Predigt zu Apg 1,4-12 an Christi Himmelfahrt 2011

von Marco Hofheinz


©Foto: Andreas Olbrich

Der Predigttext ''erteilt uns nicht das Himmelfahrtskommando eines Hans-Guck-in-die-Luft, sondern lädt uns ein, als Zeugen des auferstanden Christus die Herausforderung vor unserer Tür und vor unseren Augen anzunehmen. Nicht zu spekulativen Himmelsstürmern sollen wir werden, sondern Erdlinge dürfen wir bleiben; Erdlinge, die angesichts des offenen Himmels über uns gegen verschlossene Herzen und Türe in der Welt anstürmen.''

Der Himmel ist offen

Es gibt kirchliche Feste im Jahr, mit denen viele Menschen denkbar wenig anfangen können. Himmelfahrt ist so ein Fest. Einerseits ist es zum Vatertag verkommen. Für viele eignet es sich allenfalls zur „Flucht in die Natur“: Ab ins Grüne! Und andererseits ist die Vorstellung aus der Apostelgeschichte, dass Jesus 40 Tage nach seiner Auferstehung in den Himmel gefahren sei, für unser Weltbild kaum verständlich. War Jesus denn ein Astronaut? So mag man sich fragen, wenn man in unserem Predigttext davon hört, dass Jesus aufgehoben wird und die Jünger ihm nachschauen, wie er gen Himmel fährt. Als ob der Himmel Gottes mit dem Weltraum identisch wäre. Ein, wie ich finde, guter Witz verdeutlicht die Verlegenheit:

„Zwei Professoren, Naturwissenschaftler der eine, Theologe der andere kommen miteinander ins Gespräch. ‚Wo liegt eigentlich der Himmel?’, fragt der Naturwissenschaftler beiläufig. ‚Weit, sehr weit – noch hinter dem Stern Sirius’, lautet die Antwort. ‚So, und wie schnell ist Christus gen Himmel gefahren?’ Der Theologe wittert jetzt Gefahr und meint vorsichtig, so schnell wie eine Kanonenkugel könne der Herr wohl geflogen sein. ‚Dann fliegt er noch’, erklärte der Naturwissenschaftler sachlich.“

Wer so argumentiert wie der Theologe, hat noch nicht verstanden, worum es an Himmelfahrt geht. Denn der Himmel meint in der Bibel den Bereich Gottes, den wir auch mit der besten naturwissenschaftlichen Methode und dem besten Teleskop nicht sehen können. Die englische Sprache markiert hier einen Unterschied, den wir im Deutschen nicht kennen: „sky“ meint den sichtbaren Himmel mit Sonne, Mond, Sternen und Weltall – und „heaven“ ist der Bereich Gottes. Und dort, im Bereich Gottes, ist Jesus Christus nach seiner leiblichen Auferstehung. Dass er dorthin aufgefahren ist, das bedenken wir an Himmelfahrt.[1]

Wer hingegen so wie der Theologe argumentiert, der hat auch unseren Predigttext aus dem ersten Kapitel der Apostelgeschichte noch nicht wirklich verstanden. Wer nur danach fragt, wie die Himmelfahrt denn naturwissenschaftlich möglich sei und sie naturwissenschaftlich erklären möchte, der handelt so wie die Jünger, die zum Himmel glotzen und sich offenkundig fragen: Wie ist das möglich? Wie hat Jesus dies angestellt? Und wer so fragt, der muss sich – wie die Jünger Jesu – von den zwei Männern in weißen Gewändern fragen lassen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel?“

Was aber sollen wird tun, wenn offensichtlich das Himmelsglotzen unangemessen ist, wenn uns die Frage, wie die Himmelfahrt naturwissenschaftlich möglich ist, nicht weiterhilft? Gibt es eine Alternative? Unser Text gibt die Antwort, indem scheinbar beiläufig schildert, dass die Jünger nach Jerusalem zurückkehren. Unser Text liefert also keine Geheiminformationen, wie sich die Himmelfahrt genau abgespielt hat, wie das mit der Wolke war, die Jesus vor dem Augen der Jünger wegnahm, aus welcher Edelgaskonfiguration sie sich zusammensetzte usw. Nein!

Unser Text ruft zur Nüchternheit auf – im Grunde genau so wie der Philosoph Friedrich Nietzsche, wenn er den Christen ins Stammbuch schreibt: „Ich beschwöre euch, bleibt der Erde treu“[2]. Darum geht es: um Erdverbundenheit, um Weltzugewandtheit und um Weltgestaltung. Die Erde, nicht der Himmel bedarf der Gestaltung. Das Diesseits, nicht das Jenseits ist der Ort, wo die Jünger an Pfingsten den Heiligen Geist empfangen werden: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ Es geht bei der Weltgestaltung um unser Zeugnis von Jesus. Es geht um eine Weltgestaltung, die durch den Empfang des Geistes Gottes geschieht, die „Gottes Handeln an sich geschehen läßt“[3], die nicht auf eigene Faust loslegt, sondern gewissermaßen im Handeln Gottes, in der Kraft seines Geistes bleibt.

Ohne diesen Geist Gottes – keine Zeugenschaft, keine Weltgestaltung. Was es braucht, sind keine Zuschauer, keine Fernsehgucker, die in die Ferne des Himmels schauen und sich in Zweifel ergehen, ob dort die Endstation eines physischen Geschehens Himmelsfahrt liegen könnte. Nein, es braucht Menschen, die die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und aus ihr heraus hier und jetzt anpacken. Unser Text erteilt uns also nicht das Himmelfahrtskommando eines Hans-Guck-in-die-Luft, sondern lädt uns ein, als Zeugen des auferstandenen Christus die Herausforderung vor unserer Tür und vor unseren Augen anzunehmen.

Nicht zu spekulativen Himmelsstürmern sollen wir werden, sondern Erdlinge dürfen wir bleiben; Erdlinge, die angesichts des offenen Himmels über sich gegen die verschlossenen Herzen und Türe in der Welt anstürmen. Nicht in die höchsten Höhen sollen wir uns verirren, sondern in der Tiefe menschlicher Not, in der Armseligkeit des Daseins dürfen wir in der Kraft des Geistes wirken: „[U]nter unseren Füßen die Erde, aber Gottes offenen Himmel über uns“[4] – so sieht unser „Christenstand“ aus, der Ort, wo christliche Praxis angesiedelt ist, wo sie zum Stehen kommt.

Nicht umsonst befindet sich die Himmelfahrtsgeschichte am Beginn der Apostelgeschichte, also desjenigen Buches, das auf Griechisch „praxeis apostolón“ heißt – Praxis, tätiger Einsatz der Apostel: „Die Apostelgeschichte schildert […] höchst anschaulich, was damit gemeint ist. Sie berichtet von der apostolischen Mission, vom Petruszeugnis in Jerusalem, vom Pauluszeugnis in Athen und in vielen anderen Städten. Und nicht nur von den grossen Aposteln spricht die Apostelgeschichte, auch von vielen anderen bekannten und unbekannten Zeugen, vom Aufbruch der Gemeinde Jesu in die ganze Welt hinein. Da gilt es viel Mutiges und Ermutigendes zu berichten, eine unerhörte, faszinierende, wahrhaft weltverändernde Geschichte. Aber auch manches Entmutigende, Enttäuschende kommt zum Vorschein, eine Geschichte von Blut und Tränen, Versagen und Verrat, eine Märtyrergeschichte. Doch in all dem: Das Wort und der Name Jesu werden bezeugt. Am Anfang dieser Geschichte steht die [Himmel]fahrt, und zwar nicht einfach zufällig, sondern als ihr ‚Vorzeichen’: mit der Himmelfahrt des Herrn beginnt die Erdenfahrt seiner Gemeinde.“ [5] 

Die Erdenfahrt der Gemeinde beginnt mit der Himmelfahrt. Sie endet nicht mit ihr. Wann die Erdenfahrt, die weltverändernde Praxis der Gemeinde zu Ende sein wird, wissen wir nicht. Auf die Frage der Jünger: „Herr, wirst du in dieser Zeit wieder aufrichten das Reich für Israel?“, antwortet Jesus barsch: „Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat“. Nein, es ist nicht nötig, Zeit oder Stunde zu wissen. Was nötig ist, ist lediglich das Wissen, dass uns Herr kommt. Wir sollen nicht spekulieren über einen göttlichen Heilsplan und nicht über die Art und Weise, wie er ihn vollziehen wird. Nein, wir sollen Zeugnis geben und uns senden lassen in die neue Zeit hinein.

Im Jahr 1974, am Ende seiner Amtszeit verabschiedete sich der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann von Bundesrat und Bundestag, indem er eine bedeutungsvolle Geschichte erzählte: „In der Mitte des vorigen Jahrhunderts tagte in einem Staat des nordamerikanischen Mittelwestens das Parlament dieses Staates. Und wie es dort manchmal vorkommt, zog ein fürchterliches (apokalyptisches) Unwetter herauf, ein Orkan, und verdunkelte den Himmel. Es wurde schwarz wie die Nacht. Die Parlamentarier wollten voll Entsetzen die Sitzung abbrechen und aus dem Sitzungssaal stürmen. Darauf sagte der Sprecher des Parlaments: Entweder die Welt geht jetzt nicht unter und unser Herr kommt noch nicht – dann ist kein Grund vorhanden, die Sitzung abzubrechen. Oder unser Herr kommt jetzt – dann soll er uns bei der Arbeit finden. Die Sitzung geht weiter!“[6]

Freilich ist das nicht alles, was man über das Himmelfahrtsfest sagen kann und muss. Gewiss, es stimmt schon: Es geht hier um die „Ermächtigung zur Praxis“[7]! Aber zur Praxis ermächtigt sind wir nur als diejenigen, für die Christus in den Himmel aufgefahren ist. Dieses „Für uns“ der Himmelfahrt wollen wir nun in den Blick nehmen und zwar in Gestalt von drei ganz verschiedenen Medien:  Zum einen hören wir einen Abschnitt aus einem Katechismus, zum anderen nehmen wir eine kurze Bildbeschreibung wahr und schließlich lauschen wir auf ein Lied aus dem Gesangbuch. Alle drei, Katechismus, Bild und Lied, betonen dasselbe: Uns zugute ist Jesus in den Himmel aufgefahren. Es geht bei der Himmelfahrt Christi um niemanden anders, als um uns selbst und unser Sein bei Gott!

Zunächst der Katechismus, genauer gesagt: der Genfer Katechismus in Frage 77. Dort hat Johannes Calvin dieses „Für uns“ sehr präzise auf den Punkt gebracht. Der Genfer Katechismus fragt: „Was gewinnen wir Gutes aus dieser Himmelfahrt?“ Und die Antwort lautet: „Sie bringt einen doppelten Nutzen. Weil nämlich Christus in unserm Namen in den Himmel eingegangen ist, so wie er auch um unseretwillen zur Erde herabstieg, hat er uns den Zugang dorthin geöffnet, so dass uns die Tür offen steht, die vorher wegen der Sünde geschlossen war. Darüber erscheint er vor Gottes Angesicht als unser Vermittler und Anwalt“[8].

Was Calvin hier beschreibt, hat die Siegener Malerin und Grafikerin Ina-Maria Mihályhegyi-Witthaut in ein Bild gefasst: Es zeigt den Gekreuzigten, „wie er mit ungeheurer Kraftanstrengung den undurchdringlich scheinenden Himmel aufbricht; seine Arme, hochgereckt, verwandeln sich dabei in ein Siegeszeichen. Es ist ein Bild der Befreiung: Mit seinem Sterben hat er auch unsere tödliche Gefangenschaft unter diesem Himmel durchbrochen.“[9]

Paul Gerhardt schließlich spricht in seinem Lied „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ davon, dass wir Menschen mit dabei, mit von der Partie sind, wenn Christus zur Rechten Gottes erhöht wird. Himmelfahrt ist die uns Menschen einschließende Himmelfahrt Christi. Das ist ihre Pointe.[10]

Zunächst Strophe 6: „Ich hang und bleib auch hangen / an Christus als ein Glied; / wo mein Haupt durch ist gangen, / da nimmt er mich auch mit. / Er reißet durch den Tod, / durch Welt, durch Sünd, durch Not, / er reißet durch die Höll, / ich bin stets sein Gesell.“

Strophe 7: „Er dringt zum Saal der Ehren, / ich folg ihm immer nach / und darf mich gar nicht kehren / an einzig Ungemach. / Es tobe, was da kann, / mein Haupt nimmt sich mein an, / mein Heiland ist mein Schild, / der alles Toben still.“

Schließlich Strophe 8: „Er bringt mich an die Pforten, / die in den Himmel führt, / daran mit güldnen Worten / der Reim gelesen wird: / ‚Wer dort wird mit verhöhnt, / wird hier auch mit gekrönt; / wer dort mit sterben geht, / wird hier auch mit erhöht.“[11]

Die Himmelfahrt Christi besagt im Ergebnis: Der Himmel ist offen! Jesus hat ihn für uns aufgebrochen und er hat uns mit sich mitgenommen. Seine Treue endet nicht an dem Kreuz von Golgatha. Das letzte Werk des irdischen Jesus ist seine Himmelfahrt: „Es geht […] in der Auferstehung Jesu Christi um die Erhöhung des Menschen. […] Das ist das Ende seines Werkes: Wir mit ihm droben! Wir mit ihm bei Gott!“[12] Jesus ist gen Himmel gefahren, damit wir im Himmel sein können. Er will uns dort bei sich haben. Er will uns nicht fern sein, sondern ganz nah. Darum hat er den Himmel an Himmelfahrt für uns geöffnet. Darum ist er hinaufgefahren in den Himmel, nicht um uns alleine zurück zu lassen, sondern um uns bei sich zu haben. So nahe kommt er uns an Himmelfahrt, so nahe, indem er in die Ferne geht.

Amen.

Predigt von Pfr. Dr. Marco Hofheinz zu Apg 1,4-12 am 2.6.2011 (Himmelfahrt) in der Ev.-reformierten Kirchengemeinde Siegen-Eiserfeld


[1] Der Predigteinstieg orientiert sich an G. Plasger, Christi Himmelfahrt – „uns zugut“, in: www.refomiert-info.de/2134-0-0-20-html

[2] F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra I,3 (KSA 4, hg. v. G. Colli / M. Montinari, Berlin / New York 21988, 15). Dort kursiv.

[3] H.G. Ulrich, Eschatologie und Ethik. Die theologische Theorie der Ethik in ihrer Beziehung auf die Rede von Gott seit Friedrich Schleiermacher, BeEvTh 104, München 1988, 178.

[4] E. Jüngel, Von Zeit zu Zeit. Betrachtungen zu den Festzeiten im Kirchenjahr, Wuppertal 31998, 81.

[5] J.M. Lochman, Vom Sinn der Feste. Meditationen über Weihnachten, Ostern und Pfingsten, Basel 1982, 67.

[6] G.W. Heinemann, Allen Bürgern verpflichtet. Erster Band der Reden und Schriften, Frankfurt a.M. 1975, 339f. Zit. nach B. Klappert, Was dürfen wir hoffen, wenn wir hoffen dürften?, RKZ 140 (1999), (417-427) 426.

[7] J.M. Lochman, Das Glaubensbekenntnis. Grundriß der Dogmatik im Anschluß an das Credo, Gütersloh 21985, 138.

[8] Calvin-Studienausgabe, Bd. 2, hg. v. E. Busch u.a., Neukirchen-Vluyn 1997, 39.41.

[9] I. Baldermann, Ich glaube. Erfahrungen mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis, Neukirchen-Vluyn 2004, 91.

[10] So treffend E. Busch, Credo. Das Apostolische Glaubensbekenntnis, Göttingen 2003, 220.

[11] EG 112, 6-8.

[12] K. Barth, Dogmatik im Grundriß, Zürich 71987, 146.


Pfr. z.A. PD Dr. Marco Hofheinz