Von der Predigt zur Reformation

Predigtmeditationen zum Reformationstag


Ohne die Predigt ist die Reformation nicht zu denken. Die mit ihr beginnenden Umbrüche in Kirche
und Gesellschaft wurden wesentlich durch das Medium der Predigt und des Flugblattes weit über ihre geografischen Zentren hinaus verbreitet.

Unter den Kanzeln bildeten sich die Menschen ihre Meinung über die Inhalte der reformatorischen Bewegung. Bis heute sind zahlreiche Predigten aus dieser Zeit überliefert und geben Zeugnis davon, wie sehr die Predigt ein Massenmedium der Reformationszeit war.

Für die Mehrheit der Menschen, die damals Analphabeten waren, erschloss sich durch diese Predigten erst, worum es den Reformatoren im Kern ihres Anliegens ging. Unterstrichen wurde dies durch Bildmedien, unter anderem in den sogenannten Konfessionsbildern, die den Menschen im Verlauf der Reformation ein neues Bild von Kirche vermittelten. Das zentrale Motiv hierbei ist in den meisten Fällen die Kanzel, von der ein Prediger vom heiligen Geist inspiriert aus der Bibel predigt und dabei auf den gekreuzigten Christus weist. Neben der Verkündigung treten noch Abendmahlstisch und Taufbecken als die beiden biblisch begründeten Sakramente hervor und werden somit zu den wesentlichen Zeichen der Kirche. Aus dieser biblisch-theologischen Konzentration entwickelt sich eine enorme Kraft, die bis dahin etabliertes theologisches Denken und kirchliches Handeln erneuerte.

Die prominente Verortung der Kanzel in evangelischen Kirchen vermittelt bis heute allen Besucherinnen und Besuchern die Stellung der Verkündigung im Gottesdienst. Die Kanzel ist der Ort, an dem Predigerinnen und Prediger das biblische Wort in der Zeit auslegen, es neu sprechen und dadurch in der Zeit lebendig werden lassen. Es ist die unter dem biblischen Wort versammelte Gemeinde, in der es Resonanz findet und Veränderung bewirkt. Nach einem Jubiläumsjahr mit vielen Projekten, Aktivitäten und Events, erlebten viele Gemeinden am Reformationstag eine positive Überraschung. Die Gottesdienste am 31. Oktober 2017 waren so gut besucht, dass viele Menschen aufgrund von Überfüllung nicht mehr in die Kirchen hineingelassen werden konnten. Am Ende zeigte sich: Keine andere Veranstaltung im Jubiläumsjahr hatte eine solche Reichweite und konnte so viele Menschen zur aktiven Teilnahme motivieren, wie die regionalen und lokalen Gottesdienste am Reformationstag. Die reformatorische Fokussierung der Kirche auf die Kernaufgabe der Verkündigung trägt auch heute.

In diesem Sinne verfolgt dieses Heft mit sechs Predigtmeditationen die Idee, exemplarisch biblische Texte aus dem Alten und Neuen Testament in den Blick zu nehmen, die für die Erkenntnisse der Reformatoren von großer Bedeutung waren. Der Römerbrief als Ausgangspunkt für die Rechtfertigungslehre kommt dabei genauso in den Blick, wie die Texte, die den Reformatoren am Herzen lagen. Martin Luther suchte Trost in seinem Lieblingspsalm Psalm 118, und für die Theologie Johannes Calvins spielt 1Kor 1,30 eine wesentliche Rolle für sein zentrales Verständnis von der unlösbaren Verbindung von Rechtfertigung und Heiligung. Bei jedem der biblischen Texte erfolgt zunächst eine reformationsgeschichtliche Einordnung, bevor dann in einem zweiten Schritt die Predigtmeditationen die Texte für die Hörerinnen und Hörer von heute erschließen.

Für dieses Projekt haben sich Lehrende der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/ Bethel wie auch Mitarbeitende des Zentrums für Gemeinde und Kirchenentwicklung begeistern lassen. Ihnen allen sei für Arbeit herzlich gedankt.


Martin Engels

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