Prädestination – von BAP erklärt

Einspruch! - von Georg Rieger


©Foto: Georg Rieger

Ein musikalischer Zugang zu einem komplizierten Thema

Neulich spielte die Kölner Band BAP um Wolfgang Niedecken bei uns im Opernhaus. Die unplugged gespielten Lieder waren eher nicht aus der Reihe der bekannten Hits. Des Kölschen nicht mächtig verstand ich außer ein paar Wortfetzen wenig. Doch eine Ansage ließ mich aufhorchen. Er habe mal einen Song über den Bibelvers über die Zeit schreiben wollen. Und dann sang er und ich hörte immer wieder am Ende des Refrains „prädestiniert“.

Zuhause war der Text (mit deutscher Übersetzung!) schnell gefunden. Der Titel des Liedes lautet tatsächlich „Prädestiniert“. Naja, dachte ich. Da hatte Niedecken wohl nach seinem Schlaganfall 2011 eine betuliche Phase! Doch weit gefehlt! Der Text stammt von dem 2008 erschienen Album „Radio Pandora“. Also doch mal genauer hinschauen, wie uns der „gut katholisch“ erzogene Barde die Vorsehung erklärt:

Es gab eine Zeit zum Fragen und eine zum Verstehen,
eine zum Bleiben und eine, um zu gehen.
Alles, restlos alles, was passiert,
wäre längst vorbestimmt, prädestiniert.

Nein, eine Erklärung ist das nicht. Aber eine Hinführung. Und das ist bei diesem komplizierten Thema schon viel wert. Wie es bei Lyrik und Musik leicht passieren kann, fühlt man sich an der Hand gefasst und an eine Stelle mitgenommen, an der man noch nie war. Oder doch und es fehlten einem bloß die Worte, um das Erfahrene zu beschreiben? Wir sind ja nicht alle mit der Sprache eines Niedecken oder Kohelet gesegnet.

Die Prädestination ist eine Hilfskonstruktion, die von zwei Seiten gestützt wird. Zum einen ist es die Erfahrung, die Wolgang Niedecken aus seinem Leben erzählt, dass wir unser Leben als „bemessen“ erleben. Oder auch so, wie es von Kohelet im Alten Testament eindrücklich beschrieben wird (Pred. 3, 1-8): Es gibt in vielerlei Hinsicht solche und solche Zeiten, kein immerwährendes Glück und auch kein ewiges Pech. Unser Leben ist ein Hin und Her, aber es gibt darin eine Mitte. Hinter dieser fast schon verlässlichen Ausgeglichenheit kann man Gott und einen Plan vermuten – oder eben glauben.

Der andere Zugang ergibt sich eher aus einer gewissen Logik. Martin Luther entdeckte die Gnade Gottes wieder und die Pointe der Reformation schlechthin war die Erkenntnis, dass der Mensch auch ohne sein Zutun gerechtfertigt ist. Weder gute Werke noch Ablasszahlungen können Gott erweichen. Und auch der Glaube wird von ihm selbst geschenkt. Wenn es also letztlich nicht auf den Willen des Menschen ankommt, dann könnte es ebenso gut schon vorher feststehen, wer in den Himmel kommt und wer nicht. Calvin hatte diesen Gedanken aufgenommen (nicht erfunden!) und verstärkt und sich damit nicht nur beliebt gemacht. Denn logische Fortschreibung ist auch nicht unproblematisch: Wie bitter ist das denn für die Nicht-Erwählten?

Um solche dogmatischen Verquerungen geht es bei BAP nicht, sondern um eine bittere und doch auch tröstliche Selbsterkenntnis. In einer Zeit, in der alles machbar und verfügbar scheint, ist der Gedanke – und durchaus auch die Erfahrung – der Vorherbestimmung ein wohltuendes Korrektiv, über das sich ernsthaft nachzudenken lohnt.

Apropos ernsthaft. Dass alles längst vorbestimmt „wäre“, heißt keineswegs, dass es nach Niedecken nicht so ist. Diese Formulierung ist dem rheinischen Konjunktiv geschuldet, einer Höflichkeitsform, die die Aufdringlichkeit des rheinischen Temperaments abzumildern versucht. Wäre Calvin ein Rheinländer gewesen, hätte er es sich vielleicht leichter gemacht.

 

Prädestiniert

Julimorgen, eine kurze Nacht nur. Was für ein Traum! Noch nicht ganz wach.
Wo ist sie? Wieso ist das Bett leer? Wird das schon wieder so ein Tag?
Wer war das mit der Sanduhr, mit dem Kompass und der Karte?
Der mit dem Senkblei und der aufgerollten Zielschnur, und was hatte der gesagt?

Irgendwie kam es mir bekannt vor, Aus einem Lied oder einem Buch:
Über das Finden und das Verlieren und um Zweifel ging es auch.
Steine werfen, Steine aufsammeln. Es ging um Trauer und um Spaß,
es ging um Geburt und um das Sterben, um Liebe und um Hass.

Es gab eine Zeit zum Fragen und eine zum Verstehen,
eine zum Bleiben und eine, um zu gehen.
Alles, restlos alles, was passiert,
wäre längst vorbestimmt, prädestiniert.

Eine Zeit für Krieg und eine für Frieden, eine wo man weint, eine wo man lacht,
eine Zeit zum Sündigen und eine zum Beten, eine wo man tanzt, eine wo man klagt.
Eine Zeit zum Säen, eine zum Ernten, für Dunkelheit und ein für Licht,
eine zum Zerreißen, eine zum Flicken, eine wo man schweigt, eine wo man spricht.

Es gab eine Zeit zum Fragen und eine zum Verstehen,
eine zum Bleiben und eine, um zu gehen.
Alles, restlos alles, was passiert,
wäre längst vorbestimmt, prädestiniert.

 

Prädestiniert

Julimorje, ’n koote Naach nur. Wat ene Draum! Noch nit janz wach.
Wo ess sie? Wieso ’ss dat Bett leer? Weed dat ald widder su ’ne Daach?
Wer wohr dat met dä Sanduhr, met däm Kompass und dä Kaat?
Dä met däm Senkblei un dä opjerollte Zielschnur, un wat hatt dä jesaat?

Irj’ndwie kohm et mir bekannt vüür, Uss enem Leed oder ’nem Booch:
Övver et Finge un’t Verliere un öm Zweifel jing et och.
Stein wirfe, Stein opsammle. Et jing öm Trauer un öm Spaß,
’t jing öm Jeburt un öm et Stirve, öm Liebe un öm Hass.

Et jööv en Zick zom Froore un ein zom Verstonn,
ein zom Blieve un ein, öm ze jonn.
Alles, restlos alles, wat passiert,
wöhr längs vüürbestemmp, prädestiniert.

En Zick für Kreech un ein für Fredde, ein wo mer kriesch, ein wo mer laach,
en Zick zom Sünd’je ’n ein zom Bedde, ein wo mer danz, ein wo mer klaach.
En Zick zom Säe, ein zom Ernte, für Dunkelheit un ein für Leech,
ein zom Zerrieße, ein zom Flecke, ein wo mer schweich, ein wo mer sprich.

Et jööv en Zick zom Froore un ein zom Verstonn,
ein zom Blieve un ein, öm ze jonn.
Alles, restlos alles, wat passiert,
wöhr längs vüürbestemmp, prädestiniert.

 

Georg Rieger, 2. April 2014