Schwer zu hüten

Predigt zu Ezechiel 34 zum Sonntag Miserikordias Domini, 18. April 2021


© Pixabay

Von Kathrin Oxen

„Schafe gehören zu den schwer zu hütenden Tieren. Aufgrund ihres dicken Fells sind Schafe sehr unempfindlich gegenüber Strom. Damit das Schaf auch durch die dicke Wolle noch ausreichenden Hautkontakt mit dem Elektrozaun erfährt, sollte bevorzugt Weidezaunlitze oder verzinkter Draht mit einer hohen Leitfähigkeit verwendet werden. Die sehr gute Leitfähigkeit sichert eine optimale Hütesicherheit auch über lange Zaunstrecken“, schreibt ein Anbieter von Weidezaunsystemen.

Schafe gehören zu den schwer zu hütenden Tieren. Und wenn man seine Ruhe haben möchte, dann muss man schon einen Zaun um sie machen. Das wissen die Hirten und legen sich entsprechende Zäune zu. Ein solcher Zaun nützt aber nur dann, wenn es um eine Gefahr von außen geht, um so etwas wie Wölfe zum Beispiel. Sehr schwierig wird es allerdings, wenn es die Hirten selbst sind, die die Herde bedrohen.

Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und niemand ist da, der nach den Schafen fragt oder sie sucht. (Ez 34, 2-4.6)

Der Prophet Ezechiel spricht von Hirten und Schafen. Aber gemeint sind mit diesem Bild die politischen Verhältnisse zu seiner Zeit. Lange her, aber das, was Ezechiel anspricht, hat vor auf den Tag genau 500 Jahren den Augustinermönch Martin Luther dazu gebracht, sich vor den Kaiser zu stellen und die berühmten Worte zu sprechen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“

Auf dem Reichstag zu Worms am 17. und 18. April 1521 erreichte die Auseinandersetzung zwischen Martin Luther und der Kirche seiner Zeit einen ersten Höhepunkt. Da stand einer, der Vorschläge machte zur Erneuerung der Kirche, zu Abschaffung von Missständen wie der Geschäftemacherei, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch. Es waren vor allem die großen Schriften des Jahres 1520, die den Funken der Reformation im ganzen Land entzündet hatte.

Im „Sermon von den guten Werken“ verfasste Luther eine deutschsprachige Fassung seiner Ablassthesen. Bald darauf veröffentlichte er „An den christlichen Adel deutscher Nation“. Diese Schrift enthielt eine wagemutige These: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Bischof, Priester und Papst geweiht ist“.

Die bis dahin geltende Unterscheidung zwischen dem Klerus und den sogenannten Laien gibt es nicht mehr, sagt Luther. Die Schafe brauchen keine Hirten mehr, jedenfalls solche nicht. Und auch wenn gelegentlich in der evangelischen Kirche noch von „Laien“ die Rede ist - nach Luthers Auffassung ist dieser Unterschied nicht zu begründen. Die beiden Schriften „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ und „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ entfalteten eigentlich die radikale Infragestellung einer Trennung zwischen Klerikern und Laien, zwischen Hirten und Schafen nur noch weiter. Mit dem Ergebnis: Wenn wir so schlechte Hirten haben, dann hüten wir uns lieber selber.

Anders als bei den teuren Ablassbriefen zeigten Luthers Schriften ihre Wirkung nicht erst im Jenseits, sondern schon in der Gegenwart der Menschen. Darauf hatten sie doch irgendwie alle gewartet, auf solche Worte, die ihnen Zuversicht und Befreiung schon im Hier und Jetzt schenkten. Die sie erlösten von der Sorge, es könne nicht genug sein, nicht ausreichen, weder ihre Reue noch ihre guten Werke oder all die Ablassbriefe, die sie kauften.

Dass dies alles irgendwie an ein Ende gekommen war, spürten sie wohl alle. Je mehr da zu sehen und anzufassen war, je mehr Kapellen und Messen in kostbaren Gewändern und in Gold und Silber gefasste Reliquien es gab, desto weniger konnten das spüren, was sie doch alle suchten: Vergebung und Befreiung statt Schuldgefühlen und Abhängigkeit. Der Abstand zwischen den Hirten und der Herde war einfach zu groß geworden.

Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Ja, das sollen sie und dabei nicht zuerst auf den Vorteil sehen, den sie daraus ziehen können, auf das Fett und die Wolle und den Braten. Das ändert sich nicht, über die Zeiten und Orte hinweg. Eine gute Regierung, eine gute Leitung - auch und gerade in der Kirche müssen das Hirtinnen und Hirten sein, die zuerst nach der Herde fragen, statt sich selbst zu weiden. Und danach sehnen sich Menschen zu allen Zeiten an allen Orten. Sie mögen ja manchmal Schafe sein oder sich wie welche benehmen. Aber sie haben einen guten Instinkt dafür, was ihre Hirten wirklich interessiert. Es ist gefährlich, wenn Menschen das Gefühl bekommen, dass sie schlechte Hirten haben und es niemanden gibt, der nach ihnen fragt oder sie sucht.

Sie werden dann empfänglich für eine bestimmte Art von Hirten, die ihnen genau das versprechen: Dass es zuerst um sie geht und nur um sie, um Amerika, Frankreich, Großbritannien oder Deutschland zuerst und über alles. Wölfe im Hirtenpelz versprechen so etwas. Was daraus entsteht, wissen wir aus unserer Geschichte. Die Herde weiden, heißt: Das Schwache stärken, das Kranke heilen, das Verwundete Verbinden, das Verirrte zurückholen und das Starke behüten. Ein Hirte geht nicht mit seinem Stock vorweg. Hirten gehen immer hinter ihrer Herde, damit sie alle im Blick behalten. Vor allem die, die drohen, auf der Strecke zu bleiben. Hirten knien sich oft hin. Sie scheuen sich weder vor Dreck noch vor Blut und sie geben keines der ihnen anvertrauten Schafe achselzuckend verloren.

Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. (Ez 34, 15f.)

Der Prophet Ezechiel erzählt, dass Gott genug von schlechten Hirten und Wölfen im Hirtenpelz hat. Und selbst zum Hirten wird, der nach seinen Schafen fragt und sie sucht, ihnen nachgeht und sie behütet. Die Sehnsucht nach so einem guten Hirten klingt durch die ganze Bibel. Sie wird in Psalm 23 zu einem Lied: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

Später erzählt auch Jesus Geschichten von guten und schlechten Hirten. Und verspricht allen, die ihm zuhören, dass er der gute Hirte ist. Von diesem guten Hirten siehst du nicht nur den Rücken, weil er immer vorne voran geht. Dem guten Hirten siehst du ins Gesicht, wenn du den Weg verloren hast und nicht weiter weißt. Dann musst du dich nur kurz nach ihm umdrehen, denn du weißt ja: Er ist doch da. Er ist hinter dir, mit Stecken und Stab, um dich zu behüten. Sieh ihn an und dann kannst du getrost weitergehen.

Das ist das Geheimnis des Hirtenamtes: Geduldig und zuverlässig hinter den anvertrauten Schafen zu bleiben, damit sie ihren eigenen Weg finden können. Das Verlorene suchen, das Verirrte zurückbringen, das Verwundete verbinden und das Schwache stärken. Aber auch das Starke behüten. Ein Hirte darf sich nicht scheuen, sich hinzuknien zu seinen Schafen. Er hilft ihnen auf, dass sie auf die Beine kommen. Aber sie sollen selbst ihren Weg finden. Und wenn es gut geht, dann entdecken die Schafe ihre eigenen Hirtenqualitäten. Denn wenn sie jemand haben, den nach ihnen fragt und sie sucht, dann können sie das auch für andere tun. So funktioniert eine christliche Gemeinde, so funktioniert eine Kirche und auch eine Gesellschaft: Wenn wir einander zu Hirten werden.

Ein Hirtenleben ist ein Leben hinter der Herde, in dem Staub, den sie manchmal aufwirbelt, mit ihrem auch nicht immer wohltönenden Blöken ständig im Ohr. Und es lässt sich in einem Hirtenleben auch nicht vermeiden, in das eine oder andere Häufchen hineinzutreten. Manchmal wünscht man sich aus tiefstem Herzen einen Zaun mit guter Leitfähigkeit für all die anderen Schafe. Damit mal Ruhe ist. Aber die gute Leitfähigkeit, die müssen Hirten selber haben.

Und dann wird dem guten Hirten viel geschenkt: Die grünen Weiden und das Hüpfen der jungen Lämmer im Frühling. Die Momente, wo es alle in die gleiche Richtung zieht und das Geräusch, das man hört, wenn alles Blöken verstummt ist: Zufriedenes Rupfen an grünem Gras, der Wind in den Blättern der Bäume. Und die große Stille unter einem hohen Himmel.

Amen


Kathrin Oxen
Jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

In Pandemie-Zeiten dürfen in Kirchen in Deutschland Zusammenkünfte nur mit Einschränkung stattfinden. Der Gottesdienst aber geht weiter! Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes, gibt Ihnen auf reformiert-info.de jeden Sonntag Materialien für den Gottesdienst für Zuhause, dazu eine aktuelle Predigt.