Zum Kalkül des Terrorismus gehören Angst und Hysterie. Die verändernde Kraft des Geistes Gottes tritt diesem Kalkül mit widerständiger Besonnenheit entgegen.

Leitsatz VII der Friedenserklärung des Reformierten Bundes


Angst und Kontrollverlust: im Terrorismus Kalkül. Gemälde "Schrei" von Edvard Munch

Der Reformierte Bund hat 2017 einen Zwischenruf zur Friedensverantwortung der Kirche veröffentlicht. Hier finden Sie Leitsatz VII zusammen mit weiterführende Materialien und Impulsen.

Seit vielen Jahrzehnten leiden Menschen weltweit unter terroristischer Gewalt. In den letzten Jahren hat die Zahl der Attentate erneut zugenommen. Der Terror verändert den Alltag der Menschen. Spätestens seit 9/11 ist dies offenkundig. Auch in Europa hat eine Reihe von Attentaten viele Menschen traumatisiert oder verängstigt, sodass sie etwa öffentliche Großveranstaltungen oder Plätze meiden.

Es verstärkt sich der Eindruck, dass dieser Terrorismus auch im Zusammenhang der gescheiterten Militäreinsätze zu sehen ist. Deshalb mehren sich die Stimmen der Anti-Terror-Expert_innen, die sich für kluge Geduld und eine „Soft-Power-Strategie“ aussprechen: „Bomben töten einen Terroristen, aber nur gute Politik beseitigt Terrorismus“ (ehemaliger UN-Generalsekretär Ban Ki Moon). Die Erfahrung zeigt, dass militärische Siege gegen Terrororganisationen vielfach nur zu einer Verlagerung terroristischer Gewalt geführt haben. Insbesondere dort, wo die Konflikte wie im Nahen Osten tief wurzeln, bedarf es des langen Atems, ja des Geistes Gottes, um die Macht alternativer Erzählungen des Gewaltverzichts zu entfalten.

Der Weg des Gewaltverzichts ist aus christlichtheologischer Perspektive unmittelbar einleuchtend. Dem entspricht der Vorrang ziviler Krisenprävention und Konfliktbearbeitung (s.o.). Das betont auch die von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und den Ökumenischen Basisgruppen 2005 in Freising einberufene Konsultation, die deshalb zu Recht strukturelle Maßnahmen fordert zur Verhinderung der Entstehungs- und Existenzbedingungen von Terrorismus.10 Das bedeutet, dass ursachenorientierte Gewaltpräventionen militärischen Maßnahmen vorzuziehen sind, um einen weiteren Gewaltexzess zu unterbinden.

Doch der Aufbau widerstandskräftiger Strukturen gegen den Terror(ismus) fällt schwer in einer „Gesellschaft der Angst“ (Heinz Bude). Um so wichtiger ist es, der verändernden Kraft des Geistes Gottes zu vertrauen und der Angst vor Terrorismus mit widerständiger Besonnenheit zu begegnen. Diese Haltung blendet die realen Gefahren, Bedrohungen und erfolgten Anschläge nicht aus. Sie setzt aber darauf, eine widerständige Spiritualität der Friedfertigkeit einzuüben, die die Hysterie meidet. Denn sie kennt die Wirkung der Angst vor der Angst und tritt ihr deshalb nicht naiv, sondern aufgeklärt entgegen. Sie stimmt deshalb nicht in die Hysterie und Überbietungsrhetorik antiterroristischer Maßnahmen ein, sondern weiß: Angst ist sowohl die Währung der Rechtspopulisten als auch die Dividende der Terroristen.

Die Kompetenz zu widerständiger Besonnenheit vertraut nicht der Effektivitätssteigerung einer Terrorismusbekämpfung durch immer stärker ausgeweitete Sicherheitskataloge und Überwachungsmaßnahmen. Dennoch ist sie nicht einfach untätig, sondern in ihrer Untätigkeit vielmehr höchst tätig – und zwar zugunsten einer Entängstigung und Entmythologisierung: Sie entwaffnet den angstbasierten Mythos von der Herrschaft des Terrors, indem sie sich ihm nicht unterwirft.

Wir sind der Meinung, dass unser Vertrauen auf die Königsherrschaft Jesu Christi zum Erwerb dieser Kompetenz einen wichtigen Beitrag liefert. Aus diesem Glauben erwächst eine Zuversicht, die um die wahren Herrschaftsverhältnisse in der Welt weiß und Gott bittet, seine universale Friedensherrschaft Wirklichkeit werden zu lassen. Noch ist diese Friedensherrschaft verborgen, noch wird geschossen und noch gilt: „In der Welt habt ihr Angst“ (Joh 16,33). Aber jetzt schon ist in aller Vorläufigkeit und Gebrochenheit das friedenstiftende Handeln Gottes in Christus wirksam. „Damit ihr Frieden habt in mir“ (Joh 16,33) – dieses Wort Christi zielt auf jene Kompetenz zu widerständiger Besonnenheit, zu der Gottes Geist den Glauben anstiftet. Er schöpft seine Kraft aus der Zusage: „Ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33).

Der Glaube richtet sich also – wie die Friedenserklärung von 1982 herausstellt – auf „Jesus Christus, de[n] für uns gekreuzigten und auferstandene[n] Herrn, [der] gegenwärtig ist in der Kraft des Heiligen Geistes. Unter seiner Herrschaft, die sich ohne Gewalt durchsetzt, und unter seiner Leitung, die niemand zwingt, gewinnen wir Hoffnung und Zuversicht“ (These VI). Die Friedenserklärung von 1982 verwies damals u. a. auf das prophetische Wort: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth“ (Sach 4,6) (Erläuterung zu These VI). Unsere Hoffnung hinsichtlich einer langfristigen Überwindung terroristischer Gewalt richtet sich auf die verändernde Kraft des Geistes Gottes, der an den Mauern der Kirche nicht Halt macht, sondern den Gott des Friedens auch in der Welt der Religionen sowie staatlichen und politischen Institutionen bezeugt.

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Wie Terror und Hysterie zusammenhängen

Leitsatz VII thematisiert ein Grundgefühl unserer Zeit, sowohl einzelner Menschen als auch ganzer Gesellschaften: die Angst.
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Ängsten aufgeklärt entgegentreten

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Quelle: EKMD