Von einer pubertätsgestressten Mutter

Dinge, die eine Pastorin nicht sagt. Mittwochs-Kolumne zum Tabu Aggression.

"Dinge, die ein evangelischer Pfarrer nicht sagt". Unter dieser Überschrift posten Pfarrerinnen und Pfarrer munter auf einer neuen Facebook-Seite. Die vermeintlichen Tabus sind offensichtlich längst gebrochen. Meinen persönlichen Beitrag notiere ich gleich hier anstatt im Facebook-Gruppen-Nest.

Mein Kopf ist leer, der Rest des Leibes erschöpft und wenn ich zu einem keine Lust habe, dann dazu, für andere einen Text zu schreiben. Das lässt sich noch leicht sagen. Was davon nicht zu sagen ist, ist der Grund dafür, nämlich nicht etwa das Ausgebranntsein nach jahrelanger allzeit gefragter Präsenz im Gemeindeaktionsradius mit mindestens einer Beerdigung pro Wochentag und zwei Trauungen am Samstag (das ließe sich auch noch sagen!), nein, Ursache ist schlicht ein Mutter-Tochter-Zwist.
Die Details will niemand wirklich wissen von "erst Hausaufgaben, dann ..." bis zum stundenlangen Wut-Gebrüll. Einen Tag nach dem Desaster ist meine Tochter wieder das liebste und fröhlichste aller denkbaren Kinder, ich aber sitze erschöpft am Schreibtisch und lecke meine Wunden. Jetzt tut's erstaunlich gut, die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel zu lesen. Maria und Josef suchen drei Tage lang ihren vermissten Sohn. Endlich finden sie ihn, friedlich in Lehrgespräche vertieft. Entsetzt fragt seine Mutter: "Mein Sohn, warum hast du uns das getan?" Die Antwort: "Warum habt ihr mich gesucht?" Was für eine kalte Schulter. Überraschend eigentlich, dass Jesus sich trotzdem fügt und seinen Eltern folgt. Nie war mir die "heilige Familie" so nah. Zu dumm nur, dass nicht jedes Kind am Ende doch so kooperativ ist wie Jesus und dass Maria nicht sagt, was ich als Mutter in meinem konkreten Streit denn besser machen könnte. Das muss nun Jesper Juul leisten. Nicht zum ersten Mal lasse ich mir vom dänischen Top-Familientherapeuten raten, meinem Kind die Möglichkeit zu geben, Gefühle anders auszudrücken als kneifend und schreiend. Juul schlägt Worte vor wie diese: "Oje, oje, bist du aber wütend! Ich wüsste gerne, was dich so ärgerlich macht..." Dazu in der Lage zu sein, müsste ich schon eine ganze Menge eigene Wut runterschlucken. In Juuls neuem Buch zum Tabu Aggression müssen Eltern und Erzieher_innen sich anhören, es könnte sein, sie hingen einem "alten Erziehungsparadigma" an, das ein liebes, gut angepasstes und folgsames Kind haben möchte. Der einzige Fortschritt zum Erziehungsstil der eigenen Eltern- und Großelterngeneration wäre dann, dass Schläge, Im-Keller-Einschließen und Ausgangssperre tabu sind. Eine "deutliche Verbesserung" räumt Juul ein, aber eben doch ein Festhalten am Idealziel Konformität. Wie unangenehm! Vielleicht hätte ich doch besser auf einen bereits älteren Rat meiner Tochter hören sollen: "Mama, für reformiert-info sollst du nicht so viel über dich schreiben, sondern über die Gemeinde!"

Die Mama-Kolumne ist beendet, aber einen Nachtrag kann ich mir nicht verkneifen: Von der "Gewalt der Freundlichkeit und Korrektheit" spricht Jesper Juul, wenn Erzieher_innen ein schlagendes und schreiendes Kind sanft aus der Spielgruppe nehmen oder mit dem Hinweis zurechtweisen, wie weh es anderen tue - als ob es das nicht selbst wüsste. Gehört diese Gewalt vielleicht zu den Dingen, die in Kirchengemeinden nicht benannt werden? Gibt es rund um Glaube und Gemeinde moralinsaure Sätze wie diese: "Oma wäre sehr enttäuscht, wenn du dich nicht konfirmieren lässt." Und: "Paule kommt bestimmt auch zum Kindergottesdienst. Der wird dich vermissen."? Was ist mit einer Situation wie dieser: Die sechsjährige Jutta wirft im Gottesdienst ein Gesangbuch über die Köpfe der vorderen Sitznachbarn. Stumme, missbilligende Blicke. Eine Frau ergreift die Hand des Mädchens und geht mit ihr vor die Tür. Will sie jetzt wirklich wissen: Worüber bist du so wütend?

Literatur
Jesper Juul, Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist, hrsg. von Ingeborg Szöllösi, Frankfurt/M. 2013.

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Barbara Schenck, 21. August 2013