Sund und Brücke

Predigt zu 1. Tim 1, 12-17 zum 3. Sonntag n. Trinitatis, 28. Juni 2020


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Von Kathrin Oxen

Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. Das ist gewisslich wahr und ein teuer wertes Wort: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit!

Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

Was des Glaubens wert ist, lernt man zum Beispiel im Konfirmandenunterricht. Das Thema Sünde habe ich damals sehr anschaulich erklärt bekommen. Nicht mit praktischen Beispielen, auch nicht mit theologischen Begründungen, sondern mit den geographischen Gegebenheiten meiner Heimat. Ich bin in Ostholstein geboren und aufgewachsen. Wer dort schon einmal war, eine knappe Stunde von Lübeck weiter in nordöstliche Richtung, kennt auch die Insel Fehmarn und den weiten Bogen der Fehmarnsundbrücke.

Vorher, so wurde es uns im Konfirmandenunterricht erzählt, gab es keine feste Verbindung. Der Sund trennte die Insel vom Festland. Und Sünde - damit waren wir dann beim Thema - hört sich nicht nur so ähnlich an. Die beiden Worte haben die gleiche Wurzel: Sund ist Trennung vom Festland. Sünde ist Trennung von Gott. Für uns als Konfirmanden war diese Mischung aus Heimatkunde und Theologie sehr anschaulich.

Diese Erklärung hatte außerdem den Vorzug, dass man sich bestimmte Fragen gar nicht stellte. Weder in geographischer noch in theologischer Hinsicht. Etwa die Frage: Wo kommen denn der Sund und die Sünde überhaupt her? Irgendwas mit Eiszeit und Gletschern. Irgendwas mit Paradies und Sündenfall. Beides viel zu lange her, um mit dem Leben von Konfirmanden Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch irgendetwas zu tun zu haben. Ist eben so. War schon immer so.

In den Jahren des Studiums der Theologie habe ich natürlich mehr und genaueres über die Sünde und ihre Herkunft gelernt. Über den Sündenfall, die Erbsünde, die Tatsünden, das Verhältnis von Sünde und Schuld, über freien und unfreien Willen, Prädestination und was sonst noch den Bereich der Sündenlehre betrifft. Und ich habe gemerkt: So viel weiter hat es mich nicht unbedingt gebracht. Diese Kenntnisse haben mit dem Leben der meisten Menschen ungefähr so viel zu tun wie die genaue Kenntnis der Phasen der Weichsel-Eiszeit im Pleistozän. Sünde, das ist die Ampel bei Rot und das Stück Kuchen zu viel. Aber ist das Getrenntsein von Gott heute wirklich noch ein Problem, das Menschen beschäftigt?

Die Insel Fehmarn, um in meinem Bild zu bleiben, ist kein schlechter Ort, im Gegenteil, sie ist sogar die sonnenreichste Gegend Deutschlands. Wer dort ist, sehnt sich nicht stets und ständig nach dem Festland oder sucht die Verbindung dorthin. Den Fehmaranern sagt man in meiner Heimat sogar nach, sie vermieden es geradezu, den nur gut einen Kilometer breiten Sund zu überqueren, wenn es nicht unbedingt nötig sei. So ähnlich erlebe ich es bei vielen Menschen mit ihrer Beziehung zu Gott. Es war schon immer so, es ist gut so, wie es ist. Nicht schlecht zu wissen, dass es dieses Festland gibt. Aber man kann sein Leben auch gut auf der Insel der eigenen Seligkeit verbringen.

Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert,
dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

Dramatische Geschichten der Trennung von Gott kommen aus einer anderen Zeit. Der Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies ist die Urgeschichte der Sünde. So sehr am Anfang, so lange her, dass wir darin so selbstverständlich leben, wie ich in der Endmoränenlandschaft meiner Heimat. Es war noch nie anders und es sieht doch sogar ganz schön aus um mich herum. Von den großen Verschiebungen der letzten Eiszeit ist nur noch eine sanfte Hügellandschaft übriggeblieben.

Ich bin auch kein verlorener Sohn, keine verlorene Tochter, die sich in der Fremde an Schweinetrögen grämt und sich nach dem Vaterhaus zurücksehnt. Dramatische Lebenswenden habe ich in meiner Biographie nicht aufzuweisen. So richtig bewusst das Falsche getan, einen verkehrten Weg eingeschlagen – ich wüsste nicht, wann das gewesen sein sollte. Ich habe die Trennung nicht vollzogen. Sie war irgendwie schon immer da.

Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert,
dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

Ich bin immer die erste. Es geht zuerst um mich und um die Frage, wie inselartig ich mein Leben leben will. Der Sohn, der später der verlorene genannt wurde, hat alle Brücken hinter sich abgebrochen. Er wollte sein Erbteil haben. Daran gibt es nichts zu kritisieren. Es steht ihm schließlich zu. Aber er nimmt es und geht damit weg und lebt nur noch für sich. Er verlebt sein Geld mit Prassen.

Wenn diese Trennung Sünde ist, dann ist das alles doch nicht so weit entfernt von unserer Zeit und meinem Leben. Es ist ja im Moment deutlich wie lange nicht zu sehen, dass wir in Europa keine Insel sind, schon gar keine Insel der Seligen. Und die Zeiten vorbei sind, in denen man nehmen kann, was einem gehört und zusteht und damit machen, was man will, ohne sich noch weiter um die anderen zu kümmern.

Der furchtbare Sund unserer Zeit ist für mich das Mittelmeer und was darauf in diesen Tagen geschieht. Und die furchtbare Sünde unserer Zeit, unsere Trennung von Gott ist für mich, dass das viele Menschen nicht nur nicht interessiert, sondern dass sie weiter und weiter darauf bestehen, dass das eben so ist. Dass man sich um diese Menschen in den Schlauchbooten nicht kümmern muss, weil sie schließlich selbst in die Boote gestiegen sind und ihr Risiko kannten. Oder weil man nur Schlepperbanden unterstützt, wenn man sie vor dem Ertrinken rettet. Ich glaube manchmal, dass Sünde, Trennung von Gott, nicht so sehr in dem besteht, was wir Böses oder Falsches tun. Sünde ist das Gute und Richtige, das wir nicht tun.

So wie Paulus es in seinen vielen Briefen beschreibt, auch in dem heute: Ich danke unserem Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war. So war das bei Paulus. Er hat die ersten Christen erbittert verfolgt. Bis ihm eines Tages und blitzartig klar wurde, dass dieser Weg ein falscher Weg war. Seine Geschichte sagt mir: Man kann sehr lange Zeit glauben, genau auf dem richtigen Weg zu sein. Und sich gerade damit von Gott trennen. Inselartig vor sich hin leben. Aber irgendwann ist es dann nicht mehr gut so, wie es ist.

Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert,
dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

Ich bin immer die erste. Es geht doch um mich und um mein Leben. Die verlorene Tochter in der Fremde bin ich. Sie hat ihr Leben in die eigene Hand genommen und eine Zeitlang ging es sehr gut und dann ging es schief. Ich bin auch Paulus, so sicher und so selbstgerecht auf einem Weg, der nur richtig sein kann, weil schließlich ich ihn gehe. Es gab und gibt auch heute in meinem Leben den Moment, in dem es mich trifft, wie Paulus der Blitz auf dem Weg nach Damaskus. Es gibt den Moment, in dem ich merke: Das ist ja ein Schweinetrog, an dem ich hier sitze. Und merke, was mir fehlt und wovon ich mich getrennt habe.

Und dann gibt es ein Zurück. Es gibt einen Weg und der führt nach Hause, immer nach Hause. Da steht einer und steht nicht nur und wartet, sondern kommt mir entgegengerannt, mit weit offenen Armen. Und sollte da noch ein Sund sein, ein Wasser, das uns trennt, dann ist da jetzt auch eine Brücke. Das Licht auf dem Wasser und ein weiter Bogen vor den Himmel.

Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.

Amen.


Kathrin Oxen
Jeden Sonntag: Gemeinsam unterwegs in besonderen Zeiten - von Kathrin Oxen

Seit dem 18. März 2020 dürfen wegen der Corona-Pandemie in Kirchen in Deutschland Zusammenkünfte nur mit Einschränkung stattfinden. Der Gottesdienst aber geht weiter! Kathrin Oxen, Moderatorin des Reformierten Bundes, gibt Ihnen ab sofort auf reformiert-info.de jeden Sonntag Materialien für den Gottesdienst für Zuhause, dazu eine aktuelle Predigt.