Sehend werden

Predigt am Sonntag Estomihi (Lk 18, 31-43)


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Noch ganz unten bei Jericho kündigt Jesus seinen Weg an, den die Jünger nicht begreifen wollen. Ein blinder Bettler aber erkennt den Sohn Davids – und sieht klarer als alle Sehenden.

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute den letzten Sonntag vor der Passionszeit. Estomihisei mir ein schützender Fels – von diesem Psalmwort (Ps 31,3) hat der Sonntag seinen Namen. Angesichts dessen, was mit der Passionszeit vor uns liegt, ist diese Bitte nur zu verständlich. Ab Aschermittwoch sind es genau 40 Tage bis Ostern. Wir wollen hier nicht wie im Karneval vorher noch einmal ordentlich auf die Pauke hauen, sondern uns schon einmal ein wenig auf das einstellen, was da auf uns zukommt. Das ist jedenfalls das Anliegen des Evangelisten Lukas in dem Abschnitt, über den wir heute nachdenken wollen. Er erzählt zunächst davon, dass Jesus vor seiner Reise nach Jerusalem die Jünger um sich versammelte und ihnen mitteilte, dass es mit dem bevorstehenden Weg nach Jerusalem Besonderes auf sich habe. Wir hören den ersten Teil des Predigttextes:

„Jesus nahm die Zwölf beiseite und sagte zu ihnen: Wir ziehen jetzt hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben worden ist. Denn er wird den Heiden ausgeliefert und verspottet und misshandelt und angespuckt werden. Sie werden ihn auspeitschen und töten, und am dritten Tag wird er auferstehen. Doch sie verstanden nichts von alledem, der Sinn dieses Wortes blieb ihnen verborgen, und sie begriffen das Gesagte nicht.“ (Lk 18, 31–34)

Damit sie sich keinen falschen Vorstellungen hingeben, sagt Jesus seinen Jüngern schon im Voraus, was sie in Jerusalem erwartet. Die Szene spielt sich in der Nähe von Jericho ab, der berühmten Stadt, die mit ca. 250 m unter dem Meeresspiegel die tiefst liegende Stadt der Welt ist. Sie sind also ganz unten, von wo aus es nur hinauf gehen kann, eben bis zum Höhepunkt, wo alles vollendet werden soll. In Jerusalem ist man bekanntlich Gott näher als an jedem anderen Ort in der Welt; wer wollte da bei dem angekündigten Aufstieg nicht dabei sein?

Aber Jesus bestätigt nicht den von den Jüngern in Jerusalem erwarteten Triumpf, sondern spricht von der Erfüllung düsterer Prophetenworte, nach denen der Menschensohn – also der von Gott geschickte endzeitliche Heilsmittler (Dan 7,13) – misshandelt und getötet wird. Es hat den Anschein als ginge es gar nicht hinauf, sondern noch tiefer hinab, tiefer noch als Jericho; hinab in den Tod, der sein Reich tief unter der Erde hat. Wohlgemerkt sagt Jesus auch noch, dass er am dritten Tage auferstehen werde, aber das wird angesichts des thematisierten Todes wohl gar nicht mehr gehört. Wenn der Tod ins Spiel kommt, macht er sich breit und lässt alles andere in den Hintergrund treten. Dass es sogar noch höher hinaus gehen solle als nach Jerusalem, nämlich zum ewigen Leben, haben die Jünger gar nicht mehr vernommen, und es heißt: „sie verstanden nichts von alledem“. Wahrscheinlich geht es uns auch nicht wirklich anders, obwohl wir doch in beinahe jedem Gottesdienst genau diesen Weg Jesu im Glaubensbekenntnis immer wieder ausdrücklich zitieren. Gerade eben haben wir es noch getan.

Wir haben es hier mit einem Konflikt zwischen Jesus und seinen Jüngern zu tun, der im Neuen Testament immer wieder angesprochen wird, und er beschäftig die Jüngerinnen und Jünger Jesu bis heute. Ja, die Jünger hielten sich an Jesus und folgten ihm nach. Dabei haben sie aber auch ihre eigenen Vorstellungen von dem Weg Jesu und dem Erfolg seiner Mission. Und diese stimmten nicht mit dem überein, worin Jesus selbst seine Sendung verstand. Das konnte dann auch schon mal zu heftigen Reaktionen Jesu führen. Wir kennen die Geschichte aus dem Matthäus-Evangelium, in der Jesus seine Jünger fragt, für wen ihn denn die Leute halten (Mt 16,13). Allein die Antwort von Petrus war bekanntlich die richtige Antwort: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Daraufhin wird Petrus von Jesus seliggepriesen und zum Felsen der Kirche erklärt (Mt 16, 17). Aber kurz darauf kehrt sich die Szene in ihr ganzes Gegenteil, und wir hören Jesus zu eben diesem Petrus sagen: „Fort mit dir, Satan, Du willst mich zu Fall bringen, denn nicht Göttliches, sondern Menschliches hast du im Sinn.“ (Mt 16,23)

Über diese Schroffheit kann man nur erstarren. Was war es, was Jesus so sehr erzürnt hat? – Petrus war den Leidensankündigungen Jesu entgegengetreten und wollte ihn von diesem Schicksal bewahren. Er hatte es doch gewiss gut gemeint, so dass er einem schon etwas leidtun kann. Aber er hatte eben nicht verstanden, was den Menschensohn zum Messias machen sollte und somit seine besondere Sendung war. Er hat vielmehr diese Sendung in ihrem Zentrum verkannt, denn das Ziel des Weges Jesu besteht darin, mit seiner Auferweckung aus dem Schmachtod die Überwindung der Macht des Todes zu offenbaren. Jesu Leidensankündigungen wurden tatsächlich immer durch die Auferstehungsankündigung überboten. Diese geht grundsätzlich über unser Vorstellungsvermögen hinaus. Aber das Leiden, das können wir uns vorstellen und deshalb wollen wir es von Jesus fernhalten. Wenn da von Leiden und Sterben die Rede ist, fällt sofort die Klappe und alles, was dann noch angesagt wird, wird nicht mehr gehört: „sie verstanden nichts von alledem.“

Um uns aber mit diesen Irritationen nicht allein zu lassen, nimmt uns Lukas nun noch mit auf den ersten Abschnitt des Weges nach Jerusalem. Er will ein wenig helfen, uns zu orientieren. Hören wir wie der Evangelist fortfährt:

„Es geschah aber […], dass ein Blinder am Wegrand saß und bettelte. Als der das Volk vorbeiziehen hörte, erkundigte er sich, was da los sei. Man sagte ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Da rief er: Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir! Und die vorausgingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber rief noch lauter: Sohn David, hab Erbarmen mit mir! Da blieb Jesus stehen und befahl, man möge ihn zu ihm führen. Als er näher kam, fragte er ihn: Was soll ich für dich tun? Er sagte: Herr, mach, dass ich wieder sehen kann! Und Jesus sagte zu ihm: Du sollst wieder sehen! Dein Glaube hat dich gerettet. Und auf der Stelle sah er wieder, und er folge ihm und er pries Gott. Und das ganze Volk sah es und lobte Gott.“ (Lukas 18, 35–43)

Es könnte den Anschein haben, als lasse Lukas die eben bedachte Szene nun einfach auf sich beruhen und schlage ein neues Kapitel auf, weil die Geschichte ja weitergehen muss. Hören wir jedoch genau hin, dann werden wir vernehmen, das Lukas durchaus beim Thema bleibt und dazu nur einen neuen Anlauf nimmt. Es ist weniger eine Heilungsgeschichte, welche die göttliche Vollmacht Jesu demonstrieren will. Vielmehr haben wir es mit einer Glaubensgeschichte zu tun, die darauf hinweist, worauf es für den Glauben an Jesus entscheidend ankommt.

Es ist nur eine Kleinigkeit, von der aber für Lukas alles abhängt. In ihr zeigt sich, dass der Blinde mehr sieht als all die Sehenden um ihn herum. Wir hören ihn nicht einfach „Jesus“ rufen oder „Meister“, wie Jesus von seinen Jüngern gern genannt wurde. Vielmehr nennt er ihn den Sohn Davids, den verheißenen königlichen Messias: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Mit dieser Anrede Jesu gibt der blinde Bettler, der definitionsmäßig nicht sehen kann, zu erkennen, dass er doch mehr sieht als unmittelbar vor Augen steht. Er sieht nicht nur den begabten frommen Mann aus Nazareth, in dessen Nähe man sich gern aufhält. Er erkennt in ihm vielmehr auch die Nähe Gottes. Und weil er sich sicher ist, dass Gott in Jesus handelt, ist er eben auch so impertinent in seinem Versuch, die Aufmerksamkeit Jesu zu erreichen, denn nur er kann ihm wirklich helfen.

Natürlich ist Jesus der Sohn des Zimmermanns in Nazareth, aber als solcher ist er nach dem einhelligen Zeugnis des Neuen Testaments der Sohn Gottes, der eins ist mit seinem Vater und seine Verheißungen vollendet. Darin unterscheidet sich die Wahrnehmung des Blinden von der Wahrnehmung vieler der Jünger Jesu bis heute: Jesus ist nicht nur einer von uns, ein besonders eindrücklicher Mensch, dem wir als Vorbild nacheifern sollten, sondern Jesus ist eben auch einer für uns, der für uns eintritt. In ihm nimmt sich Gott unseres Elends und unserer Verfallenheit an den Tod an. Das ist entscheidend für die rechte Wahrnehmung Jesu. In ihm geht es immer auch um die letzten Dinge, um unsere von Leiden und Tod nicht infrage gestellte Verbundenheit zu Gott. Es sind diese letzten Dinge, die für den Glauben nun einmal die ersten Dinge sind. Mit dem Sohn Davids sieht die Welt grundsätzlich anders als ohne ihn.

Auch dramaturgisch bestätigt die knapp gehaltene Erzählung die Besonderheit der von dem Blinden ausgesprochenen Erkenntnis: Sie typisiert bereits sprachlich den Auftritt Jesu als einen königlichen Auftritt und bestätigt damit die besondere Anrede vonseiten des Blinden: Jesus geht nicht etwa zu dem Blinden hin und beugt sich zu ihm herab, sondern er befiehlt, man möge ihn zu ihm führen. Und dann behandelt er ihn wie einen Bittsteller vor seinem König, der seine Bitte vortragen darf: Was soll ich für Dich tun? Ihm wird unverzüglich gewährt, was er erbittet. Damit bestätigt Jesus die auf den Sohn Davids gesetzte Hoffnung des hellsichtigen Blinden. Es geht alles ohne alle Umschweife vonstatten. „Und auf der Stelle sah er wieder, und er folgte ihm und pries Gott.“ Der Sohn Davids steht ihm bereits hier vor Augen – hier, noch ganz in der Nähe von Jericho – und nicht erst Ostern, wo er auch den anderen offenbar werden wird. – „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“ Das ist das Evangelium des heutigen Sonntags.

Der Glaube des namenlosen Bettlers macht auch uns sehend für den Vollender des Willens Gottes, auch wenn dieser heute noch nicht an seinem Ziel ist. Wenn wir uns in der Passionszeit immer wieder neu fragen werden, warum Jesus sein Ziel nur auf dem seinen Jüngern angekündigten Weg erreichen kann, will uns Lukas schon heute mitteilen: Seid auch in Eurem Unverständnis getrost, denn der Retter ist bereits unter Euch. Wir bekommen heute noch nicht all unsere Fragen beantwortet, wohl aber werden wir dazu ermutigt, auch da bei Trost zu bleiben, wo wir uns schwertun. Wir haben es mit dem göttlichen Messias zu tun, der eben auch in seinem Leiden – ja dort ganz besonders – für uns eintritt.

Das Leiden ist ja nicht das Ziel, wohl aber der Weg, der genommen werden muss, um am Ende auch zu Ostern ans Ziel kommen zu können, wo Gott nicht nur dem Leiden, sondern auch der Macht des Todes widerspricht. Der Sohn Davids ist eben nicht nur der Spielball der Mächtigen, die ihn schließlich zum Schweigen bringen. Er ist nicht einem vermeidbaren Schicksal religiöser und politischer Despotie ausgeliefert, sondern er brandmarkt die Gottlosigkeit und die Hybris all derer, die sich in dieser Welt die Stelle Gottes anmaßen. Zu Ostern werden sie dann offenkundig ins Unrecht versetzt. Zugleich wird ihnen ihre vermeintlich schärfste Waffe aus der Hand geschlagen, nämlich die Drohung mit dem Tod.

Darüber wird dann Ostern mehr zu sagen sein. Aber schon heute legt uns der augenöffnende Glaube des blinden Bettlers den unter uns wandelnden Sohn Davids an Herz. Wir spüren es auf unterschiedliche Weise heute immer bedrängender, dass wir noch ganz unten sind, ja beinahe am Tiefpunkt unserer Welt irgendwo da bei Jericho. Aber Jesus ist bei uns und sagt, er wolle mit uns hinaufziehen nach Jerusalem. Und er ist ja auch bereits mit uns unterwegs, auch wenn wir eher skeptisch sind im Blick auf all das, was da noch auf uns zukommt. Lassen wir uns von dem blinden Bettler unseren Glauben bestärken und mit ihm den Sohn Davids mit der Bitte des Psalms 31 bedrängen: Sei uns ein schützender Fels – Estomihi. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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Predigt vom 15. Februar 2026 im Lukaszentrum Paderborn


Michael Weinrich