So kann es nicht weitergehen!

Predigt über 1. Thessalonicher 5, 1-10 von Georg Rieger


Foto: Georg Rieger

Im Moment gibt es ein bisschen viel Verrücktes auf der Welt. Wird das jetzt immer so weitergehen? Und warum schreibt Paulus wie Attila Hildmann?

Liebe Gemeinde, in dieser Woche konnte einem schon alles zu viel werden: Der Lockdown II, der uns vor Augen hält, dass uns die Pandemie und ihre Folgen noch lange begleiten werden. Die verrückte US-Wahl, bei der wir erleben mussten, dass ein Narzisst und Menschen­verächter fast wiedergewählt worden wäre. Und der Terroranschlag in Wien, der uns zeigt, wozu religiöse Verblendung führen kann und dass wir dagegen etwas tun müssen. Dazu noch ein Sommertag am Montag und jetzt frostige Nächte. Spielen denn das Wetter und die ganze Welt verrückt? Und hört das irgendwann wieder auf?

Dann ist ja morgen auch noch der 9. November, an dem wir an sehr unterschiedliche Ereignisse erinnert werden: an die Ausrufung der ersten deutschen Republik 1918, die nicht lange gehalten hat; an die Reichspogromnacht 1938, die der Auftakt für die planstabsmäßige Vernichtung der Juden war; und an den Fall der Mauer 1989, der viel Hoffnung gemacht und viele Enttäuschungen gebracht hat.

Und da oben drauf jetzt noch ein Bibeltext, liebe Gemeinde, der uns aufwecken will. Als wären wir nicht wach genug; übernächtigt vielleicht sogar schlaflos vor Sorgen. Es gibt da ja eine Kommission, die uns Predigerinnen und Predigern Vorschläge macht (die sich übrigens alle sechs Jahre wiederholen) und die manchmal mit ihrer Auswahl ins Schwarze trifft. Ob das heute so ist? Ich lese Ihnen den Abschnitt aus dem Brief an die Thessalonicher, Kapitel 5 vor. In der Zürcher Bibel ist der Abschnitt überschrieben: Leben im Vorschein der Zukunft.

1 Über die Zeiten und Fristen aber, liebe Brüder und Schwestern, braucht euch niemand zu belehren. 2 Ihr wisst ja selber genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn die Leute sagen: Friede und Sicherheit, dann wird das Verderben so plötzlich über sie kommen wie die Wehen über die Schwangere, und es wird kein Entrinnen geben. 4 Ihr aber, liebe Brüder und Schwestern, lebt nicht in der Finsternis, so dass euch der Tag überraschen könnte wie ein Dieb. 5 Ihr seid ja alle ‚Söhne und Töchter des Lichts‘ und ‚Söhne und Töchter des Tages‘; wir gehören nicht der Nacht noch der Finsternis. 6 Lasst uns also nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein! 7 Wer schläft, schläft des Nachts, und wer sich betrinkt, ist des Nachts betrunken, 8 wir aber, die wir dem Tag gehören, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf Rettung. 9 Denn Gott hat uns nicht dazu bestimmt, dass wir dem Zorn verfallen, sondern dass wir die Rettung erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit wir alle miteinander, ob wir nun wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben werden.

Obwohl dieser Text ja nicht ursprünglich für uns geschrieben wurde, sondern an eine der ersten christlichen Gemeinden im heutigen Thessaloniki – und obwohl dieser Text in einigen Passagen nicht so unsere Ausdrucks- und Verstehensweise wiederspiegelt, ist es doch schön, mal wieder so vernünftig und respektvoll angesprochen zu werden. Was müssen wir uns in diesen Wochen und Tagen für einen Blödsinn anhören, der nur dazu dient, Verwirrung zu stiften, Angst zu machen und Menschen gegeneinander aufzuwiegeln! Wie schön auch, dass wir uns in diesem Gottesdienst mit diesem vorgelegten Text kritisch auseinandersetzen dürfen, ohne dass sich jemand in seinem religiösen Empfinden beleidigt fühlt und das als Freibrief für Hass und Gewalt ansieht.

Wir erleben unsere Welt gerade als ein explosives Gemisch aus Lügen und Empfindlichkeiten. Dagegen werden Geduld, Verständnis und Toleranz lächerlich gemacht oder sogar bekämpft. Was ist da eigentlich los? Spinnen die alle? Und wie steht es eigentlich um uns selbst? Auch wenn wir uns von Verschwörungs­erzählungen nicht anstecken lassen, macht es doch auch etwas mit uns. Schon alleine, dass mit manchen Menschen kein normales Gespräch mehr möglich ist, verstört mich sehr. Ich dachte eigentlich, dass sich alles – oder jedenfalls fast alles – klären lässt, wenn man miteinander redet. Doch das ist vorbei.

Auf den ersten Blick scheint es ja, dass der Abschnitt aus dem Brief an die Thessalonicher Öl ins Feuer gießt. Da wird denen, die falsche Versprechungen machen, Verderben angedroht und es ist von Menschen im Licht und solchen in der Finsternis die Rede. Auch das Bild vom Panzer des Glaubens hört sich eher kriegerisch an als friedlich. Und dann hat noch die Rettung etwas offenbar Exklusives für die Töchter und Söhne des Lichts. Lasst uns also nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein! So ein Satz könnte schon auch von Atila Hildmann stammen oder von Jürgen Fliege, der neuerdings auch auf den Demos der Corona-Leugnern auftritt. Aber der Satz ist ja in einer ganz anderen Zeit und in eine ganz andere Situation hinein­geschrieben. Und auch die anderen Sätze, die sich aus unserer heutigen Sicht seltsam lesen. Das ist wichtig zu wissen und zu bedenken, um dann die Worte in anderer Weise für uns heute wertvoll zu finden.

Der Brief an die Thessalonicher ist der älteste Brief des Paulus, den wir überliefert bekommen haben. Er ist somit auch das älteste Dokument des sogenannten Neuen Testaments. Paulus ist da noch in erster Linie der sich kümmernde Apostel, der die Sorgen der Gemeinde ernst nimmt, die sie ihm berichtet haben. Anders als später im Brief an die römische Gemeinde holt er nicht zu langen theologischen Ausführen aus, sondern bringt es auf den Punkt.

Allerdings ist das Thema, über das er sich mit den Thessalonichern auseinandersetzt, ein für uns heute kaum nachvollziehbares: Die ersten Christen glaubten nämlich, dass der ermordete und dann doch wieder auferstandene Jesus als Christus schon bald wiederkommen und sie erlösen würde. Nun waren aber die ersten Gemeindemitglieder verstorben und somit stellte sich die Frage, was aus denen würde, die die Wiederkunft nicht mehr erlebten, ob die quasi die Erlösung verpasst hätten. Auf diese Frage hat Paulus die tröstliche Antwort: Wir, die wir leben, die wir bis zum Kommen des Herrn am Leben bleiben, werden den Verstorbenen nichts voraushaben. (4, 15)

Diese Frage der Gemeinde und die Antwort des Paulus ist uns heute eher fremd. An die baldige Wiederkunft Jesu glauben die Zeugen Jehovas und noch einige andere christliche ganz besondere Gruppierungen. Und auch sonstige Weltuntergangsphantasien überlassen wir den Spinnern. Ich behaupte mal, dass die allermeisten Christen, was diese Frage angeht, sich kaum vom Rest der Menschen unterscheiden: Wir alle leben doch mehr oder weniger so, als ginge es ewig so weiter. Im besten Fall sind wir uns unserer eigenen Endlichkeit bewusst. Aber für die Welt sehen wir das nicht, dass da ein Schlusspunkt wäre. Und wenn dann ein schrecklicher: atomare Verseuchung war lange ein Gefahrenthema, Umweltzerstörung bis hin zur Unbewohnbarkeit der Erde malen heute manche als Schreckensszenario. Vielleicht befürchten Andere gerade eine nicht enden wollende Pandemie mit immer neuen Viren.  Und deshalb tun wir uns schwer mit Krisen, wie wir sie gerade erleben. Wir spüren, dass das, was da gerade auf der Welt passiert, keine Zukunft hat. Und das macht uns Angst. So kann es doch nicht weitergehen!

Das finde ich nun doch ziemlich erstaunlich: Die Menschen vor 2000 Jahren und früher hatten nicht unser Wissen über globale Veränderungen, geopolitische Entwicklungen und Gefahren. Aber dennoch hatten sie ziemlich konkrete Vorstellungen davon, dass die Welt endlich ist.  Wir haben das in der Lesung vom Propheten Micha gehört. Und da gibt es bei seinen Prophetenkollegen noch einige ähnliche Visionen nachzulesen. Sie beschreiben viel Unheil, das sich zum Teil liest wie auf unsere Zeit gemünzt. Aber sie stellen sich auch einen großen Showdown vor, in dem zum Beispiel alle Völker vereint auf den Berg nach Jerusalem ziehen und sich dort quasi zu einer Weltgemeinschaft vereinigen. Es sind zum Teil sehr schöne Bilder, die einen geradezu neidisch machen. Warum können wir heute so nicht mehr denken?

Mit genau dieser Frage setzt sich Paulus auch auseinander. Die sogenannte „Naherwartung“, das Wiederkommen des Auferstandenen war schon einige Zeit überfällig. Ein weiteres Vertrösten wurde zunehmend unglaubwürdig. Und so entwickelt er eine Vorstellung davon, wie dieses Ziel zwar nicht aus den Augen verloren wird, aber wie die Christen dann doch damit leben können, dass es nicht in absehbarer Zeit passiert. Nun gibt es allerdings noch eine andere Hürde, die die Begegnung mit diesem Text schwierig macht. Ich habe das am Anfang schon einmal angedeutet und lese nochmal einen Ausschnitt, um zu zeigen, was ich meine:

3 Wenn die Leute sagen: Friede und Sicherheit, dann wird das Verderben so plötzlich über sie kommen wie die Wehen über die Schwangere, und es wird kein Entrinnen geben. 4 Ihr aber, liebe Brüder und Schwestern, lebt nicht in der Finsternis, so dass euch der Tag überraschen könnte wie ein Dieb. 5 Ihr seid ja alle ‚Söhne und Töchter des Lichts‘ und ‚Söhne und Töchter des Tages‘; wir gehören nicht der Nacht noch der Finsternis.

Das klingt so sehr nach „Wir sind die Erleuchteten“ und nach Herunterschauen auf „die Anderen“. Und somit nach einer Einstellung und Sprechweise, die wir zwar kennen, die aber ziemlich nervt. Die Welt ist gerade so voll mit Besserwissern, die meinen, auf YouTube die Wahrheit gefunden zu haben, und die alle, die ihnen das nicht abnehmen wollen, zu Schlafschafen erklären. Und nun noch so eine Besserwisserei? Nein, das lässt sich nicht schönreden, liebe Gemeinde. Die Bibel, mehr noch das Neue Testament und ganz besonders die Texte von Paulus haben diese Tendenz. Nicht durchgehend, aber immer wieder finden wir dieses Schwarz-Weiß-Denken, dieses Sortieren in richtig und falsch oder eben Licht und Dunkelheit.

Und trotzdem meine ich, dass wir diesen Text an uns heranlassen können und da etwas drinsteckt, was uns zu denken gibt. Weil dieses Licht-und-Finsternis-Gegenüber zwar manches verdeckt, aber nicht so, dass sich nicht ein zweiter Blick lohnt. Dazu müssen wir auch nichts verdrehen oder weglassen, sondern nur diese beiden Seiten, von denen immer wieder die Rede ist, in uns selbst angesprochen sein lassen. Wir sind die Schlafenden und die Wachen, die Ungeduldigen und die Geduldigen, die Zornigen und die sich retten lassen, die nach Sicherheit suchen und die auf Gott vertrauen. Wir sind das beides – manchmal phasenweise, manchmal nach Tagesform und manchmal sogar gleichzeitig. Da ringt das beides in uns miteinander.

Was hier beschrieben wird, ist der innere Konflikt, den wir Tag für Tag mit uns austragen. Wie wir mit den Herausforderungen des Lebens umgehen, da hält uns dieser Text einen Spiegel vor: Ja, wir schwanken zwischen Licht und Finsternis. Und wir sind froh um jeden Tag, an dem uns die Sonne nicht nur auf den Kopf scheint, sondern auch die Seele wärmt. Doch wir können diese Stimmungswandel oft nicht steuern. Es kommt einfach über uns. Ja, so ist es in diesen Tagen, in denen uns der Lockdown mal herunterzieht und dann wieder beflügelt, Dinge zu tun, die schon lange liegen geblieben sind. Oder eben auch mal nichts. Ja, wir können die Maßnahmen mal akzeptieren, auch wenn nicht alles logisch ist. Und dann wieder rebelliert es in uns und wir möchten, dass das einfach aufhört mit den blöden Beschränkungen. Und ja, wir kämpfen manchmal mit dem Schlaf, finden ihn nicht, weil Sorgen sich in die Träume drücken. Und dann sind wir tagsüber natürlich auch nicht wach. Aber auch das ist eben nicht immer so – hoffe ich jedenfalls für uns alle.

Und was macht da jetzt den Unterschied? Das ist ja die Frage, die Paulus in seinem Brief stellt. Was macht uns denn wach und was hält uns nüchtern in dieser Zeit (in der ja der Alkoholkonsum tatsächlich beträchtlich gestiegen ist)? Was hält uns davon ab, dem Zorn zu verfallen und verbittert nach Schuldigen zu suchen? Und was ist der „Panzer des Glaubens und der Liebe“ und der „Helm der Hoffnung auf Rettung“? Das Aluminium war damals als Werkstoff noch nicht bekannt, insofern können wir das zum Glück ausschließen. Aber was ist das denn dann für eine Schutzausrüstung – im übertragenen Sinn natürlich – also eine psychische oder spirituelle Rüstung?

Die Antwort steht ganz am Schluss des Abschnitts und sie ist so wenig überraschend wie doch erklärungsbedürftig. Da heißt es dass wir die Rettung erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir alle, ob wir nun wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben werden.

Der erste Teil des Satzes klingt wie aus einem Glaubensbekenntnis, so formelhaft. Dass Jesus Christus für uns gestorben ist, hilft keiner Künstlerin und keinem Gastronomen, die gerade um ihre Existenz bangen. Es hilft auch uns nicht mit unseren Ängsten und nicht einmal mit unseren Hoffnungen – wenn wir es nicht in unserem Leben verankern können. Da hilft nun aber der zweite Teil des Satzes weiter, der umso anschaulicher ist und der das Vorherige ins rechte Licht rückt. Dass wir alle, ob wir nun wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben werden, ist ein wunderbares Bild, das illustriert, wozu Jesus Christus gestorben ist. Nämlich dafür, dass Schlafende und Wache und dass diese beiden Seiten in uns miteinander versöhnt leben können.

Wir müssen unsere Ängste nicht verteufeln und unsere Lebensfreude nicht verheimlichen – es ist, wie es ist, beides bei Gott aufgehoben. Wir müssen auch vor dem Geschrei und Getobe, das wir allerorts erleben, nicht resignieren und die Menschheit für verloren erklären. Lug und Trug werden nie ganz aufhören oder jedenfalls immer wiederkommen. Doch es ist nicht das, was diese Welt ausmacht, auch wenn die Lautstärke und das Gehabe uns das vorgaukelt.

Zusammen mit ihm leben – wir dürfen dieses Bild auch nicht überstrapazieren! Wir werden nicht mit Jesus Hand in Hand am See Genezareth spazieren gehen. Es ist aber auch im übertragenen Sinn ein schönes Bild, weil es in unserem Leben wie ein Anker sein kann, der uns festhält, auch wenn es noch so stürmisch wird. Und das ist es ja in diesen Tagen beileibe! So wie die ersten Christen zum Beispiel in Thessaloniki lernen mussten, dass das Leben weitergeht, müssen auch wir uns darauf einstellen, dass kein Ende in Sicht ist. Schon was Corona angeht und vielleicht wird auch Donald Trump verstummen. Doch eine wirklich bessere Welt ist nicht absehbar. 

Damit wir trotzdem den Mut nicht verlieren und gelassen bleiben können, hören wir die Worte von Paulus und bewegen sie in unseren Herzen. Die Kunst ist, mit Gott und mit allen Menschen so zu leben, als wären wir schon da angekommen, wo alle wach sind und nüchtern und erlöst. Amen.

(gehalten am 8. November 2020 in der Evangelisch-reformierten Kirche St. Martha in Nürnberg)