zu sich ein: Sein sanftes Joch schenkt Ruhe und wahre Erkenntnis statt Macht und Selbsttäuschung.

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! AMEN.

Liebe Gemeinde, die Pfingstzeit ist nichts für Anfänger im Glauben - jedenfalls haben es die zur Auslegung ausgewählten Bibelstellen auf den ersten Blick ganz schön in sich.

Ich lese aus dem elften Kapitel des Matthäusevangeliums in der “Neuen Genfer Übersetzung” die Verse 25 bis 30:

25 Zu der Zeit rief Jesus aus: »Ich preise dich, Vater, du Herr über Himmel und Erde, dass du das alles den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.

26 Ja, Vater, so war es wohlgefällig vor dir, und dafür preise ich dich.

27 Alles hat mir mein Vater übergeben. Niemand kennt den Sohn, nur der Vater kennt ihn; und auch den Vater kennt niemand, nur der Sohn – und die, denen der Sohn es offenbaren will.«

28 »Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen.

29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

30 Das Joch, das ich auferlege, drückt nicht, und die Last, die ich zu tragen gebe, ist leicht.«

Liebe Schwestern und Brüder,

nicht die ganze Welt, aber doch ein Großteil der US-Amerikaner hatte vor zwei Jahren so etwas wie die Neugeburt der Nation, eine Rückkehr zu alter Größe erhofft und von Donald J. Trump erwartet, er werde wie der Messias der Welt ein neues Antlitz geben: Frieden, Wohlstand, Freiheit.

Der große Deal-Maker hat der Welt Zölle auferlegt und mehrere Kriege begonnen.

Das Leben ist teurer und vor allem unberechenbarer geworden.

Wie gut, daß er nur so tut, als sei er der Retter der Welt!

Wie gut, daß wir den wahren Erlöser und Befreier kennen!

»Alles hat mir mein Vater übergeben. Niemand kennt den Sohn, nur der Vater kennt ihn; und auch den Vater kennt niemand, nur der Sohn – und die, denen der Sohn es offenbaren will.«

So sagt Jesus etwas kryptisch - und wenn man es genau nimmt, dann ist ein solcher Satz verdächtig, vor eben jenen prüfenden Blicken und kritischen Fragen schützen zu wollen, die unabhängigen Journalismus kennzeichnet, dessen Interesse allein die Erkenntnis der Wahrheit ist und nichts sonst.

Natürlich haben wir es mit einem Glaubens-Satz zu tun, mit einem Glaubensbekenntnis: Er, Jesus Christus, Gottes Sohn, ist unser Herr - im Leben und im Sterben.

Uns Christenmenschen ist das nicht verborgen, denen “der Sohn es offenbaren will”; denn Jesus Christus will, dass wir gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, wie es im ersten Brief des Paulus an Timotheus heißt.

Den Weisen und Klugen aber bleibt “alles” verborgen, heißt es zu Beginn unserer Perikope - und man fragt sich natürlich: Was denn eigentlich?

Eine zweite Frage schließt sich gleich an: Sind wir, im Unterschied zu denen, die nichts erkennen und begreifen, die Unmündigen, denen Gott seine Geheimnisse offenbart?

Das elfte Kapitel des Matthäusevangeliums beginnt mit der Frage der Johannes-Jünger, ob denn Jesus der sei, auf den man gewartet hat, oder ob sie auf einen anderen warten sollen.

Die Antwort Jesu besteht darin, auf sein Wirken hinzuweisen: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein gemacht, Taube hören, Tote werden auferweckt, und den Armen wird Gottes gute Botschaft verkündet. Und glücklich zu preisen ist, wer nicht an mir Anstoß nimmt.

Es waren viele, die an ihm Anstoß nahmen und sagten: “Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder Hergelaufene Blinde sehend macht, Lahme gehen läßt, Aussätzige rein macht, Taube hören läßt, Tote auferweckt?! Wohin soll das noch führen, wenn den Armen die Frohe Botschaft verkündet wird, daß sie frei sein sollen von ihren Lasten?!”

Und es sind immer noch viele, sehr viele, die allein dem Faktischen trauen, sich lieber an etwas Handfestes halten wie den Tod als etwa ihren Traum leben zu wollen, sich an Visionen orientieren.

Das machen wohl nur naive Leute. - Oder soll ich sagen “Unmündige”?

Diejenigen, die rechnen können, jene, die logische Schlußfolgerungen zu ziehen in der Lage sind, die glauben nur das, was sie sehen und anfassen können.

Jesus preist jene selig, die nicht sehen und doch glauben, und er lobt Gott dafür, dass er den Vernunft- und Machmenschen keinen Zugang zu sich verschafft hat, während er denen, die all ihre Hoffnung auf Gott setzen, die Augen öffnet für seine lebensspendende Macht.

Wer sich daran stößt, in Johannes dem Täufer keinen Mann in feinem Zwirn anzutreffen, sondern einen Freak in der Wüste, der das Publikum beschimpft und radikale Forderungen stellt, der hat keine Chance, in ihm den Vorläufer des verheißenen Retters zu entdecken. Für jene anderen hingegen gibt es kein Ansehen der Person, sondern nur ein schlichtes “Folge mir nach!”

Aber da kommt auch schon die dritte Frage auf: “Was erwartet mich auf diesem Wege?”

Jesus spricht davon, dass die Seinen ein sanftes Joch zu erwarten hätten, er sagt sogar, dass denen, die sich plagen und von ihren Lasten fast erdrückt werden, eben jene Lasten abgenommen werden.

Da gehen sofort die Alarmglocken los und das rote Licht blinkt: Ist das nicht genau die “Sklavenmoral”, die der Philosoph Friedrich Nietzsche, bekannt für seinen provokanten Ausspruch “Gott ist tot”, dem Christentum attestierte?

Mag sein, ja, ist so - wenn darunter tatsächlich eine Haltung verstanden wird, die von Gleichheit, Mitgefühl und Freiheit geprägt ist.

Der deutschstämmige US-Milliardär Peter Thiel, Mit-Erfinder von “PayPal” und der Spionagesoftware “Palantir” vertritt öffentlich die Ansicht, daß Freiheit und Demokratie nicht zusammengehen. Und er ist damit wahrlich nicht der einzige, der unsere christlich fundierten Grundwerte in Frage stellt.

Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie die Prediger im Barock, die das Blut Christi in Strömen fließen lassen, sich daran ergötzen und eine derartige Leidensbereitschaft zum Grundmuster ihrer Nachahmungs-Ethik machen.

Nein: Christen müssen nicht leiden um des Leidens willen!

Aber: Christen scheuen das Leiden nicht, wenn es sich nicht vermeiden läßt.

Doch es läßt sich vermeiden, wenn man Egoismus und Habgier gar nicht erst so weit gedeihen läßt, dass Neid und Geltungsbedürfnis zu Hass und Gewalt und schließlich zum Krieg führen.

Jesus behauptet, dass sein Joch nicht drückt, ganz im Gegenteil: Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.

Immer lächeln und freundlich sein?

Okay, das ist weniger belastend, als den ganzen Tag im Steinbruch zu schuften.

Aber auf die Dauer ist es doch anstrengend, und darüber hinaus ist es unglaubwürdig, sobald man jemandem ansieht, daß er sich ein Lächeln abringen muß, nach dem ihm eigentlich gar nicht zumute ist. Und das, liebe Geschwister mit innerdeutschem Migrationshintergrund, ist etwas, worauf wir in Berlin allergisch reagieren: Wenn einer “nicht echt” ist, sich verstellt, Gefühle vorgaukelt, Einvernehmen nur simuliert.

Darum kann es also wohl kaum gehen: um eine angenehme Oberfläche.

Aber das Joch, das Jesus auf sich nahm, indem er sich verhaften, verurteilen und hinrichten ließ, ist beileibe kein leichtes; das kann also auch nicht gemeint sein, wenn er sagt, sein Joch sei sanft und seine Last leicht.

Zum einen geht es gewiss um jene Last, von der wir bereits an anderer Stelle heute hörten: Die Verpflichtung zum Halten sämtlicher Gebote ohne Wenn und Aber, ohne Ausnahme, ohne Rücksicht auf die Situation. Jesus hat sich da - bei aller Liebe zur Thora - als flexibel und menschenfreundlich erwiesen, spätestens in dem Moment, da er forderte, derjenige solle den ersten Stein auf die Ehebrecherin werfen, der selbst ohne jede Schuld dasteht.

Zum anderen geht es womöglich um jenes Joch, in das seinerzeit Ochsen gespannt wurden, um das Feld zu pflügen. Dieses Joch wird all jenen auferlegt, die sich zu Jesus Christus bekennen. Ist er unser Herr, dann sind wir - in der Logik des Altertums - seine Sklavinnen und Sklaven.

Und dennoch ist dieses Joch leichter zu ertragen als die unzähligen Forderungen der Pharisäer, denen Jesus an anderer Stelle entgegenhält: “Nicht der Mensch ist für den Sabbat da, sondern der Sabbat für den Menschen” - und das, obwohl er in der Bergpredigt klipp und klar ansagt, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz abzuschaffen, sondern es zu erfüllen.

Es kommt eben darauf an, WIE man das macht - ob als saure Pflichterfüllung oder als Liebesdienst, um Gott Dank zu sagen.

So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

Nein, das ist nicht jener weltvergessene Seelenfrieden, den man - wenn überhaupt - nur mit fest verschlossenen Augen erlebt: Alle Probleme dieser Welt, ob der Obdachlose in der S-Bahn oder die politische Gefangene im Foltergefängnis im Iran sind jetzt mal vergessen...

Das hält, wenn überhaupt, für einen kurzen Moment, den man sich ab und zu auch mal gönnen muss, um nicht völlig durchzudrehen.

Ruhe für unsere Seelen finden wir, trotz aller Halbherzigkeit und Ohnmacht, wenn wir im Ringen um eine bewohnbare Welt, um Gerechtigkeit und Frieden unter den Menschen spüren dürfen, dass wir auf der richtigen - nämlich auf Gottes - Seite stehen. Das macht die Last nicht “leicht”, aber tragbar. Denn wir sind viele, die in das Joch gespannt den Weg der Nachfolge Christi gehen.

Amen.


Stephan Schaar