Starke Worte

Predigt zu Amos 5,21-24


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Von Mechthild Gunkel

Liebe Gemeinde,

der vorgeschlagene Predigttext für den heutigen Sonntag steht beim Propheten Amos, im 5. Kapitel, Vers 21 bis 24 und lautet in der hier bei uns verwendeten Zürcher Übersetzung:

Ich hasse, ich verabscheue eure Feste,
und eure Feiern kann ich nicht riechen! -
22Es sei denn, ihr brächtet mir Brandopfer dar! -
Und eure Speiseopfer - sie gefallen mir nicht!
Und das Heilsopfer von eurem Mastvieh -
ich sehe nicht hin!
23Weg von mir mit dem Lärm deiner Lieder!
Und das Spiel deiner Harfen - ich höre es mir nicht an!
24Möge das Recht heranrollen wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt.

Starke Worte sind das, die der Prophet Amos da verkündet. Die er im Namen Gottes spricht. Ob das der richtige Text für den heutigen Gottesdienst ist, haben Propst Arras und ich uns überlegt. Trotz aller Fragen - der Text passt zu mir.

Der Text passt zu mir – mit seinem Ringen um den angemessenen Gottesdienst, einem Ringen, das mich seit Jahrzehnten beschäftigt. Schließlich habe ich selbst mal Orgel gespielt und zahlreiche Gottesdienste begleitet, war auf der Suche nach liturgischen Formen, die mir entsprechen, bis hin zur Michaelsbruderschaft – die bekanntlich keine Frauen in ihren Reihen duldet, und fand dann in der Zeit meines Theologiestudiums in der reformierten Gemeinde in Hamburg zu einer Gottesdienstform, die mir gefiel. Schwerpunkt auf dem biblischen Text, die Predigt in gut reformierter Länge im Zentrum, eine gewisse Schlichtheit und eine besondere Vorliebe für klassische Musik, gerne auch für die Psalmen mit den Genfer Melodien.

Der Text passt zu mir – mit seinem Wunsch nach Recht und Gerechtigkeit, den zentralen Begriffen der hebräischen Bibel. „Tue deinen Mund auf für die Stummen….“, die Aufforderung, die mir vor allem als Flüchtlingspfarrerin wichtig war und nach wie vor ist. Das genaue Hinschauen, die Frage, wo Menschen heute rechtlos sind, wo Gerechtigkeit fehlt, das ist mir nach wie vor ein großes Anliegen. Und dann ein Handeln, das die Gerechtigkeitslücken überwindet. Ja, „das Recht möge heranrollen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt“.

Starke Worte sind das, die Amos da von sich gibt. Gottesdienst, Kult, Liturgie gegen Ethik, gegen die Aufforderung zum angemessenen Handeln? Hat Amos das wirklich so gemeint? Und wie gehören beide Themen, die Kritik an Opfer und Gottesdienst und der Wunsch nach Recht und Gerechtigkeit zusammen?

Starke Worte, die der Prophet Amos im 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung da formuliert. Seine ersten Zuhörer und Zuhörerinnen waren wohl Menschen im Nordreich Israel. Und nach dem Untergang des Nordreichs wurden diese Worte für neue Adressaten gesammelt: zunächst für die Judäer im Südreich, später für die Menschen im nachexilischen Israel. Und dann in den Kanon der biblischen Bücher aufgenommen.

Es sind also Worte, die zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder neu relevant geworden sind. Über viele Jahrhunderte. Aus gutem Grund. Und so sollen sie auch in unserer Zeit ihre Gültigkeit, ihre Aktualität zeigen.

Ich hasse, ich verabscheue eure Feste...
23Weg von mir mit dem Lärm deiner Lieder!
Und das Spiel deiner Harfen - ich höre es mir nicht an!
24Möge das Recht heranrollen wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt.

Recht gegen Kult, gerechte Praxis gegen gottesdienstliche Feiern? So klingt es im ersten Moment, vor allem für protestantische, und viel mehr noch für reformierte Ohren.

Gut ist doch, dass der Prophet Amos uns wie auch alle anderen durch die Zeiten herausfordert, immer wieder neu über unsere Gottesdienste nachzudenken. Die vornehmste Aufgabe der Gemeindeleitung. Wie feiern wir Gottesdienst, welche Menschen sprechen wir an, welche vielleicht gar nicht, was singen wir und wie, sind unsere Predigten zu lange oder zu kurz, feiern wir Abendmahl in einer angemessenen, würdigen Form? Oder wirkt es zuweilen chaotisch, wie in den Coronazeiten mit den Abstandsgeboten und Hygieneregeln. Öffnen unsere Gottesdienste Räume – lassen sie frei atmen, nähren sie unsere Hoffnung, versichern sie uns Gottes Zusagen, machen sie Mut für den Alltag? Und wie kommen wir gut ins Gespräch darüber? Beobachtungen, Fragen, die immer wieder neu auf die Tagesordnung der Gemeinde gehören – Themen, die den Nerv unseres Gemeindeseins berühren.

Aber nicht den Kult an sich kritisiert Amos in deutlicher Schärfe, sondern einen Kult, der in schreiendem Widerspruch zum täglichen Leben steht. Und dadurch falsch, und dadurch unerträglich wird. Damals, im 8. Jahrhundert, werden Menschen um ihren Besitz, um ihr Land gebracht. Kleinbauern geraten in Abhängigkeiten, die ihnen die Luft zum Atmen nehmen. Eine reiche Oberschicht macht es sich bequem auf Kosten dieser Armen. Machthunger und Habgier treibt sie an.

Sie missbraucht ihren gesellschaftlichen Status. Sie schreckt vor direkter Gewalt nicht zurück. Und sie können es sich leisten, nicht nur Rinder, wie andere Wohlhabende, sondern Mastkälber zum Opferaltar zu bringen, also Luxus pur. Ethisch skrupellos. Opfer sind ihrem Wesen nach Inszenierungen der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Wenn diese materiell privilegierten Leute so verantwortungslos Opfer bringen, dann ruft das bei Gott Abscheu hervor. Und das prangert Amos an. Ganz direkt – in der 2. Person Singular. Du!

23Weg von mir mit dem Lärm deiner Lieder!
Und das Spiel deiner Harfen - ich höre es mir nicht an!

Starke Worte sind es, die er dafür findet. Nicht Recht und Gerechtigkeit statt Kult und Lieder, sondern Kult und Musik im Einklang mit Recht und Gerechtigkeit. Danach fragt er. Bei Dir, Du skrupellos lebender Mann, bei Dir, Du im Luxus schwelgender Frau.

Dem Amos geht es im Kern um etwas, wonach Menschen bei uns heute auch fragen: es geht um: Glaubwürdigkeit.

Wie passt das zusammen, was wir lehren und wie wir leben? Wie passt das zusammen, Wort und Tat? Worte und Taten?

Was wird da alles unter den Teppich gekehrt, schön geredet, verschwurbelt. Meiner Ansicht nach die größte Herausforderung heute, nachdem die große Studie zu Sexualisiertem Missbrauch in der evangelischen Kirche vorgestellt wurde. Glaubwürdig zu sein, und Macht und Missbrauch zu benennen. Und alles dafür zu tun, dass es anders weitergeht. Ehrlicher. Glaubwürdiger.

Der Prophet Amos findet starke Worte. Und starke Bilder.

24Möge das Recht heranrollen wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt.

Wasser – Lebensgrundlage für uns alle. Für Mensch und Tier, für Pflanzen und die Natur. Ich kann mich noch gut an einen Urlaub im Süden Marokkos erinnern. Wir sind in einem kleinen Dorf im Dades-Tal untergekommen, bei sehr gastfreundlichen Familien. In der ersten Nacht setzt ein heftiger Regen ein. Das möchte man im Urlaub ja gar nicht haben. Aber: unsere Gastgeber freuen sich, das ganze Dorf ist glücklich und ausgelassen. Später haben wir den Grund erfahren: dieser starke Regen füllt die Grundwasserbestände, lässt Pflanzen wachsen, die Hoffnung auf Gemüse und Früchte und Getreide und noch vieles mehr. Und vor allem: die Männer finden jetzt endlich Arbeit, direkt im Dorf. Auf den eigenen Feldern, in den eigenen Gärten, an den eigenen Obstbäumen. Bei Dürre haben sie nichts zu tun. Sie müssen dann in die weit entfernte Stadt gehen, getrennt von ihren Familien, um einen kargen Lohn nach hause schicken zu können. Und nun der heftige Regen – Hoffnung auf ausreichende Ernte gleich für mehrere Jahre. Mit der Familie zusammenleben, die Kinder aufwachsen sehen, den Frauen gute Partner sein. Welch eine Freude im Dorf!

So sollen Recht und Gerechtigkeit präsent sein – und ein gutes Zusammenleben aller möglich machen. Einen Ausgleich schaffen zwischen denen, die genug zum Leben haben, die sogar im Überfluss leben – und denen, bei denen das Nötigste fehlt. Und mehr noch: genau hinzuschauen, damit alle etwas zum Leben haben. Die Ungleichheit der Lebensbedingungen in den Blick zu nehmen, damit niemand zu Schaden kommt. Nichts anderes meint ZEDAKA – das hebräische Wort für Gerechtigkeit.

24Möge das Recht heranrollen – der Prophet findet starke Worte.

Er würde auch bei uns heute starke Worte finden, wo manche davon es offen aussprechen, dass sie mit unserer bunten, offenen Gesellschaft Schwierigkeiten haben. Dass ihnen Einfalt statt Vielfalt lieber ist. Und dass für sie Menschenrechte nichts gelten, weil sie die Würde jedes einzelnen Menschen schützen, nicht die einer bestimmten vermeintlich höherwertigen Gruppe. Für das Recht, für die Rechte aller auf die Straße zu gehen, gegen drohende Rechtlosigkeit aufzustehen, das würde Amos gefallen. Für den Zusammenhalt in seiner Gesellschaft hat er seine Stimme erhoben. Gegen Hass, gegen das Wegsehen, gegen Verlogenheit und Machthunger. Möge unser Wissen um Gerechtigkeit nicht versiegen, unser Gespür dafür, wann Menschen Unrecht getan wird. Und unsere Antenne dafür, wann Diskriminierungen beginnen. Unsere Aufmerksamkeit für antisemitische Äußerungen, für homophobes Verhalten, für Rassismus, für Sexismus, für Feindlichkeiten gegenüber muslimischen Menschen. Der wunderbare und sehr gut besuchte Gottesdienst Anfang November mit reformierten Geschwistern unterschiedlichster Muttersprache ist für mich ein Hinweis darauf, in welcher Gesellschaft ich leben will: in großer Vielfalt und Buntheit, mit Liedern und Musik aus unterschiedlichsten Traditionen, in verschiedenen Sprachen und Ausdrucksweisen. So soll es sein.

24Möge das Recht heranrollen wie Wasser
und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt.

Nur, das Recht rollt nicht von alleine, es fällt nicht vom Himmel und wartet nicht einfach hinter der Tür. Es ist auf die angewiesen, die sich für Recht und Gerechtigkeit stark machen. Die wissen, dass ihre, dass unsere Glaubwürdigkeit davon abhängt, dass wir nicht nur reden, sondern auch angemessen handeln. Manches davon haben wir hier in der Gemeinde gezeigt: das Projekt „5000 Brote für Brot für die Welt“ am Erntedankfest 2022, bei dem die im letzten Frühjahr Konfirmierten sich schlau gemacht haben über die Situation von Jugendlichen in anderen Ländern und davon erzählt haben. Von Jugendlichen, denen Rechte vorenthalten werden. Das Recht auf Bildung zum Beispiel. Das Recht auf gesunde Ernährung und medizinische Versorgung. Das ist ungerecht, da fehlt Gerechtigkeit, das haben die Konfis vermittelt. Und haben mit dem von ihnen gebackenen und angebotenen Brot Spenden für Brot für die Welt eingesammelt.

Möge Frieden heranrollen – in der Ukraine, wo der Krieg nun bald ins dritte Jahr geht. Wo Recht und Gerechtigkeit fehlen, da kann das von uns unterstütze Projekt „Leos Großmutter“ dazu beitragen, dass Menschen dringend benötigte Medikamente bekommen, medizinische Hilfsmittel, eine warme Mahlzeit. Beinahe 10.000 € haben wir hier eingeworben, durch Benefizkonzerte und durch große Einzelspenden und Kollekten und die Unterstützung durch unsere Diakonie. Und vor allem durch den direkten Kontakt von Menschen, die in Odessa aufgewachsen sind und nun bei uns leben, zu denen, die konkret wissen, was ganz genau fehlt. Ein spezielles medizinisches Gerät, das Verletzten bei Kälte das Überleben erleichtert. Handschuhe für Taucher, die Schiffe vor der Einfahrt in den Hafen von Odessa nach Minen abtasten. Ein Spezialrollstuhl für eine mehrfacheingeschränkte Jugendliche.

Zwei Beispiele, die für mich zu unserer Glaubwürdigkeit als Gemeinde beitragen. Worte, denen Taten folgen.

Wie wollen wir als reformierte Gemeinde in dieser Stadt, aber auch im evangelischen Stadtdekanat sichtbar sein und wahrgenommen werden? Wir hier mit unseren 1250 Mitgliedern? Große Fragen, auf die es keine schnelle Antworten gibt.

Starke Worte sind das, die der Prophet Amos uns mitgibt.

Starke Worte, damit etwas aus einem angemessenen Gottesdienst im Alltag spürbar wird, sichtbar durch Recht und Gerechtigkeit. Hörbar in unseren Fragen nach sozialer Verantwortung und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Der Prophet Amos findet starke Worte.

Und bei uns hoffentlich offene Ohren. Dazu helfe uns Gott.

AMEN


Abschiedspredigt von Mechthild Gunkel als Pfarrerin der Evangelisch-reformierten Gemeinde Frankfurt